Das Dorf der verschwundenen Kinder

Reginald Hill
Das Dorf der verschwundenen Kinder

(Dalziel/Pascoe-Serie, Bd. 17)

Originaltitel: On Beulah Height (London : HarperCollins 2009)
Übersetzung: Annette Hahn
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2001 (Europa Verlag)
542 S.
ISBN-10: 3-203-78014-3
Taschenbuch: September 2002 (Knaur Verlag/TB Nr. 61984)
636 S.
ISBN-13: 978-3-426-61984-1
Sonderausgabe: 2005 (Knaur Verlag/TB Nr. 63187)
636 S.
ISBN-13: 978-3-426-63187-4
eBook: Februar 2013 (Knaur Verlag/Knaur eBook)
1418 KB
ISBN-13: 978-3-426-41476-7

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Das geschieht:

Dendales in der englischen Grafschaft Yorkshire, Sommer 1982: In dem abgelegenen entsteht ein Staudamm; in dem See wird der kleine Ort untergehen. Die Einwohner haben sich lange gewehrt, mussten letztlich aufgeben. Ihr Unmut wird jedoch nebensächlich, als in kurzem Abstand drei junge Mädchen spurlos verschwinden und ein viertes angegriffen wird. Angst und Misstrauen wachsen zu Panik und offenem Zorn, als es der Polizei nicht gelingt, die Kinder zu finden.

Für die Dorfbevölkerung ist der Schuldige bald gefunden: Benny Lightfoot, ein eigenbrötlerischer, wunderlicher junger Mann, der sich abseits der Gemeinschaft hält. Die Polizei vernimmt ihn, kann ihm aber nichts nachweisen. Wieder in Freiheit, setzt Benny sich ab. Niemand hat ihn seither gesehen. Dendales wird wie geplant geflutet. Die Einwohner ziehen in den Nachbarort Danby. Langsam gerät die Tragödie in Vergessenheit.

Fünfzehn Jahre später: In Danby verschwindet ein kleines Mädchen. Für die Mid-Yorkshire-Kriminalpolizei übernehmen Detective Superintendent Andrew Dalziel und Chief Inspector Peter Pascoe die Ermittlungen. Dalziel widmet sich dem Fall mit besonderem Eifer. Er hatte sich einst in Dendales bemüht, die Kinder zu finden. Sein Scheitern beschäftigt und bedrückt ihn bis zum heutigen Tag. Auch die ehemaligen Einwohner von Dendales haben Dalziel nicht vergessen und begegnen ihm und den übrigen Polizisten feindselig. Die Untersuchung gestaltet sich daher mühselig, zumal es wenig echte Spuren gibt. Kurz keimt Hoffnung auf, als sich ein Verdächtiger findet, doch dieser kann rasch seine Unschuld beweisen.

Superintendent Dalziel lässt im Dendales-Tal noch einmal jeden Stein umdrehen und auch den Stausee durchsuchen. Nach einer langen Dürre-Periode ist der Wasserstand so stark gefallen, dass man die Ruinen der verlassenen Höfe trockenen Fußes erreichen kann. In einem Kellergewölbe entdeckt man das Skelett von Benny Lightfoot, der jämmerlich ertrunken war, nachdem man ihn an die Wand gekettet hatte. Der arme Teufel war unschuldig, was bedeutet, dass der wahre Kindermörder unbehelligt blieb und wieder zuschlagen könnte …

Krimi mit Tragik und Komödie

Reginald Hills Romane um das Ermittlerpaar Dalziel und Pascoe stechen durch ihre eigentümliche Mischung aus Tragödie und Komödie hervor. Tragisch geht es im Krimi oft zu, an der Komödie versuchen sich ebenfalls viele Autoren. Bestenfalls enden sie im Klamauk, im schlimmsten Fall stellen sie ihren schlechten Humor-Geschmack unter Beweis.

Im vorliegenden Fall geht es um einige der schlimmsten Verbrechen überhaupt: Kindesentführung, Missbrauch und Mord. Die lebenslangen Folgen derartigen Erfahrungen für die Familie der Opfer, die Freunde, die Bekannten, die Mitbürger, die Arbeitskollegen und auch die Polizei werden von Hill gekonnt und eindringlich beschrieben. Für die humorvollen Einlagen sorgen trockene Sarkasmen, die immer dann ihre höchste Intensität erreichen, wenn Andrew Dalziel die Szene betritt. Während Hill sich sonst bemüht, seine Figuren möglichst lebensecht zu schildern, bewegt er sich mit Dalziel hart an der Grenze zur Karikatur. Seltsamerweise entsteht dadurch kein Bruch; auch im vorliegenden Roman wird der eigentlich recht düstere Tenor der Handlung durch Dalziels unorthodoxes Verhalten nie konterkariert, sondern dort und dann ein wenig aufgehellt, wo es die Handlung nötig hat.

Dalziel ist dabei – auch das ein Indiz für das Reginald Hills schriftstellerisches Talent – ein polternd-kauziger Falstaff, der jedoch auf seine ganz besondere Art einfühlsam und rücksichtsvoll sein kann. Hill macht deutlich, dass man es hier mit dem buchstäblichen Herz aus Gold unter einer besonders rauen Schale zu tun hat. So bangt Dalziel mit Pascoe und seiner Frau um deren schwer erkrankte Tochter, die seine Ersatz-Familie darstellen. Ebenso hält er seine schützende Hand über Sergeant Wield, dessen Homosexualität ihn bei seinen wenig toleranten Vorgesetzten karrieremäßig längst auf ein Abstellgleis gebracht hätte.

 Das singuläre Böse als Indiz für grundsätzliche Missstände

Der eigentliche Kriminalfall rückt immer wieder in den Hintergrund der Handlung. Das liegt durchaus in der Absicht des Autors; Reginald Hill wies in Interviews immer wieder darauf hin, dass er die Dalziel-&-Pascoe-Kriminalromane auch als Vehikel einsetzte, um seine Meinung über bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände kundzutun. Sein besonderes Augenmerk richtete er dabei anders als viele ähnlich inspirierte Autorenkollegen weniger auf die Stadt, sondern auf das Land.

Hill wurde zu einem Chronisten der Dörfer. Seiner Meinung nach hat hier eher unbemerkt eines der größten Fehlentwicklungen stattgefunden: die Zerstörung einer traditionsreichen und bewährten Lebensform sowie daraus hervorgehend das Ende eines Gemeinschaftsgeistes und eines Zusammenhalts, das die Menschen früher gegen die Widrigkeiten des Lebens bestehen ließ.

Mit dem von der fernen Regierung beschlossenen Untergang von Dendales fand auch die Dorfgemeinschaft ihr Ende. Sie hat sich von diesem Schlag nicht mehr erholt. („You could say that in a sense it is about the greatest crime of the century – the destruction of community spirit and a whole way of life in England during the past fifteen years”, drückte es Hill selbst in einem Kommentar zu seinem 1994 erschienenen Dalziel-&-Pascoe-Krimi „Pictures of Perfection“ – dt. „Der Schrei des Eisvogels“ aus.) Zusammen mit den Ruinen von Dendales taucht das Böse, das durch das Ende des Dorfes entstand, wie in einem Gruselfilm, d. h. sehr symbolstark, aus der unbewältigten Vergangenheit auf.

Anspruch ohne Furcht & Kopfweh

Hills schriftstellerisches Talent wird auch in der spielerischen Souveränität deutlich, mit der er sich der Regeln der Kriminal-Genres bedient. Ganz verschlüsselt und im Gewand klassischer, tatsächlich aber geschickt abgewandelter und ironisierter Zitate gibt er seinen Lesern Hinweise, die es ihnen theoretisch ermöglichen, den Fall selbst zu lösen. Das verwandelt einen Hill-Roman zumindest für den ehrgeizigen Übersetzer in eine harte Nuss. Erfreulicherweise wurde diese in unserem Fall erfolgreich geknackt.

Dalziel, Pascoe und Co. wissen niemals mehr als der Leser. Die Vernehmungsprotokolle der Betsy Allgood (ein ironisches Wortspiel; es bleibt nicht allein) kennt er früher als die ermittelnden Polizisten. Der Autor kann es sich sogar erlauben, mit dem (Original-) Titel des Buches das Rätsel der verschwundenen Kinder zu lüften; man muss sein Handwerk schon verstehen, um erfolgreich solche Spielchen treiben zu können!

Ihrem Erfolg hat weder die Botschaft noch das akademische Spiel keinen Abbruch getan – im Gegenteil: Reginald Hill wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Dalziel-&-Pascoe-Romane dienten außerdem als Vorlage einer gern gesehenen Fernsehserie, die in 61 Folgen zwischen 1996 und 2007 ausgestrahlt wurde.

Autor

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im Nordosten Englands geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Cumbria, wo Reginald seine gesamte Kindheit verbrachte. Später studierte er an der University of Oxford und arbeitete bis 1980 als Lehrer in Yorkshire, wo er auch seine beliebte Reihe um die beiden Polizisten Andrew Dalziel und Peter Pascoe ansiedelte.

Deren Abenteuer stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller war fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst: nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science Fiction. Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell.

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau. Dies schlug sich u. a. in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ (dt. „Die dunkle Lady meint es ernst“ bzw. „Mord auf Widerruf“) zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte ein „Diamond Dagger“. Reginald Hill lebte mit seiner Frau Pat in Cumbria. Dort ist er am 12. Januar 2012 einer schweren Krankheit erlegen.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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Der Schrei des Eisvogels

Ein nasses Grab

Welch langen Weg die Toten gehen

Das Haus an der Klippe

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