Das Gemälde. Eine Geistergeschichte

hill-gemaelde-coverSusan Hill
Das Gemälde
Eine Geistergeschichte

Originaltitel: The Man in the Picture. A Ghost Story (London : Profile Books 2007)
Übersetzung: Susanne Aeckerle
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2009 (Knaur Verlag/Nr. 66350)
158 S.
ISBN-13: 978-3-426-66350-9

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Das geschieht:

Dr. Theo Parmitter, in der englischen Elite-Universität Cambridge als Kunsthistoriker berühmt und inzwischen alt geworden, erzählt seinem ehemaligen Studenten und Freund Oliver von einem rätselhaften Bildnis, das er vor Jahrzehnten erwarb und welches seitdem sein Leben beeinflusst und beeinträchtigt. Es entstand 1797 und zeigt eine venezianische Karnevalsgesellschaft. Verkleidete Personen tummeln sich in und vor Palästen und Kanälen – ein eigentlich unverfängliches, ja triviales Motiv, das hier jedoch eine unheimliche Sogwirkung auf den Betrachter ausübt.

Parmitter kennt die Geschichte des Gemäldes, seit ihn die Gräfin von Hawdon darüber in Kenntnis setzte. Sie hatte in ihrer Jugend Lawrence, den Grafen, kennen und lieben gelernt. Doch der Edelmann hatte bereits der schönen Clarissa Vilgo die Ehe versprochen. Von ihrem Bräutigam sitzen gelassen, schwor sie bittere Rache. Zur Hochzeit schickte sie dem Paar besagtes Bild, das die Gräfin sofort in Angst und Schrecken versetzte. Als sie mit ihrem Gatten wenig später eine Italienreise unternahm, verschwand dieser in Venedig unter mysteriösen Umständen. Kurz darauf musste die Gräfin entsetzt feststellen, dass sich das Gemälde selbstständig um eine Szene ergänzt hatte, die ihren Ehemann als hilfloses Opfer einer Entführung zeigte.

Die böse Clarissa ist längst tot, aber ihr Geist scheint das Bildnis weiterhin zu beleben. Parmitter spürt seinen unheilvollen Einfluss, und auch Oliver ist nicht immun. Obwohl Clarissas Rache vollendet wurde, blieb ihr Zorn ungebrochen. Er richtet sich nunmehr gegen die Besitzer des Gemäldes, wie Parmitter und später Oliver zu ihrem Leidwesen erfahren müssen …

Schaurig schöner Grusel ist zeitlos

Die „gotische“ Geistergeschichte ist ein Kind des 18. Jahrhunderts. Mit ihrer Vorliebe für offensiv schaurige Schauplätze wie Burgruinen, Friedhöfe oder verwunschene Landhäuser konnte sie nicht nur die zeitgenössischen Leser fesseln. Formal und inhaltlich einer angenehm schauerlichen Vergangenheit zugewandt, fand sie ihr Publikum auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, zumal sich wahre Meister der Phantastik ihrer annahmen.

Einer der größten Geisterbeschwörer der Schriftsteller-Zunft war Montague Rhodes James (1862-1936). Seine gleichzeitig schnörkellosen und wunderbar ziselierten, auf den größtmöglichen Effekt hinarbeitenden, nie rührseligen oder abschweifenden und vor allem von durchweg bösartigen Gespenstern bevölkerten Geschichten haben bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren. Ihr Alter ließ sie nicht verstauben, sondern nostalgisch glänzen.

M. R. James fand bereits zu seinen Lebzeiten zahlreiche Bewunderer und Nachahmer. Es bildete sich eine regelrechte „James-Gang“, die Geistergeschichten seines Stils verfassten. Auch nach dem Tod des Meisters entstanden und entstehen solche Storys. Dass James‘ Einfluss noch heute stark ist, belegt jetzt Susan Hill mit ihrem Kurzroman „Das Gemälde“. Es ist nicht ihr erster Versuch, den Grusel à la James aufleben zu lassen. Zuvor erschienen bereits „The Woman in Black“ (1982; dt. „Die Frau in Schwarz“) und „The Mist in the Mirror“ (1992; dt. „Das Gesicht im Spiegel“).

Das Böse überlebt seinen Wirt

Das Wissen um James‘ Definition des Gespenstes als durchweg böse Kreatur ist wichtig zum Verständnis von „Das Gemälde“. Ansonsten irritiert das Konzept eines Geistes, der Verderben sät, obwohl der Grund seines Zorns längst nicht mehr existiert. Clarissa Vigo hat jene erwischt, die sie hasste. Entweder wurde sie darüber so verrückt, dass ihr Hass alle Menschen einschloss, oder sie musste ihren Preis zahlen: Das Instrument ihrer Vergeltung – das titelgebende Gemälde – hat sich ihrer bemächtigt. Nun muss Clarissa ihm auf ewig neue Opfer zutreiben.

Dieses gnadenlose Prinzip hat James mit großem Geschick und gleichzeitig voller Witz immer wieder variiert. Susan Hill belegt, wie gut er darin war, wobei dies garantiert unfreiwillig geschieht: „Das Gemälde“ bedient sich der typischen Elemente einer James-Geistergeschichte, ohne jedoch deren Geschlossenheit und vor allem Wirkung jemals zu erreichen.

Hauptsächlich verursacht dies ein Plot, der höchstens eine Kurzgeschichte tragen könnte. Selbst ein Kurzroman wiegt zu schwer für die Grundidee, die Hill deshalb doppelt erzählt: Hat Theo Parmitter gerade von seinen Erlebnissen mit dem Gemälde berichtet, schließt sich die sehr ähnliche Geschichte der Gräfin von Hawdon an. Hill fabuliert über Personen und Ereignisse, die dem zentralen Element – dem Gemälde – nichts Wesentliches beizutragen haben. Der Bericht der Gräfin ließe sich problemlos mit der Erzählung Parmitters verschmelzen. Dann könnte die Autorin allerdings keinen Text vorlegen, der sich zu einem eigenen Buch binden ließe.

Stimmung ist nicht alles

Keinem kurzen Roman bekommt es, wenn die Handlung im Mittelteil auf der Stelle tritt. „Das Gemälde“ ist auch sonst keine Geschichte, die fesseln oder gar erschrecken kann. Als Leser bewundert man Hills handwerkliches Geschick, mit der sie eine klassische Erzählform aufleben lässt. Die Autorin lässt Feuer prasseln, während vor dem Fenster Herbststürme heulen; es knarrt und wispert in alten, großen, nur scheinbar leeren Häusern. Wenn das Böse zuschlägt, geschieht dies stets ein wenig außerhalb des Blickfelds, sodass grausige Wahrheit und Täuschung eine trübe, die Unsicherheit fördernde Mischung eingehen.

Was nützt jedoch alle Atmosphäre, wenn ihr keine angemessene Handlung zu Grunde liegt? Das Grauen eines Gemäldes, das seine Opfer abbildet, teilt sich dem Leser nur bedingt mit. Die mehrfache Wiederholung dieses Effektes wirkt zusätzlich kontraproduktiv. Hinzu kommt der Verlauf einer Handlung, die jeglicher Überraschung abhold ist. Es kommt in dieser Geschichte, wie es kommen muss aber nicht müsste, würde Hill mit eigenen Einfällen vom Weg abweichen. James konnte dies, und er tat es gern. Vor allem verkniff er sich jene Sentimentalitäten, die Hill einfließen lässt, die hier ihrem zweiten Vorbild Reverenz erweisen möchte: Daphne du Maurier (1907-1989), deren mit Gefühlen und Gefühlsduseligkeiten prall gestopftes Hauptwerk „Rebecca“ (1938) Hill 1993 mit „Mrs. de Winter“ (dt. „Rebeccas Vermächtnis“) fortsetzte.

Doch James und du Maurier passen nicht zusammen. „Das Gemälde“ ist eine formal gelungene und (auch in der Übersetzung) gut lesbare Fingerübung, die inhaltlich keinen Eindruck hinterlässt. Was bleibt, ist ein gebundenes Bändchen, das wohl (schon in seiner englischen Ausgabe) vor allem als hübsches aber kostengünstiges Geschenk – das Buch zum Tee-Service? – konzipiert wurde.

Autorin

Susan Hill wurde 1942 im englischen Scarborough, North Yorkshire, geboren. Die Familie zog Ende der 1950er Jahre nach Coventry um. Hill studierte am King’s College in London Englisch. Noch bevor sie 1963 ihren Abschluss machte, veröffentlichte sie 1961 ihren Roman-Erstling „The Enclosure“, der aufgrund seiner sexuellen Offenheit großes Aufsehen erregte.

Hill arbeitete ab 1963 als Journalistin. In den 1970er Jahren heiratete sie, gründete eine Familie und etablierte sich als Autorin. Ihr mehrfach preisgekröntes Werk schließt ‚hohe‘ Literatur ebenso ein wie Kriminalromane (darunter eine mehrbändige, auch in Deutschland erfolgreiche Serie um den Polizeibeamten Simon Serailler), Geistergeschichten, Kinderbücher oder Autobiografien.

Jährlich erscheint durchschnittlich ein neuer Titel, den Hill seit 1998 meist in ihrem eigenen Verlag „Long Barn Books“ herausbringt. Die Autorin lebt und arbeitet heute in Cotswold, einem Distrikt der englischen Grafschaft Gloucestershire. Über ihre Aktivitäten informiert sie auf dieser Website. (5xPRT)

[md]

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