Das Fremdenhaus

Reginald Hill
Das Fremdenhaus

Originaltitel: The Stranger House (New York : HarperCollins 2005)
Übersetzung: Dietmar Schmidt
Deutsche Erstausgabe (geb.): Mai 2007 (Ehrenwirth Verlag/Lübbe)
541 S.
ISBN-13: 978-3-431-03704-3
Neuausgabe: November 2008 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 15935)
541 S.
ISBN-13: 978-3-404-15935-2

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Das geschieht:

Illthwaite ist ein kleines Dorf in der englischen Provinz Cumbria. Seit Jahrhunderten lebt hier eine nicht unbedingt harmonische doch verschworene Gemeinschaft, die es gewohnt ist, Probleme intern zu lösen und der Außenwelt die kalte Schulter zu zeigen. Dabei ist es im Verlauf der Zeit mehrfach zu definitiv illegalen Aktivitäten gekommen, auf die man zum Teil stolz ist, während man weniger schmeichelhafte Ereignisse sorgfältig geheim zu halten sucht.

Nun kommen gleich zwei Besucher von sehr weit her nach Illthwaite, wo sie Nachforschungen über ihre Familien bzw. einen bestimmten Kirchenmann anstellen möchten. Samantha Flood, eine Mathematik-Studentin, reist aus Australien an, weil sie feststellen möchte, wieso ihre Großmutter, die hier im Ort ansässig gewesen sein soll, vor mehr als vier Jahrzehnten und noch als Kind davongejagt wurde.

Der Spanier Miguel Madero, der einst Priester werden wollte und nun als Historiker seine Doktorarbeit schreibt, interessiert sich für einen katholischen Priester, der in Illthwaite geboren und zur Zeit Heinrichs VIII. ‚undercover‘ im protestantisch gewordenen England tätig wurde, wobei er der reformatorischen Inquisition in die Hände fiel.

Die beiden jungen Leute sind sich sogleich herzlich unsympathisch. Dabei täte Zusammenhalt Not, denn die Bürger von Illthwaite mauern. Samantha wird vorgegaukelt, es habe nie eine Familie Flood im Ort gelebt, obwohl sie bald eindeutige Gegenbeweise entdeckt. Auch Miguel, der sich zwecks seiner Studien bei Nachfahren besagten Priesters, einquartiert hat, kommt einem düsteren Geheimnis auf die Spur. Obwohl durch Jahrhunderte getrennt, scheint das uralte Fremdenhaus von Illthwaite – nun ein Gasthaus – im Mittelpunkt übler Ereignissen gestanden zu haben, die einige Bürger um jeden Preis im Verborgenen halten wollen …

Geschichte kann (hässlich) zyklisch sein

Wann ist die Gegenwart ‚tot‘ und wird zur Vergangenheit? Bezeichnet „Geschichte“ Zeiträume, die isoliert von der Gegenwart existieren? Falls nein: Gibt es eine Frist, binnen derer Geschichte verjährt? Das scheinen akademische Fragen zu sein, die höchstens den Fachmann interessieren – ein Irrtum, wie Sam Flood und Mig Madero stellvertretend für uns Leser feststellen bzw. feststellen müssen.

Reginald Hill erzählt in „Das Fremdenhaus“ von zwei Verbrechen in zwei Vergangenheiten. In beiden Fällen macht er deutlich, dass diese Geschichten keinesfalls abgeschlossen sind. Was Sam Flood angeht, kann dies auch der Laie verstehen: Ihrer Familie und letztlich ihr selbst wurde vor viereinhalb Jahrzehnten bitteres Unrecht angetan. Viele von denen, die dabei zentrale Rollen spielten, sind noch am Leben und zählen zu den prominenten und ehrbaren Bürgern von Illthwaite. Ihre Taten mögen gesetzlich abgesichert sein. Moralisch haben sie sich freilich eines schweren Vergehens schuldig gemacht. Das wissen sie genau und scheuen deshalb die Konfrontation, die auch ein Aufdecken ihres Handelns bedeuten würde.

Miguel Madero hingegen unterschätzt – obwohl er es als Historiker eigentlich besser wissen müsste – die Macht der Tradition. Die wird in Illthwaite sehr groß geschrieben. Alte Familien mögen stolz sein auf schwarze Schafe – Wüstlinge, Straßenräuber, Hexenjäger -, deren Schurkereien nur noch (touristisch profitable) Nostalgien darstellen. Manche Verbrechen sind allerdings auch nach langer Zeit so anrüchig, dass die Nachfahren sie der Öffentlichkeit lieber vorenthalten.

Dorfleben als Schauspiel mit doppeltem Boden

Wobei sich die Geschichte zu wiederholen scheint: Schon bevor Sam und Mig den oberflächlichen Frieden stören, herrscht Unfrieden im Dorf. Die gegenwärtige Generation der Woollasses hat nichts aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Vor allem Frederika, die ebenso schöne wie durchtriebene Tochter des Hauses, sorgt für diverse Konflikte, in die sie den ansehnlichen spanischen Gast problemlos integriert. Die Dörfler hüten ihre eigenen Geheimnisse, die den scharfen Blick des Gesetzes (oder der Presse) schwerlich erfreuen würden.

Was da genau vorgeht in Illthwaite, enthüllt uns Verfasser Hill ebenso langsam wie meisterhaft. „Das Fremdenhaus“ folgt dabei nicht den klassischen Konventionen des Kriminalromans. Seit jeher spielt Hill gern mit den Regeln des Genres, die er zu Recht nicht als bindend betrachtet. Dieses Werk beginnt wie einer der „Landhaus“-Krimi, für die englische Autoren berühmt geworden sind: In idyllischer, von der Moderne beinahe vergessener Umgebung ereignet sich ein Verbrechen, das gemütlich und unter Wahrung der berühmten „steifen Oberlippe“ aufgelöst wird.

Die bekannten Elemente lassen sich durchaus feststellen: malerische Kulissen, kauzige Figuren, trockener Humor. Aber Hill spielt mit uns. Unter der ruhigen Oberfläche geht es gar nicht komisch zu. Abgeschiedenheit, so macht er uns klar, bedeutet keineswegs schlichte Reinheit oder gar Unschuld. Zweitens: Die Zeiten mögen sich ändern, doch grundsätzliche Regeln des menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens bleiben aktuell. Niemand hat – wieder einmal – aus der Geschichte gelernt, und so entsteht in Illthwaite neues Unrecht aus zwar tief gründenden aber sehr lebendigen Wurzeln.

Die Vergangenheit macht sich selbstständig

Illthwaite ist ein überaus anschaulich in Szene gesetzter Mikrokosmos. In seinem Vorwort erläutert Reginald Hill, dass er selbst seit langer Zeit in Cumbria lebt und deshalb Land und Leute gut kennt – so gut, dass es ihm Unbehagen bereitete, eine so düstere Geschichte quasi unter seinen Nachbarn spielen zu lassen. Illthwaite existiert nicht, seine Einwohner sind ebenfalls Fiktionen, doch wie sagt Hill so schön: „Auch wenn ich die ganze Geschichte erfunden habe, ist sie deshalb noch lange nicht erfunden.“ (S. 8).

Die Vertrautheit mit der cumbrischen Geschichte – Vergangenheit und Gegenwart – wird ebenso deutlich. Hill war immer ein Autor, der keinen Grund sah, aus seiner Belesenheit einen Hehl zu machen; manche seiner Romane bedürfen – obwohl doch ‚nur‘ Krimis – eines Anmerkungsapparats, um spielerisch in die Zeilen eingestreute Zitate und Anspielungen zu entschlüsseln. Hier übernehmen dies Miguel Madero und eine ganze Reihe von Amateurhistorikern. Ihre Anstrengungen sind nötig, denn Cumbria ist historischer Boden durch und durch, buchstäblich getränkt von einer vieltausendjährigen Geschichte.

Hill deutet darüber hinaus an, dass die Zeit in Cumbria nicht immer linear verläuft. Zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart mag es Berührungspunkte oder Portale geben. Über Geister wird in Illthwaite nur scheinbar gescherzt. Miguel muss sich mit Visionen aus alter Zeit plagen. Gleich zwei heidnisch-christliche Kreuze stellen Kristallisationspunkte mysteriöser Ereignisse dar. Die Grenzen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits vermischen sich in Illthwaite gern. Wie Hill es uns schildert (oder besser erzählt), erscheint uns das völlig logisch.

Was sich neckt, liebt sich hier nicht

Zwei historische Verbrechen und zwei moderne Menschen: Wiederum gibt es unterschwellige Verbindungen. Sam Flood repräsentiert die Frau von Heute. Sie kommt aus Australien, einst britische Kolonie, deren Bewohner mit einer gewissen Herablassung behandelt werden; sie gelten als zupackende aber geistig eher schlichte Pioniergestalten ohne den intellektuellen Hintergrund des Mutterlandes. Sam passt in diese Schublade; sie steht mit beiden Beinen fest im realen Leben, reagiert auf Zurechtweisungen der ‚Ureinwohner‘ betont trotzig und stößt diese erst richtig vor die Köpfe. Als Mathematikerin kategorisiert und berechnet sie die Welt, in der für das Übernatürliche oder gar Gott kein Raum bleibt. So ist es kaum verwunderlich, dass sie in Illthwaite scheel angeschaut wird, noch bevor sie die wahren Gründe für ihr Kommen enthüllt.

Sams vergeistigtes Gegenstück ist der junge Miguel Madero, ein Historiker, der einst Priester werden wollte, bevor er nach einem Unfall an seiner Berufung (aber nicht an seinem Glauben) zu zweifeln begann. Miguel wirkt älter als er an Jahren ist, da er sich stets (zu) viele Gedanken macht. Seine Intelligenz ist gleichzeitig sein Hemmschuh, denn er betrachtet Illthwaite und seine Geschichte als historisches Phänomen und verkennt die Präsenz der Vergangenheit.

Üblicherweise müssten sich Sam und Mig zusammentun, gemeinsam in diverse Gefahren geraten, das Illthwaite-Rätsel schließlich lösen und sich dabei auch menschlich näherkommen. Auch hier dreht Hill uns (bzw. der „Lady-Thriller“-Leserfraktion) (zunächst) eine lange Nase: Unsere beiden Helden können sich überhaupt nicht leiden, und was sich neckt, das muss sich noch lange nicht lieben.

Knalleffekt ohne Echo

Weiterhin bricht Hill mit der (scheinbaren) Konvention, die Bewohner abgeschiedener englischer Dörfer als eindimensionale, kauzige Witzbolde zu karikieren. Die Bürger von Illthwaite haben ihre Eigenheiten, doch diese pflegen sie nicht, um damit uns Leser zu amüsieren. Sie sind, wie ihre raue Umgebung sie geformt hat. Hinter der sorgfältig kultivierten Landei-Fassade kommen sehr normale, d. h. persönliche Geheimnisse hütende Zeitgenossen zum Vorschein. Kein Wunder, dass sie aufgebracht reagieren. Gastfreundschaft ist ein Privileg, das hier tunlichst nicht missbraucht werden sollte. Pech für Sam und Mig, dass sie als Auswärtige ihre Grenzen nicht erkennen.

Vielleicht zieht sich Autor Hill ein wenig zu leicht aus der Affäre, wenn er zum Schluss ein gewaltiges, ‚reinigendes‘ Feuer ausbrechen lässt. Doch auch dies geschieht mit der ihm eigenen Ironie, denn ein Epilog erzählt davon, dass die Auflösung der Illthwaite-Mysterien keineswegs die erwarteten Happy-Endings mit sich bringt. Ohnehin wartet Hill mit einem finalen Knalleffekt auf, der nur ihm, dem allwissenden Erzähler, bekannt ist, während Sam, Mig & die Bürger von Illthwaite ahnungslos bleiben. Der Autor behält das letzte Wort, und weil er es über mehr als 500 Seiten überaus elegant führte, sei es ihm gegönnt.

Autor

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im Nordosten Englands geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Cumbria, wo Reginald seine gesamte Kindheit verbrachte. Später studierte er an der University of Oxford und arbeitete bis 1980 als Lehrer in Yorkshire, wo er auch seine beliebte Reihe um die beiden Polizisten Andrew Dalziel und Peter Pascoe ansiedelte.

Deren Abenteuer stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller war fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst: nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science Fiction. Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell.

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau. Dies schlug sich u. a. in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ (dt. „Die dunkle Lady meint es ernst“ bzw. „Mord auf Widerruf“) zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte ein „Diamond Dagger“. Reginald Hill lebte mit seiner Frau Pat in Cumbria. Dort ist er am 12. Januar 2012 den Folgen einer schweren Krankheit erlegen.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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