Das verschollene Schiff

Wilder Perkins
Das verschollene Schiff

(Bartholomew-Hoare-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Hoare and the Portsmouth Atrocities (New York : Thomas Dunne Books/St. Martin’s Press 1998)
Übersetzung: Matthias Jendis
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2002 (Goldmann Verlag/TB Nr. 45233)
284 S.
ISBN-13: 978-3-442-43233-0

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Das geschieht:

Für einen geborenen Seemann wie Leutnant Bartholomew Hoare ist es in diesem Jahr 1805 besonders bitter, ans Land gefesselt zu sein. England liegt wieder einmal mit Frankreich im Krieg, der hauptsächlich auf dem Wasser ausgetragen wird. Da würde Hoare gern mitmischen, aber schon 1794 traf ihn im Gefecht eine feindliche Musketenkugel am Kehlkopf. Seitdem kann er nur noch flüstern, was seiner Karriere abträglich war, denn Lautstärke zählt seit jeher zu den unabdingbaren Voraussetzungen für eine Offizierslaufbahn in der englischen Marine.

Wegen seiner Verdienste wurde Hoare nicht entlassen, sondern dem Stab des Admirals Sir George Hardcastle zugeteilt. Dieser befiehlt über den wichtigen Seehafen Portsmouth. Hoare machte er zum „Sonderbevollmächtigten“ ohne besonderes Ressort, d. h. zum Mädchen für alles. Allerdings ermittelt Hoare auch in Kriminalfällen, die sich im Hafenbereich ereignen. Gerade untersucht er das mysteriöse Verschwinden des Linienschiffes „Scipio“, das offenbar einem Bombenattentat auf See zum Opfer fiel, als ihn ein Kamerad um Hilfe bittet.

Peter Gladden dient als 2. Offizier auf der „Frolic“, sein Bruder Arthur als 3. Offizier auf der „Vantage“. Dort soll er im Streit Adam Hay, seinen Kapitän, ermordet haben. Für dieses todeswürdige Verbrechen muss er das Kriegsgericht und den Strang erwarten. Arthur beteuert seine Unschuld. Peter Gladden glaubt dem Bruder und muss Beweise für einen Freispruch finden.

Hoares Ermittlungen ergeben, dass Kapitän Hay tatsächlich nicht von seinem Offizier ermordet wurde, Der wahre Täter wird gefasst aber in seiner Zelle erschossen. In seinem Nachlass finden sich kodierte Schriftstücke. Admiral Hardcastle beauftragt Hoare, sie zu entschlüsseln. Mr. Watt, der Schreiber von Kapitän Hay, soll ihm dabei helfen. Als dieser mit den Dokumenten an Bord der „Vantage“ geht, wird Hoare Zeuge, wie das Schiff in die Luft fliegt …

Vergangenheit und maritime ‚Romantik‘

Erster einer (ungeplant) kurzen Serie historischer Kriminalromane, die im britischen Marinemilieu des frühen 19. Jahrhunderts spielen. Dieses Szenario ist nicht so exotisch, wie man zunächst annehmen könnte: Da Krimis, die in vergangenen Zeiten spielen, immer noch ‚gehen‘, gibt es kaum chronologische Nischen, in denen nicht bereits getückt und geschnüffelt wurde.

Auch Meerschaum-Sherlocks gab es schon; erinnert sei stellvertretend an den holländischen Hafeninspekteur Willem Lotsman (von Ashe Stil) oder an Pieter Tonneman, den Sheriff von Neu Amsterdam/New York (von Annette und Martin Meyers). Die politische, eher dem Thriller zuzurechnende Komponente der Marineliteratur betonte genial Patrick O’Brian in seinen Aubrey/Maturin-Romanen.

Wilder Perkins backt kleineren Schiffszwieback. Er erzählt in schlichten Worten eine einfache Geschichte, die einfach nur spannend unterhalten soll. Das historische Umfeld wird geschickt in die Handlung eingebracht, ohne sie zu dominieren oder gar zu ersetzen – ein Fehler, den viele fleißig recherchierende aber schlecht schreibende Autoren gern begehen. Wenn Hoare im Vorzimmer seines Admirals einen vornehmen Mitwarter bittet, sein Wasser doch bitte nicht direkt neben seinem Ohr in die für solche Zwecke bereit stehende Blechkanne abzuschlagen, erinnert dies bildstark an eine Zeit, in der Toiletten nicht selbstverständlich waren. Und witzig ist es auch.

Die Gestaltung von Serienhelden

Eine Serie steht und fällt mit ihren ständig wiederkehrenden Hauptpersonen. Da zahlt sich Sorgfalt in der Charakterzeichnung immer aus. Wilder Perkins geht auf Nummer Sicher und stattet seinen Helden Bartholomew Hoare mit einem sympathischen Wesen, einer bewegten Vergangenheit und einer auffälligen Behinderung aus, die ihn uns jederzeit wieder erkennbar macht.

Hoares Heiserkeit hält ihn nicht davon ab, tüchtig zuzuschlagen (oder loszustechen oder zu schießen), er ist gut zu Fuß, ein vorzüglicher Segler, kurz: Er kommt fix von A nach B, was für einen Ermittler sehr praktisch und für den Leser verheißungsvoll ist. Sein geistiger Vater löst zudem die Fesseln, die ihm ein ‚normaler‘ Job anlegen würde. Hoare muss quasi von Berufs wegen viel unterwegs sein.

Er ist ein durch seine Wunde und persönliches Unglück nur leicht gebrochener Mann – gerade so viel, dass es den Leser (und natürlich die Leserin) für ihn einnimmt. Seine Ehre gilt ihm, dem wenig geblieben ist vom ersehnten Leben, sehr viel. Deshalb stellt sich Hoare zeittypisch manchem Duell oder Zweikampf, was wiederum für aufregende Szenen sorgt.

Als Identifikationsfigur für die weibliche Leserschaft dient Eleanor Graves. Die Rolle der Frau in der realen Geschichte bedarf im historischen Roman gewöhnlich einiger Anpassungen an die moderne Gegenwart. Das geht in Ordnung, wenn Gleichberechtigung nicht wie eine Fackel der Handlung vorangetragen, sondern Teil der Story wird. Eleanor ist eine kluge Frau des beginnenden 19. Jahrhunderts, die sich an die gesellschaftlichen Spielregeln hält und trotzdem ihre Freiräume findet. Dass es zu deren Sicherung eines Mannes an ihrer Seite bedarf, entspricht der Norm des Jahres 1805. Wilder tut gut daran, dies nicht aus angeblichen politisch korrekten Gründen über Bord zu werfen.

Verzichten könnte man womöglich auf die Gastauftritte realer Personen oder Persönlichkeiten. Sie gehören aber zum Inventar des historischen Romans und werden vom Publikum wohl auch erwartet. Hier ist es immerhin nur Jane Austen, die Dichterin, die sich die Ehre gibt.

Somit hat Perkins eine gute Grundlage für seine Hoare-Serie gelegt. Dass sie nur Band 3 erreichte, lag nicht am ausbleibenden Erfolg. Für leichtgewichtige aber spannende Historienkrimis gibt es immer Leser.

Autor

Wilder Perkins lebte in Easton, US-Staat Maryland Sein Tod im Jahre 1999 ließ den Handlungsbogen um den vielversprechenden historischen Krimi-Helden Bartholomew Hoare abrupt enden, die Serienbände 2 und 3 erschienen postum. Für einen Nachwuchs-Schriftsteller hatte Perkins immerhin das stolze Alter von 78 Jahren erreicht.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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