Das Geheimnis des Schachtisches

Heinz Herford
Das Geheimnis des Schachtisches

Originalausgabe
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel „Ein Napoleon wird gesucht“]: 1933 (Goldmann Verlag)
225 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1953 (Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane K 66)
190 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Jimmy Dale, Jung-Reporter beim „Morning Herald“ in London, langweilt sein Routineauftrag, der ihn ins vornehme Auktionshaus Christie’s führt. Die Versteigerung nimmt jedoch eine medienwirksame Wendung, als Sir Robert Letton, ein bekannter Antiquitätensammler, unter alten Möbeln einen Schachtisch entdeckt, den er für 55 Pfund erwerben kann. Der Zuschlag ist gerade erfolgt, als ein Mann in den Saal stürmt und 5000 Pfund für den Tisch bietet!

Die Sensation ist groß, zumal Letton das Angebot ausschlägt. Er hat erkannt, auf welchen Schatz er gestoßen ist: Der Schachtisch gehörte einst dem französischen Kaiser Napoleon Bonaparte, dem er lieb und teuer war! Jimmy Dale wittert eine Story, und Letton lädt ihn in sein Heim ein, wo er seine Neuerwerbung untersuchen will. Doch schon auf dem Weg dorthin wird Lettons Chauffeur überfallen und kann sich sowie den Tisch nur knapp retten. In der folgenden Nacht wird ein Einbrecher aus Letton Hall vertrieben: Jemand weiß offenbar, was der Tisch wert ist, und will ihn um jeden Preis an sich bringen.

Allerdings geht es nicht um den Geldwert, wie Letton und Dale erfahren, als Jack Douglas sich einschaltet. Er arbeitet für Scotland Yard und kann nicht nur den Mann identifizieren, der 5000 Pfund für den Schachtisch ausgeben wollte, sondern diesen – George Peloux mit Namen – als Mitglied einer Bande entlarven, die unter dem Deckmantel einer Exporthandelsgesellschaft Drogen ins Land schmuggelt. Leider gingen die Verbrecher bisher so umsichtig zu Werke, dass man ihnen nichts nachweisen konnte. Umso wertvoller wird der Schachtisch. Er scheint in seinem Inneren etwas zu verbergen, das die Gauner unbedingt an sich bringen wollen. Dies bietet Scotland Yard die Möglichkeit, eine Falle zu stellen. Nicht nur Lennox und Dale, sondern auch Lennox‘ Tochter Bessie helfen freudig der Polizei – und bringen sich dadurch in Lebensgefahr …

Rätsel mit Rumms

„Trittbrettfahrer“ ist ein Wort, das gut zum hier vorgestellten Roman passt, stammt dieser doch aus einer Zeit, als die Automobile tatsächlich über Trittbretter verfügten, die unterhalb der Türen seitlich weit aus der Karosserie ragten. Man konnte dort Reserveräder oder Gepäck verstauen – oder mitfahren; zeitgenössische Filme zeigen gern Schießereien, denen gefechtsunterlegene Gauner entkommen, indem sie beherzt auf die Trittbretter bereits anfahrender „Kraftdroschken“ springen.

Was hier scheinbar ausschweifend als Einleitung dient, belegt eine Besonderheit: „Das Geheimnis des Schachtisches“ ist ein Rätselkrimi, der einerseits in England spielt, ohne von einem englischen Autoren geschrieben zu sein, während er andererseits einen im Genre eher untypischen Anteil turbulenter Action-Elemente aufweist. Es wird geprügelt, geschossen und verfolgt, dass Leser, die klassische Detektive eher behäbig ermittelnd kennen, nur staunen können.

Die Kombination aus „Whodunit“ und Abenteuer bekommt einer Handlung, die ansonsten dort statisch zu werden droht, wo allzu intensiv die Geschichte des Schachtisches aufgedröselt wird. Der Verfasser formuliert dem feinen Möbelstück quasi eine Expertise, die durchaus spannend ist und von ausgeprägter Sachkenntnis kündet, in dieser Breite jedoch unnötig und kontraproduktiv wirkt. Glücklicherweise wird es immer wieder hektisch, weil diverse Übeltäter unter Nutzung modernster Methoden die genannte Antiquität an sich bringen wollen.

Die zeitlose Vergangenheit

Wobei „modern“ mit dem Jahr 1933 gleichzusetzen ist, in dem dieser Roman (unter dem Titel „Ein Napoleon wird gesucht“) ursprünglich erschienen ist. (Man erkennt es u. a. an der wiederholten Erwähnung des „Tonfilms“, der offensichtlich noch eine Novität darstellt.) Ob im Rahmen der Wiederveröffentlichung inhaltlich oder formal in den Text eingegriffen wurde, muss an dieser Stelle offenbleiben. Die Bearbeitung schloss jedenfalls eine ‚Aktualisierung‘ nicht ein – die richtige Entscheidung, da „Das Geheimnis des Schachtisches“ einer solchen nicht bedurfte und bedarf: Auch im 21. Jahrhundert liest sich dieser Roman erstaunlich flüssig. Altmodische Worte und Redewendungen stören nicht, sondern tragen zum Charme einer Geschichte bei, die schon 1933 auf Realitätsbezüge wenig Rücksicht nahm.

Stattdessen pflückte sich Autor Herzog aus dem Genre Kriminalroman und der realen Gegenwart heraus, was ein spannendes Garn ergeben könnte. Er orientierte sich sichtlich an einem Vorbild: Edgar Wallace (1875-1933) feierte mit simplen, wie am Fließband produzierten aber publikumswirksam gestrickten Thrillern enorme Erfolge. Da lag es nahe, dieses Schwungrad nicht neu zu erfinden, sondern es für den Vortrieb der eigenen Schriftstellerkarriere zu übernehmen.

Auch bzw. gerade in Deutschland fiel dieser Gedanke auf fruchtbaren Boden, denn hier galt schon lange vor den Wallace-Filmen der 1960er Jahre die Formel „Krimi = Edgar Wallace“, was vor allem dem Wilhelm-Goldmann-Verlag zu verdanken war, der damals noch in Leipzig residierte. 1926 hatte Goldmann mit der Veröffentlichung von Kriminalromanen begonnen und damit nicht nur einen langen Atem, sondern auch ein gutes Händchen bei der Auswahl von Autoren gezeigt, die (übersetzt) ihr deutsches Publikum fanden. Edgar Wallace wurde zu einer der tragenden Säulen des Verlages, der trotz der Emsigkeit dieses Autoren den Bedarf nicht decken konnte bzw. noch Raum für ‚Als-ob-Wallace‘-Krimis ließ – ein Planungsgedanke, der nach dem überraschenden Tod des Bestsellerproduzenten umso dringlicher wurde.

London Calling

Louis Weinert-Wilton (= Alois Weinert, 1875-1945) und Ferry Rocker (= Eberhard Friedrich Worm, 1896-1973) gehörten zu den deutschen Autoren, die sich in Serie von Wallace ‚inspirieren‘ ließen. Zu ihnen gesellten sich andere, weniger aktive Schreiber, die wie ihre Werke heute oft vergessen sind. Einer von ihnen ist „Heinz Herford“, der sich als Person und Schriftsteller diesem Rezensenten bisher entzieht.

Das ist schade, denn Herford bemüht sich durchaus, sich vom Vorbild abzuheben und diesbezügliche Lesererwartungen unterhaltsam zu täuschen. Dazu gehört ein final gedoppelter Plot: Der geheimnisvolle Schachtisch ist buchstäblich zweifach geladen. Die zentrale Story scheint bereits ein gutes Stück vor dem tatsächlichen Ende restlos aufgeklärt, als sie im Rahmen eines Quasi-Epilogs eine zwar in der Geschichte angelegte aber trotzdem überraschende Wendung bzw. Erweiterung erfährt. Hier muss der Leser gewissen Übertreibungen in Kauf nehmen, da dem Verfasser den Effekt eindeutig über die Logik stellt sowie etwas zu ausführliche Erklärungen erforderlich sind, um die Plots zu verleimen.

Glücklicherweise hält sich Herford nie allzu lange damit auf, die Logik aufholen zu lassen; er bleibt ihr gern ein Stück voraus. Dabei half der Blick auf das zeitgenössische Kino mit seinen „Sensationsfilmen“ zwischen Fritz Lang („Spione“, „Das Testament des Dr. Mabuse“) und Harry Piel („Abenteuer im Nachtexpress“, „Schatten der Unterwelt“). Ermittler dieses Schlages mussten nicht nur genial, sondern auch durchtrainiert sein, denn ihre Gegner nutzten Automobile, Schnellboote, Flugzeuge, Eilzüge, hinzu kamen Funk, Telefon u. a. moderne Kommunikationsmittel. Das Tempo zog an; auch Scotland Yard ist bei Herzog auf der Höhe der Zeit.

Das Verbrechen ist längst ‚global‘. Es hat sich organisiert und verbindet Kontinente; schon deshalb ist die Technik wichtig geworden. Gauner agieren sachlich und ziehen die Flucht dem intellektuellen Wettkampf mit der Polizei vor. Ein spielerisches Element führt Herzog daher mit der Figur des „Meisterdiebs“ ein, dem die Planung eines Coups und dessen reibungsloses Gelingen sowie die elegante, gewaltlose Täuschung seiner Verfolger dank immer neuer Maskierungen jederzeit wichtiger als der Geldwert der Beute ist: In diesem Punkt hat Herzog den ‚sportlichen‘ Charakter des Krimis als Wettkampf zwischen Verbrechen und Gesetz erhalten.

Alt & neu

Der „Meisterdieb“ stammt aus den USA, das nicht nur als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ und damit verbundener Freiheiten, sondern um 1930 nicht grundlos auch als Heimat eines ‚neuen‘, gleichermaßen ökonomisch ausgerichteten wie brutal vorgehenden Verbrechens galt, dem Männer wie Al Capone buchstäblich ein Gesicht gaben.

Das Restensemble ist ebenfalls typisch. Esprit, Wissen und (adlige) Gelassenheit sowie den Glanz einer glanzvollen Vergangenheit repräsentiert Sir Robert Letton, der außerdem den rätselkrimitypischen, d. h. einsam gelegenen, verwinkelten und unzureichend beleuchteten Landsitz zur Verfügung stellt. Darüber hinaus gibt es jemanden, der gleichermaßen übereifrig wie unerfahren ist, um auf diese Weise das ansonsten dominierende Expertentum auszugleichen: Jimmy Dale ist ein „rasender Reporter“ und war als solcher schon vor Jimmy Olsen längst ein Klischee.

Selbstverständlich gehörte zum abenteuerlichen Kriminalroman eine zünftige Liebesgeschichte. Auch hier geht Herzog auf Nummer Sicher und spinnt sogar eine Doppel-Romanze. Der altmodische Sir Robert hat eine ungemein zeitgenössische „Flapper“-Tochter, die natürlich bereit ist, nach Abschluss der ereignisreichen Handlung den Ehehafen anzusteuern. Hinzu kommt ein „patentes Mädel“ aus der werktätigen Klasse, die ebenfalls zur richtigen Frau (d. h. geheiratet) wird.

Krimi-Klassik entstand auf diese Weise nicht. „Das Geheimnis des Schachtisches“ ist ein reizvolles Beispiel für jene Brot-&-Butter-Literatur, die damals wie heute das Gros der feilgebotenen Unterhaltungsliteratur darstell(t)en. Originell mögen sie nie gewesen sein, aber Lese-Spaß konnten und können sie ungeachtet aller Schwächen problemlos bieten!

Autor

Wer war „Heinz Herford“? Hat er nur diesen einen Roman veröffentlicht? Handelt es sich um ein Pseudonym? Zumindest dieser Rezensent tappt im Dunkeln und ist deshalb dankbar für aufklärende Hinweise!

Copyright © 2015 by Michael Drewniok (md)

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