Das Tor des Verderbens

August Derleth/[H. P. Lovecraft]
Das Tor des Verderbens

Originaltitel: The Lurker at the Threshold (Sauk City : Arkham House 1945)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel: „Das Grauen vor der Tür“): 1979 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek Nr. 70018)
Übersetzung: Annette von Charpentier
206 S.
ISBN-13: 978-3-404-01429-3
Neuausgabe: 1982 (Bastei-Lübbe-Verlag/Phantastische Literatur 72013)
Übersetzung: Annette von Charpentier
206 S.
ISBN-13: 978-3-404-72013-2
Neuausgabe: 1994 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp-TB Nr. 2287 = Phantastische Bibliothek 307)
Übersetzung: Michael Koseler
179 S.
ISBN-13: 978-3-518-38787-0

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Das geschieht:

Im US-Staat Massachusetts ging es in jenem Landstrich, dessen Eckpunkte etwa von den Städten Arkham, Innsmouth und Dunwich markiert werden, schon immer unheimlich zu. Neu-England wurde im frühen 17. Jahrhundert besiedelt, aber schon früher gab es Leben in den dichten Wäldern und dunklen Gebirgstälern. In den Augen der frommen, Hexen verbrennenden Pilgerväter war dies indianisches Heidenvolk, das Umgang mit Dämonen und Teufeln pflegte. So mancher weiße Mann konnte den Verlockungen verbotener Wahrheit und Macht nicht widerstehen und verschrieb sich ebenfalls dem Bösen.

So einer war Alijah Billington, der Anfang des 19. Jahrhunderts tief im dunklen Wald jenseits von Arkham gelegenen Stammsitz seiner ohnehin verrufenen Familie bezog. Die wenigen Nachbarn wussten von unheimlichen Geräuschen und Schreien zu berichten, und Alijah verdankte es wohl nur seiner überstürzten Abreise ins Ausland, dass ihm ein unfreundlicher Besuch der örtlichen Justiz erspart blieb.

Ruhe kehrte ein im Billington-Wald, bis nun, im März des Jahres 1921, Ambrose Dewart, der Letzte seiner Sippe, ins Land seiner suspekten Ahnen zurückkehrt. Ein freundlicher, mittelalter, kinderloser Witwer und Privatgelehrter ist er, der sich mit Feuereifer in die Familienpapiere vertieft. Der alte Alijah hat präzise Anweisungen hinterlassen, was man in seinem Haus tunlichst unterlassen sollte. Vor allem gilt es den uralten Steinturm zu meiden, der sich inmitten eines Steinkreises unweit des Hauptgebäudes erhebt. Natürlich tut sich Ambrose dort zuallererst um und entdeckt Hinweise darauf, dass dieser Ort seinem Ahnen als eine Art magischer Bahnhof diente, an dem er unfreundliche Gäste aus fremden Welten zu empfangen pflegte.

Groß ist Ambroses Schrecken, als er erkennt, dass eine fremde Macht sich seines Geistes zu bemächtigen beginnt; Alijah ist offenbar weder fern noch so tot wie alle Welt dachte. Erschrocken ruft Ambrose seinen Vetter Stephen Bates aus Boston zu Hilfe. Dieser findet den Freund stark verändert vor und muss sich vorsehen – vor dem misstrauischen Ambrose, noch mehr aber vor den schauerlichen Gästen, die dieser aus dem längst weit in fremde, gefährliche Sphären geöffneten Turmportal auf die Erde herabgerufen hat …

Monster-Rumble in the Dschungle

Samuel Johnson und James Boswell, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Peter Eckermann; Sherlock Holmes und Dr. Watson: Der Meister mit den großartigen Geistesblitzen und sein Schüler, der Chronist fungiert sowie die alltägliche Kärrnerarbeit leistet, für die das Genie (sich) zu schade oder schlicht untauglich ist: Diese Konstellation können wir in der Geschichte und in der Kunst zu allen Zeiten finden. Nun also Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) und August William Derleth (1909-1971), ein ganz besonders skurriles Paar: der weltfremde „Einsiedler von Providence“ und … ja, wer eigentlich? Der Kenner des Unheimlichen schätzt Derleth als Gründer des legendären „Arkham House“, das klassischen und modernen Horror zu einer Zeit verlegte, als dieser sich keiner besonderen literarischen Wertschätzung erfreute. Er legte das Fundament für den Lovecraft-Kult, was verdienstvoll genug ist.

Von einer Hoffnung darf sich der Gruselfan freilich sogleich verabschieden: „Das Tor des Verderbens“ ist kein Werk des großen H. P. Lovecraft, das nach dessen Tod vom Freund und Vertrauten Derleth entdeckt, vollendet und veröffentlicht wurde. Diese fromme (und verkaufsförderliche) Mär hält sich nun schon viele Jahrzehnte, was wieder einmal beweist, dass Wünsche sich durchaus erfüllen können, wenn sie nur mit Inbrunst geäußert werden. Ein neue, bisher unbekannte Geschichte oder sogar ein Roman von Lovecraft wünschen sich alle Leser dieses längst als Kultautor heiliggesprochenen Mannes, der zu den fähigsten, aber leider nicht zu den fleißigsten seiner Zunft gehörte.

Tor mit geringer Sturzhöhe

Doch das „Tor des Verderbens“ hat einzig und allein August Derleth aufgestoßen. Dies muss auch deshalb festgehalten werden, um Lovecrafts literarischen Status zu sichern, denn die Lektüre dieses Romans könnte darüber ernste Zweifel entstehen lassen. (Hier kann sich der strenge Fan übrigens an einer Kampagne mit dem Titel „Remove H. P. Lovecraft’s Name from August Derleth’s Books“ beteiligen.)

Obwohl alle Zutaten einer typischen Lovecraft-Story – verwunschene Winkel am Ende der Welt, schleimige Urzeit-Götter, degenerierte Hinterwäldler, hirnhautsprengende Zauberbücher, allzu neugierige und/oder besessene Forscher – vorhanden sind, wollen sie sich einfach nicht zu jener Bedrohlichkeit verdichten, die der Meister (wenn er in Form war und seinen Hang zum überflüssigen Adjektiv im Griff behielt) so meisterhaft heraufbeschwören konnte. Schüler Derleth kennt die Regeln des kosmischen Horrors, den Lovecraft schuf, aber er versteht sie nicht wirklich, und er achtet sie nicht.

Statt sich auf Andeutungen zu beschränken, die jeder Leser selbst in Vertretung des typischen, d. h. vom Schrecken überwältigten Lovecraft-Helden zusammensetzen muss, wobei der Cthulhu-Kosmos stets rätselhaft-faszinierendes Stückwerk bleibt, strebt Derleth Ordnung im Chaos an – und entzaubert es dadurch gründlich: Große Alte und Äußere Götter stürmen das Turmportal in Billingtons Wald wie Hausfrauen die Kaufhaustüren am Schlussverkaufstag. Ein Finsterling wie Cthulhu ist gruselig, das wusste Lovecraft, aber bringt er seine rabaukigen Kumpane mit, können sie höchstens eine Geisterbahn betreiben, aber ganz sicher nicht die Welt in Angst & Schrecken versetzen!

Imitat und Übertreibung

Abgesehen davon imitiert Derleth den verehrten Lehrer und Freund nicht nur im Guten, sondern stur auch im Schlechten: Lovecrafts Cthulhu-Storys sind primär Stimmungsbilder und Momentaufnahmen einer fiktiven Parallel-Genesis (die allerdings deutlich vor Adam und Eva beginnt). Die Handlung beschränkt sich meist darauf, dass ein Neugieriger die Nase allzu tief in kosmische Angelegenheit steckt und diese dann zusammen mit dem Kopf verliert. Kein Wunder also, dass Lovecraft nie einen Cthulhu-Roman geschrieben hat!

Auch Derleth hat die daraus erwachsende konzeptionelle Schwäche erkannt. „Das Tor des Verderbens“ ist kein Roman mit stringenter Handlung, sondern eine Sammlung dreier Novellen um das verhexte Billington-Haus, die sich zu einer Geschichte verbinden sollen. Das klappt aber nicht, weil Derleth nicht fähig oder mutig genug ist, seinem Publikum zu vertrauen. Er betrachtet es anscheinend als Bande von gedächtnisschwachen Tröpfen, denen er jedes Mal das gerade Gelesene noch einmal erzählen muss. Der (dritte) „Bericht des Winfield Phillips“ (dessen Namen Lovecraft ehren soll) liest sich entsprechend langatmig, zumal Derleth darüber sträflich die überzeugende Auflösung seines aufwändig inszenierten Geisterspuks vernachlässigt. Auffällig bricht die Handlung einfach ab, was man dem Verfasser einer Kurzgeschichte nachsehen würde. In einem Roman darf so etwas nicht geschehen!

Im Detail gelingt Derleth manchmal, was er im Gesamten vermissen lässt. Besonders Ambrose Dewarts Bemühungen, die Vergangenheit seiner seltsamen Sippe zu rekonstruieren, sind spannend zu verfolgen. Er muss sie aus Buch- und Zeitungsstudien, Interviews und archäologischen Vor-Ort-Studien mühsam zusammenflicken. Hier, wo man stets mehr ahnt als wirklich weiß, funktioniert die Geschichte. Und wenn man nicht ständig den Schatten des Meisters sucht, wird man sich auch sonst redlich unterhalten. August Derleth ist kein guter Schriftsteller, aber er gibt sich alle Mühe. Auf diesem Niveau kann sich „Das Tor des Verderbens“ allemal sehen bzw. sehen lassen – und der Originaltitel ist einfach genial!

Autor

August William Derleth wurde am 24. Februar 1909 in Sauk City (US-Staat Wisconsin) geboren. Schon als Schüler begann er Genre-Geschichten zu verfassen; ein erster Verkauf gelang bereits 1925. Die zeitgenössischen „Pulp“-Magazine zahlten zwar schlecht, aber sie waren regelmäßige Abnehmer. 1926 nahm Derleth ein Studium der englischen Literatur an der „University of Wisconsin“ auf. Nach dem Abschluss (1930) arbeitete in den nächsten Jahren u. a. im Schuldienst und als Lektor. 1941 wurde er Herausgeber einer Zeitung in Madison, Wisconsin. Diese Stelle hatte Derleth 19 Jahre inne, bevor er 1960 als Herausgeber ein poetisch ausgerichtetes (und wenig einträgliches) Journal übernahm.

Obwohl August Derleth ein ungemein fleißiger Autor war, basiert sein eigentlicher Nachruhm auf der Gründung von „Arkham House“ (1939), des ersten US-Verlags, der speziell phantastische Literatur in Buchform veröffentlichte. Der junge Derleth war in den 1930er Jahren ein enger Freund des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937). Dass dieser heute als Großmeister des Genres gilt, verdankt er auch bzw. vor allem Derleth, der (zusammen mit Donald Wandrei, 1908-1987) das Werk des zu seinen Lebzeiten fast unbekannten Lovecraft sammelte und druckte.

Lovecraft hinterließ eine Reihe unvollständiger Manuskripte und Fragmente. Derleth nahm sich ihrer an, komplettierte sie in „postumer Zusammenarbeit“ und baute den „Cthulhu“-Kosmos der „alten Götter“ eigenständig aus. Die Literaturkritik steht diesem Kollaborationen heute skeptisch gegenüber. Als Autor konnte Derleth seinem Vorbild Lovecraft ohnehin nie das Wasser reichen. Er schrieb für Geld und erlegte sich ein gewaltiges Arbeitspensum auf, unter dem die Qualität zwangsläufig litt; einer Tatsache, der er sich selbst durchaus bewusst war.

Solo war Derleth mit einer langen Serie mehr oder weniger geistvoller Kriminalgeschichten um den Privatdetektiv Solar Pons erfolgreich, der deutlich als Sherlock-Holmes-Parodie angelegt war. Insgesamt veröffentlichte Derleth etwa 100 Romane und Sachbücher sowie unzählige Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen u. a. Texte; hinzu kommen über 3000 Gedichte.

Nach längerer Krankheit erlag August Derleth am 4. Juli 1971 im Alter von 62 Jahren einem Herzanfall. Zum zweiten Mal verheiratet, lebte er inzwischen wieder in Sauk City, wo er auf dem St. Aloysius-Friedhof bestattet wurde.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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