Das Double

Colin Forbes
Das Double


Originaltitel: The Leader and the Damned (London: Collins 1983)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (gebunden): 1985 (Marion von Schröder Verlag)
519 S.
ISBN-13: 978-3-547-72853-8
Neuausgabe: 2001 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/6719)
526 S.
ISBN-13: 978-3-453-02322-2

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Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat …

Um die Verwirrung komplett zu machen, hat sich in der britischen Spionageabwehr ein sowjetischer Maulwurf eingegraben. Er verrät Lindsays Mission an Moskau. Der „Specht“, ein weiterer Sowjet-Agent im „Führerhauptquartier“, kann mit weiteren Informationen dienen. Kuby und Bormann müssen die Briten und die Sowjets an den Nasen herumführen, um zu vertuschen, dass es den echten Hitler nicht mehr gibt. Das Täuschungsprojekt ist gigantisch, und die Beteiligten können gefährliche Fehler nicht vermeiden …

Historischer Wendepunkt als Ansatz

Was wäre, wenn … Mit diesen drei Worten beginnt so manche spielerische Diskussion zwischen Historikern. Geschichte ist Vergangenheit und damit ein Fluss erstarrten Geschehens, das sich zwar deuten aber nicht mehr ändern lässt. Nur theoretisch ist nachträglich auszuloten, was geschehen könnte, wäre es möglich, im Oberlauf die Strömung ein wenig umzuleiten. Hier ist es der Tod von Adolf Hitler, einer wahrhaft zentralen Gestalt der Weltgeschichte. Diese wäre völlig anders abgelaufen, hätte es ihn nach 1923 erwischt. Je weiter wir uns dem Schicksalsjahr 1945 nähern, desto spektakulärer wären die Folgen.

Colin Forbes wählt das Jahr 1943. Eine kluge Entscheidung, denn hier schien der Fluss der Geschichte kurz zu stocken, bevor er in ein neues Bett zu fließen begann. Nach der Stalingrad-Katastrophe war es vorbei mit dem scheinbar ungebremsten Vorstoß der deutschen Kriegsmaschine an allen Fronten. Die Waagschalen begannen sich gegen das Reich zu senken. Noch schien die Partie unentschieden zu sein. Wer jetzt den richtigen Zug machte, bog auf die Gewinnerstraße ein. Das konnten aus zeitgenössischer Sicht auch die Deutschen sein.

In diese prekäre Situation platziert Forbes sein Garn vom Hitler-Double, das den echten „Führer“ ersetzen muss. Bereits dieser Rollentausch führt zu einer schier endlosen Kette bedrohlicher Krisen und Komplikationen, die der Verfasser in immer neue und spannende Szenen zu kleiden weiß. Die Dynamik wird intensiviert, als Forbes einen britischen Doppelagenten einführt, der seinerseits durch einen Sowjet-Spion überwacht wird. Zudem hat der zweite Hitler eigene Pläne, die über ein Marionettendasein weit hinausgehen.

Kuby/Hitler und Bormann, Lindsay und der „Specht“: Sie bilden ein Dreieck, das sich in den nächsten Monaten und Jahren immer wieder dreht und mit der Spitze in eine andere Richtung weist. Den Lauf der realen Geschichte darf Forbes nicht allzu drastisch ändern, um seinem Thriller die Glaubwürdigkeit zu erhalten, aber hinter den Kulissen kann er mit den Fakten spielen und sie zu einem alternativen Mosaik der Vergangenheit zusammensetzen. Das Ergebnis überzeugt, weil der Autor die Balance zwischen Tatsache und Spekulation findet und zu halten weiß.

Darf man das?

„Das Double“ gehört in eine Nische des Historien-Romans, die hierzulande verständlicherweise besonders aufmerksam beobachtet wird. Die Schrecken des „Dritten Reiches“ sind sehr real – nach Ansicht vieler Kritiker so real, dass man sie keineswegs als Kulisse für reine Unterhaltung einsetzen, d. h. Schindluder mit ihnen treiben darf. Die „Siegermächte“ sehen dies lockerer. Es fehlt das Gefühl der Verantwortung für das Grauen. Ersetzt wird es durch die Gewissheit, die Schrecken beendet zu haben.

Dies ist selbstverständlich eine arg verkürzte Deutung. Sie erklärt indes das sachte Unbehagen, das den deutschen Leser vielleicht erfasst. Dabei ist „Das Double“ nicht mehr als eine spannende Geschichte, über weite Strecken sogar nur eine Hetzjagd durch Nazi-Mitteleuropa mit den üblichen Zwischenfällen, Fallen und Fluchten in letzter Sekunde. Forbes hat dies nie anders geplant. Die Realität, d. h. hier besonders die realen Figuren des „Dritten Reiches“, nutzt er, um der Handlung Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Wer „Das Double“ deshalb für einen Roman mit Sachbuch-Anspruch hält, ist selbst Schuld und hält womöglich auch „Hogan’s Heroes“ (dt. „Ein Käfig voller Narren“) für eine historische Dokumentation.

Figuren in einem braunen Schachspiel

Die Figurenriege lässt sich in zwei Gruppen teilen. Da haben wir zum einen fiktive Gestalten wie Ian Lindsay, den „Specht“ oder Christa Lundt. Hier kann sich Autor Forbes darauf beschränken, bekannte Rollenbilder mit Leben zu füllen. Lindsay ist natürlich der mutige Agent im Dienst des Guten, der sich manchmal die Finger schmutzig bzw. blutig machen muss, um diesem zum Sieg zu verhelfen. Als Figur, welche die Handlung voranbringt, erfüllt er seinen Zweck. Besondere Tiefe ist nicht erforderlich und wird von Forbes auch nicht angestrebt. Lindsay ist aus diversen Elementen des Thriller-Genres zusammengesetzt.

Dies gilt auch für seine imaginären Mitspielerinnen und Mitspieler. So ist Christa Lundt in erster Linie deshalb mit an Bord, weil sogar eine Geschichte, die in frauenfeindlichen Nazi-Kreisen spielt, auf eine weibliche Hauptfigur nicht verzichten kann. Womöglich verirrt sich ja auch eine Leserin in die Forbes-Ecke der Buchhandlung; auch auf deren Geld hat man es schließlich abgesehen … Ansonsten ist Lundt klug und hübsch, hat aber nicht wirklich viel zu sagen, sondern wird als Kristallisationspunkt emotionaler Verwicklungen eingesetzt. Recht bald wird sie zudem von der handfesten Paco abgelöst, die viel besser in diese Kriegszeit passt, d. h. so beschäftigt damit ist, den Nazis in die Suppe zu spucken, dass sie ihr Liebesleben bis auf weiteres ad acta gelegt hat.

Gruppe Zwei umfasst die realen Figuren wie Hitler und seine Gang, Stalin & Co. Sie verhalten sich so, wie es diejenigen historischen Sachbücher, die Forbes zwecks Recherche gelesen hat, den Originalen zuschreiben. Je höher die Informationsdichte, desto enger wird der Spielraum, in dem der Verfasser sich bewegen kann. Deshalb ist Hitler/Kuby der Hitler, wie wir ihn aus diversen Büchern und TV-Filmen zu kennen glauben. Über den für die Nazi-Geschichte bedeutenden Bormann ist bzw. war weniger bekannt, sodass Forbes hier mehr Spielraum besitzt. Aus Eva Braun macht Forbes ein hohlköpfiges Flittchen – eine weitere Drehung an der Spannungsschraube und die letzte Bestätigung, dass wir „Das Double“ als seltsame aber funktionstüchtige Variante der Unterhaltungsliteratur beurteilen sollten.

Autor

Colin Forbes wurde als Raymond Harold Sawkins 1923 in Hampstead, London geboren. Im Alter von 16 Jahren begann für einen Magazin- und Buchverlag als Mitherausgeber zu arbeiten. Den II. Weltkrieg erlebte Sawkins als Soldat in Nordafrika und im Mittleren Osten. Kurz vor Kriegsende wurde er in den Mitarbeiterstab einer Armeezeitung in Rom versetzt. Nachdem man ihn aus der Armee entlassen hatte, nahm Sawkins seine Verlagstätigkeit wieder auf. Zwei Jahrzehnte arbeitete er in der Branche. Erst in den 1960er Jahren begann er sich eine Zweitkarriere als Unterhaltungsschriftsteller aufzubauen.

„Snow on High Ground“, sein Erstling, wurde unter seinem richtigen Namen 1966 veröffentlicht. Es folgten zwei Fortsetzungen. In den nächsten Jahren prüfte Sawkins den Buchmarkt, indem er Thriller schrieb, in denen er mit Themen und Stilen spielte. Dazu bediente er sich der Pseudonyme Richard Raine, Jay Bernard und Colin Forbes. Dessen erster Roman wurde „Tramp in Armour“ (1969, dt. „Gehetzt“).

Beim Publikum kamen die Forbes-Bücher am besten an. Also blieb Sawkins zukünftig bei diesem Alter Ego und legte einen Reißer pro Jahr vor: Kriegsgeschichten, Katastrophenromane, Politthriller. 1984 gelang ihm mit dem Super-Agenten Tweed ein echter Publikumsknüller, dessen Abenteuern er sich seitdem ausschließlich widmete.

Tweed ist ein James Bond ohne Glamour, den Forbes durch den inneren Zwang zur bedingungslosen Terroristen-Austilgung ersetzte. Die grobschlächtigen, oft durch unfreiwilligen Humor und völlige Realitätsferne glänzenden Machwerke fanden reißenden Anklang bei Forbes‘ anspruchslos gewordener Leserschaft und wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.

Colin Forbes lebte und arbeitete in Surrey südlich von London, nachdem ihn Steuerprobleme bis in die späten 1970er Jahre nach Irland vertrieben hatten. Er starb am 23. August 2006 an einem Herzinfarkt.

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