Das Schloss der Schlange

stoker-schloss-der-schlange-cover-2006-brcBram Stoker
Das Schloss der Schlange


(sfbentry)
Originaltitel: Lair of the White Worm (London : William Rider & Son Ltd. 1911)
Übersetzung: Ingrid Rothmann
Deutsche Erstausgabe: 1981 (Bastei-Lübbe-Verlag/Phantastische Literatur Nr. 72009)
203 S.
ISBN 3-404-72009-1
Diese Neuausgabe: November 2006 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15590)
252 S.
ISBN-13: 978-3-404-15590-3

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Das geschieht:

Adam Salton, reich geworden im fernen Australien, folgt der Einladung seines Großonkels Richard Salton, der in Mittelengland das behagliche Leben eines betuchten Landedelmannes führen und seinem Hobby – der Archäologie – frönen kann. Richard hat sich dort niedergelassen, wo sich einst das alte Königreich Mercia erstreckte: ein denkbar geeigneter Ort für Altertumsforscher, denn Römer, Angelsachsen und Normannen haben ihre Spuren im Boden hinterlassen, die Richard und sein alter Freund Sir Nathaniel de Salis, Präsident der Archäologischen Gesellschaft von Mercia, begeistert ausgraben.

Gerade bietet sich den Forschern, denen sich Adam gern anschließt, eine einmalige Gelegenheit: Nachbar Edgar Caswall kehrte nach langer Abwesenheit auf sein Landgut Castra Regis zurück. Hier vermutet Richard die Ruinen einer Festung und Kultanlage der Römer, die fast fünf Jahrhunderte Britannien beherrschten. Doch Caswall stößt die Ausgräber nicht nur vor den Kopf, sondern verliert keine Zeit, den üblen Ruf seiner Familie – seine Vorfahren sollen einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben – unter Beweis zu stellen. Heftig bedrängt er die junge Lilla Watford, Enkelin eines Pächters, obwohl sich die elegante, ihm gesellschaftlich viel näher stehende Lady Arabella March um ihn bemüht, die sich in einer finanziellen Notlage befindet.

Auch die Saltons suchen die Nähe der Lady. Diana’s Grove, jener Platz, auf dem ihr Landhaus steht, ist eine weitere historische Stätte. Sie wird im Volksmund die „Höhle des weißen Wurms“ geheißen, weil dort in grauer Vorzeit ein drachenähnliches Untier gehaust haben soll, das als Gottheit verehrt wurde. Dass diese Sage nicht eines wahren Kerns entbehrt, stellt Adam fest, als er sich auf die Seite der Watfords schlägt und sich dabei sowohl Caswell als auch Lady Arabella zu erbitterten Feinden macht …

Böse Überraschung für Gruselfreunde

Wie die Musik kennt auch die Literatur ihre „one hit wonder“: Schriftsteller, die nur ein Buch bzw. das Buch, den Überbestseller, schrieben, neben dem ihre übrigen Werke  verblassen und nicht zur Kenntnis genommen werden. Bram Stoker ist der Autor von „Dracula“. Trotzdem wurde auch er vom Schicksal geschlagen. Außer seinem Epos um den blutsaugenden Vampir-Grafen nimmt die Literaturkritik noch eine Handvoll kurzer Geschichten gnädig zur Kenntnis. Das Romanwerk nach „Dracula“ wird dagegen sehr unfreundlich beurteilt. Auch Verlegen gehen lieber auf Nummer Sicher: Werden Stoker-Bücher wie „Das Schloss der Schlange“ heute überhaupt neu aufgelegt, fehlt niemals der Hinweis darauf, dass der Verfasser Draculas geistiger Vater ist.

Dies schürt Erwartungen, die jedoch nicht erfüllt werden können. Stoker schrieb „Das Schloss der Schlange“ 1911 als kranker, ausgebrannter, von Geldsorgen geplagter Mann; nur wenige Monate später ist er gestorben. „Dracula“ war sein Lebenswerk, ein Roman, an dem er viele Jahre gearbeitet, gefeilt, gestrichen, ergänzt und korrigiert hatte. Die Romane, die Stoker später verfasste, entstanden in Eile und ohne jenen Enthusiasmus, der „Dracula“ trotz offensichtlicher literarischer Schwächen zum Bestseller für die Ewigkeit aufsteigen ließ.

Was will uns der Autor eigentlich erzählen?

Erneut lässt Stoker ‚unnatürliche‘ Figuren auftreten und bemüht (im schicklichen Rahmen) Sex & Thrill, aber beides ist anders als in „Dracula“ nur noch ein müder Reflex. Dabei ist die Idee, die dem „Schloss der Schlange“ zu Grunde liegt, durchaus interessant. Arthur Machen oder Algernon Blackwood haben den Einbruch vorzeitlicher Naturgeister in die moderne Welt mehrfach und sehr wirkungsvoll dramatisiert. Stoker vermag leider keine Funken aus diesem Konzept zu schlagen. Nur einige bildhafte Details haften im Gedächtnis. Der große Drache über Castra Regis gehört dazu, und auch die Schilderung des Wurms hat ihre Momente.

Dennoch ist „Das Schloss der Schlange“ ein schier unlesbares Dickicht begonnener, aber nie beendeter Erzählstränge, die erst recht nicht zu einem überzeugenden Finale zusammenfinden. Stoker hat die Kontrolle über seinen Roman verloren und wollte ihn schließlich nur noch irgendwie zu Ende bringen; ein trauriger Abschied für einen Mann, der beruflich wie privat anscheinend nicht viel Glück in seinem Leben hatte; selbst im Tod blieb ihm der Ruhm als „Dracula“-Autor verwehrt, denn fast zeitgleich versank die „Titanic“ in den eisigen Fluten des Nordatlantiks, und dieses Ereignis beherrschte die Schlagzeilen in aller Welt.

Die Lady und der Schlangen-Wurm

Dracula ist dieses Mal eine Frau? So einfach hat es sich Bram Stoker denn doch nicht gemacht. Zudem war diese Idee bereits 1871 Grundlage der Novelle „Camilla“ von Joseph Sheridan LeFanu gewesen. Lady Arabella March ist nicht durch den Biss eines Vampirs zur Blutsaugerin geworden. Ein vorzeitliches Wesen hat sich ihrer bzw. ihres Geistes bemächtigt. Das hat sie schamlos und mannstoll werden lassen, was einige aus zeitgenössischer Sicht eindeutig zweideutige Szenen heraufbeschwört: Auch 1911 galt bereits „Sex sells“, obwohl Stoker, der viktorianische Engländer, in dieser Hinsicht stark chiffriert arbeitete. Die ‚Stellen‘ wirken auf diese Weise sogar noch deutlicher, denn Künstler lernten zu allen Zeiten schnell, wie sich die Zensur austricksen lässt.

Sex ist nach Stoker unheimlich und ‚schmutzig‘ aber eben auch verführerisch und deshalb doppelt ‚schlecht‘: So schließt sich der Teufelskreis, dem der Verfasser schon in „Dracula“ Ausdruck verliehen hatte. Doch was dem gesellschaftlichen Bann verfällt und verdrängt wird, kehrt umso häufiger als Prüfung zurück, die selten bestanden wird. Für Stoker kann jedenfalls nur das Böse dahinterstecken, wenn brave Männer den Verlockungen des Weibes erliegen: Es ist eigentlich der Wurm, der Carswell über seine Sendbotin verhext und schwach werden lässt. (Sehr schön zeigt eine Illustration aus der Erstausgabe von 1911 übrigens, wie dieser „große, weiße Wurm“, der steil aufgerichtet Blitze aus seinen Augen schießt, auch gedeutet werden könnte ) Nach einer (allerdings umstrittenen) Theorie von Deborah Hayden litt Stoker an der Syphilis und schrieb „Das Schloss der Schlange“ im Endstadium dieser Krankheit als Mischung aus Roman und verschleierter Offenbarung.

Kaum verwunderlich ist übrigens, dass bei Stoker die ‚bösen‘ Figuren wieder wesentlich vielschichtiger wirken als die Helden. Onkel und vor allem Neffe Salton vertreten Gesetz, Glaube und Moral und wirken entsprechend steif und uninteressant. Sie müssen so sein, wie sie sind, weil das Gute zu siegen hat. Erstaunlich ist die Charakterisierung des Oolanga, eines afrikanischen Dieners, den Edgar Carswell von seinen Reisen ‚mitgebracht‘ hat. Einerseits schildert ihn Stoker sehr zeittypisch, nämlich chauvinistisch als triebhaften, primitiven, bösartigen „Neger“, lässt aber mehrfach durchblicken, dass auch Oolanga seine Träume von einem besseren Leben hat.

Bauchlandung für den Kino-Wurm

1988 inszenierte der als Skandalregisseur gefeierte oder verfluchte Ken Russell nach eigenem Drehbuch den gleichnamigen Film zu Stokers Roman. Für die Hauptrollen verpflichtete er einen noch sehr jugendlichen Hugh Grant sowie Amanda Donahue und Catherine Oxenberg. Russell schuf einen turbulenten, sein geringes Budget deutlich offenbarenden Horrorfilm im Stil der später „Hammer“-Heuler. „Lair“, der Film, wird wahlweise als geniale, ehrfurchtsfreie Interpretation einer lange als unverfilmbar geltenden Vorlage oder als „Meisterwerk“ des Schund- und Trashfilms gewertet.

Autor

Bram (eigentlich Abraham) Stoker wurde am 8. November 1847 in dem irischen Dorf Clontarf in der Nähe von Dublin geboren. Er war ein kränkliches Kind, das die ersten sieben Jahre seines Lebens praktisch im Bett verbringen musste. Die Erfahrung des ständig präsenten Todes prägte Stoker nachhaltig. Ebenfalls nie in Vergessenheit gerieten die Geschichten seine Mutter, die sich aus dem reichen Schatz irischer Sagen speisten und das Übernatürliche und den Tod und deren heimliche, aber ständige und nicht ungefährliche Präsenz im Leben der Menschen thematisierten.

Stoker besaß eine ausgeprägte künstlerische Ader, doch leider nicht das Einkommen, ihr nachzugeben. Nach einem Studium am Trinity College (Dublin) schlug er die Beamtenlaufbahn ein. 1881 erschien eine Sammlung allegorischer, recht düsterer Kunstmärchen oder Kindergeschichten. Neben seiner Beamtentätigkeit veröffentlichte Stoker weitere Kurzgeschichten und (ab 1871) Theaterkritiken. Damit erregte er die Aufmerksamkeit des berühmten Shakespeare-Schauspielers Henry Irving. Stoker folgte diesem 1878 nach London, wo er die Geschäftsführerstelle in Irvings neuen „Lyceum Theatre“ übernahm. Die scheinbare Eintrittskarte in die Welt der Kunst entpuppte sich als Knochenjob für eine nüchterne Bürokratenseele und Irving als exzentrischer Egoist, der es für selbstverständlich hielt, dass Stoker ihm ständig zur Verfügung stand.

Dennoch hielt Stoker aus. Seinen eigenen Durchbruch erhoffte er von einem Roman, für den er viele Jahre recherchiert hatte. „Dracula“ erschien 1897 und wurde eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Stoker blieb am Theater, doch als Henry Irving 1905 starb, stand er auf der Straße. Nun schrieb er, um sich und seine Familie zu ernähren; ein aufreibender Kampf, der zunehmend an seiner Gesundheit zehrte. Seine späteren Romane erreichten nicht einmal annähernd den Rang seines „Dracula“. Bram Stoker starb am 20. April 1912. Den Ruhm, den er sich erträumt hatte, erlebte er nicht mehr: Nur wenige Jahre später begann Dracula seinen Siegeszug über die ganze Welt.

[md]

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