Das Geheimnis der weißen Schuhe

Ellery Queen
Das Geheimnis der weißen Schuhe

(Ellery-Queen-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: The Dutch Shoe Mystery (New York : Frederick A. Stokes 1931)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Das zerrissene Schuhband“): 1932
Ullstein Verlag (Die gelben Ullstein-Bücher 156)
Übersetzung: Werner Illing
252 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 2002 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminal-Bibliothek 1115)
Übersetzung: Monika Schurr
311 Seiten
ISBN-13: 978-7701-6704-2

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Das geschieht:

New York City in den „Goldenen Zwanzigern“ des 20. Jahrhunderts: Das „Dutch Memorial Hospital“ zählt zu den modernsten Krankenhäusern der Stadt, weil eine reiche Frau von einem geradezu unamerikanischen Drang zur Nächstenliebe beseelt wird. Abigail Doorn, seit einigen Jahren Witwe, schaut oft und gern in ‚ihrem‘ Hospital nach dem Rechten. Dort schätzt man die freundliche Gönnerin, auch wenn sie manchmal ein wenig launisch ist.

Daher ist die allgemeine Bestürzung groß, als Abigail bei einem Sturz im „Dutch Memorial“ schwer verletzt wird. Zufällig anwesend ist Ellery Queen, Berater der Kriminalpolizei von New York sowie Verfasser gern gelesener Kriminalromane. Eigentlich wollte er nur einen alten Freund besuchen, aber der führt den Ellery als Ehrengast in den OP. Aus der blutigen Vorstellung wird freilich nichts, denn als Abigail Doorn hineingerollt wird, ist sie bereits tot – erdrosselt mit einem Stück Blumendraht.

Ellery alarmiert seinen Vater, Inspektor Richard Queen, lässt das Krankenhaus abriegeln und beginnt sogleich mit den Ermittlungen. Die Schar der Verdächtigen ist groß, weil viel Vermögen im Spiel ist. Einige Hinterbliebene könnten froh über Abigails Ableben sein, denn es sichert ihnen ein schönes Erbe. Außerdem gibt zu denken, dass der gefürchtete Gangsterboss „Big Mike“ Cudahy als Patient ins „Dutch Memorial“ eingeliefert wurde.

Dann stellt sich heraus, dass die alte Dame ihr Testament neu verfasst, aber noch nicht unterschrieben hatte, was jene ins Zwielicht geraten lässt, die mit erheblichen finanziellen Einbußen hätten rechnen müssen. Wie man es dreht und wendet: Verdächtig sind sie alle, doch Beweise gibt es nicht, es sei denn, es gelingt Ellery Queen, ein Paar weißer Krankenhausschuhe zum Sprechen zu bringen …

Das Rätsel als Maß aller Dinge

1928 betrat Ellery Queen in „The Roman Hat Mystery“ (dt. „Der mysteriöse Zylinder“) die imaginäre Welt der Kriminal-Literatur. Viele rätselhafte Mordfälle folgten. „Das Geheimnis der Weißen Schuhe“ ist erst das dritte überhaupt. Es gehört in die „1. Queen-Periode“, die neun Romane der Jahre 1929 bis 1935 umfasst. Sie tragen stets das Wort „Mystery“ im (Original-)Titel und sind als „Wer-war-es?“-Krimis zum Mitraten konzipiert.

„Das Geheimnis der Weißen Schuhe“ gilt als einer der besten, weil in seiner Form reinsten Krimis der Serie. Der Leser weiß stets genauso viel (oder wenig) wie Ellery Queen. Vor dem Schlussakt wird die Handlung durch einen Hinweis unterbrochen, der genau daran noch einmal erinnert und dazu auffordert, die bis dahin ausgelegten Indizien zu prüfen; hat man bei der Lektüre nicht geschlafen, sondern wachsam mitgearbeitet, müsste es möglich sein, zu denselben Schlüssen wie Ellery Queen zu gelangen.

Rührend anachronistisch mutet heute das Geheiß (oder die Zumutung) an, über 250 Druckseiten kleine und kleinste Spuren zu suchen, zu finden und zu verknüpfen, statt sich Täter und Motiv auf dem goldenen Tablett liefern zu lassen. Natürlich gibt’s diesen Service für Denkfaule trotzdem; schon damals machten sich die Verfasser keine Illusionen über ihr Publikum.

Immerhin ist das schlechte Gewissen noch da, wenn man sich seine Ratlosigkeit eingestehen muss: Die Kunst des Kniffelns & Knobelns ist offensichtlich irgendwann ausgestorben in den vielen Jahrzehnten, die seit der Auflösung des Schuh-Rätsels verstrichen sind. Ihr Rezensent musste jedenfalls frühzeitig die Waffen strecken; ob man sich beim Lesen Notizen machen sollte?

Der schmale Grat zwischen Rätsel und Schema

Die Kapitulation mag allerdings auch darin begründet sein, dass sich der gute Ellery ein wenig zu eng einem alten Dichter-Motto verschrieb, das da lautet: „Reim dich, oder ich leim dich!“ Anders gesprochen: So ganz kann die zudem in altmodisch-ermüdender Breite dargelegte Auflösung nicht überzeugen. Der Queen-Purist und Verehrer mag ob solcher Lästerung aufheulen, aber bei nüchterner Betrachtung ist dem einfach so – und schlimmer: Da gibt es weitere Einwände, die sich schwer widerlegen lassen.

Selbst ein Miträtsel-Krimi, der zwangsläufig primär im Hinblick auf das Ermittlungsspiel konstruiert wird und erst in zweiter Linie auf Spannung getrimmt werden kann, darf eines ganz sicher nicht: auf der Stelle treten. „Das Geheimnis des weißen Schuhs“ zerfällt definitiv in drei Teile: Der Tatort und die Figuren des sich anspinnenden Dramas werden vorgestellt, ein Mord geschieht (Nr. 1); die Ermittler gehen an die Arbeit und überprüfen diverse Alibis (Nr. 2); dem Unhold wird die Maske vom Gesicht gerissen (Nr. 3).

Teil 1 bereitet dem Leser großes Vergnügen. Ein Krankenhaus in der ‚Steinzeit‘ der modernen Medizin ist ein Schauplatz, der inzwischen exotisch wirkt. Queen bevölkert es zudem mit recht einprägsamen Gestalten, die er geschickt und unauffällig zugleich durch die weiten Säle und Flure des „Dutch Memorial“ wandern lässt, das auf diese Weise den Lesern zum vertrauten Ort wird. (Wem es an entsprechender Vorstellungskraft mangelt, kann auf einen vorsorglich abgedruckten Lageplan schauen.)

Der Mord an Abigail Doorn ist der gelungene Höhepunkt dieser turbulenten Auftakt-Kapitel. Dann kehrt freilich Stillstand ein. Viele falsche und echte Spuren müssen überprüft werden. Das geschieht in ermüdender Ausführlichkeit; Queen Sohn & Vater drehen sich im Kreis, immer neue Verdächtige tauchen auf und treten wieder ab, während die Handlung sich nicht weiterentwickelt. So ist die kriminalistische Realität; Ellery wird nicht müde darüber zu jammern, was einen Kriminal-Roman aber auch nicht spannender macht.

Es gipfelt im großen Finale

Die eigentliche Klärung der Täterschaft – ganz genrekonform werden die möglichen Mörder an einem Ort zusammengeführt, wo sie der Detektiv in einem theatralisch-dramatischen Finale gegeneinander ausspielt und schließlich jene Person entlarvt, auf die man sicherlich zuletzt getippt hätte – kann das nur zum Teil ausgleichen. Stattdessen wird es erst recht theoretisch und sehr trocken, während Ellery Queen seiner Leserschaft haarklein beschreibt, wie er auf des Rätsels Lösung gestoßen ist. Auch hier merken wir deutlich, dass wir Unterhaltungsliteratur aus einer versunkenen Welt lesen: 1931 war der Leser wohl bereit, viel Zeit und Grips in einen Kriminalroman zu investieren, statt sich passiv thrillen zu lassen, aber er verlangte dann auch genaue Rechenschaft vom Verfasser, der ihm gefälligst nicht die Zeit mit faulen Tricks und doppelten Böden stehlen sollte! Damit kann man dem Publikum heute nicht mehr kommen. Seien wir ehrlich: Nach der zähen Lektüre diverser „Schuh“-Kapitel wissen wir, dass früher nicht automatisch alles besser war!

Genug geklagt, denn selbst ein ‚mittelmäßiger‘ Ellery Queen-Krimi ist ein Mühlstein am Hals zeitgenössischer und moderner Trittbrettfahrer, die dreist „Whodunit“-Kopien und bräsige Idyllentümelei in Serie fabrizieren. Ellery Queen ist in jeder Hinsicht ein Original und muss primär nach den Maßstäben seiner Zeit gemessen werden. Dass er dann auch heute noch leicht bestehen kann, zeichnet den echten Klassiker aus.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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