Anfänger haben Glück

Belton Cobb
Anfänger haben Glück

(Cheviot-Burmann-Serie, Bd. 28)

Originaltitel: Death with a Difference (London : W. H. Allen 1960)
Übersetzung: Lothar Heinecke
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 268)
158 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Bryan Armitage ist ein junger Mann, den es zur Kriminalpolizei zieht. Aber dort werden nur die Besten genommen und zuvor als Anwärter hart geschliffen, denn Scotland Yard ist nicht ohne Grund der Schrecken aller Verbrecher. So muss Armitage zunächst langweilige Routinearbeiten übernehmen.

Als er und ein Kollege eines Tages ein leer stehendes Wohnhaus überprüfen, stoßen sie auf einen großen Blutfleck und andere Indizien für ein Kapitalverbrechen. Leider stellen sich die beiden unerfahrenen Jünglinge so ungeschickt an, dass der mutmaßliche Mörder samt möglicher Leiche entwischen kann. Der Zorn Gottes kommt in Gestalt des bärbeißigen Inspektors Cheviot Burmann über die Neulinge. Der am Boden zerstörte Armitage legt sich so ins Zeug, dass Burmann ihn gnädig als seinen Assistenten – d. h. Laufburschen, Chauffeur etc. – aufnimmt. An der Seite des erfahrenen Inspektors lernt Armitage nun den Alltag einer Mordermittlung kennen.

Schon bald ist das Fluchtfahrzeug des Flüchtigen entdeckt. Einer guten Idee Armitages verdankt die Polizei sogar den Fund der verschwundenen Leiche: Die junge Amy Riot liegt längst im Schauhaus. Mit durchschnittener Kehle wurde sie auf einer Baustelle abgelegt. Ist Bernard Amos, der Bewohner der Wohnung, in dem sich die Untat ereignete, der Täter? Er streitet es energisch ab. Verdächtig erscheint auch das Ehepaar Burt aus der Nachbarschaft.

Polizeiroutine also, die Lösung des Falls scheint nur eine Frage der Zeit. Da meldet sich eine junge Frau im Büro von Inspektor Burmann. Sie habe ihr Bild als Mordopfer in der Zeitung gesehen und sei sehr verblüfft. Ihr Name: Amy Riot … Wer ist die seltsame Tote, die so viel herumkommt, wirklich? Erst ein weiterer Geistesblitz von Armitage lässt bei Burmann den Knoten platzen, was einmal mehr eine alte Binsenweisheit bestätigt: „Anfänger haben Glück“ …

Polizisten aus dem Märchenbuch

Ein Mord nicht nur ohne Täter, sondern (zunächst) ohne Leiche, die dann auch noch die Identität wechselt; ein Einbrecher, der sich ausgerechnet das Haus aussucht, in dem sich besagte Bluttat abspielt; zwei ungeschickte Polizisten, denen es gelingt, die Verwirrung komplett zu machen: Belton Cobb erzählt mit einfachen stilistischen Mitteln eine recht verwirrende Story, wie sie der Krimifreund liebt. Wir werden sich die Steinchen zu einem Mosaik fügen? Wie löst sich der vertrackte Fall?

Der Verfasser geht die Sache gemächlich an. Hier wird ermittelt, nicht gejagt oder gar geschossen. Die Polizei, die Verdächtigen, sogar die Strolche gehen sehr friedlich miteinander um. Sie kennen ihre Rollen. So war dies in der guten, alten Zeit: Man zollte der Obrigkeit jenen Respekt, der rasch in Unterwürfigkeit übergehen kann.

Obwohl die Geschichte im Polizei-Milieu spielt, gewährt uns Cobb nur bedingt einen Rückblick in die ‚Frühgeschichte‘ der Kriminalistik. Wichtige Einsätze werden 1950 von einem Anfänger koordiniert, der einen Tisch, einen Stuhl und ein Telefon sein Eigen nennt? Nun, nun … Diese Polizei arbeitet ansonsten nicht wirklich im Team. Inspektor Burmann ist ein Einzelgänger, der seine Kollegen offenbar ungern einweiht und lieber sein Genie wirken lässt. Vielleicht kommt es auch nur seinem Schüler Armitage so vor, der uns berichtet.

Ist alt, funktioniert aber

Der knurrige aber erfahrene Alte und sein eifriger, aber noch irrender Schüler: Belton Cobb bedient sich einer uralten aber bewährten Konstellation. Cheviot Burmann ist Sherlock Holmes, Bryan Armitage Dr. Watson. Diese Rollenverteilung ermöglicht dem Verfasser, die Handlung unauffällig zu steuern.

Die ist für den ‚Mitknobler‘ – sollte es ihn als Krimileser heute noch geben – allerdings recht undurchschaubar. Eine der Personen, die Cobb uns vorstellt, muss es gewesen sein, so viel ist klar. Der noch mit Druckerschwärze betriebene Motor bringt die Handlung erwartungsgemäß ins Ziel, doch man hört ihn dabei hörbar ächzen: Die losen Enden werden eher verleimt, als wie von selbst an die ihnen zugedachten Orte zu fallen.

Trotzdem liest sich „Anfänger haben Glück“ flott und ohne Längen. Genau das ist der Zweck dieses Werks, das keinen Anspruch auf den Klassikerstatus erheben kann und erhebt. Heute amüsiert man sich über die Förmlichkeiten einer vergangenen, ‚unschuldigeren‘ Epoche, in die man sich – solche Nostalgie sei gestattet – womöglich sogar ein bisschen zurückwünscht.

Der Meister und sein Schüler

Armitage berichtet von seinem ersten großen Fall. Er ist jung und aufgeregt, kennt die Theorie seines Berufs, hat aber große Lücken bei der Umsetzung. Deshalb begeht er verständliche Fehler, die dem Geschehen mehrfach eine neue Richtung geben. Auf diese Weise wird der sonst übermächtige Burmann spannungsförderlich ausgebremst.

Durch die Augen des Frischlings wirkt der Polizeialltag fremd und exotisch. Dieser Eindruck teilt sich dem Leser mit. Den Verfasser enthebt dieser Trick der Verantwortung, den kriminalistischen Alltag gar zu präzise in Worte fassen zu müssen – Armitage lernt ja noch und kennt sich fachlich nur wenig besser als der Leser aus.

Angesichts der recht schlichten Strickart dieses Romans erstaunt die zumindest ansatzweise erkennbare Charakterzeichnung. Armitage ist kein grüner Junge, der vor seinem gottähnlichen Chef auf dem Bauch kriecht, sondern ein junger Mann, der sich bemüht, es in seinem Job zu etwas zu bringen. Er begeht Fehler, er wetzt die Scharten aus, er zeigt Initiative, und vor allem hält er Augen und Ohren offen: Im Verlauf der Handlung wird aus dem Kriminalanwärter Armitage ein richtiger Ermittler.

Das verdankt er dem exzentrischen Inspektor Burmann. Auch hier beschränkt sich Cobb nicht auf das Klischee „rauhe Schale – harter Kern“, sondern lässt immer wieder durchblicken, dass Burmann Armitage nicht nur scheuchen, sondern ihn tatsächlich etwas lehren möchte. Auch der Inspektor ist durchaus des Irrtums fähig. Seine Eigensinnigkeit lässt Cobb durch Armitage mit erstaunlich trockenem Wortwitz kommentieren. So etwas war im zeitgenössischen Kriminalroman (und sicher in Deutschland) selten.

Autor

Geoffrey Belton Cobb (1892-1971) gehört zu den weitgehend vergessenen Krimi-Autoren, obwohl er dreieinhalb Jahrzehnte schrieb und jährlich mindestens einen neuen Roman vorlegte. (Außerdem lieferte er regelmäßig Beiträge für den „Punch“ und andere Magazine. Hauptberuflich arbeitete er als Verkaufsdirektor für den Londoner Verlag Longman.) Cobbs Krimis gehören meist zur Serie um den Scotland-Yard-Beamten Cheviot Burmann (ab 1936), der beruflich aufsteigt sowie altert. Dem gereiften Burmann stellte Cobb 1965 den jungen Polizisten Bryan Armitage zur Seite und begann damit ein Reihen-„Spin-off“.

Cobb schrieb eher schnell als raffiniert. Er vertrat die Meinung, ein Krimi-Autor solle seine Leser quasi an die Hand nehmen und ihn den Täter heranführen, Da er gut im Geschäft war und blieb, sah er nie einen Grund, seinen Romanen inhaltlich und formal mehr Klasse zu geben. Stattdessen steigerte sich sein Arbeitstempo nach der Pensionierung noch einmal erheblich. Die Literaturkritik bewertet die späteren Cobb-Krimis zunehmend negativ. Dennoch fanden sie ihr Publikum, das Cobb bis zu seinem Tod 1971 regelmäßig mit neuen Romanen belieferte.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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