Aus dem Abgrund

Arthur R. Ropes
Aus dem Abgrund

Originaltitel: The Hole of the Pit (London : Edward Arnold 1914)
Deutsche Erstausgabe: 1992 (DuMont Verlag/DuMont’s Bibliothek des Phantastischen 3010)
Übersetzung: Manfred Allié
233 S.
ISBN-13: 978-3-7701-2990-4

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Das geschieht:

Im Jahre 1645 befindet sich der Bürgerkrieg in England in seiner Endphase. Der Sieg der Republikaner unter Oliver Cromwell zeichnet sich ab, während sich die Royalisten zerstreuen. Viele der adligen Untertanen des Königs verweigern Cromwell jedoch weiterhin die Gefolgschaft. Zu ihnen gehört Philipp, Graf von Deeping, der sich mit 40 treuen Kriegern in seinem einsam inmitten unzugänglicher Salzsümpfe gelegenen und schwer befestigten Burg Deeping Hold verschanzt. Seine Pächter im nahen Dörflein Marsham hat er ultimativ aufgefordert, ihn binnen einer Woche mit Vorräten zu versorgen; ansonsten wird er mit seinen Männern über sie kommen.

In ihrer Not senden die so Bedrohten einen Boten zum einzigen Verwandten des Grafen. Hubert Leyton, sein Vetter, ist ein friedlicher Bücherwurm aber bereit, dem Tyrannen ins Gewissen zu reden. Er macht sich auf die beschwerliche Reise nach Deeping Hold. Dort wird er ungnädig empfangen und gefangen gesetzt. Schlimmeres als Rebellion scheint allerdings in den Mauern des düsteren Herrenhauses zu nisten. Die Gräfin ist unter merkwürdigen Umständen gestorben. An Philipps Seite sitzt nun die Italienerin Fiammetta Bardi, die als böse Hexe verrufen ist. Angeblich geht der Geist der Gräfin in Deeping Hold um.

Zu allem Überfluss meldet sich ein alter Fluch, der auf der Grafenfamilie lastet. In einer bodenlosen Höhle am Grund des Flusses, der Deeping Hold umfließt, haust eine dämonische Kreatur, die ihr Lager zu verlassen und die Burg anzugreifen droht. Leyton muss fliehen, will er nicht mit ins Verderben geraten. Er ist jedoch nicht gerade ein Mann der Tat und außerdem gebunden: Mit ihm gefangen in Deeping Hold ist die junge Rosamund, Zofe und Vertraute der Gräfin, in die er sich verliebt und die er retten will. Als sich endlich eine Fluchtmöglichkeit bietet, scheint es zu spät zu sein: Der Fluch ist entfesselt und gestattet kein Entrinnen …

Verdammt sind sie alle!

„Als der von Deeping Hold hienieden / dem Satan seine Seel verschrieben;
als er damit hat aufgeschreckt, / was in der finstren Grube steckt,
im Schlunde hockt es seit all den Jahren, / da fraß es ihn mit Haut und Haaren.“

Welcher Gruselfreund, der die altmodische, nein, klassische Geistergeschichte liebt, könnte diesem düsteren Spruch widerstehen? Auf ihn stößt Hubert Leyton, der zaghafte ‚Held‘ dieser Geschichte, als er eines Tages in einem verborgenen Winkel der Familienbibliothek stöbert. Bevor die eigentliche Handlung beginnt, ist damit ihr Fundament gelegt. Schon einmal hat ein Graf von Deeping sich mit Mord & Magie beschäftigt und ist deshalb umgekommen. Wir Leser ahnen bereits, dass sein Nachfahre nicht klüger geworden ist.

Das Ambiente ist exotisch: „Aus dem Abgrund“ ist ein historischer Roman, der 1914 veröffentlicht wurde. Gleichzeitig ist dieses Buch ein Historienroman, denn Verfasser Ropes siedelt die Handlung im Herbst des Jahres 1645 an. Diese Entscheidung beeinflusst den Verlauf enorm, denn was hier geschieht, spielt sich lange vor der Epoche der Aufklärung ab. Leyton, der Erzähler, ist ein Zeitgenosse. Wir sehen die Welt durch seine Augen – eine seltsame, erschreckende Welt, die von Gewalt und Willkür, von Religion und Aberglaube bestimmt wird, während die (Natur-) Wissenschaft noch stark mit der mittelalterlichen Alchemie verwandt ist.

Der geistige Horizont der Menschen ist verglichen mit der Gegenwart bestürzend eng. Das trifft auch oder gerade auf Leyton zu, der zwar als gebildeter Mann gilt, jedoch der Denkweise seiner Epoche verhaftet bleibt. Zauberei ist für ihn keine Fantasie, eine entschlossene, selbstbewusst auftretende Frau wie die Signora Fiammetta gilt auch ihm sogleich als verdächtig.

Fremd mutet heute auch das Verhalten des Grafen an. Obwohl auf der Flucht, hat er in seinem Territorium weiterhin die uneingeschränkte Macht. Seine Pächter, die er wie in alter Zeit eher als Leibeigene zu betrachten scheint, sind hilflos, London und Cromwell weit: In einem Land ohne Straßennetz kann sich der Graf in seinem Schlupfwinkel recht sicher fühlen.

Die Gesellschaftsstruktur ist rigide: Philipp ist von Adel und kann nur von anderem Adel zur Rechenschaft gezogen werden. Völlig selbstverständlich ist deshalb der Plan der Bürger von Marsham, Hubert Leyton zum Parlamentär zu ernennen. Er mag faktisch denkbar ungeeignet für diese Aufgabe sein, doch er ist selbst ein Mann von Stand und darf deshalb damit rechnen, vom Grafen vorgelassen und angehört zu werden. Dessen größter Fehler ist seine Launenhaftigkeit. In Momenten klarer Selbstreflektion erkennt Philipp seine Schuld. Als alter Soldat findet er sich fatalistisch mit den Folgen ab, um im nächsten Moment in unberechenbarem Zorn zu entflammen.

Eine versunkene Welt wird gehoben

Diese archaische Welt hat Arthur R. Ropes meisterhaft zu neuem Leben erweckt. Ob er sie historisch korrekt schildert, bleibt Nebensache; wichtiger ist, dass sie historisch echt wirkt. Für die Schaffung dieser Illusion ist der ‚historisierende‘ Tonfall des Erzählers wichtig, der den Sprachduktus des 17. Jahrhunderts aufgreift bzw. imitiert. In der deutschen Übersetzung entfällt die Möglichkeit zu prüfen, wie Ropes mit dieser Herausforderung umging. Manfred Allié hat jedenfalls bemerkenswert gute Arbeit geleistet, die nicht einfach gewesen sein dürfte.

Man muss sie allerdings zu würdigen wissen, was nicht selbstverständlich ist, denn der Fluss der Worte und Sätze mag dem heutigen Leser blumig, schleppend und umständlich vorkommen. Ausgiebig werden Landschaften und Stimmungen beschrieben, viele Bibelstellen zitiert. „Aus dem Abgrund“ stellt als Buch eine Herausforderung dar, die Geschichte muss man sich als Leser verdienen. Ropes ist sehr konsequent; sein Roman soll wie ein Bericht aus alter Zeit wirken. Der Verfasser verkneift sich deshalb auch den Zugriff auf ‚zukünftiges‘ Wissen. Blendet das Geschehen auf die Zeit nach der Tragödie von Deeping Hold um, spricht der alte Leyton, der seine Geschichte im Rückblick erzählt.

In Sachen Gewalt hält sich Ropes nicht zurück. Diese Geschichte spielt in einer vom Krieg gezeichneten Ära, und das wird nicht verschwiegen. Philipp und seine Männer sind roh und mit dem Schwert schnell bei der Hand, und die schließlich zu stark gepiesackten Dörfler zahlen es ihnen mit gleicher Münze heim. Auch in der Burg sind Handgreiflichkeiten an der Tagesordnung. Der Fluch hält sich zwar im Hintergrund, doch was er seinen Opfern antut, wird mit viel Freude am blutig-schleimigen Detail beschrieben.

Der Mensch ist sein eigenes Monster

Auf die Frage, wer ihm als Vorbild als Autor einer Geistergeschichte gedient habe, nannte Arthur Ropes ausdrücklich Montague Rhodes James (1862-1936), der für seine ebenso nüchtern konstruierten wie intensiven, fein ziselierten und äußerst beliebten Storys gerühmt wurde. James schrieb nur nebenberuflich; er war Historiker und Universitätsdozent. Sein immenses Wissen ließ er spielerisch in seine Erzählungen einfließen. Sie wirken dadurch dokumentarisch, zumal sich James emotionale Verwicklungen und psychologische Untiefen ausdrücklich verkniff.

Auf eine Liebesgeschichte wollte Ropes nicht verzichten. Sie wird die Freunde dieses Genres freilich kaum entzücken. Rosamund ist eine Nervensäge und auf ihre Art sogar noch bornierter als der Graf. Sie hat sich zum Sprachrohr ihrer toten Herrin und zum Gewissen ihres treulosen Gatten ernannt. Unermüdlich und voller Selbstgerechtigkeit stichelt sie den Grafen und die Signora, die das entgegen ihres Rufes erstaunlich friedfertig hinnehmen. Leyton ist – er gibt es selbst zu – nur in religiösen Dingen ein standfester Charakter. Deshalb lässt er sich von Rosamund instrumentalisieren; ihre Art imponiert ihm sogar, denn er hat es gern, wenn man ihm sagt, was er tun soll.

Wesentlich interessanter ist die Figur der Fiammetta Bardi. Zwar bedient Ropes zeitgenössische Klischees, indem er Fiammetta als intrigante Giftmischerin vom Schlage der Borgias brandmarkt. Darüber geht nicht verloren, was sie wirklich auszeichnet: ein unbändiger Überlebenswille, der sie aus der Gosse an die Seite eines Grafen brachte: eine Position, die sie mit allen Mitteln und äußerst manipulativ zu sichern gedenkt. Außer Philipp hält sie sich wohlweislich einen weiteren Favoriten warm, und sogar den steifen Leyton versucht sie – sicher ist sicher! – auf ihre Seite zu ziehen.

Was lauert in der Grube?

Wie der englische Herausgeber Richard Dalby in seinem ebenfalls übersetzten Nachwort erläutert, hat Ropes ‚seine‘ Heimsuchung weniger nach James, sondern nach William Hope Hodgson (1877-1918), dem Großmeister des amorphen, aus den Tiefen des Meeres gekrochenen Schreckens, gestaltet.

Unabhängig davon, ob James oder Hodgson Ropes Vorbilder waren, hat der Verfasser sehr genau begriffen, dass der Spuk am wirksamsten erschreckt, der nur in Ansätzen sichtbar gemacht wird. Der Fluch von Deeping Hold wird nie völlig enthüllt. Die Fantasie des Lesers muss dort einspringen, wo der Verfasser schweigsam bleibt – ein Trick, der gut beherrscht eine Geschichte auf eine weitere Ebene heben kann. Ropes versteht sein Handwerk: Jeder Leser stellt sich letztlich eine eigene Kreatur vor, die in der Dunkelheit von Deeping Hold haust. Letztlich trifft vor allen anderen Theorien zu, was Leyton in seinem Schlusssatz so zusammenfasst: „Und eines jeden Mannes Seele, ja, und auch die einer jeden Frau, gleicht einem Deeping Hold mit ihrem launischen Herrn, ihren bösen Ratgebern und mit dem Feinde, welcher da lauert im Schlunde.“ (S. 229) Gemeint ist der Abgrund der menschlichen Seele, deren Existenz sogar ein frommer Puritaner nicht mehr leugnen kann.

Was (zu) gut ist, ist oft nicht von Dauer

„Aus dem Abgrund“ ist der zehnte Band der „Bibliothek des Phantastischen“, mit der ab 1990 der DuMont-Verlag klassische und moderne Meisterwerke des Unheimlichen neu oder sogar zum ersten Mal veröffentlichen wollte. Die Reihe wurde parallel zur „Kriminalbibliothek“ des Verlags, die ähnlich Verdienstvolles für den Kriminalroman leistete, ins Leben gerufen. Anders als diese war der „Bibliothek des Phantastischen“ kein Erfolg beschieden. Zu anspruchsvoll war das Programm, zu klein der Kreis der Leser, die sich dafür begeisterten. Nur zwölf Ausgaben erschienen, bevor die Reihe aufgegeben wurde; die Bände erfreuen sich unter Genrefreunden antiquarisch großer Beliebtheit.

Autor

Am 23. Dezember 1859 wurde Arthur Reed Ropes in Lewisham, einem Stadtteil von London, geboren. Er studierte in Cambridge Geschichte, wurde später dort Dozent, Kollege und Freund von Montague Rhodes James, erwarb sich Meriten als Übersetzer französischer und deutscher Literatur und wurde für seine Gedichte ausgezeichnet. Dennoch wandte er sich der leichten Muse zu und wurde einer der erfolgreichsten Musical-Autoren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Allerdings glaubte Ropes es seiner Alma Mater schuldig zu sein, diese ‚minderwertige‘ Tätigkeit unter Pseudonym zu leisten: Als Adrian Ross ist er deshalb in die britische Bühnengeschichte eingegangen. In den 41 Jahren seiner Karriere schrieb er mehr als zum Teil überaus erfolgreiche 60 Musicals. Im Alter von 73 Jahren ist Ropes am 10. September 1933 gestorben.

Ropes einziger Roman erschien 1914, weil sein Freund James sich für ihn stark machte: „The Hole of the Pit“ (dt. „Aus dem Abgrund“) ist eine Geschichte in der klassischen Tradition der britischen Phantastik. Der Misserfolg seines Buches ließ Ropes, den Erzähler, aufgeben. „The Hole in the Pit“ wurde erst 1992 von Ramsey Campbell, dem Meister des modernen englischen Horrors, wiederentdeckt und neu veröffentlicht.

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