Das Cassandra-Projekt

Jack McDevitt/Mike Resnick
Das Cassandra-Projekt

(sfbentry)
Originaltitel: The Cassandra Project (New York : Ace Books/Penguin Group 2012)
Übersetzung: Frauke Meier
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2013 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei Science Fiction 20729)
510 S.
ISBN-13: 978-3-404-20729-9
eBook: Oktober 2013 (Lübbe Digital)
619 KB
ISBN-13: 978-3-8387-2481-2

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Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 2019 jährt sich der Tag der ersten Mondlandung zum 50. Mal. Bei der NASA knallen die Sektkorken indes verhalten: Astronauten gibt es nicht mehr, denn Menschen reisen längst nicht mehr ins All. Selbst Robotersonden sind aufgrund stetig zusammengekürzter Budgets nur noch selten unterwegs. NASA-Pressesprecher Jerry Culpepper muss von der vergangenen Größe seiner Behörde zehren. Nur die Politiker nicht verärgern, die ohnehin die NASA am liebsten abschaffen würden, heißt die Devise.

Deshalb soll ein seltsames Gerücht zunächst energisch unter den Teppich gekehrt werden: In einem Wust endlich freigegebener NASA-Dokumente aus den 1960er Jahren entdeckt ein Journalist einen versehentlich unzensiert gebliebenen Funkspruch, der nahelegt, dass US-Astronauten bereits vor dem 19. Juli 1969 auf dem Mond gelandet sind. Die NASA bestreitet dies energisch, selbst US-Präsident Cunningham ist ahnungslos. Der neugierig gewordene Culpepper gräbt tiefer und wird fündig: Womöglich hat es sogar zwei streng geheime Flüge bzw. -landungen zum bzw. auf dem Mond gegeben!

Der exzentrische Multimilliardär Morgan „Bucky“ Blackstone will es genau wissen. Er lässt privat ein Raumschiff bauen, um persönlich auf der Rückseite des Mondes nach dem Rechten zu schauen. Hohn und Spott der Medien sowie die mangelhafte Unterstützung durch die US-Regierung scheren ihn nicht. Bald stößt Culpepper zu Blackstones Team. Gleichzeitig lässt Präsident Cunningham heimlich aber fieberhaft in diversen Archiven nachforschen. Unabhängig voneinander werden die Suchenden fündig: Auf dem Mond entdecken Blackstones Astronauten Relikte der beiden unterschlagenen Missionen, während auf der Erde ausgerechnet eine geheime Botschaft des Präsidenten Richard „Tricky Dick“ Nixon für Aufklärung sorgt …

Eine gänzlich neue Mond-Verschwörung

Das kollektive Gedächtnis der Menschheit währt kurz. Nicht einmal ein halbes Jahrhundert, nachdem Neil Armstrong und Edwin Aldrin erstmals menschliche Fußspuren auf dem Erdtrabanten hinterlassen haben, ist eine bemerkenswert zahlenstarke Fraktion von Zweiflern mondfelsenfest davon überzeugt, dass dieses Ereignis nie stattgefunden hat bzw. in einem Hollywood-Studio getürkt wurde. So wollte sich die US-Regierung angeblich vor einer Blamage bewahren: John F. Kennedy hatte 1961 verkündet, noch vor 1970 würden US-Amerikaner erfolgreich auf dem Mond landen. Weil dies schiefging, gaukelte man ein Gelingen lieber vor, als vor den hämisch feixenden Sowjets u. a. antiamerikanischen Widerlingen dumm da zu stehen.

An der Realität der Mondlandung 1969 (und fünf weiterer Landungen bis 1972) ist freilich nicht zu rütteln. Jack McDevitt & Mike Resnick inszenieren deshalb ihre eigene Verschwörungstheorie und verlegen das Datum der ersten (und zweiten) Mond-Expedition um einige Monate vor. Die historische Chronologie lässt dies zumindest denkbar wirken; Apollo 10 hätte bereits im Mai 1969 durchaus landen können, denn die Generalprobe für die eigentliche Landung zwei Monate später verlief insgesamt erfolgreich.

Wie verkauft man seinen Lesern ein geheimes Mondflugprogramm? Die beiden Autoren lösen das Problem auf bewährte Weise. Natürlich muss es etwas Erderschütterndes sein, dass die US-Regierung dem weltweiten Triumph einer gelungenen Landung opferte. Nichtsdestotrotz darf und kann der Leser auf keine echte Überraschung hoffen. Kein Wunder, denn es gibt nur zwei Auflösungsmöglichkeiten: Entweder hatten Menschen schon vor 1969 auf dem Mond zu tun, oder Außerirdische haben dort etwas hinterlassen. Den Zeitpunkt der endgültigen Enthüllung ziehen McDevitt & Resnick verständlicherweise in die Länge.

Die in die Länge gezogene Überraschung

Die US-Regierung hat es einmal in ihrer Geschichte tatsächlich geschafft, ein Geheimnis zu wahren? Selbst der aktuelle Präsident muss grübeln & schürfen, bis er seinen Vorgängern auf die Schliche kommt? Schon solche Wendungen verwandeln „Das Cassandra-Projekt“ in Science Fiction …

Die Verzögerung der Auflösung wird zum Handlungsprogramm. Eine Weile stellt die Schnitzeljagd auf Erde und Mond den Leser zufrieden. Die Autoren schmieden ein Rätsel, das interessiert. Etwa ab Seite 250 stellt sich jedoch Ermüdung ein. Statt die Handlung voranzutreiben, schrauben McDevitt & Resnick nur weitere Zahnräder in ihre Verschwörungsmaschine. Neue Zeugen tauchen auf und müssen befragt werden. Ihnen gemeinsam ist die Neigung, sich recht grundlos in Andeutungen zu erschöpfen. Allzu deutlich merkt der Leser, dass hier Strohhalme gedroschen bzw. Seiten geschunden werden.

Selten rührt das Autorenduo an der Realgeschichte. Das ist verständlich, denn faktisch gibt es keine Überlieferungslücken. McDevitt & Resnick müssen Apollo 11 zwei namenlose und mit fiktiven Astronauten bemannte Raumschiffe vorausschicken. Die hat es definitiv nicht gegeben, was ein ernstes Glaubwürdigkeitsproblem entstehen lässt. Wohl eher ein Gag ist der Gastauftritt eines 96-jährigen Henry Kissinger, der erwartungsgemäß sämtliches Wissen um geheime Mondflüge leugnet. Im Finale mischt sich postum Präsident Richard Nixon in die Handlung ein. Was dieser eine unerwartete Wende geben soll, misslingt jedoch peinlich.

Eine Geschichte dreier langweiliger Männer

Liegt es daran, dass zwei Autoren an dieser Geschichte strickten? „Das Cassandra-Projekt“ ist ein zerfahrenes Werk, das in drei eher schlecht als recht verbundene Ereignisstränge zerfällt. Sie werden durch die Hauptfiguren Jerry Culpepper, Morgan Blackstone und George Cunningham weniger vorangebracht als in verschiedene Richtungen gezerrt.

Eigentlich sollte man nicht von Hauptfiguren, sondern von Staffelläufern sprechen. Mit Jerry Culpepper steigt der Leser ins Geschehen ein. Der NASA-Mann wird uns ausführlich vorgestellt, was der Mühe kaum lohnt, da der gute Jerry ein fader Langweiler ist. Als er die offizielle NASA-Politik aus Gewissensgründen nicht mehr mittragen kann, kündigt er sogleich redlich und gibt sich auch später demonstrativ idealistisch: Jerry Culpepper gehört offensichtlich nicht zu den karrierefixierten Sparschweinen, die der bemannten Raumfahrt den Geldhahn zugedreht haben.

Kantiger kommt zunächst „Bucky“ Blackstone daher, schnell missrät er zur Parodie des US-amerikanischen Selfmademans. Vom Tellerwäscher (bzw. Busen-Magazin-Herausgeber) zum Milliardär aufgestiegen, wie es nur in „God’s Own Country“ möglich ist, lebt „Bucky“ alte Pioniertugenden. Während die Politiker sich streiten und zaudern, nimmt er sein Geld in die Hand und geht Probleme direkt an. Zwar will er daran verdienen, doch vor allem ist „Bucky“ ein Patriot, unter dessen rauer Kapitalisten-Schale ein gütiges Herz schlägt. Natürlich fliegt er mit zum Mond, wo er ‚seiner‘ Mannschaft ständig ‚scherzhaft‘ mit Entlassung droht, wenn sich Widerspruch regt. Das ist nicht so gemeint aber auch nicht so witzig, wie McDevitt & Resnick es glauben.

Im letzten Romandrittel werden Culpepper und Blackstone in den Hintergrund gedrängt: Präsident Cunningham hat seinen großen Auftritt. Die Luft um den ritterlichen, von undankbaren Bürgern, respektlosen Medien und ausländischen Feinden bedrängten „Commander in Chief“ scheint weihevoll zu wabern, wenn Cunningham an der Seite seiner schönen, klugen Gattin am Steuerrad dieser Welt dreht. Was er sagt, lässt sich für die Geschichtsbücher zitieren, seine Handlungen sind ehrlich und ehrenhaft sowie unglaubwürdig dick aufgetragen: Wie können es McDevitt & Resnick wagen, uns einen Kennedy-Klon in einer Camelot-Märchenwelt zu präsentieren?

Die große Halle gut begrabener Geheimnisse

Sie möchten ja kritisch sein, die beiden Autoren. Also läuft es für die USA sichtlich schief im 21. Jahrhundert. An echten Tabus rühren McDevitt & Resnick lieber nicht. Stattdessen ziehen sie gewagte Schlüsse: Wieso werden der NASA die Mittel gestrichen? Weil die USA pleite sind. Warum ist das so? Weil die USA sich aus humanitären Gründen verpflichtet fühlen, immer wieder dort teure Militäraktionen zu starten, wo Diktatoren, Warlords und ähnliche Unholde gegen Menschenrechte und Gesetze verstoßen. McDevitt & Resnick meinen dies bitterernst. Dazu passt der peinliche Versuch, die Watergate-Affäre als Opfergang eines selbstlosen Richard Nixon interpretieren, der die Welt vor einem Geheimnis bewahren wollte, für das sie noch nicht reif war.

Ausgerechnet „Tricky Dick“? Das ist starker Toback, doch die Autoren gehen weiter. Was wirklich auf dem Mond geschehen ist, bleibt weiterhin unter Verschluss. Der aktuelle US-Präsident und ein weise gewordener „Bucky“ Blackstone beschließen dies quasi privat und unter Freunden. Politik und Kapital sind sich einig, das dumme Volk wird nicht gefragt. Die Arroganz dieser einsamen Entscheidung scheint McDevitt & Resnick nicht bewusst zu sein. Oder spiegelt dies ihre Meinung wider?

„Das Cassandra-Projekt“ ist letztlich sehr ‚moderne‘ Science Fiction, die Kritik nur als beliebiges Stilmittel einsetzt und keine Denkanstöße geben will – eine bedingt fantasievolle, künstlich mit Dramatik aufgeblasene, routiniert aber inspirationsarm abgespulte Schnitzeljagd. Seine eigentlichen Qualitäten entwickelt dieses Buch als reine Unterhaltung und Pendant zum sommerlichen Hollywood-Blockbuster: Es vertreibt Zeit. Wem dies genügt, wird „Das Cassandra-Projekt“ mögen.

Autoren

John Charles „Jack“ McDevitt wurde 1935 in Philadelphia geboren. Nach dem College diente er in der US-Navy (1958-1962), anschließend arbeitete er als Englischlehrer. Ende der 1960er Jahre kehrte McDevitt an die Universität zurück und studierte Literatur. 1971 schloss er mit einem Master-Grad ab. Ab 1975 war McDevitt für das US-Zollamt tätig. 1995 ging er in den Ruhestand.

Nachdem er sich in seiner Collegezeit durchaus erfolgreich als Schriftsteller versucht hatte, gab McDevitt das Schreiben auf. Erst 1980 griff er wieder zur Feder; eine erste Kurzgeschichte („The Emerson Effect“) erschien 1981 im „Twilight Zone Magazine“. „The Hercules Text“ (dt. „Erstkontakt“), McDevitts Romandebüt, schilderte 1986 die Begegnung zwischen Menschen und Außerirdischen – ein Thema, dass der Autor immer wieder aufgreift.

Seit 1995 hat McDevitt sein Veröffentlichungstempo erheblich gesteigert. Neben Einzel-Romanen erscheinen regelmäßig neue Folgen seiner Serien um den kosmischen Antiquitätenjäger Alex Benedict und die Raumpilotin Priscilla Hutchins.

Jack McDevitts Homepage

Michael Diamond Resnick, geboren 1942 in Chicago, studierte ebendort von 1959 bis 1961. Er wurde freischaffender Autor und spezialisierte sich auf Softporno-Romane, von denen er in den nächsten beiden Jahrzehnte unter diversen Pseudonymen mehr als 200 Titel veröffentlichte. Damit längst nicht ausgelastet, verlegte er zudem sieben Boulevard-Zeitschriften und drei Männermagazine, schrieb mehr als zehn Jahre eine wöchentliche Kolumne über Pferderennen und züchtete Collies.

Resnicks erstaunliche Energie spiegelt sich auch in seinem phantastischen Werk wider. Trotz seines enormen Outputs ist er ein nicht nur erfolgreich, sondern wird auch von der Kritik geachtet. Allein 36 Mal wurde er bisher für einen „Hugo Award“ nominiert; gewonnen hat er diesen Preis fünfmal. Resnick schreibt gern humorvolle SF- und Fantasy. Bekannt ist er außerdem für seine Liebe zur afrikanischen Kultur. Das daraus gewonnene Wissen lässt er immer wieder in seine Geschichten einfließen.

Mike Resnicks Homepage

Kurzkritik für Ungeduldige: Ein Archivleck enthüllt, dass vor Apollo 11 bereits zwei Mondlandungen stattgefunden hatten; ein NASA-Mann, ein exzentrischer Milliardär, und der US-Präsident versuchen herauszufinden, was 1969 auf dem Mond verheimlicht wurde … – Seltenes Beispiel für ‚Historien‘-Science Fiction, die (scheinbar) hart an den Fakten eine parallele Historie entwirft; das interessante Rätsel leidet unter flachen Figuren und erfährt keine wirklich überraschende Auflösung. Als reine Unterhaltung funktioniert dieses Garn deutlich besser.

[md]

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