Das Skelett

John Dickson Carr
Das Skelett

(Sir-Henri-Merrivale-Serie, Bd. 18)

Originaltitel: The Skeleton in the Clock (New York : William Morrow 1948)
Deutsche Erstausgabe: 1965 (Scherz Verlag/Die Schwarzen Kriminalromane 242)
Übersetzung: Bodo Baumann
184 S.
[keine ISBN]

Das geschieht:

Eigentlich ist die Tragödie von Fleet House längst in Vergessenheit geraten. Dort in der englischen Grafschaft Berkshire stürzte von zwanzig Jahren unter nie wirklich geklärten Umständen Hausherr Sir George Fleet vom Dach und in den Tod, als er nach einer Jagdgesellschaft Ausschau hielt. Jetzt erreichten drei anonyme Briefe Scotland Yard, die einen raffinierten Mord als Ursache andeuten.

Unwillig muss Chefinspektor Masters den längst ‚kalten‘ Fall wieder aufrollen. Leider kleidete der Briefschreiber seine Worte in Rätselform. Zwecks Deutung bittet Masters seinen alten Freund Sir Henri Merrivale um Unterstützung, der sich als Privatermittler der unkonventionellen aber erfolgreichen Art einen Namen gemacht hat. Eines der Rätsel rankt sich um ein bizarres Objekt: eine alte Standuhr, deren Gehäuse kein Uhrwerk, sondern ein sorgfältig fixiertes Skelett beherbergt. Merrivale hat es ersteigert und dabei erfahren, dass seine Mitbieterin Sophie, Gräfin von Brayle, eine enge Freundin von Lady Cicely, Fleets Witwe, ist. Die seltsame ‚Uhr‘ sollte an den Hausarzt Dr. Laurier gehen, dessen Vater sie einst baute.

Auch sonst stechen dem Ermittler merkwürdige ‚Zufälle‘ ins Auge. Wieso planen Kronanwalt John Stannard, der Zeuge des Todessturzes war, die schöne Ruth Callice sowie der junge Martin Drake gerade jetzt ein kurioses Experiment? In der Hinrichtungskammer des aufgelassenen Gefängnisses Pentecost, das unweit von Fleet House liegt, wollen sie feststellen, ob dort nachts die Seelen der Gehenkten umgehen. Richard, Sir Georges Sohn, schließt sich dem Trio begeistert an und stürzt Merrivale in ein Dilemma: Obwohl seine Nachforschungen nur langsam vorankommen, ahnt er, dass einem der Geisterjäger dasselbe Schicksal wie Sir George droht. Ohne überzeugende Beweise gedenkt man sich das Abenteuer jedoch nicht verbieten zu lassen, und so nimmt ein altes Verhängnis erneut seinen Lauf …

„Untersuchen Sie das Skelett in der Standuhr.“

Vermutlich nur John Dickson Carr auf dem Höhepunkt seiner kreativen Kraft konnte diesen Krimi schreiben. Seit jeher liebte er die alten Sagen und Gespenstergeschichten seiner englischen Wahlheimat und baute sie immer wieder in seine Kriminalromane ein. Bis ins Detail ging das Vergnügen am wohligen Schauder; so trägt ein Wirtshaus nahe Fleet House den schaurig-schönen Namen „Drachenpfuhl“, und zwischen dem Landsitz der Fleets und dem alten Pentecost-Gefängnis erstreckt sich ein Wald namens „Henkerholz“.

Carr-typisch ist auch ein scheinbar wirres und wüstes Sammelsurium obskurer Spuren und Indizien. Dieses Mal übertrifft er sich selbst, indem er ein Skelett in der Standuhr als groteskes „Memento Mori“ und wichtiges Beweisstück präsentiert. Schon im Originaltitel wird dieses Objekt erwähnt und dürfte mindestens die grusellaunigen Leser auf Carrs Seite und in den Buchladen gelockt haben.

Sie dürften Carr rasch verzeihen, dass er abermals ein aufgegebenes Gefängnis in die Handlung bringt. Schon 1933 hatte „Hag’s Nook“ (dt. „Das Zeichen im Brunnen“/„Tod im Hexenwinkel“), der erste Band der erfolgreichen Reihe um den dicken, genialen, Privatermittler Dr. Gideon Fell, an so einem Ort gespielt. In diesem Band hatte Carr alle Register der traditionellen Phantastik gezogen, um erst im Finale aber dort glasklar auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren: Nie sind es Geister, die mörderisch umgehen. Menschliche Tücken verbergen sich in hilfreicher Dunkelheit, und trickreiche Täuschungsmanöver sorgen für weitere Verwirrung bzw. sorgen im Kopf des Lesers für ein unterhaltsames Aha-Erlebnis, wenn der Detektiv – hier Sir Henri Merrivale – Licht in die Sache bringt.

„Was bedeutet der rote Blitz auf dem Dach?“

Allerdings bedarf es wie im klassischen Rätselkrimi üblich eines wahrlich genialen Mannes, dem dieses Kunststück gelingt. Henri Merrivale könnte ein Bruder von Gideon Fell sein, denn beide teilen nicht nur ihr Metier, sondern arbeiten auch sorgfältig an ihrem unkonventionellen Auftreten. Merrivale lernen wir kennen, als er einer allzu hochnäsigen Lady mit einer alten Lanze ins Hinterteil piekt. Damit ist seine Außenseiterstellung in der zeitgenössischen Gesellschaft eindeutig markiert.

Merrivale kann sich solche Ausfälle erlauben, weil er sie durch kriminalistische Glanzleistungen wettmacht. Ist er erst einmal aktiv geworden, bleiben Scotland Yard und der örtlichen Polizei nur mehr die Rollen von Handlangern und Statisten. Chefinspektor Masters stellt sich in Vertretung des Lesers dumm sowie entsprechende Fragen; ihm obliegt es darüber hinaus, Irrtümer zu äußern und in Sackgassen zu stolpern.

Überlebensgroß und dadurch nicht gerade sympathisch schwebt Merrivale über der Szene. Er besitzt nicht die schillernde Präsenz von Gideon Fell, dessen Jovialität durchaus Maske ist und einen Charakter verbirgt, der es genießt, Mörder zu jagen, die anschließend an den Galgen kommen; er kann problemlos damit leben. Merrivale ist einerseits ‚menschlicher‘ als Fell und andererseits oft dessen blassere Kopie.

„Mordbeweise sind immer noch vorhanden.“

Fleet House, das Wirtshaus „Drachenpfuhl“ und natürlich Pentecost beherbergen eine illustre Schar schräger Gestalten. Selbst ohne den Todessturz wirken sie alle verdächtig; zumindest sind sie notorisch verschroben und passen sich auf diese Weise perfekt ins Figurenpersonal des englischen „Whodunit“ ein.

Dabei spielt die Handlung im Jahr der ursprünglichen Veröffentlichung. Der II. Weltkrieg wird erwähnt, das 20. Jahrhundert ist zur Hälfte verstrichen. Fleet House bildet jedoch eine seltsam zeitlose Exklave. Schon 1948 war „Das Skelett“ ein anachronistischer Krimi. Anders als in seinem Spätwerk konnte Carr diesen Aspekt kontrollieren und ihn spielerisch handhaben. Er kombiniert ihn mit dem zeitgenössisch noch wenig eingesetzten Plot vom psychopathischen Serienkiller, mit dem er ein wenig ungelenk bzw. zurückhaltend hantiert: Für Hannibal Lecter & Co. ist 1948 die Zeit noch lange nicht gekommen.

Zur Spannung trägt auch Carrs Geschick im Umgang mit falschen und echten Spuren eine große Rolle. Obwohl er sich zeitweise in grotesken Nebenhandlungen zu verlieren scheint und das große Finale in einem Spiegelkabinett stattfinden lässt, weiß Carr sehr wohl, worauf sein Krimi-Spiel hinauslaufen soll. Als Autor spielt er fair in der Tradition des Genres; so stellt er uns das Flachdach, von dem Sir George seinen abrupten Abgang nahm, quasi zentimetergenau vor. Man könnte einen Plan zeichnen, der nach dem Willen des Verfassers widerspiegelte, dass ein Mord hier eigentlich unmöglich ist. Carr übernimmt es, uns auf verblüffende Weise das Gegenteil zu beweisen.

Wenn man ihm etwas zum Vorwurf machen kann, so ist es eine überflüssige love story. Selbstverständlich hat Lady Sophie eine liebreizende Enkeltochter, die von einer diversen jungen Männern aufgeregt umbrummt wird. Hände werden gerungen, Tränen vergossen bzw. Schwüre geleistet und Fäuste geschüttelt. Hier endet Carrs Meisterschaft – Krimi plus Grusel plus Liebe: Element 1 und 2 bieten nostalgischen Hochglanz, Nr. 3 ist nur platt.

Anmerkungen

(1) Die Kapitelüberschriften zitieren die drei anonymen Botschaften, die den Fall Fleet ins Rollen bringen.

(2) Für den neugierig gewordenen Leser dürfte die Beschaffung dieses Buches eine Herausforderung werden. „Das Skelett“ erschien nur einmal, schon 1965, und wurde offenbar nie neu aufgelegt, was den Roman ungemein selten macht. Selbst die Suche im Internet bleibt zumindest derzeit erfolglos. Der gute, alte Zufallsfund auf dem Flohmarkt kann für Abhilfe sorgen. Sollte er gelingen, erwartet den glücklichen Finder ein erfreuliches Lesevergnügen.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus; die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese verwiesen.

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