Big Bad City

Ed McBain
Big Bad City
(87. Polizeirevier, Bd. 49)

Originaltitel: Big Bad City (New York : Simon & Schuster 1999)
Übersetzung: Uwe Anton
Dt. Erstausgabe (geb.): 2000 (Europa Verlag)
334 S.
ISBN-13: 978-3-203-80026-4
Neuausgabe (geb.): 2005 (Bertelsmann Verlag/Stern-Krimi-Bibliothek 5)
334 S.
ISBN-13: 978-3-570-06835-9

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Das geschieht:

August in Isola. Die sommerliche Hitze setzt den Menschen in der großen Stadt zu. Gewalt und Verbrechen erreichen einen neuen Höchststand. Die Polizei ist in ständiger Alarmbereitschaft. Auch auf dem 87. Revier geht es hektisch zu. In der Urlaubszeit ist man chronisch unterbesetzt; die überlasteten Beamten schieben Doppelschichten.

Die Detectives Steve Carella und Artie Brown werden an den Tatort eines Mordes gerufen. Eine junge Frau wurde erwürgt; eine Nonne, wie sich herausstellt. Deshalb ist die Überraschung groß, als der Pathologe in der Leichenhalle meldet, dass Schwester Mary Vincent sich vor kurzem Brustimplantate einsetzen ließ.

Weil Carella sowohl mit den Ermittlungen, als auch mit privatem Ärger beschäftigt ist, entgeht ihm, dass der junge Kriminelle Sonny Cole ihn beschattet. Cole hatte vor einiger Zeit Carellas Vater erschossen, kam aber wegen eines juristischen Formfehlers frei. Carella hatte Cole selbst festgenommen und ihn dabei beinahe ‚in Notwehr‘ erschossen. Die Angst, die er damals empfunden hat, kann Cole nicht vergessen. Gemäß seiner simplen, von Brutalität und Gewalt geprägten Weltsicht muss er nun Carella umbringen, bevor dieser ihm zuvorkommt.

Ein weiteres Verbrechen wird von den Detectives Meyer Meyer und Bert Kling untersucht. Der „Cookie Boy“, ein Serieneinbrecher, der bei seinen Opfern stets ein Päckchen selbstgebackener Schokoladenkekse zurücklässt, hält die Polizei schon lange in Atem. Bei seinem letzten Raubzug ist ihm ein bizarrer Betriebsunfall unterlaufen, der zwei Menschen das Leben gekostet hat …

Kaleidoskop des (zum Teil) kriminellen Alltags

Ed McBain hat den modernen Polizei-Roman nicht erfunden, wie man oft lesen kann. Er hat ihn weiterentwickelt und auf ein besonderes Niveau gebracht. Ihm ist es zu verdanken, dass aus eindimensionalen Gutmenschen, tumben Handlangern genialer Privatdetektive oder uniformierten Erfüllungsgehilfen korrupter Politiker und skrupelloser Geschäftsleute ‚echte‘ Menschen wurden, die einem schwierigen und gefährlichen Job nachgehen. Auch über die Arbeit der Polizei herrschte bis dato eher Unklarheit. Doch in McBains Romanen um das 87. Revier konnten die Leser Näheres erfahren, denn wie sich dem Vorspann entnehmen lässt, der seit 1956 in jedem der Bücher zu lesen ist, basiert „die Darstellung der Polizeiarbeit … auf authentischen Ermittlungsmethoden“.

Es gibt in der Welt des Kriminalromans durchaus noch länger laufende Serien, doch wenige können ihre Klasse halten oder werden vom Publikum und von der Kritik gleichermaßen geschätzt. Die einmalige Mischung aus Talent und schriftstellerischem Können auf der einen und dem fiktiven, ein erstaunliches Eigenleben entwickelnden Kosmos der Stadt Isola und ihrer Bürger auf der anderen Seite hat sich seit gut einem halben Jahrhundert nicht abgenutzt – und das ist definitiv etwas Besonderes!

Kontinuität oder Zeitproblem?

Dabei gehört „Big Bad City“ nicht einmal zu den besten Romanen um das 87. Polizeirevier. Zwar waren für McBain die Innenwelten seiner Protagonisten und die Atmosphäre ‚seiner‘ Stadt wichtiger als die von anderen Autoren liebevoll ausgemalten Jagdszenen von Mord, Totschlag und Verfolgung. Doch dieses Mal lässt McBain die Zügel der Geschichte ein wenig zu sehr schleifen. Drei Handlungsstränge laufen locker nebeneinander her. Sie verbinden sich nicht, sondern berühren einander nur mehrfach. Das ist aber kein Grund zu grundsätzlicher Kritik, denn McBain versteht es, mit mehreren Bällen gleichzeitig zu jonglieren. Dennoch können die drei Plots nur punktuell, nicht aber durchgängig fesseln.

Vielleicht hat McBain einen Fehler begangen, als er Steve Carella in eine Midlife-Crisis stürzte. Die Chronologie seiner Serie ist ebenso komplex wie problematisch. Der Held aus so vielen Abenteuern steht kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag und macht sich ständig Gedanken darüber, wie doch die Zeit verflogen ist. Unwillkürlich kommt mit Carella auch der Leser ins Grübeln. Er (oder sie) rechnet nach und kommt zu dem Schluss, dass Carella wohl eher seinen 80ten Geburtstag feiern müsste. Seine Kinder werden seit Jahrzehnten nicht erwachsen, ihre Mutter nicht älter – ein Kompromiss, den McBain eingehen musste, da er seine Figuren nicht parallel zur Realzeit altern lassen wollte.

Doch diese Figuren erinnern sich an Ereignisse, die zum Teil zu viele Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückreichen. Daraus entstehen Diskrepanzen in der Harmonie der McBainschen Schöpfung. Die Detectives des 87. Reviers mögen sich ermittlungstechnisch auf der Höhe ihrer Zeit befinden. Sie denken und handeln manchmal, als seien sie irgendwann davor steckengeblieben.

Die Show wird weitergehen

Im 21. Jahrhundert angekommen sind allerdings die Verbrecher von Isola, die Presse und die Justiz; die Grenzen zwischen diesen drei Gruppen sind bei McBain seit jeher fließend. Überhaupt pflegt der Autor auch in „Big Bad City“ die für ihn typische, unnachahmliche Mischung aus Sachlichkeit, Schrecken und schwarzem Humor. Da wirken eine rockende Nonne mit Brustimplantaten oder ein von Alligatoren gefressener Wüstling keineswegs fehl am Platze, und als ironisches Sahnehäubchen lässt McBain ausgerechnet „Fat Ollie“ Weeks, die Schande der Polizei von Isola, dem geplanten Mord an Steve Carella auf die Spur kommen.

Abgeschlossen wird „Big Bad City“ mit einem langen Monolog Steve Carellas, der sich an die großen Fälle des 87. Reviers erinnert. (Dabei erfahren wir, dass „der Taube“, diese fast mystische Gestalt der Unterwelt, die den Männern vom 87. Revier in der Vergangenheit so oft zu schaffen machte, weder tot noch von seinen Widersachern vergessen ist.) Dies ist quasi eine vorgezogene Reminiszenz, die auch des Jubiläumsbandes der Serie würdig wäre. Dieser 50. Band, der aus unerfindlichen Gründen den urdeutschen Titel „Dead Man’s Song“ trägt, darf man sich freuen.

„Big Bad City“ stellt hierzulande die Krönung einer insgesamt eher düsteren Veröffentlichungsgeschichte dar. Viele Jahrzehnte erschienen die Romane um das 87. Revier rüde gekürzt. Dass sie trotzdem ihre Leser fanden, spricht für die Qualität eines Ausgangsmaterials, das solchen Missbrauch verkraftete. Dennoch wurde das Bemühen des Europa-Verlags, der 2000/01 den Romanen Nr. 48 bis 50 („Nocturne“, dt. „Long Dark Night“; „Big Bad City“, „The Last Dance“, dt. „Dead Man’s Song“) gut übersetzt, schön gedruckt, fest gebunden und preisgünstig endlich in den ihnen gebührenden Rahmen stellte, nicht von Erfolg gekrönt – eine der merkwürdigen Ungerechtigkeiten, an denen die (deutsche) Krimi-Geschichte reich ist.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Ghetto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚echten‘ Straßen ihren Job erledigen. Das „police procedural“ hat er nicht erfunden aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg, es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er weiter als Evan Hunter publizierte und als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert –, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

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