Das Geheimnis des weißen Bandes

Anthony Horowitz
Das Geheimnis des weißen Bandes

Originaltitel: The House of Silk (London : Orion 2011)
Übersetzung: Lutz-W. Wolff
Deutsche Erstausgabe (geb.): Dezember 2011 (Insel Verlag)
352 S.
ISBN-13: 978-3-458-17543-8
Neuausausgabe: März 2013 (Insel Verlag/Insel TB 4215)
352 S.
ISBN-13: 978-3-458-35915-9
Audio-Book: Dezember 2011 (Jumbo Neue Medien)
4 CD (= 310 min. Laufzeit; gekürzte Ausgabe), gesprochen von Johannes Steck
ISBN-13: 978-3-8337-2868-6

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Das geschieht:

Ende November des Jahres 1890 konsultiert der Kunsthändler Edmund Carstairs den berühmten Privatermittler Sherlock Holmes. Er hatte mit einem reichen Amerikaner ein Geschäft abgeschlossen und war dabei in Boston an die „Flat Cap Gang“ geraten. Voller gerechter Empörung über deren kriminelles Treiben hatte Carstairs zu deren Verfolgung aufgerufen. Tatsächlich wurde die Bande gestellt und aufgerieben. Auch Rourke O’Donaghue, einer der beiden Anführer, hatte den Tod gefunden, während sein Zwillingsbruder Keelan entkommen und Rache schwören konnte. Jetzt meint Carstairs Keelan in England entdeckt zu haben. In Ridgeway Hall, sein Landhaus in Wimbledon, wird eingebrochen. Carstairs fürchtet um das Leben seiner jungen Gattin Catherine. Sherlock Holmes soll nach Keelan fahnden und ihn gefangen setzen lassen.

Der Detektiv ist einverstanden, der Fall ganz nach seinem Geschmack. Holmes‘ Interesse wächst noch, als er den Verdächtigen – der nicht Keelan ist – tot in einem schäbigen Hotel findet. Er hatte ihn mit Hilfe der „Baker Street Irregulars“ aufgespürt, einer Horde von Straßenkindern, die Holmes oft als Fahnder einsetzt. Als kurz darauf einer der „Irregulären“ grausam ermordet wird, rührt sich Holmes‘ Gewissen. Bei der Leiche findet sich ein weißes Seidenband: Dies ist das Markenzeichen des „House of Silk“, einer Geheimorganisation, der auch hochrangige Angehörige der britischen Regierung, des Adels und der Polizei angehören.

Mycroft Holmes, der für den Geheimdienst tätig ist, warnt seinen jüngeren Bruder, der dennoch seine Neugier nicht zügeln kann. Sherlock Holmes unterschätzt die Macht der ausgezeichnet vernetzten Bande und tappt in eine Falle. Plötzlich gilt der Detektiv als drogensüchtiger Frauenmörder. Er wird gefangengenommen, vor Gericht gestellt und soll hinter Gittern verschwinden. Dr. Watson bemüht sich im Bund mit Inspektor Lestrade, die wahren Schuldigen zu entlarven …

Ist er jemals fortgewesen?

„Der neue Sherlock Holmes Roman“, lesen wir noch über dem Titel auf dem Cover, und auf der Rückseite prangt das Siegel des „Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate“. Das eine soll eine literarische Sensation ankündigen, das andere ein Versprechen sachkundig abgesegneter Qualität darstellen. Beides stellt in erster Linie Werbegetöse dar: Ein neuer Sherlock-Holmes-Roman ist sicherlich keine Sensation, nicht einmal etwas Besonderes, und Sir Arthur Conan Doyles Erben hüten weniger die schriftstellerischen Interessen ihres lange toten Ahnen, sondern vor allem ihre Einnahmen aus einer Pfründe, die sie bei Bedarf recht aggressiv verteidigen.

Sie versuchen es jedenfalls, denn das Copyright an Doyles Holmes-Geschichten ist längst erloschen. Obwohl sein Schöpfer 1930 starb, ist Sherlock Holmes dennoch lebendiger denn je. Die vier Romane und 56 Kurzgeschichten, die den „Kanon“  bilden, stehen tief im Schatten jenes Gebirges, zu dem sich die Holmes-Pastiches auftürmen. Schon zu Doyles Lebzeiten gab es Holmes-Geschichten (und Parodien), die nicht aus seiner Feder geflossen waren. Doyle sah dies gelassen, denn seine Holmes-Storys brachten aus seiner Sicht Geld ins Haus, mit dem er seinen Lebensunterhalt angenehm bestreiten sowie jene Bücher schreiben konnte, die ihm wichtig waren. Dass dieser Teil seines Werkes heute weitgehend vergessen ist, während ihn jeder für Sherlock Holmes rühmt, gehört zu den Treppenwitzen der Literaturgeschichte.

Seit in den 1980er Jahren genanntes Copyright auslief, vergeht kein Jahr ohne neue Holmes-Kriminalfälle. Der Detektiv hat bereits gegen Außerirdische und Gespenster ermittelt, wurde als Roboter, Zombie oder Computerprogramm reinkarniert und auch sonst auf seine Verwandlungs- und Verwendungsfähigkeiten überprüft. Dem missbilligend gegenüber stehen die Puristen, denen der „Kanon“ quasi heilig ist. Neue Holmes-Geschichten müssen für sie die alten Tugenden transportieren, die Doyle selbst als Problem erkannte: Welche Herausforderung bietet dem Schriftsteller eine Figur, die sein Publikum gern unverändert sieht?

Eine Frage der Balance

Schon die originalen Geschichten der 1920er Jahren boten aus der Zeit gefallene Krimi-Unterhaltung. Die Leser sahen Holmes am liebsten in einem noch viktorianisch regierten England ermitteln. Daran hat sich nichts geändert. Anthony Horowitz erfüllte der Nostalgiker-Fraktion ihren Wunsch und ließ Holmes das Geheimnis des weißen Bandes Anno 1890 lüften. London im Winter bildet den angenehm altmodischen aber dennoch spannenden Hintergrund für eine Handlung, die Doyle wohl gefallen aber auch peinlich berührt hätte.

Laut Horowitz dauerte es acht Jahre von der Idee bis zum fertiggestellten Roman. Dabei ist er eigentlich ein schneller Schreiber. Problematisch war eher der Ballast, den Sherlock Holmes mit sich herumschleppt. Der Autor musste herausfinden, wie er die Figur wahren konnte, ohne sie zur Karikatur ihrer selbst erstarren zu lassen. Man darf ihm gratulieren: Horowitz‘ Holmes ist einerseits ganz der alte, während wir ihn andererseits in Gefilden sehen, die Doyle verschlossen blieben.

Horowitz lässt Dr. Watson die ‚Schuld‘ dafür auf sich nehmen. Der gealterte Chronist gibt mehrfach freimütig zu, in seinen Schilderungen die Schattenseiten Londons ausgespart zu haben. Als wahrer Viktorianer ersparte er moralstreng seinen Lesern Abenteuer, die Holmes in Milieus führten, die durch Armut, Krankheit und vor allem Prostitution geprägt waren. Diese Verhältnisse spiegelten eine soziale Ungerechtigkeit wider, die durch eine gleichgültige bzw. um ihre Privilegien bangende Oberschicht konserviert wurde. Machtmissbrauch und Korruption innerhalb der Regierung waren für Doyle ebenfalls allzu heiße Eisen. Er sparte sie auch deshalb aus, weil eine unterhaltsame Kriminalgeschichte aus seiner Sicht der falsche Ort für sozialkritische Töne gewesen wäre.

Das Problem der Konsequenzen

Horowitz muss im 21. Jahrhundert auf solche Befindlichkeiten keine Rücksicht mehr nehmen. Glücklicherweise fällt er nicht von einem Extrem ins andere und lässt Holmes zum Sozialarbeiter und Regimekritiker mutieren. Stattdessen konfrontiert Horowitz ihn mit den abermals von Doyle verschwiegenen oder heruntergespielten Folgen seiner Detektivarbeit. So spricht Watson erstmals offen aus, dass die meisten Verbrecher, die Holmes so kunstvoll überführte, am Galgen endeten. Die „Irregulären“, die Doyle malerisch verkommen als Handlanger auf- und vor allem wieder abtreten lässt, werden bei Horowitz zu Angehörigen eines Lumpenproletariats, das auch Holmes nur bei Bedarf registriert und instrumentalisiert. Erst der grausame Tod eines jugendlichen Spähers setzt ein Umdenken in Gang: Holmes stellt sich der Tatsache, moralische Schuld auf sich geladen zu haben.

Deutlich angesprochen wird auch die Bigotterie und Verlogenheit einer Oberschicht, die den „unteren Klassen“ nicht nur den Aufstieg verwehrt, sondern sie buchstäblich bis aufs Blut auspresst. Horowitz gibt seiner Geschichte zwei Plots. Während die Geschichte einer komplizierten Rache ganz im Doyle-Stil entwickelt und aufgeklärt wird, thematisiert eine Parallelhandlung allzu reales Verbrechen.

Im Rahmen einer vorsichtigen Neuausrichtung ergreift Horowitz die Gelegenheit, auch andere Scharten auszuwetzen. Doyle kümmerte sich wenig um die logische Geschlossenheit des „Kanons“. Daraus resultiert u. a. eine Chronologie, die den Holmes-Forschern seit jeher Kopfzerbrechen bereitet. Außerdem ging Doyle aus heutiger Sicht allzu unbekümmert mit zum Teil beliebten Figuren um. Mrs. Hudson, die vielgeprüfte Eigentümerin des Hauses Baker Street 221b, existiert einfach, ohne dass Doyle sie je einer biografischen Erwähnung würdigte. Aus Inspektor Lestrade machte Doyle eine unsympathische und lächerliche Gestalt, um Holmes, den genialen Amateur-Ermittler, umso heller erstrahlen zu lassen. Horowitz gleicht hier aus und erdet auch die „Irregulären“ besser in ihrem historischen Umfeld.

Darüber vergisst Horowitz die Spannung nicht. Ein spektakulärer Gefängnisausbruch, eine Hetzjagd per Kutsche, ein Duell in einem dunklen Lagerhaus. „Das Geheimnis des weißen Bandes“ bietet das Beste aus den Holmes-Welten, die längst ein Holmes-Multiversum bilden. Deshalb dürfte der eingangs erwähnte „Literary Estate“ freudig die Gelegenheit genutzt haben, sich über sein Siegel in Erinnerung zu bringen: Hier zeugt es in der Tat von Unterhaltungsqualität!

Autor

Der am 5. April 1955 in der englischen Grafschaft Middlesex geborene Anthony Horowitz bezeichnet sich als unglückliches (und übergewichtiges) Kind, das die Schule hasste und sich nur in der umfangreichen Bibliothek seines Vaters geborgen fühlte. Seine Mutter unterstützte seine Liebe zur phantastischen Literatur; schon der junge Anthony wollte Schriftsteller werden.

Horowitz studierte Englische Literatur an der Universität von York, die er 1977 mit einem „Batchelor of Arts“ verließ. Bereits zwei Jahre später erschien sein erstes Buch. „The Sinister Secret of Frederick K Bower“ („Das finstere Geheimnis“) war ein humorvoller, spannender Abenteuerroman für Kinder – ein Publikum, das Horowitz in den nächsten Jahrzehnten ausgiebig mit Lesestoff versorgte.

1983 siedelte Horowitz nach Paris um. Hier entstand „The Devil’s Door-Bell“, der erste Teil der „Pentagramm“-Serie. Nach seiner Mitarbeit an der TV-Serie „Robin of Sherwood“ (1984-1986) konzipierte er 1987 die Serie „Crossbow“, deren Held der Schweizer Nationalheld Wilhelm Tell war. 1986 erschien „The Falcon’s Malteser“ („Die Malteser des Falken“), der erste Teil der bis heute lose fortgesetzten Krimi-Komödie um die beiden „Diamond Brothers“ Tim, einen erfolglosen Privatdetektiv, und seinen jüngeren Bruder Nick. Für „Grossham Grange“ („Schule des Grauens“), die Geschichte eines übernatürlich begabten Schülers, wurde Horowitz 1989 mit einem „Lancashire Children’s Book of the Year Award“ ausgezeichnet.

In den 1990er Jahren erweiterte Horowitz sein Schaffensspektrum. Er schrieb nun verstärkt für Fernsehkrimi-Serie wie „Agatha Christie’s Poirot“ (ab 1991), „Anna Lee“ (1994), „Crime Traveller“ (1997) oder „Barnaby“ (ab 1997). Sehr erfolgreich wurde ab 2000 seine Serie um den jugendlichen Geheimagenten Alex Rider, deren erster Band („Das Geheimnis von Port West“/„Stormbreaker“) 2006 nach Horowitz‘ eigenem Drehbuch verfilmt wurde. Ein erster Roman ausdrücklich für ein erwachsenes Publikum war 2004 „The Killing Joke“.

Seit 1988 verheiratet, lebt Horowitz in London. Über sein umfangsreiches Werk informiert diese Website.

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