Das Wirtshaus von Dartmoor

Victor Gunn
Das Wirtshaus von Dartmoor

(Bill-Cromwell-Serie, Bd. 25)

Originaltitel: The Painted Dog (London : Collins 1955)
Übersetzung: Ruth Kempner
Deutsche Erstausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 135)
177 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1986 (Wilhelm Goldmann Verlag/Meisterwerke der Kriminalliteratur 6219)
183 S.
ISBN-13: 978-3-442-06219-5

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Das geschieht:

Das Wirtshaus „Zum Bunten Hund“ steht seit vielen Jahren an einem der Wege, die durch das gefürchtete Dartmoor führen. Den meisten Wanderern und Urlaubern ist das alte Haus unbekannt. Genau so will es Charley Widden, der sonderliche Eigentümer. Meist hockt er in seiner wie eine Festung gesicherten Kammer, wo er seine Goldmünzen zählt, wie die Anwohner munkeln. Das Geschäft führt die resolute Mrs. Ferris, deren Tochter Judy derzeit für ungewohnte Unruhe sorgt. Reggie Laker, ein Versicherungsangestellter aus London, der im Dartmoor einen Zelturlaub verbringt, kämpft mit Tony Bellamy, dem raubeinigen Sohn eines örtlichen Landadligen, um die Gunst der schönen Maid.

An seinem Geburtstag will Tony die Gäste des „Bunten Hundes“ mit seinem berühmten Punsch freihalten. Bald geht es hoch her; Tony setzt seinen verhassten Rivalen vor die Tür und wird vom erzürnten Widden selbst hinausgeworfen. Am nächsten Morgen findet Reggie sämtliche Gäste, Mrs. Ferris und Judy bewusstlos im Wirtshaus: Der Punsch wurde mit einem Schlafmittel versetzt! Im ersten Stock muss die Tür zu Widdens Kammer aufgebrochen werden. Der alte Mann sitzt mit zerschossenem Schädel an seinem Schreibtisch. Offenbar hat er sich selbst umgebracht.

Dieser Theorie mag Mrs. Ferris  nicht zustimmen. Der berühmte Chefinspektor William „Old Iron“ Cromwell, der aus London an den Tatort eilt, ist ihrer Meinung. Widden wurde ermordet, und der Täter wohnt im Wirtshaus. Hatte es der notorisch verschuldete Bellamy auf das Geld des Alten abgesehen? Oder Fred Pickering, der ebenfalls klamme Automobilhändler? Was treiben die Schurken Hurst und Brunoff im Dartmoor? Die Schar der möglichen Mörder ist groß, und ständig ergeben sich neue Verdachtsmomente. Während Assistent Johnny Lister mit der Deutung der wenigen Indizien ringt, widmet sich Cromwell der Frage, wer in der Mordnacht Nobby, den wirtshauseigenen Collie, grün angestrichen hat …

Der gar nicht perfekte Mord im geschlossenen Raum

Dartmoor – schon der Name lässt dem Krimifreund angenehme Schauder über den Rücken laufen! Die faszinierende, von Heide und Moor geprägte Hügellandschaft in der englischen Grafschaft Devon wirkt vor allem in der Dämmerung oder in Herbst und Winter düster, abweisend und unheimlich. Das macht Dartmoor zum idealen Schauplatz für Geschichten, die von genau diesen Eigenschaften leben. Hier spukt es beispielsweise mächtig, aber auch für realen Schrecken ist gesorgt, denn seit mehr als anderthalb Jahrhunderten nutzt Dartmoor Prison die öde Abgeschiedenheit des Moors, das Ausbrüche riskant und wenig erfolgreich macht, weshalb hier ganz besonders verstockte Übeltäter sitzen.

Auch in der Literatur nimmt Dartmoor eine prominente Position ein. Wohl das bekannteste Werk erschien 1902: Arthur Conan Doyles „Der Hund der Baskervilles“ ist DER Roman über Dartmoor. An den Klassiker-Status dieses dritten und auch wegen der Moorkulisse besten Sherlock-Holmes-Abenteuers reicht Victor Gunns „Das Wirtshaus von Dartmoor“ nicht annähernd heran. Überhaupt bezieht der Verfasser das Moor erst im letzten Buchviertel und eher beiläufig in die Handlung ein.

Viel wichtiger ist Gunn der Faktor Isolation. „Der Bunte Hund“ wird zum typischen Schauplatz des klassischen Landhaus-Krimis. In dem alten Wirtshaus ereignet sich ein Mord. Lage und Geografie garantieren, dass sich der oder die Täter im Haus aufhalten. Flucht ist unmöglich, dafür haben Inspektor Cromwell, Victor Gunn und das Dartmoor gesorgt. Nunmehr kann der Polizist in aller Ruhe die Ermittlungen aufnehmen, während der Verfasser den Druck in dem geschlossenen Tatort-Kessel allmählich ansteigen lässt.

Überraschungen in der Routine

Obwohl Gunn dies quasi nach Vorschrift aber ordentlich und nie langweilig durchexerziert, sorgt er mehrfach für Überraschungen, die man in einem Routine-Krimi nicht erwartet. So scheint Charley Widdens Tod in seiner von innen fest verschlossenen Kammer mit ihrem vergitterten Fenster ein „locked room mystery“ und damit ein wichtiger Bestandteil dieses „Whodunit“-Krimis zu sein. Doch Gunn macht sich über dieses ehrwürdige aber zum Klischee verkommene Mysterium lustig. Er lässt „Old Iron“ Cromwell offen über den „unmöglichen Mord“ lästern und das angebliche Rätsel um Widdens Ende schon im vierten von 17 Kapiteln beiläufig klären. Anschließend geht es mit den ‚richtigen‘ Ermittlungen weiter.

Deren Erfolg hängt – natürlich, muss man anmerken – vom Erkennen & korrekten Deuten des scheinbar unwichtigsten Hinweises ab. Selbstredend erkennt nur Bill Cromwell, der knurrige aber geniale Scotland-Yard-Veteran, die Bedeutung des gefärbten Hundes. (Übrigens bleibt dem deutschen Leser das Wortspiel des Originaltitels verborgen: „The Painted Dog“ heißen das Wirtshaus von Dartmoor und der junge Collie Nobby, dessen grüne Brust Cromwells Spürsinn aktiviert.)

Zwar wird der Fall letztlich nicht nur aufgeklärt, sondern von Cromwell auch ausführlich erläutert. Das ändert nichts an dem Eindruck, dass Gunn die losen Fäden im letzten Viertel recht hastig zum finalen Knoten schürzt. Er schließt den Zufall als regulierendes Element zwar ausdrücklich aus, doch die Fakten-Steinchen wollen sich nur mit einigem Drehen und Drücken zum fertigen Mosaik fügen. Einige abgedroschen Effekte – ständig fallen Frauen erschrocken in Ohnmacht, der überführte Mörder mutiert zur irrsinnig die Zähne fletschenden Bestie – betonen unnötig unvorteilhaft die routinierte Machart dieses Romans.

Die üblichen Verdächtigen?

Dem archaischen Zauber von Dartmoor kann und mag sich Gunn wie schon erwähnt nicht vollständig entziehen. In regenfeuchter Nacht kommt es auf schwankendem Grund zu einem weiteren Drama. Zuvor schneiderte  Gunn dem durch Mord endenden Widden eine Doppel-Identität, die der Umgebung würdig ist und einem Schauerroman entnommen sein könnte. Bis ins Jahr 1920 reichen Ereignisse zurück, die zur Vorgeschichte für das Drama im Dartmoor werden. Wer wusste davon? Gunn geizt nicht mit Verdächtigen. Das Wirtshaus wird vom Keller bis zum Dach von ihnen bewohnt.

Wie es sich für einen unterhaltsamen „Whodunit“ gehört, bilden sie ein buntes Völkchen. Alle haben etwas zu verbergen. Manchem steht es buchstäblich ins Gesicht geschrieben, andere wirken fast aufdringlich unschuldig. Gunn schwelgt ein wenig zu auffällig in einschlägigen Klischees, was es dieses Mal dem Leser ermöglicht, den Täter zu identifizieren, bevor Cromwell im großen Finale alle Geheimnisse aufdeckt.

Die Polizei kommt wie üblich schlecht davon. Gunn schildert denkfaule und allzu fest ins örtliche Sozialgefüge verwobene Ordnungshüter, die bestenfalls bemüht aber vor allem überfordert sind. ‚Von außen‘ bricht Cromwell ist diese kleine Welt ein. Er achtet ihre ungeschriebenen Regeln nicht, ignoriert den Kotau vor dem edlen Baron und seinem Sohn und Nachfolger, lässt im Verhör Rücksicht und Höflichkeit fahren, schont auch die ‚schwachen‘ Frauen nicht, bleibt skeptisch und gleichzeitig offen für alle neuen Richtungen, die sich im Verlauf der Ermittlung ergeben.

Noch  blasser als sonst bleibt Johnny Lister, dem kaum Gelegenheit gegeben wird, dumme Fragen zu stellen oder jene voreiligen Schlüsse zu ziehen, zu denen Gunn seine Leser verleiten möchte. Cromwell benötigt ihn nicht wirklich, aber selten wird dies so deutlich wie in diesem Roman, der Mittelmaß und Gemütlichkeit zu einem harmlosen und altmodischen, schon im Erscheinungsjahr altmodischen Lektürevergnügen gerinnen lässt. Die tüchtig angestaubte deutsche Übersetzung komplettiert diesen Eindruck.

Autor

Der Engländer Victor Gunn (1889-1965), dessen richtiger Name Edwy Searles Brooks lautete, war als Unterhaltungs-Schriftsteller ein Vollprofi. Er verfasste für Zeitschriften und Magazine über 800 (!) Romane und unzählige Kurzgeschichten – genaue Zahlen werden sich vermutlich nie ermitteln lassen – unterschiedlichster Genres, wobei er sich diverser Pseudonyme bediente. Der nome de plume „Victor Gunn“ blieb jenen Romanen und Story-Sammlungen vorbehalten, die Brooks um den knurrig-genialen Inspektor William Cromwell und seinen lebenslustigen Assistenten Johnny Lister verfasste.

In Deutschland ist Gunn vom Buchmarkt verschwunden. Dabei ließ sich sein Erfolg einmal durchaus mit dem seines Schriftsteller-Kollegen Edgar Wallace messen. Eine stolze Auflage von 1,6 Millionen meldete der Goldmann-Verlag, der Brooks als Victor Gunn hierzulande exklusiv verlegte, schon 1964 – eine Zahl, die sich in den folgenden Jahren noch beträchtlich erhöht haben dürfte, bis ab 1990 die Flut der ständigen Neuauflagen verebbte.

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