Dahmer ist nicht tot

Edward Lee/Elizabeth Steffen
Dahmer ist nicht tot

Originaltitel: Dahmer’s not Dead (Baltimore/Maryland : Cemetery Dance Publications 1999)
Übersetzung: Christian Jentzsch
Cover: Arndt Drechsler
Deutsche Erstausgabe: August 2017 (Festa Verlag/Festa Horror & Thriller 15118)
348 Seiten
ISBN-13: 978-3-86552-566-6
eBook: August 2017 (Festa Verlag)
1010 KB
ISBN-13: 978-3-86552-567-3

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Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 1991 geht der US-Polizei eher zufällig einer der schlimmsten Serienkiller aller Zeiten ins Netz. Jeffrey Dahmer hat 18 Männer entführt, gefoltert, zum Teil gegessen und viele Körperteile in seiner Wohnung aufbewahrt; der geisteskranke Mann sehnte sich nach Liebe, die er erzwingen wollte und notdürftig bei den Leichen seiner Opfer fand. Dahmer wird zu einer US-amerikanisch typischen Absurd-Haft von 936 Jahren verurteilt und in die Strafanstalt Columbus County eingeliefert, wo ihn am 28. November 1994 ein Sträfling, der sich gefängnisintern einen Namen machen will, brutal erschlägt.

Helen Closs, Captain im Dezernat für Gewaltverbrechen der Wisconsin State Police, gerät unfreiwillig in einen Sog, den Dahmers Tod vor allem in den Medien auslöst. Sie ist die Lebensgefährtin jenes Pathologen, der die prominente Leiche untersucht, die sie bei einem Besuch am Arbeitsplatz des Geliebten zu Gesicht bekommt. Wenig später hat sich das Paar getrennt, und Closs muss in einem bizarren Fall ermitteln, der nicht nur oberflächlich an einen Dahmer-Mord erinnert: Am Ort des Verbrechens findet die Polizei ein Bekennerschreiber, das authentisch von Dahmer ge- und unterschrieben wurde!

Die Medien stürzen sich auf die Sensation, was Closs unter erheblichen Druck setzt. Sie glaubt an einen perversen ‚Verehrer‘, der sich an Dahmers ‚Erfolg‘ als Serienkiller anhängen will und dabei erheblichen Einfallsreichtum an den Tag legt. Als ein weiterer Tatort untersucht wird, an dem ‚Dahmer‘ sogar einen Fingerabdruck hinterlassen hat, muss sich Closs mit dem Gedanken anfreunden, dass der Killer seinen Tod vorgetäuscht hat und aus dem Gefängnis geflohen ist, um weiter zu morden …

Im Schmier-Glanz ‚prominenter‘ Mörder

Mörder sind interessante Zeitgenossen; das ist keine neue Erkenntnis, die mit dem Zynismus einer Gegenwart einhergeht, die (profitablen) Ruhm über ‚altmodische‘ Moral stellt. Schon früher liefen freilich die Neugierigen dort zusammen, wo Unholde ihre Opfer niedergemacht hatten. Noch fesselnder waren Hinrichtungen, die viele Jahrhunderte öffentlich stattfanden und eine jahrmarktähnliche Attraktion entwickelten, die den obrigkeitlich erhofften Abschreckungseffekt ad absurdum führte: Kein Strolch glaubte je, dass ausgerechnet er (oder sie) auf dem Schafott landen würde.

Rund um die schauerlichen Taten entwickelte sich zeitgleich ein separates ‚Merchandising‘. Reißerische Flugblätter wurden gedruckt und verkauften sich als Andenken ausgezeichnet. Später nutzte die Presse entsprechende Schauerlichkeiten, und selbstverständlich sprangen spätere Medien nicht nur dankbar, sondern auch zunehmend dreister auf. Gab es zunächst eine gewisse Schamschwelle, hinter der die abscheulichsten Details verborgen blieben, wurden und werden nunmehr genau solche Grässlichkeiten ins Zentrum der ‚Berichterstattung‘ gerückt.

Die Medien profitieren von der angesprochenen Faszination des Grauens. Ist er nicht selbst das Opfer, findet es der Mensch mehrheitlich ebenso abscheulich wie kurzweilig, in den Details finsterer Übeltaten zu schwelgen. Sich darüber zu mokieren ist nutzlos, denn diese Neugier ist womöglich das Relikt einer instinktgesteuerten Vergangenheit: Wenn man weiß, worauf man zu achten hat, kann man einer Gefahr – hier einem potenziellen Mörder – ausweichen.

Wenn alle Dämme brechen

Vor dem Millennium war das Internet jung. Dieses Medium ließ endgültig sämtliche Dämme brechen, denn nun an gab es immer jemanden, der mit scheußlichen Einzelheiten (und Tatort- oder Leichenhallen-Fotos) dienen und diese online stellen konnte – und wollte. Eine Kontrolle ist faktisch unmöglich, die Urheber bleiben in der Regel anonym. Deshalb ist die lange unterdrückte, weil unerfreuliche Tatsache, dass brutale Mörder regelrechte „Groupies“ haben, inzwischen allgemein bekannt.

Als Edward Lee „Dahmer ist nicht tot“ schrieb, war diese Erkenntnis noch im Reifeprozess. Die Flut medienerfahrener Profiler, die ihr Wissen gern und einträglich mit einem Massenpublikum teilen wollten, brach sich gerade erst und parallel zum Siegeszug von Filmen und TV-Serien wie „Das Schweigen der Lämmer“ und „CSI Las Vegas“ Bahn und sorgte für Zuschauer- und Kassenrekorde.

Doch die Sensation nutzt sich ab, und gerade der Connaisseur der blutigen Tat giert rasch nach einer Input-Steigerung. Heute wirken deshalb jene Szenen, in denen erläutert wird, wieso Mörder und Medien einander lieben, retardierend bis überflüssig: Es ist inzwischen, wie es ist. Deshalb können auch die (sachten) wissenschaftlichen Einschübe, für die Co-Autorin Elizabeth Steffen verantwortlich zeichnet, keinen leserlichen Mehrwert mehr generieren. Die kriminalistische Hightech, die sie hier eingehend beschreibt, ist Schnee von gestern. Dank „CSI“ & Co. ‚weiß‘ der Leser, wie es aktuell um die Fortschritte naturwissenschaftlich und psychologisch unterfütterter Ermittlungspraktiken bestellt ist.

Idol wider Willen

Klassisch i. S. von weiterhin spannend bleibt dagegen die Jagd nach dem Verbrecher. Lee trennt zwischen dem Dahmer-Kult und der Realität. Aus seiner Sicht ist Dahmer selbst nie daran interessiert, ‚berühmt‘ zu sein. Er ist in seinem eigenen, grotesken, hermetischen Mikrokosmos gefangen und merkt gar nicht, welchen ‚Ruhm‘ er genießt. Dahmer wünscht Liebe, und weil er sie nicht weiß, wie er sie wecken und bewahren kann, will er sie erzwingen. Dass die Menschen, die er liebt, daran sterben, interessiert ihn nicht. Dahmers Liebe funktioniert auch, wenn seine Geliebten tot sind; dann können sie ihn ganz sicher nicht mehr verlassen!

Ohnehin bleibt Dahmer trotz des provokativen, die Aufmerksamkeit der Leserschaft erheischenden Titels eine nur sporadisch erwähnte Schreckensgestalt. Das ist generell und in diesem Fall erst recht ein kluger Zug: Als Person der realen Geschichte eignet sich Dahmer nur bedingt als Romanfigur, denn zu viele Einzelheiten seiner Vita stehen fest und können nur bedingt einer Fiktion angepasst werden. Lee findet in dieser Hinsicht eine Lösung, die zumindest logisch wirkt, obwohl die Fakten ordentlich zurechtgeschüttelt werden müssen.

Im Vordergrund steht der ‚Mythos‘ Dahmer, der eine ohnehin komplizierte Polizeiarbeit beeinflusst und beeinträchtigt. Lee schildert einen Ermittlungsalltag, der nur bedingt durch die Auflösung von Kriminalfällen geprägt wird. Ebenso wichtig ist es, Maßnahmen und Entscheidungen zu vermeiden, auf die einen ehrgeizige Vorgesetzte, karrieregeile Politiker oder die Medien festnageln können. Je höher der Rang, desto ausgeprägter wird der Drang, Verantwortung abzuwälzen. Deshalb will zwar jeder den toten Dahmer besichtigen, den offenbar weiterhin tätigen Mörder jedoch keineswegs verfolgen, denn man fahndet quasi unter dem Mikroskop einer aufgeheizten Öffentlichkeit.

Eine/r muss es ja machen!

Mit Helen Closs gelingt Lee eine interessante Hauptfigur: eine Frau, die sich in einer weiterhin männlich dominierten Berufswelt behauptet. Das kostet Kraft und zeichnet Closs, die ganz sicher nicht die heutzutage genretypische, d. h. zwar tüchtige, aber gleichzeitig attraktiv-anziehende Power-Frau ist. Stattdessen erregt Closs wenig Sympathie, was ganz im Sinn der Figurenzeichnung und bemerkenswert authentisch ist. Closs irrt sich, knickt unter Druck durchaus ein und ist privat kein Sonnenschein, ohne dass sich dies über den Krimi-Plot schiebt.

Nur einmal kann sich Lee nicht beherrschen und bietet sein ‚Markenzeichen‘ als sog. „obszöner Provokateur“ auf, indem er detailfroh eine ‚heiße‘ Liebesnacht schildert, die jedoch als Beispiel für unfreiwilligen Humor besser zum Tragen kommt. Diese Passage widerspricht dem Grundtenor des Buches, dem Lee ansonsten sehr wohl Beachtung schenkt. Deshalb entfallen (zum Ärger entsprechend geeichter Lee-Fans) auch explizite Schilderungen der im Handlungsverlauf begangenen Metzel-Morde. Der Autor belässt es bei Andeutungen oder beschreibt indirekt – z. B. als Obduktionsbericht -, was den Opfern angetan wurde. Diese ‚Zurückhaltung‘ ist definitiv einer Story zuträglich, die wie gesagt nicht Dahmer in den Vordergrund stellt, sondern um jenes ‚reale‘ Grauen kreist, das im Hirn trügerisch unauffälliger Mitmenschen nisten kann. Insofern ist Dahmer in der Tat nicht tot. Natürlich wird das Mysterium gelüftet und ordnungsgemäß aufgeklärt. Wenn man als Leser ignoriert, wie unglaublich komplex und zufallsgefährdet der Plan ist, der dem Geschehen zugrunde liegt, bleiben keine offenen Fragen.

„Dahmer ist nicht tot“ ist ein leicht angestaubter Thriller, was den kriminaltechnischen Hintergrund betrifft. Ansonsten spinnen Lee (und Steffen) ein spannendes Garn, das hierzulande erst spät, aber keineswegs überflüssig erscheint. Dass dieses Buch gut übersetzt ist und ein bemerkenswertes, weil gleichzeitig schlichtes wie aussagestark auf den Inhalt reflektierendes Cover trägt, komplettiert den positiven Eindruck.

Autor

Edward Lee wurde am 25. Mai 1957 in Washington, D. C., geboren, wuchs aber in Bowie, einer Kleinstadt im US-Staat Maryland, auf. In 1970er Jahren diente Lee in der 1st Armored Division der U. S. Army im (damals BRD-westdeutschen) Erlangen und war später für kurze Zeit Polizist in Cottage City, Maryland.

Zwar studierte Lee Englisch an der University of Maryland, die er jedoch kurz vor dem Abschluss verließ, um sich als Schriftsteller zu etablieren. Da sich Lee auf Horror der harten Sorte spezialisierte, ließ der Erfolg auf sich warten. Mehr als 15 Jahre arbeitete er nachts für eine Sicherheitsfirma. Ab 1982 erschienen zahlreiche Romane, aber erst 1997 konnte Lee vom Ertrag seiner Bücher leben.

Obwohl Lee nach wie vor das Schwergewicht auf geschriebenen Horror legt, lässt sich sein Werk in zwei durchaus unterschiedlich Gruppen teilen. Berühmt i. S. von berüchtigt wurde Lee als Autor extremer Gewalt-Pornografie, für die er den Status eines aufrüttelnden Provokateurs beansprucht. Besonderes Aufsehen erregte er mit (Kurz-) Romanen wie „Header“ (1995, mehrfach fortgesetzt und 2006 verfilmt), „The Pig“ (1997; dt. „Das Schwein“) oder „Going Monstering“ (2012; dt. „Monster-Sperma“).

Daneben wurde Lee stark von H. P. Lovecraft (1890-1937) geprägt, dem er immer wieder stimmungsvoll seine Referenz erweist. Mit „The Haunter of the Threshold“ (dt. „Der Besudler auf der Schwelle“) holte Lee 2009 nach, was Lovecraft stets vermieden hatte – er verknüpfte kosmischen Horror mit wahrlich außerirdischem Sex.

Edward Lee lebt und arbeitet in Largo, Florida. Über sein stetig wachsendes Werk informiert er auf dieser Website.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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