Das Geheimnis der Goldmine

Agatha Christie
Das Geheimnis der Goldmine
(Miss-Marple-Serie, Bd. 6)

Originaltitel: A Pocket Full of Rye (London : William Collin’s Sons 1952/New York : Dodd, Mead & Co. 1954)
Deutsche Erstausgabe: 1956 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 88)
Übersetzung: George S. Martin
190 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (geb.): 2002 (Scherz Verlag)
Übersetzung: Milena Moser
256 S.
ISBN-10: 3-502-11126-X
Neuausgabe: 2005 (Fischer Verlag/Fischer TB 16542)
Übersetzung: Milena Moser
256 S.
ISBN-13: 978-3-596-16542-1
Neuausgabe: September 2015 (Atlantik Verlag/TB Nr. 65056)
Übersetzung: Milena Moser
222 S.
ISBN-13: 978-3-455-65056-3
eBook: September 2015 (Atlantik Verlag)
893 KB
ISBN-13: 978-3-455-17059-7

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Das geschieht:

„Consolidated Investment Trust“ lautet der Name der Firma, doch hinter dem pompösen Namen steckt der nur vorgeblich ehrenwerte Rex Fortescue. Tatsächlich ist er ein Schwarzhändler, Schieber und Schurke, dem die Polizei nie etwas nachweisen konnte. Auch privat ist Fortescue ein Widerling, der mit seinen beiden Söhnen im Streit liegt, unlängst eine deutlich jüngere Frau geehelicht hat und seit einiger Zeit mit dem Geld um sich wirft. Damit ist nun Schluss, denn Fortescue wird mit Taxin umgebracht. Dieses Gift wird aus den Beeren der Eibe hergestellt, was Inspector Neele, dem dieser Fall übertragen wird, aufhorchen lässt: Die Familie Fortescue residiert außerhalb Londons in dem Städtchen Baydon Heath und dort in einem Anwesen, das „Zur Eibe“ genannt wird, weil dieses Nadelholz um die Villa reichlich wuchert.

Die Ermittlungen gestalten sich nichtsdestotrotz schwierig, denn Neele steht einer kopfstarken Gruppe verdächtiger Hausbewohner gegenüber, die in der Mehrzahl nicht einmal vorgeben, um Rex Fortescue zu trauern. Gattin Adele etwa betrügt ihn mit dem windigen Lebemann Vivian Dubois. Sohn und Teilhaber Percival hat sich mit dem Vater überworfen, der ohne sein Wissen den vor Jahren verstoßenen Sohn Lancelot aus Afrika rief; offenbar wollte er diesen ins Familiengeschäft zurückholen, weshalb dem empörten Percival der plötzliche Tod des Vaters sehr entgegenkommt.

Auch Percivals Gattin, die alte Tante Effie Ramsbotton oder die undurchsichtige Haushälterin Mary Dove hätten Gründe, den Hausherrn auszuschalten. Endgültig schwimmen Neele die Felle davon, als Adele und das Hausmädchen Gladys umgebracht werden. Ihr Tod stört Miss Jane Marple auf, die schon manchen Mord vor der Polizei aufklären konnte. Sie reist nach Baydon Heath und stellt so lange scheinbar nutzlose Fragen, bis sie den Schlüssel zum Rätsel dieses Dreifachmordes gefunden hat …

Alte Häsin kennt alle Tricks

Findet sich in der Anzugtasche eines Mannes, der gerade durch ein ungewöhnliches Gift zu Tode kam, eine ansehnliche Menge Roggenkörner, weckt das nicht nur das Interesse der ermittelnden Polizei, sondern auch die Aufmerksamkeit jedes Lesers, der zu einem Kriminalroman gegriffen hat, dessen Auftaktmord auf diese Weise veredelt wurde. In unserem Fall erhöht sich eine ohnehin gesteigerte Erwartung, denn dieser Krimi wurde von Agatha Christie geschrieben, die über viele Jahre genau wusste, wie man ein Publikum fesselt, ohne es durch desillusionierende Realitäten oder plakative Gewalt zu verstören.

Da Christie selbst die ohnehin überschaubaren Schauplätze des „klassischen“ englischen Kriminalromans bereits abgegrast hatte – dies sogar mehrfach – und außerdem eine ebenso hart wie ökonomisch arbeitende Autorin war, stand die Suche nach einem originellen Schauplatz nicht unbedingt weit oben auf ihrer Liste. Selbst Christie-Krimis, die im Ausland und an Bord eines Schiffes, Zuges oder Flugzeuges spielten, blieben ‚Looked-Room-Mysteries“: An einem von der Außenwelt isolierten Ort ereignet sich ein Verbrechen, das zunächst ‚unmöglich‘ wirkt. Die Schar der Verdächtigen ist identisch mit den Anwesenden. Als Anhängerin des „fairen“ Spiels achtete Christie darauf, den Täter im großen Finale nicht aus dem berüchtigten Hut zu ziehen. Schurke musste stets jemand sein, der uns ausgiebig vorgestellt wurde. Selbst Hinweise auf die Schuld lassen sich zumindest beim wiederholten Lesen entdecken; wir haben sie nach dem Willen der Autorin, die trickreich für Ablenkung sorgte, einfach nicht zur Kenntnis genommen.

Also findet sich in „Das Geheimnis der Goldmine“ eine höchst verdächtige Gesellschaft auf dem englischen Land und dort in den Mauern eines angemessen abgelegenen Landsitzes zusammen. Zwar gibt es Strom und ein Telefon, und das Automobil ist zum Zeitpunkt des Geschehens – die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – längst erfunden. Dennoch genügen schlechtes Wetter und Dunkelheit nach dem Willen der Autorin, um den Topf auf dem Deckel = die Fortescues u. a. potenzielle Finsterlinge in der Villa „Zur Eibe“ festzuhalten.

Alte Dame oder Spinne im Netz?

1952 war Agatha Christie sowohl produktiv als auch einfallsreich genug, der Leserschaft in ihrem 45. Kriminalroman zu geben, was diese verlangte. Die scheinbare Betulichkeit, die vor allem mit den Miss-Marple-Geschichten verbunden wird, ist freilich nur oberflächlich. Sie resultiert vor allem aus den vier Marple-Filmen, in denen Margaret Rutherford zwischen 1961 und 1964 die Titelrolle spielte. Christie selbst hielt trotz des großen Publikumserfolgs wenig von diesen Filmen; sie vermisste u. a. jene Untertöne, die sie in ihre Marple-Krimis einfließen ließ.

Darüber hinaus ärgerte sie der Verzicht auf ihre Interpretation der Jane Marple, die sämtliche Klischees der harmlosen, neugierigen, unauffälligen alten Dame vorsätzlich instrumentalisiert hat, um ihrer wahren Leidenschaft zu folgen: der Verbrecherjagd. Noch in der viktorianischen Ära geboren, stand für sie eine kriminalistische Laufbahn gänzlich außer Frage. Deshalb musste Jane Marple sich ihren eigenen Weg bahnen. Dazu benötigte sie nicht nur Intelligenz, sondern auch eine Entschlossenheit, die auf ein Wesen hindeutet, das keineswegs ihrem Äußeren entspricht. Jane Marple ist eher Sherlock Holmes als Margaret Rutherford. Ihre sozialfürsorglichen Aktivitäten sind zielgerichtet, ihr Blick auf die Menschen kühl bzw. unsentimental.

Selten hat Christie IHRE Miss Marple so deutlich charakterisiert wie mit den letzten Sätzen dieses Romans: „Nach dem Mitleid kam der Zorn, Zorn auf den herzlosen Mörder. Und dann wurden beide Emotionen von aufsteigendem Triumph verdrängt – Triumph, wie ihn ein Wissenschaftlicher empfinden mochte, der eben aus einem Kieferknochen und zwei Zähnen ein ausgestorbenes Tier rekonstruiert hat.“ (S. 222) Jane Marples Gewissen wird rein sein, wenn dank ihrer Hilfe der Mörder am Henkersstrick baumelt: DAS ist ganz gewiss keine reizende alte Dame!

Vornehme Fassade, bröckelige Struktur

Vordergründig führt Inspector Neele die Ermittlungen. Christie präsentiert ihn keineswegs als den typischen Polizei-Trottel, der dem Detektiv vor allem im Weg steht. Stattdessen nutzt die Autorin sehr elegant Neeles Handicap, um Miss Marple in das Geschehen zu integrieren. Das zeitgenössische England war (und ist es wohl auch heute) ein Ständestaat. War man schon nicht adlig, dann wenigstens reich. Selbst ein Aufsteiger wie Rex Fortescue, der ganz unten irgendwo in Mitteleuropa geboren wurde und seinen Namen änderte, galt als vornehm, solange er in keinen Skandal verwickelt wurde und die Fassade wahren konnte.

Schon die Anwesenheit der Polizei im Heim eines „Gentleman“ barg die Gefahr, ins gesellschaftliche Abseits zu geraten. Neele weiß dies, und da er selbst seinen Platz in der sozialen Hierarchie hat und kennt, will und muss er die Fortescues höflich und vorsichtig behandeln, statt sie mit Hausdurchsuchungen oder offensiven Fragen in die Zange nehmen zu können. Miss Marple gehört nicht zur Ordnungsmacht. Als Gast des Hauses – hier der alten Miss Ramsbottom – entfällt der Aspekt der Bedrohung. Solange Miss Marple die Formen wahrt – was sie als Teil ihrer Ermittlungen ohnehin verinnerlicht und perfektioniert hat -, wird man offener mit ihr als mit Inspector Neele reden.

Diese Erkenntnis lässt Neele Miss Marples Unterstützung suchen. Er steht unter Druck, denn der scheinbar rasch aufzuklärende Mord an Rex Fortescue entwickelt sich zum polizeilichen Albtraum: Zwei weitere Morde geschehen, die eigentlichen Verdächtigen haben Alibis, die weniger Verdächtigen verabscheuten sowohl Hausherr als auch Hausherrin, die Indizien lassen sich nicht mit den tatsächlichen Mordabläufen in Einklang bringen oder bleiben gänzlich rätselhaft: der Roggen in der Tasche, tote Amseln in der Pastete, die Wäscheklammer auf der Nase der erdrosselten Gladys …

Kunstvoll verschlungen: der Weg zur Lösung

Nur nachträglich lassen sich die echten Spuren von den Nebelkerzen trennen, die Christie zündet, um ihre Leser unterhaltsam zu foppen. Viel Gewese wird um seltsame Vorfälle in der „Eibe“ gemacht, die sich als reale Umsetzung eines alten Kinderliedes entpuppen: „A Pocket Full of Rye“ ist ein Zitat aus „Sing a Song of Sixpence“, dessen Text erstmals um 1750 niedergeschrieben wurde. Christie nutzte gern alte und bekannte Reime, deren Harmlosigkeit einen unterhaltsamen Kontrast zu den mörderischen Ereignissen bot, in die sie eingebunden waren. (Eine Auswahl: „And Then There Was None“ – „Und dann gab’s keines mehr“, 1939; „One, Two, Buckle My Shoe“ – „Das Geheimnis der Schnallenschuhe“, 1940; „Hickory Dickory Dock“ – „Die Kleptomanin“, 1955). Hierzulande mussten solche Anspielungen verpuffen, weshalb man alternative Titel schuf. „Das Geheimnis der Goldmine“ wirkt wie ein Fehlgriff, doch hier hat jemand nach- und sich etwas ausgedacht, das die Doppeldeutigkeit des Originaltitels aufgreift.

Dieses Mal arbeitet Christie ein wenig zu intensiv mit Andeutungen, die sich nachträglich als irrelevant erweisen; dies warfen schon zeitgenössische Kritiker der Autorin vor. Auch muss die Wahrscheinlichkeit im Finale wie ein Kopfkissen geknufft und geschüttelt werden, damit die Auflösung bequem darauf liegen kann. Wie so oft ist der Weg zum Rätsel interessanter als dessen Lüftung.

Hier fasziniert primär die Meisterschaft, mit der Christie eine wahrlich fürchterliche Familie darstellt! Selbst der zurückhaltende Inspector Neele spricht es irgendwann aus: Unter dem Dach der „Eibe“ leben ausschließlich unangenehme Menschen. Unerfüllte Träume, Charakterschwächen, Betrug und Lügen: Dies ist nur ein Ausschnitt aus der Palette von Übeltaten, die Christie mit sichtlicher Freude am boshaften Spiel benutzt. Selbst wenn der sechste Roman mit Miss Marple nicht zu den Meisterwerken der Autorin gehören sollte, bietet er die Unterhaltungskunst einer Autorin, die genau weiß, wie sie uns manipulieren muss!

„Das Geheimnis der Goldmine“ in Film und Fernsehen

Erstmals wurde dieser Roman kurioserweise in der Sowjetunion verfilmt, wo man die Krimis der ‚kapitalistischen‘ Agatha Christie ebenfalls gern las und lesen durfte. „Tayna chyornykh drozdov“ (= „Das Geheimnis der Schwarzdrosseln“) entstand 1983. Miss Marple wurde von der in Estland geborenen Schauspielerin Ita Ever gespielt.

Selbstverständlich griff die BBC im Rahmen der Erfolgsserie „Miss Marple“ auf den Roman zurück. Joan Hickson (1906-1998) spielte die Hauptrolle 1985. Für die Serie „Agatha Christie‘s Miss Marple“ übernahm Julia McKenzie. Dieses „Geheimnis der Goldmine“ entstand 2009.

Autorin

Agatha Miller wurde am 15. September 1890 in Torquay, England, geboren. Einer für die Zeit vor und nach 1900 typischen Kindheit und Jugend folgte 1914 die Hochzeit mit Colonel Archibald Christie, einem schneidigen Piloten der Königlichen Luftwaffe. Diese Ehe brachte eine Tochter, Rosalind, aber sonst wenig Gutes hervor, da der Colonel seinen Hang zur Untreue nie unter Kontrolle bekam. 1928 folgte die Scheidung.

Da hatte Agatha (die den Nachnamen des Ex-Gatten nie ablegte, da sie inzwischen als „Agatha Christie“ berühmt geworden war) ihre beispiellose Schriftstellerkarriere bereits gestartet. 1920 veröffentlichte sie mit „The Mysterious Affair at Styles“ (dt. „Das fehlende Glied in der Kette“) ihren ersten Roman, dem sie in den nächsten fünfeinhalb Jahrzehnten 79 weitere Bücher folgen ließ, von denen die Krimis mit Hercule Poirot und Miss Marple weltweite Bestseller wurden.

Ein eigenes Kapitel, das an dieser Stelle nicht vertieft werden kann, bilden die zahlreichen Kino und TV Filme, die auf Agatha Christie Vorlagen basieren. Sie belegen das außerordentliche handwerkliche Geschick einer Autorin, die den Geschmack eines breiten Publikums über Jahrzehnte zielgerade treffen konnte (und sich auch nicht zu schade war, unter dem Pseudonym Mary Westmacott sechs romantische Schnulzen zu schreiben).

Mit ihrem zweiten Gatten, dem Archäologen Sir Max Mallowan, unternahm Christie zahlreiche Reisen durch den Orient, nahm an Ausgrabungen teil und schrieb auch darüber. 1971 wurde sie geadelt. Dame Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 als bekannteste Krimi Schriftstellerin der Welt. (Wer mehr über Leben und Werk der A. C. erfahren möchte, wende sich hierher.)

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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