Das Buch des Teufels

C. J. Sansom
Das Buch des Teufels
Matthew Shardlake 4

Revelation, GB, 2008
S. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1. Auflage: 06/2010
TB, historischer Krimi
ISBN 978-3-596-18671-6
Aus dem Englischen von Irmengard Gabler
Titelgestaltung von bürosüd, München

www.fischerverlage.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

England im 16. Jh. unter Heinrich VIII: Matthew Shardlake arbeitete bereits unter Thomas Cromwell als Advokat und ist nun im Namen von Erzbischof Thomas Cranmer tätig. Nachdem er zusammen mit seinem Gehilfen Jack Barak einige heikle Fälle lösen konnte, die ihnen beinahe das Leben gekostet hätten, will er nicht mehr in die Intrigen der hohen Politik verwickelt werden, sondern seine Dienste den Armen anbieten. Trotzdem verstrickt er sich wieder in Ermittlungen, die ihn in die Kreise um Heinrich VIII bringen. An Ostern findet Shardlake seinen Freund Roger Elliard ermordet und verstümmelt im Brunnen von Lincoln‟s Inn, einer der Anwaltskammern, vor. Shardlake verspricht Dorothy, der Witwe, die er schon seit Jahren insgeheim liebt, den Täter zu fassen und auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, als der Richter den Fall ungewöhnlich schnell zu den Akten legt. Dass es dafür einen triftigen Grund gibt, erfährt Shardlake nur wenig später, als er vor Erzbischof Cranmer zitiert wird.

Es hatte schon zwei weitere grausame und sinnlos scheinende Morde gegeben – und weitere folgen. Nach und nach setzt Shardlake die Puzzlestücke zusammen. Die einzige Verbindung, die zwischen den Opfern besteht, ist, dass sie einst radikalen Reformer-Gruppen angehörten. Jeder Tod ist eine Inszenierung, für die das biblische „Buch der Offenbarung“ als Vorlage diente. Als Shardlake dem Mörder näher kommt, als er selber ahnt, überlebt er nur knapp ein Attentat. Es ist, als würde der Unbekannte mit ihm spielen. Und noch immer weiß niemand, welchen Zweck der Täter verfolgt. Thomas Seymour befürchtet, Catharine Parr, die Heinrich VIII als seine sechste Gemahlin begehrt, könne in Gefahr sein. Hat er vielleicht doch Recht?

„Das Buch des Teufels“ ist ein wahrer Wälzer und keinen Moment langweilig. Der Leser wird sogleich in die komplexe, atmosphärisch dichte Handlung hinein gezogen und möchte das Buch keinen Moment aus der Hand legen. Zusammen mit Matthew Shardlake, der Hauptfigur, rätselt er, wer der Täter ist, welche Motive ihn bewegen und was sein Ziel ist. Das Ende wird konsequent durchgezogen und entbehrt nicht einiger Überraschungen. C. J. Sansom, Jahrgang 52, studierte Geschichte und arbeitete anschließend als Rechtsanwalt. Seine profunden Kenntnisse in beiden Gebieten machen sich im vorliegenden Roman positiv bemerkbar: Die historischen Fakten sind hieb- und stichfest und nur stellenweise um einige fiktive Wendungen ergänzt worden, wie der Autor in den „Anmerkungen“ erklärt. Das Milieu, das Denken, Handeln und Sprechen der Protagonisten wirkt glaubwürdig. Auch die Vorgehensweise der Ermittler, Anwälte, Ärzte etc. orientiert sich an historischen Quellen und ist nachvollziehbar beschrieben.

Die Protagonisten sind typische Kinder einer Ära, die geprägt ist von der Willkür eines absoluten Herrschers, der die Kirche spaltete, und einer religiösen Reform- und Gegenreformbewegung, die bizarre moralisierende Auswüchse annahm, nachdem Heinrich VIII kein nennenswertes Interesse an einer klaren Linie zeigte. Das Volk war abergläubisch und überwiegend streng religiös. In Folge glaubt mancher der Ermittler, die Morde seien ein Werk des Teufels und die Antwort auf das lasterhafte Leben des Monarchen. Matthew Shardlake ist nicht der gängige attraktive, strahlende Roman-Held. Allmählich kommt er in die Jahre, durch seinen Buckel wird er oft das Opfer gemeinen Spottes, aber sein Verstand ist scharf, er ist verschwiegen und zuverlässig, und so betrauen ihn hohe Würdenträger wie Erzbischof Cranmer gern mit wichtigen Aufgaben.

Shardlake zur Seite stehen sein treuer Gehilfe Jack Barak und der kluge Arzt Guy Malton, in dessen Adern maurisches Blut fließt. Auch durch diese Freunde erfährt der Leser vieles über das Leben der einfachen Menschen, den Status, den Ausländer innehatten, und den Stand der Medizin. Im Laufe der Handlung befasst sich Shardlake mit mehreren Fällen. Erst nach und nach werden die großen und kleinen Zusammenhänge deutlich bzw. erweisen sich scheinbare Nebensächlichkeiten als wichtige Details, die später die Ermittlungen voran bringen. Shardlake und seine Kollegen verfolgen falsche Spuren, landen in Sackgassen, kommen dann wieder durch neue Hinweise und Beharrlichkeit der Lösung Stück um Stück näher. Dies wird realistisch und spannend beschrieben; die Gefahr ist allgegenwärtig, und mehr als einmal versucht der Mörder, seine Häscher in eine Falle zu locken. Romantische Entwicklungen spielen keine große Rolle – „Das Buch des Teufels“ ist ein waschechter historischer Krimi.

Shardlake weiß, dass er kein schöner Mann ist. Als Dorothy wieder frei ist, schwankt er zwischen vorsichtiger Hoffnung und Pessimismus. Barak ist verheiratet, aber seit Tamasins Fehlgeburt kriselt es zwischen den beiden. Malton bildet einen hübschen Jungen zu seinem Nachfolger aus, für den er Gefühle entwickelt. Allerdings ergänzen diese Szenen lediglich die wirklichkeitsnahe Handlung um einen weiteren Aspekt und werden nicht so weit vertieft, dass sie zur pikanten Würze verflachen.

C. J. Sanson schreibt bedächtig und flüssig zugleich, er trifft stets den richtigen Ton und lässt seine Charaktere in der Phantasie des Lesers lebendig werden. Wie ein Film läuft die Handlung ab und macht neugierig auf die weiteren „Shardlake“-Romane, die allesamt in sich abgeschlossen sind. Bei Fischer liegen vier Bände vor, und ein fünfter ist in Vorbereitung. Schätzt man historische Kriminalromane, die vor einer gut recherchierten Kulisse spielen, mit interessanten Protagonisten aufwarten und spannend bis zur letzten Seite sind, wird man von C. J. Sansoms Titeln begeistert sein. „Das Buch des Teufels“ überzeugt auf der ganzen Linie!

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

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