Das letzte Rätsel

Michael Chabon
Das letzte Rätsel

(Sherlock-Holmes-Serie)

Originaltitel: The Final Solution. A Story of Detection (New York: HarperCollins Publishers 2004)
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2005 (Verlag Kiepenheuer & Witsch)
Übersetzung: Andrea Fischer
127 S.
ISBN-13: 978-3-462-03626-8

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Das geschieht:

89 Jahre ist Meisterdetektiv im Ruhestand Sherlock Holmes in diesem Jahr 1944 alt – ein immer noch hellwacher Geist in einem gebrechlichen Körper. Auf seinem kleinen Ruhesitz in der englischen Grafschaft Sussex lebt er auch im fünften Jahr des II. Weltkriegs geruhsam und züchtet Bienen, als ihn eines schönen Tages eine seltsame Begegnung aus seinem Trott reißt: Linus Steinman gehört zu jenen jüdischen Waisenkindern, die aus Nazi-Deutschland gerettet werden konnten. Die erlebten Schrecken haben den Jungen stumm werden lassen. Umso gesprächiger ist dagegen Papagei Bruno, der stets auf Linus‘ Schulter sitzt. Bruno singt Lieder und zitiert Gedichte. Vor allen krächzt er immer wieder lange Zahlenreihen in deutscher Sprache. Sie scheinen ohne Sinn zu sein.

Linus und Bruno stehen unter Beobachtung. In der Pension der Pfarrersfrau Panicker, wo man sie einquartiert hat, behält sie Mr. Shane, angeblich ein Handelsvertreter, genau im Auge. Shane wird wiederum vom misstrauischen Mr. Parkins, einem weiteren Gast, beschattet. Dann verschwindet Bruno, Mr. Shane liegt mit zertrümmertem Schädel neben seinem Wagen und der junge Taugenichts Reggie Panicker jr. gilt als Mörder.

Das ist zu kompliziert für den schlichten Landpolizisten Bellows, der sich plötzlich des alten Detektivs in der Nachbarschaft erinnert, von dessen Können und Hilfsbereitschaft ihm sein Großvater so oft erzählte. Holmes mag zwar erst nicht aus seiner Höhle kommen, doch eigentlich weiß er schon länger, dass ihm seine Bienenzucht als intellektuelle Herausforderung nicht genügt. Sherlock Holmes will wieder sein Spiel beginnen lassen, nur: Beherrscht er es noch nach so vielen Jahren des Pausierens …?

Alles ist anders, vieles ist besser

Sherlock Holmes ohne Dr. Watson? Ermittelt wird nicht im nebligen London der Königin Victoria, sondern auf dem Höhepunkt des Kriegs gegen Nazi-Deutschland in einem Nest irgendwo auf dem Land? Mr. Holmes ermittelt nicht in tausend Masken, sondern ist ein schwacher Greis, der sich vor einer gebrochenen Hüfte fürchtet? Kann denn so eine untypische Sherlock-Holmes-Geschichte überhaupt funktionieren?

Das kann sie sogar sehr gut, wenn ein Schriftsteller wie Michael Chabon sie schreibt, der einerseits intelligent mit dem Holmes-Mythos spielt, während er ihn andererseits kundig und liebevoll fortspinnt sowie ihn in eine (sorgfältig übersetzte) Prosa gießt, von der selbst Arthur Conan Doyle nur träumen könnte. Der Plot ist klug ausgetüftelt, ansprechend kompliziert und wird schlüssig aufgelöst. Zudem ist er zeitgemäß, d. h. er rankt sich um das ernste Thema des Naziterrors, ohne dass darüber die Krimi-Atmosphäre leidet. Viel ruhiger, trockener Humor ist im Spiel, immer wieder gibt es Überraschungen. Das Kapitel mit der Lösung des Rätsels wird gar aus der Sicht des Pagageis erzählt.

Alt und neu in gelungener Mischung

„The Final Solution“: Der Titel erinnert an die Originalstory „The Final Problem“, in der sich Doyle 1893 seines Helden entledigen wollte und ihn in einen Wasserfall stürzte. Durch viel Geld gelockt, ließ ihn der Schriftsteller Jahre später wieder auferstehen. 1917 verfasste er die chronologisch letzte Holmes-Geschichte („His Last Bow“; dt. u. a. „Seine Abschiedsvorstellung“), in der ein gealterter Detektiv ein letztes Mal aus dem Ruhestand zurückkehrt. Auch der müde & melancholisch gewordene Holmes dieser Erzählung fließt in Chabons Kurzroman ein.

Zum Roman gehören die auch in der deutschen Ausgabe abgedruckten Zeichnungen des Künstlers Jay Ryan. Schon die originalen Holmes-Geschichten waren berühmt für ihre Illustrationen; Sidney Paget war es beispielsweise, der Holmes zu jener hageren Gestalt mit Deerstalker und Meerschaumpfeife machte, in der man ihn noch heute sieht. Sie kommentieren einerseits das Geschehen, ironisieren und konterkarieren es jedoch auf einer zweiten Ebene, indem sie Elemente dieser Bilder so verfremden, dass sie nicht abbilden, sondern kommentieren.

Alter Mann mit wachem Verstand

Sherlock Holmes als Greis, den ein mysteriöser Fall zu neuem Leben erweckt: Dies ist eine Geschichte, die sogar noch interessanter zu lesen ist als das eigentliche kriminelle bzw. kriminalistische Geschehen. Anfangs lernen wir einen Holmes (er wird vom Verfasser übrigens niemals mit seinem Namen, sondern stets als „der alte Mann“ angesprochen) kennen, dessen Welt klein geworden ist. Ungern verlässt er seine warme Stube, weil ihn seine Körperkräfte verlassen; Demenz-Attacken erschrecken ihn, er verkriecht sich in seine Bücher und bereitet sich auf den Tod vor.

Doch tief in Holmes schlummert immer noch der alte Spürhund. Es ist spannend und rührend, wie Chabon sein allmähliches Erwachen beschreibt. Vieles hat sich verändert in der Welt. Wirklich bewusst wird es Holmes selbst erst, als er zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren in das inzwischen von Görings Bombern und von Brauns Raketen verwüstete London zurückkehrt. Schritt für Schritt findet der eingerostete Meisterdetektiv zurück in seine alte Rolle. Er gewinnt an Vertrauen und Zuversicht und findet der intellektuelle Vergnügen, das er einst in die unsterblichen Worte fasste: „Das Spiel beginnt!“

Das ist kein Spiel mehr

Der Junge Linus Steinman erweist sich weniger als zweite Hauptfigur. Stattdessen fungiert er als Katalysator, der Holmes reaktiviert, indem er sein Interesse erregt – seit jeher das wirksamste Mittel, den auch im Alter immer noch informationshungrigen Ermittler in Bewegung zu bringen. Linus ohne Bruno wäre Holmes zudem wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Ein Papagei, der scheinbar dummes Zeug plappert, hinter dem sich zufällig aufgeschnappte und brisante Geheiminformationen verstecken: Auf einer Liste von Plot-Klischees dürfte dieses sehr weit oben stehen. Chabon setzt es bewusst ein, zumal alle Beteiligten – Holmes eingeschlossen – bis zuletzt irren: Die von Bruno memorierten Zahlen verbergen kein militärisches Geheimnis, sondern das schreckliche Verbrechen einer „final solution“, was sich auch als „Endlösung“ übersetzen lässt …

Autor

Michael Chabon wurde am 24. Mai 1963 in Washington, D. C., geboren. Aufgewachsen ist er in Columbia/Maryland. Seine Kurzgeschichten erschienen in hoch gelobten Anthologien und renommierten Zeitungen & Zeitschriften sowie im „Playboy Magazine“. Noch erfolgreicher ist Chabon als Romanschriftsteller (u. a. „The Mysteries of Pittsburgh“; dt. „Die Geheimnisse von Pittsburgh“, „The Yiddish Policemen’s Union“, dt. „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“). Für „The Amazing Adventures of Kavalier & Clay“ (dt. „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ wurde er 2000 u. a. mit dem PEN/Faulkner Award, dem Pulitzer-Preis und dem Los Angeles Times Book Prize ausgezeichnet. Mit seiner Familie lebt und arbeitet der Autor in Berkeley, Kalifornien.

Michael Chabon hält eine kauzig gestaltete Website.

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