Das Haus an der Mündung

Andrew MacKenzie
Das Haus an der Mündung
(Superintendent-Branigan-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: The House at the Estuary (London – Melbourne : Ward Lock & Co. 1948)
Deutsche Erstausgabe: 1956 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 81)
Übersetzung: Ruth Kempner
Cover: Otto Ledel
217 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Ex-Offizier Bob Arlen als Invalide nach London zurück, wo er ziellos die Zeit totschlägt, bis ihn eines Tages ein alter Soldatenkamerad aufsucht. Brannigan, der einst hinter den nazideutschen Linien spionierte, ist heute für Scotland Yard tätig, wo er den Rang eines Oberinspektors bekleidet.

Aktueller ermittelt Brannigan ebenso lange wie erfolglos gegen eine Bande, die im großen Stil wohlhabende Bürger erpresst. Besonders Mitglieder des Adels und Geschäftsleute, denen ihr guter Ruf über alles geht, werden unter Druck gesetzt. Auf blauem Briefpapier informiert Ober-Schurke „Vernon“ seine ‚Klienten‘ über anstehende Zahlungen, die unbarmherzig eingefordert werden, bis ihnen der letzte Heller abgepresst ist. Nicht wenige Betroffene haben anschließend Selbstmord begangen.

Nur eine Spur gibt es: Sämtliche Empfänger der Erpresserbriefe beschäftigten Hausbedienstete, die ihnen über dieselbe Agentur vermittelt wurden. Dieser steht Oberst James Simpkins vor, der eigentlich zu dumm als kriminelles Mastermind ist. Wahrscheinlich dient er nur als ahnungsloser Strohmann, während hinter den Tarnkulissen der Agentur die verbrecherischen Machenschaften ablaufen. Brannigan vermutet den Stützpunkt der Bande in Bilwyn, einem in der Grafschaft Essex an der Nordseeküste gelegenen Dorf. Dort lebt Simpkins außerhalb der Arbeitszeiten im „Haus an der Mündung“ zusammen mit Schwester Edith und der schönen Nichte Judith.

Brannigan bittet Arlen, der den Strolchen unbekannt ist, um Hilfe. Als Urlauber soll er sich in Bilwyn niederlassen und genanntes Haus auskundschaften. In der Tat entdeckt Arlen Belege für illegale Umtriebe. Außerdem wird ein Attentat auf Judith verübt und einem alten Gauner der Schädel eingeschlagen: Die Ermittlungen werden zunehmend gefährlicher …!

Mörderisches Munkeln im urenglischen Dunkeln

Wenn – im leicht übertragenen Sinn – die Köpfe zu rollen beginnen, weil die Polizei die Gauner endlich enttarnen konnte, sind wir nicht etwa im großen Finale, sondern haben gerade die Hälfte dieses Romans gelesen: „Das Haus an der Mündung“ mag stilistisch keine Akzente setzen und der Autor gern auf mottenkugelige Effekte zurückgreifen, doch Ereignisarmut darf man dem Werk keineswegs unterstellen! Stattdessen mischen sich Elemente des klassischen Rätsel-Krimis mit Thriller-Elementen, die sogar modern wirken könnten, wäre dem Verfasser nicht daran gelegen, ihnen diesbezügliche Dramatik förmlich auszutreiben. Spannung ist für Andrew MacKenzie das Produkt einer Inszenierung, die auf heute außerordentlich altmodische Methoden zurückgreift und dadurch eher Erheiterung hervorruft.

Allerdings mag eine bestimmte Krimi-Klientel das anders sehen. Es handelt sich um jene Leser, die ihre Lektüre-Begeisterung vor allem mit diesem Namen verbinden: Edgar Wallace. MacKenzie hat den Meister des theatralischen und vordergründigen Munkel-Thrillers offensichtlich gut studiert, und er hat keine Skrupel, dessen (nach dem Zweiten Weltkrieg erst recht) angeschimmelten Tricks zu ‚übernehmen‘.

MacKenzie profitierte dabei einerseits von der Zeitlosigkeit bestimmter Effekte, die schon zu seiner Zeit durch Nostalgie vergoldet wurden, während er sich andererseits auf ein Publikum verlassen konnte, das auf literarische Werte pfiff, weil es schlicht unterhalten werden wollte, ohne dabei verwirrt oder überfordert zu werden. Dabei durfte oder musste es sogar gemächlich und übersichtlich zugehen. Figurenprofile waren daher grob geschnitzt, Übertreibungen und Verallgemeinerungen galten quasi als Stilmittel, was über den auch auf dem Land allgegenwärtigen englischen Nebel weit hinausging.

Dramen zwischen Verbrechen und Spuk

„Das Haus an der Mündung“ ist eine Fundgrube für Überholtes und Seltsames. So irritiert die Alltagspraxis einer Verbrecherbande, die immerhin nach 1945 ihr Unwesen treibt und deshalb deutlich moderner organisiert sein sollte. Stattdessen fühlt sich „Vernon“ anscheinend als nächster Dr. Mabuse, und so benimmt er sich auch: Sein Schlupfwinkel sitzt auf einem unterirdischen Höhlenlabyrinth, das zusätzlich mit Geheimgängen ausgestattet ist. Dort unten muss ihm seine Bande Bericht erstatten; dann hocken die sonst so harten Jungs zitternd vor einem Vorhang, hinter dem „Vernon“ sitzt, der als kriminelles Superhirn natürlich unsichtbar bleibt aber trotzdem alles sieht. Darüber hinaus geistert des Nachts eine Gestalt in Mönchskutte über Bilwyns Felder und Wiesen, um abergläubische Bauern und Dörfler zu erschrecken. MacKenzie greift noch tiefer in die Klischee-Kiste und präsentiert uns einen undurchsichtigen Pfarrer, der stets dort auftaucht, wo gerade Kriminelles geschieht.

Fragen wirft auch das Verhalten des Gesetzes auf. Scotland-Yard-Mann Brannigan hat durchaus eine Spur, die in das „Haus an der Mündung“ führt. Trotzdem heuert er als Vor-Ort-Ermittler einen Armee-Kameraden an, der selbst und zu Recht anmerkt, von solchem Tun keinerlei Ahnung zu haben. Brannigans Handeln schürt den Argwohn, dass der Oberinspektor nicht auf ausgebildete Polizisten zurückgreifen kann, sondern auf Tölpel angewiesen ist, denen er einen Zivilisten vorzieht. Die hin und wieder schattenhaft auftretenden „Wachtmeister“ – die Übersetzung ist alt und deutscht erbarmungslos ein, was besser im O-Ton belassen bliebe – sind in der Tat beklagenswert schlichte Gemüter.

Mit realistischer Polizeiarbeit hat das, was uns Autor MacKenzie erzählt, ohnehin wenig bis gar nichts zu tun. Sollte Brannigan überhaupt über einen Plan verfügen – er behauptet es mehrfach -, behält er ihn hartnäckig für sich. In der Regel reagiert er auf bereits Geschehenes und besteht darauf, das als Fortschritt zu betrachten. Bob Arlen stolpert derweil durch die Landschaft und beobachtet ständig Verdächtiges, ohne daraus schlau zu werden; möglicherweise ist er abgelenkt, denn prompt hat er sich die die schöne Nichte des zunächst Hauptverdächtigen verliebt, was für allerlei Seifenschaum sorgt, mit dem sich Buchseiten schinden lassen.

Zu schräg für einen völligen Absturz

Wieso liest man heute ein dermaßen krudes Garn? Zum einen ist es gerade die Absurdität der Handlung, die den fesselt, der sich einen Sinn für Geisterbahn-Effekte bewahren konnte. MacKenzie verleimt zudem bekannte Versatzstücke oft auf eine Weise, die der Logik staunenswert widerspricht. Das macht Spaß, zumal dem Verfasser manche Überraschung gelingt. So rechnet der Leser wie schon erwähnt nicht damit, dass MacKenzie die Erpresserbande schon auf halber Buchstrecke auffliegen lässt.

Im zweiten Teil steht die Jagd auf „Vernon“ im Vordergrund, dem selbstverständlich die Flucht gelang, während seine Schergen eingebuchtet wurden. Nun kommen die Wallace-Aficionados voll auf ihre Kosten, denn Held, Weib & Ermittler irren durch die dunkle Welt unter dem „Haus an der Mündung“, während irgendwo eine Lunte unter unzähligen Pulverfässern brennt: „Vernon“ hat seine Jäger in die Tiefe gelockt, sich triumphierend zu erkennen gegeben sowie ausführlich Bericht über seine Schandtaten erstattet, bevor er seine (schlampig aufgestellte) Falle zuschnappen ließ. Aus unerfindlichem (und auch in der finalen Auflösung nie zufriedenstellend geklärtem) Grund schleppt er Judith mit sich, die deshalb befreit werden muss, während die oben genannte Trias im Wettlauf mit der Zeit nach einem rettenden Ausgang aus der Todeshöhle sucht.

Die Ereignisse überschlagen sich förmlich und finden sogar noch eine Steigerung, denn die Verfolgungsjagd endet schließlich schicksalshaft im eiskalten Wasser der Nordsee! MacKenzie zieht alle Register, um grässliche Gefahr zu illustrieren. Gerade weil er generell jeden humorvollen Unterton vermeidet, wirken diese Passagen einerseits unfreiwillig komisch, während sie andererseits genau deshalb mit den gehäuften Routinen und Klischees versöhnen. Am Ende ist dem Recht natürlich Genüge geschehen, ohne dass „Vernon“ vor Gericht gestellt oder eines seiner vornehmen Opfer sich dort vernehmen lassen muss. Geheiratet wird ebenfalls, was kein Spoiler, sondern eine Gewissheit ist, sobald Judith ins Geschehen tritt. Außerdem hat sich Arlen aus Brannigans Sicht (aber nur aus seiner!) für weitere Detektivarbeit qualifiziert. „Waren Brannigans Worte prophetisch? Das konnte wohl nur die Zukunft sagen.“ (S. 217) Gemeint war eher der Verkaufserfolg dieses Romans, der so gut verkauft wurde, dass noch 1948 der nächste Fall für Arlen & Brannigan anstand.

Autor

Andrew Carr MacKenzie wurde 1911 in Neuseeland geboren. In der Hauptstadt Wellington arbeitete er zwischen 1928 und 1938 als Journalist. Später siedelte er nach England um, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg auch Kriminalromane schrieb, die schnell entstanden und unterhaltsam aber bald vergessen waren.

In den 1960er Jahren beendete MacKenzie seine Laufbahn als Krimi-Autor. Er widmete sich nunmehr verstärkt der Parapsychologie. Die Existenz des Übernatürlichen versuchte er durch umfangreiche Feldforschungen und Studien zu untermauern. Darüber informierte MacKenzie in zahlreichen Veröffentlichungen.

In seinem 90. Lebensjahr ist Andrew MacKenzie 2001 in Howe, einer Küstenstadt im südlichen Sussex, gestorben.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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