Das Zimmer im ersten Stock

George H. Coxe
Das Zimmer im ersten Stock

Originaltitel: Slack Tide (New York : Alfred A. Knopf 1959)
Übersetzung: Hella von Spies
Dt. Erstausgabe (geb.): 1960 (Goldmann Verlag/Goldmanns Große Kriminalromane K 233)
188 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1962 (Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 1088)
180 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Wo nahe des Städtchens Surrey der Connecticut River in den Atlantik mündet, leitet Donald MacLaren eine kleine Bootswerft. Das einst friedliche Leben ist turbulenter geworden, seit der reiche Lebemann Oliver Kingsley zwar auf einer Insel im Fluss aber dennoch in der Nachbarschaft ein Haus gemietet hat und an den Wochenenden dort Hof hält. Seine Angestellten und ‚Freunde‘ sind auch seine Untertanen; Widerspruch erträgt Kingsley nicht, und er liebt es, seine Mitmenschen zu piesacken.

Außer Kingsley und Ackerman sind derzeit Harry Dunaker – der Kingsleys Jacht führt –, die Sekretärin Carla Lewis, der Maler Earl Harwell und das Mannequin Lucille Baron zu Gast in Kingsleys Haus. Im ersten Stock des Hauses hält Kingley außerdem Ruth, seine dritte Gattin, gefangen, nachdem auch sie die Nase voll von ihm hat. In einer Nacht kann Ruth flüchten. Sie bittet MacLaren um Hilfe, der ihr ritterlich beispringt und sich deshalb mit Kingsley schlagen muss, der seiner Frau wütend gefolgt ist. MacLaren wirft seinen Gegner in den Fluss. Am nächsten Morgen ist Ruth verschwunden, und Kingsleys Leiche wird geborgen.

George Lunt, Ermittlungsbeamter der Staatsanwaltschaft, und James Terry von der Staatspolizei übernehmen die Ermittlungen. MacLaren steckt in der Zwickmühle: Hat er unabsichtlich Kingsley getötet? Oder Ruth, die ihm mit einem Kantholz beisprang? Oder war es einer der unfreiwilligen Gäste? Jede/r hat sehr gute Gründe, Kingsley zu hassen. Deshalb könnte durchaus jemand, der die Prügelei beobachtet hat, die Gelegenheit genutzt haben, Kingsley den Rest zu geben und MacLaren oder Ruth die Schuld in die Schuhe zu schieben.

MacLaren beschließt, zusammen mit der wieder aufgetauchten Ruth selbst Nachforschungen anzustellen. Zwar ist er entschlossen aber als Detektiv unerfahren, was ihn mehr als einmal in Lebensgefahr geraten lässt, denn der wahre Täter wird auf den lästigen Schnüffler aufmerksam, und auch die Polizei wird misstrauisch …

Krimi-Leder statt Krimi-Gold

Grob vereinfacht gab es um 1960 immer noch den klassischen „Whodunit“, der das kriminalistische Rätsel in den Vordergrund stellte; die andere Seite der Medaille bildete der ‚harte‘ Krimi, der die menschlichen Charakterschwächen wesentlich deutlicher zur Sprache brachte und weder die hässlichen noch die brutalen Aspekte des Verbrechens aussparte.

Die erwähnte Medaille war recht dick, denn zwischen Vorder- und Rückseite barg sie diverse Mischformen. So gab es u. a. Rätsel-Krimis, in denen es ein wenig härter zur Sache ging, sowie „Hardboiled“-Thriller, in denen einen allzu zynische Weltsicht sowie Sex- und Gewaltanteile für Leser, die ihren Krimi zwar ‚modern‘ aber ‚geschmackvoll‘ schätzten, heruntergefahren wurde.

Krimis zählten zur Verbrauchslektüre; man las sie und unterhielt sich, literarischer Wert wurde ihnen selten zugebilligt. In der Tat gab es ein zahlenstarkes Feld von Autoren, die dem Massenpublikum lieferten, was es verlangte. Diese Krimis waren vor allem spannend, im besten Fall handwerklich solide aber auch mechanisch in Form und Inhalt: Für diese Romane, die vor allem als Taschenbücher erschienen, zahlten Verlage eher dürftig. Deshalb musste ein Autor schnell und viel schreiben, um von seiner Arbeit leben zu können.

Dass unter solchen Umständen durchaus Lesenswertes entstehen konnte, das selbst heute noch unterhält, spricht für Talent und Gespür dieser Autoren, deren Namen nicht selten in Vergessenheit gerieten, sobald sie nicht mehr auf dem Buchmarkt präsent waren. George H. Cox bietet mit „Das Zimmer im ersten Stock“ ein typisches Beispiel.

Auch Tyrannenmord ist strafbar

Die Elemente könnten kaum bekannter sein. Tatsächlich könnte man sie als Bauteile bezeichnen, die in ihrer Gesamtheit einen keineswegs luxuriösen, sondern vor allem stabilen Krimi ergeben. Da haben wir im Zentrum den isolierten Schauplatz, der gleichzeitig Tat- und Aufenthaltsort sämtlicher Verdächtiger ist. Die Fairness fordert es, dass der Verfasser den Mörder aus dieser Gruppe rekrutiert.

Wie es sich gehört, sind sie alle höchst verdächtig, denn der Ermordete war verhasst. Er band sie finanziell an sich oder erpresste sie mit der Kenntnis vergangener aber unvergessener Skandale. Sogar Don MacLaren, der Held, muss fürchten, sich die Hände blutig gemacht zu haben, denn sein Fausthieb war es, der den Widerling in den Connecticut River warf, aus dem er später tot gezogen wird.

Das Alter dieses Romans wird u. a. durch MacLarens Reaktion deutlich: Wäre nur er selbst betroffen, hätte er die Prügelei sogleich der Polizei gemeldet. Doch die vom Drachen Kingsley verfolgte Prinzessin Ruth war ebenfalls in den Kampf verwickelt. Ritter MacLaren stellt sich abermals vor sie, das „Mädchen“ (wie Ruth immer wieder genannt wird), um sie vor der Polizei bzw. den gesellschaftlichen Skandal zu bewahren, den selbst der später widerlegte Verdacht des Gattenmordes hervorrufen würde. Schließlich leben unsere Protagonisten in einer Zeit, als die Gefangenhaltung der Ehefrau höchstens in einer juristischen Grauzone anzusiedeln ist; er darf sie durchaus daran hindern, ihm davonzulaufen und sie dabei nur nicht schlagen …

Einsame Entscheidungen eines entschlossenen Mannes

Als zusätzlicher Spannungsfaktor kommt somit die Furcht vor der – selbstverständlich misstrauischen – Polizei ins Spiel. Allzu lange mögen MacLaren und Autor Coxe das Gesetz nicht foppen, denn „Das Zimmer im ersten Stock“ entstand für eine Leserschaft, die es beruhigend fand, dass die Hüter von Recht und Ordnung quasi allwissend waren und dem Verbrechen keine Chance ließen.

Dem widerspricht eigentlich das Verhalten des Helden, der dennoch auf eigene Faust Ermittlungen anstellt. Als Begründung führt Coxe den weiterhin vage schwelenden Tatverdacht an. Außerdem hat sich MacLaren – natürlich – in die zarte, hilfsbedürftige und nun alleinstehende Ruth verliebt.

Für weitere Verwicklungen sorgen gleich mehrere Erpresser sowie diverse Verbrechen, die mit dem eigentlichen Mord nichts zu tun haben. So etwas belebt die Spannung und sorgt für falsche Spuren. Coxe bringt die grundsätzlich simple Story auf die mit dem Verlag vereinbarte Länge und verhindert trotzdem Langeweile, denn er verknüpft seine Fäden sauber und mit einem ausgeprägten Gefühl für Handlungstiming.

Furchtlos im Auge des Klischees steht das große Finale. Es folgt ebenfalls klassischen Vorgaben: Sämtliche Verdächtige kommen mit dem Detektiv genau dort zusammen, wo der schließlich entlarvte Täter zur Waffe greifen und den Ermittler sowie die zur Gefährtin des Helden aufgestiegene weibliche Hauptfigur bedrohen kann. Statt zu schießen und zu flüchten, beantwortet er ausführlich Fragen zum Tathergang und. Ist auch beim Leser Klarheit erreicht, prescht die Gerechtigkeit vor und sorgt dafür, dass dem Strolch klar wird, dass sich Verbrechen niemals auszahlt, solange es aufrechte Männer wie MacLaren, Lunt und Terry gibt!

Autor

George Harmon Coxe wurde am 23. April 1901 in Olean, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates New York, geboren. Er arbeitete zunächst als Journalist und in der Werbung. Parallel dazu begann er ab 1922 Jahre Kurzgeschichten zu schreiben. Coxe versuchte sich in vielen Genres und veröffentlichte in den unzähligen „Pulp“-Magazinen dieser Ära. Seinen Durchbruch erzielte er mit einer Serie von Storys um den Polizei-Fotografen Jack „Flash Gun“ Casey, der sich gern als Detektiv versuchte. Diese Geschichten erschienen ab März 1934 im Magazin „Black Mask. Die Leser liebten „Flash Gun“. Zwischen 1943 und 1950 wurde eine Radioshow ausgestrahlt. Hollywood produzierte 1936 und 1938 zwei B-Movies. Unter dem Titel „Crime Photographer“ gab es 1951/52 eine TV-Serie, in der Darren McGavin die Hauptrolle spielte.

Ebenfalls ein Fotograf (sowie in Boston tätig) war Kent Murdock. Coxe gestaltete ihn ein wenig ‚erwachsener‘ und besonnener als Jack Casey und machte ihn 1935 zum Helden seines ersten Romans, der gleichzeitig Start einer ganzen Murdock-Serie war, die bis 1974 fortgesetzt wurde. Daneben schrieb Coxe reihenunabhängige Krimis. Bis in die 1960er Jahre erschien mindestens ein sauber geplotteter Thriller jährlich. Die „Mystery Writers of America“ honorierten dies, als sie Coxe 1964 mit einem „Grand Master Award“ für sein Werk auszeichneten. 1976 verabschiedete sich Coxe mit „No Place for Murder“ – in Deutschland unter dem albernen Titel „Striptease mit Pistole“ erschienen – von seinen Lesern. Am 30. Dezember 1984 ist George H. Coxe im Alter von 83 Jahren in Old Lyme, US-Staat Connecticut, gestorben.

In Deutschland fand Coxe im Goldmann-Verlag ab 1958 eine ihm gewogene Veröffentlichungsplattform, denn seine Romane passten perfekt in das biedere Verlagsprogramm, das ebenso selbstbewusst wie anmaßend so charakterisiert wurde: „Die Auswahl der Kriminal-Romane … ist von besonderem Verantwortungsgefühl bestimmt. So lehnt der Verlag die ‚harten‘ Kriminal-Romane ab. Jedes Goldmann-Buch trägt gewissermaßen den unsichtbaren Garantie-Stempel für Qualität.“ In den folgenden beiden Jahrzehnten wurden die meisten der 63 Coxe-Krimis veröffentlicht bzw. immer wieder neu aufgelegt. Als nach 1976 neue Romane ausblieben, verschwand George H. Coxe nach und nach aus dem Verlagsprogramm. Heute ist sein Name – nicht nur in Deutschland – vergessen.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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Flugkarte nach Panama

Kabine B 55

Schluss der Vorstellung

Die Zange

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