Dämon

Matthew Delaney
Dämon

(sfbentry)
Originaltitel: Jinn (New York : St. Martin’s Press 2003)
Übersetzung: Axel Merz
Deutsche Erstausgabe: Januar 2005 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15264)
764 S.
ISBN-13: 978-3-404-15264-3
Neuausgabe: 2006 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-Lübbe-Sonderband 26534)
764 S.
ISBN-13: 978-3-404-26534-3
Neuausgabe: 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-Lübbe-Stars 77225)
764 S.
ISBN-13: 978-3-404-77225-4
eBook: eBook: Oktober 2012 (Bastei-Lübbe-Verlag)
1127 KB
ISBN-13: 978-3-8387-2131-6
Hörbuch: März 2012 (Lübbe Audio)
6 CDs = 450 Minuten (bearbeitet/gekürzt; gelesen von Detlef Bierstedt)
ISBN-13: 978-3-7857-4656-1
Hörbuch-Download: Februar 2012 (Audible)
23 h 43 min. (ungekürzt; gelesen von Detlef Bierstedt)

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Das geschieht:

Im November 1943 erreicht der Pazifikkrieg die kleine Tropeninsel Bougainville. Während der Gefechte geht ein US-Erkundungstrupp im Dschungel verloren. Ein zweites Platoon wird ihm hinterher geschickt. Ständig wird es in Scharmützel mit feindlichen Japanern verwickelt. Schlimmer sind jedoch hinterhältige Mordattacken, die eine fremde, sadistische Macht auf die Männer verübt. Hartnäckig verfolgen diese ihren Auftrag, aber was sie finden und bergen (s. Buchtitel), versinkt nach einem Luftangriff mit dem Truppentransporter „Galla“ im Meer.

2007 wird das Wrack gehoben und in das neue Marinemuseum des Finanzmagnaten Joseph Lyerman nach Boston im US-Staat Massachusetts geschleppt. Ein Jahr später fällt dessen Sohn einem brutalen Mord zum Opfer. Mit dem Fall werden die Detectives Jefferson und Brogan beauftragt. Sie haben kaum die Ermittlungen aufgenommen, als überall in der Stadt Leichen gefunden werden, die von riesigen Klauen buchstäblich in Stücke gerissen wurden.

Der alte Lyerman war 1943 an Bord der „Galla“ und wusste, was seine Kameraden auf Bougainville entdeckt hatten. Nun hat er es – oder besitzt es ihn? Ein uralter, böser Geist oder Dämon, ein Dschinn, einst besiegt und gebannt durch Kreuzritter, ist auferstanden. Wie im Märchen erfüllt er Wünsche, aber sein Preis ist hoch und der Dschinn ein Lügner, der ausschließlich das Ziel verfolg,: die Welt beherrschen und die Menschheit zu unterdrücken.

Sollte es Jefferson und Brogan, inzwischen verstärkt durch die schöne Polizistin McKenna Watson, nicht gelungen, den Dschinn zu stoppen, wird er sein Ziel erreichen. Der Gegner ist übermenschlich stark und praktisch nicht umzubringen; er kann die Gestalt seiner Feinde annehmen und sie in Versuchung führen. So läuft es lange schlecht für die Guten, die vom Dschinn dezimiert werden 

Ein Auftakt, der fiebern lässt

Die Geschichte beginnt mit einem Prolog, der dem Werk angemessen ist: Mehr als 100 Seiten umfasst er, aber das verkraftet dieses Buch, das insgesamt 764 eng bedruckte Seiten zählt, spielend. Auf diesen 100 Seiten – der Bougainville-Sequenz – zeigt sich ein neuer Stern am Horrorhimmel. Der Höllentrip eines Trüppchens versprengter US-Soldaten ist ebenso realistisch wie surreal. Unerhört spannend beginnt es mit grausigem Kriegsalltag und setzt sich fort mit der eindringlichen Schilderung einer fremden, feindlichen Inselwelt. Dann beginnt ein Ungeheuer aus dem Nachtwald zuzuschlagen. Es bleibt unsichtbar, hinterlässt nur die Spuren seines seltsamen, scheußlichen Tuns. Immer stärker zieht das Tempo an, die Erwartung des Lesers steigt kontinuierlich (was davon ablenkt, dass diese Passagen recht offensichtlich vom atmosphärischen Terrence-Malick-Filmklassiker „The Thin Red Line“, 1998, dt. „Der schmale Grat“, inspiriert wurden, der wiederum auf dem gleichnamigen Roman von James Jones – dt. „Insel der Verdammten“ – aus dem Jahre 1962 basiert; mehr als ein Hauch von „Apocalypse Now“ ist natürlich auch dabei).

Plötzlich ist erst einmal Schluss, wir müssen lange warten, bis das Bougainville-Rätsel gelüftet wird; wie sich zeigt, ist das gut so. Nach einem zweiten (!) Prolog nimmt endlich die eigentliche Geschichte ihren Lauf. Sie spielt im Jahre 2008 und präsentiert sich als typischer Cop-Krimi. Scheußliche Morde werden begangen, die Tatorte mit viel Liebe zum blutigen Detail beschrieben und Ermittlungen in Gang gesetzt, die zwei Bilderbuch-Bullen – ausgelaugt und angeschlagen, aber unverwüstlich und mit einem unerschöpflichen Vorrat sarkastischer Cop-Sprüche ausgestattet – von einer Sackgasse in die nächste führen, bis endlich – der Leser seufzt bereits und rekelt sich unruhig in seinem Sessel – der Plot-Faden wieder aufgenommen wird. (Er rutscht dem Verfasser noch mehrfach durch die Finger.)

Ein dämonischer Dschinn wurde also aus dem Pazifik importiert. Der will sich seit Jahr und Tag zum Herrn der Welt aufschwingen. Das hat bisher nie geklappt, wird jedoch unverdrossen neu versucht. Ein weiterer, wiederum langer Einschub – die Konzentration aufs Wesentliche ist Delaneys Stärke nicht – verfolgt die Untaten des chaotisch veranlagten Bösewichts durch die Vergangenheit.

Absturz in Routine und Klischee

Siehe da, eigentlich sind sogar vier Dschinns am Werk, die u. a. die nordafrikanischen Sarazenen aufmischten, bis ihnen von christlichen Kreuzrittern vorerst das Handwerk gelegt werden konnte. Komplizierte Versuche zur Verhinderung zukünftiger Dämonenheimsuchungen schlossen sich an, die besagte Kreuzritter Jahrhunderte vor Kolumbus nach Nordamerika führten. (Korrupte Päpste oder vatikanische Assassinen wirken zwar nicht mit, aber das angestrebte Dan-Brown-Feeling ist trotzdem greifbar.) Die Dämoneneinkerkerung misslang, wie sich im weiteren Verlauf der Geschichte herausschält. Tatsächlich besteht zwischen unseren Helden und den Dschinns sogar eine mysteriöse Verbindung!

Spätestens zu diesem Zeitpunkt schalte man als Leser den Verstand lieber ab und konzentriere sich auf die zunehmend actionbetonte Handlung, der unter dem Gesichtspunkt der Logik endgültig die Luft ausgeht. In „Stirb langsam“- plus „Predator“-Manier jagen sich Mensch & Monster durch ein Hightech-Hochhaus. (Eine Räuberbande mischt auch noch mit.) Unterdessen haben sich unsere Helden US-typisch auf den Endkampf vorbereitet: Ein zufällig des Wegs daher kommender schwarzer Stadtguerilla öffnet seinen prall gefüllten Waffenkoffer; was er verteilt, wird präzise benannt und plakativ zur Anwendung gebracht.

Das eigentliche Finale zieht sich hin, weil im entscheidenden Moment irgendeine Waffe ausfällt oder die Heldin vom Dschinn als Geisel verwendet wird; das geschieht sogar mehr als einmal, was der Story schlecht gut bekommt. Am Ausgang des Ganzen bestehen dennoch niemals Zweifel. Als es gekommen ist wie es kommen musste, ist man als Leser erleichtert – und mehr als ein bisschen verärgert: Unterhalten wurde man irgendwie, das steht fest, aber angesichts des großartigen Auftakts doch betrogen. Schon am nächsten Tag wird man die Geschichte nicht mehr nacherzählen können. Die einfache Machart, die simple Sprache, die schablonenhaften Figurenzeichnungen lassen sie im Brei vergleichbarer Mystery-Thriller untergehen.

Pappkameraden gegen ein Teflon-Monster

Wenn wir über die Figuren sprechen, dann kommen wir schnell an einen Punkt, wo die Nachsicht mit diesem Buch endet. Während die Profilarmut der jungen Soldaten, die durch den Urwald von Bougainville irren, sehr gut zur traumähnlichen Unwirklichkeit der Kulisse passt, offenbaren Delaneys Handlungsträger der Gegenwart schmerzlich deutlich, was sie sind: eindimensionale Klischees ohne Persönlichkeit. Der gute Cop, sein knurriger Kumpel, die schöne Kollegin, der finstere Kapitalist, der Alibi-Schwarze, der für den Helden die Kugeln abfängt: Die Reihe der Stereotypen reißt damit keineswegs ab. Vielleicht hat das scheinbare Unvermögen praktische Gründe: In einer späteren Verfilmung kann sich jeder Schauspieler die ihm oder ihr zugeteilte Rolle zu Eigen machen; der Autor macht niemandem Vorgaben.

Rein gar nichts gemeinsam mit dem Lampengeist aus 1001 Nacht hat Delaneys Dschinn. Er ist hier eher ein urzeitliches Elementarwesen, ein Alien oder eine zweite Intelligenz, die sich neben dem Menschen entwickelt hat. Seine ungewöhnlichen Talente hätten frühere Horrorautoren als übernatürlich bezeichnet. Heutzutage werden Gestaltwandel, Unsterblichkeit u. a. Phänomene lieber ‚wissenschaftlich‘ erklärt. (Daher auch das hübsche „Biohazard“-Symbol auf dem deutschen Cover.)

Wohl nur der Spielverderber stellt die Frage nach dem Motiv, das den Dschinn umtreibt. Er bleibt da seltsam diffus. Weiß er es selbst nicht? Die „Herrschaft über die Welt“ ist der Herzenswunsch jedes wirklich übergeschnappten Bösewichts. Er geht nie in Erfüllung – glücklicherweise, da die reale Weltherrschaft wahrscheinlich nicht halb so spannend ist wie das Streben danach.

Zumal unser Dschinn der Hellsten ohnehin nicht einer ist. Wirft man einen prüfenden Blick auf sein Handeln (was man hier um des Spaßes willen tunlichst vermeiden sollte), fällt die enorme Umständlichkeit auf, mit der er zudem unverhältnismäßig lautstark zu Werk geht. Kein Wunder, denn er soll uns, die Leser, nicht überzeugen, sondern unterhalten, und das gelingt nach Ansicht des Verfassers am besten durch Spektakel, Kugelregen & Blutspritzerei. Im Finale muss der Dschinn trotzdem eine lange Rede halten und offene Handlungsfragen klären, bevor er seinen Widersacher attackieren darf. Da sind wir jedoch nur noch froh, dass gleich Schluss ist mit dem verschwatzten Gemetzel.

(Anmerkung: Kann mir jemand erklären, was die Kreuzritter-Zombies beseelt, die im Dschungel von Bougainville wüten? Wieso bleiben alle anderen Dschinn-Opfer mausetot? Und wer erklärt dem Übersetzer den Unterschied zwischen „humanoid“ und „hominid“?)

Autor

Über Matthew Delaney ist kaum Biografisches bekannt. Am Dartmouth College zu Hanover im US-Staat New Hampshire hat er studiert. 2005 legte er seinen Erstling, den Horror-Roman „Jinn“ (dt. „Dämon“) vor, der (angeblich) verfilmt werden soll, aber seit Jahr & Tag in Hollywoods berüchtigter „development hell“ schmort. (Achtung: Delaneys Roman hat nichts mit dem kuriosen Film „Djinn“ zu tun, den Altmeister Tobe Hooper 2013 mit Geld aus den Vereinigten Arabischen Emiraten drehte.)

Zumindest in den USA scheint niemand auf Delaney zu warten. Seinen zweiten Roman legte er 2009 vor, doch kein Verlag griff zu. Die deutsche Veröffentlichung von 2010 wurde die Erstveröffentlichung. Hierzulande griff der Verlag zu, weil Delaney mit „Dämon“ ein auflagenstarker Überraschungserfolg gelungen war, an den man sich nicht nur gern erinnerte, sondern an den man auch mit „Golem“ anknüpfen wollte – eine Rechnung, die nur bedingt aufging.

In den USA hörte man nur noch wenig von Matthew Delaney. 2011 erschien unter dem Titel „Zeitgeist“ noch eine dünne Sammlung von Erzählung für Kinder. Delaney lebt in New York City und arbeitet als Polizeibeamter für das New York Police Department.

Kurzkritik für Ungeduldige: Der Dschinn, ein vorzeitlicher Elementgeist, sucht in einer US-amerikanischen Großstadt neue Opfer und alte Gefährten, mit denen er die Welt unter seine Knute zwingen will. Nur drei einfache Kriminalbeamte wagen es, dem übermächtigen Mordgespenst die Stirn zu bieten  – Beginnt unglaublich stark und stimmig, um dann zu einen Gruselreißer der Marke Billig & Blutig zu degenerieren; im Mittelteil zu lang, im Finale einfallsarm, ist „Dämon“ nur als Trivialthriller: enttäuschend.

[md]

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