Das zweite Buch des Horrors

Joachim Körber (Hg.)
Das zweite Buch des Horrors
Die Geschichte der unheimlichen Literatur in meisterhaften Erzählungen – 1920 bis 1940

Original-Kollektion
Deutsche Erstveröffentlichung: 1991 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/8302)
Übersetzung: H. C. Artmann, Joachim Körber, Friedrich Polakovics, Klaus Staemmler, Willy Thaler, Ute Thiemann
317 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-04904-8

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Inhalt:

– Stefan Grabinski: Der Blick (Spojrzeme, 1922), S. 11-28: Dass seine Theorie zutrifft, nach der diese Welt nur eine Illusion ist, weiß Dr. Odonicz jetzt, aber die grausige Wahrheit kann er niemandem mehr mitteilen.

– Jean Ray: Die weiße Bestie (La bete blanche, 1925), S. 29-38: Ein Einsiedler entdeckt in den Wäldern der Ardennen eine tiefe Höhle, darin eine Goldader – und einen missgestimmten Überlebenden aus der Urzeit.

– Seabury Quinn: Der Poltergeist (The Poltergeist, 1927), S. 39-72: Jules de Grandin, französischer Meisterdetektiv des Okkulten, rettet eine schöne Maid aus den Klauen eines geilen Gespenstes.

– Howard Phillips Lovecraft: Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928), S. 73-120: Ein Forscher entdeckt Spuren, die auf die Existenz eines Kultes hinweisen, der recht unangenehme ‚Gottheiten‘ in diese Welt bringen will.

– Frank Belknap Long: Die Dämonen von Tindalos (The Hounds of Tindalos, 1929), S. 121-144: Allzu erfolgreich ist ein Forscher, der mit Hilfe einer Droge in die Zeit zurückreist und herausfindet, wer tatsächlich hinter dem biblischen Sündenfall steckt.

– Lady Cynthia Asquith: Gebe Gott, dass sie in Frieden ruht (God Grante That She Lye Still, 1931), S. 145-196: Ein Unfall riss die junge Frau einst in den Tod; nun drängt sie zurück ins Leben und kämpft mit einer Nachfahrin um deren Körper.

– David H. Keller: Das Ding im Keller (The Thing in the Cellar, 1932), S. 197-208: Der kleine Junge fürchtet sich vor dem dunklen Keller, die Eltern beschließen eine Schocktherapie; die Folgen sind in der Tat spektakulär.

– Clark Ashton Smith: Teichlandschaft mit Erlen und Weide (Genius Loci, 1933), S. 209-240: Ein böser Geist nistet an einem verwunschenen Ort, wo er auf unvorsichtige Besucher lauert, um sie ins Verderben zu locken.

– Robert Bloch: Das Grauen von den Sternen (The Shambler from the Stars, 1935), S. 241-258: Der Zufallsfund eines Zauberbuches verschafft dem Erforscher des Okkulten ersehnte Gewissheiten – und einen grausigen Besucher.

– August Derleth: Jenseits der Schwelle (Beyond the Threshold, 1941), S. 259-302: In den finsteren Wäldern Neuenglands öffnet ein fanatischer Forscher das Tor zu einer Welt, die von bösen Kreaturen aus der Urzeit des Universums bevölkert wird.

– Anhang I: Zur weiteren Lektüre empfohlen, S. 303-314

– Anhang II: Quellen- und Rechtenachweis, S. 315-317

Eine Welt in Bewegung

Die 1920er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Der I. Weltkrieg hatte in Europa die politische Landkarte verändert und gewaltige soziale Umbrüche in Gang gesetzt. Gleichzeitig machten die Naturwissenschaften enorme Fortschritte. Besonders die Physiker drangen in Sphären vor, die sich von den meisten Menschen nur noch ansatzweise begreifen ließen, und deuteten die Existenz von Welten und Dimensionen an, die mit dem Begriff „exotisch“ bei weitem nicht mehr zu beschreiben waren.

Kunst und Literatur blieben von diesen Entwicklungen nicht unberührt. Im phantastischen Genre begann das Ende der klassischen Gespenstergeschichte. Natürlich verschwand sie weder abrupt noch vollständig. In dieser Sammlung treffen wir sie bei Seabury Quinn (1889-1969), Lady Cynthia Asquith (1887-1960), David Henry Keller (1880-1966) und Clark Ashton Smith (1893-1961). Dabei deckt sie das gesamte Spektrum von trivial (Quinn) über psychologisch (Asquith) bis atmosphärisch (Smith) ab.

Eindrucksvoll ragt aus diesem Quartett die Story von Keller heraus. Dieser recht unbekannte, nicht besonders produktive Autor legt eine Geschichte vor, die ihrer Zeit weit voraus ist. Fast dokumentarisch und mit knochentrockenem Humor erzählt er eine bitterböse Gespenstergeschichte, dessen spukhaften Bösewicht wir kein einziges Mal zu sehen bekommen. Jeder Satz, jedes Wort steht im Dienst der dadurch umso nachhaltiger wirkenden Geschichte.

Die Natur als Wiege des Grauens

Jean Ray (d. i. Raymondus Jean Marie de Kremer, 1887-1964) baut eine Brücke zwischen dem ‚alten‘ und dem ‚neuen‘ Horror. Seine „Weiße Bestie“ ist kein übernatürlicher Spuk, sondern ein der Forschung fremdes aber sehr lebendiges Wesen, das dort, wohin der neugierige Zeitgenosse seine Nase steckt, nicht einmal lauert, sondern einfach nur sein Territorium gegen Fremdlinge verteidigt.

Dieses Konzept wurde Ende der 1920er Jahre von Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) weiter entwickelt und zur Vollendung gebracht. „Cthulhus Ruf“ steht am Anfang einer neuen Ära. Lovecrafts böse Geißeln leben in einer Art Parallelwelt, aber sie sind und waren durchaus lebendig. Damit verknüpfen die Cthulhu-Geschichten den Horror mit der Science Fiction.

Eine hochinteressante Fußnote stellt Stefan Grabinskis (1887-1936) dar. „Der Blick“ belegt, dass Lovecraft weder der erste noch der einzige Autor war, der das Konzept des „kosmischen“ Horrors erfand. Grabinski bedient sich seiner bereits 1922 völlig unabhängig von der US-amerikanischen Pulp-Szene und mit einer Souveränität, die belegt, dass die Zeit allgemein reif war für solche Veränderungen.

Schnell & grell: Pulp-Horror

Die Phantastik hatte just ein neues Forum bekommen: Mitte der 1920er Jahre kamen die „Pulps“ auf, billige, auf holzhaltiges Papier gedruckte Magazine, für die unzählige Autoren Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane schrieben. Die Pulps hatten Erfolg und prägten die Szene für fast zwei Jahrzehnte. Wie Pilze schossen sie aus dem Boden. Die Leser waren jung und von der Zukunft fasziniert. Grusel aus der guten, alten Zeit stand weniger hoch im Kurs. Schneller und härter (und oft genug auch flacher) wurde die Gangart. Bewährte Ideen wurden gern kopiert oder variiert.

Frank Belknap Long (1903-1994), ein Vollprofi der Pulp-Epoche, beweist es mit „Die Dämonen von Tindalos“, eine spannende, routiniert umgesetzte Hommage an H. P. Lovecraft, aber kaum eine originelle Geschichte, die Lovecraft nicht gefallen haben dürfte, weil Long etwas tut, das der Einsiedler aus Providence stets vermied: Er verquickt den Cthulhu-Kosmos mit der christlichen Mythologie und weist dem tintenfischköpfigen Unhold und seinen nicht minder unfreundlichen Genossen die Rolle schnöder Dämonen zu.

Robert Bloch (1917-1994) macht es mit „Das Grauen von den Sternen“ geschickter. Trotz seiner Jugend – er war 1935 gerade 18 Jahre alt – kopiert er Lovecraft (der den jungen Kollegen schätzte und förderte) nicht einfach, sondern bringt eigene Ideen in den Cthulhu-Mythos ein. Dazu gehört „De Vermis Mysteriis“, das fiktive Zauberbuch des Erzmagiers Ludvig Prinn, das der Cthulhu-Jünger heute ebenso eifrig zitiert wie Lovecrafts „Necronomicon“.

Lovecraft tritt übrigens persönlich in Blochs Geschichte auf. Der Schriftsteller, der ein ereignisarmes Leben führte, wird hier durch ein Ende geadelt, wie es einem Sucher nach der Realität des Grauens zukommt: Er stirbt in den Klauen einer wirklich fiesen Kreatur, was wiederum ein Insider-Gag ist, da es Abdul Alhazred, den Verfasser des „Necronomicons“, genauso erwischt hatte.

Ein Schritt in die falsche Richtung

August Derleth (1909-1971) gilt als Lovecrafts treuester Jünger, Diener, Nachfolger und Bewahrer. Unermüdlich hat er nach 1937 dessen Werk an die Öffentlichkeit gebracht. Dass Lovecraft den verdienten Ruhm der Gegenwart genießt, verdankt er vor allem Derleth.

Allerdings hat sich Derleth Freiheiten herausgenommen, die sein Meister kaum gutgeheißen hätte. Dazu gehört vor allem Derleths Drang, das kosmische Grauen Lovecrafts zu ‚ordnen‘, d. h. Cthulhu und die Seinen in einen dunklen Götterhimmel einzupassen. Doch für Lovecraft gehört das Chaos zum Konzept. Verstehen bedeutet auch, die Furcht zu verlieren, was kaum im Sinne einer Gruselgeschichte sein kann.

Fleißig bastelt Derleth an seiner ‚verbesserten‘ Lovecraft-Vision. Lücken im Konzept werden mit eigenen Kreationen gefüllt. Cthulhu wird zu einer Art Elementargeist unter vielen anderen Kreaturen, deren Namen schwierig zu merken sind. Wie man dies noch weiter bzw. zu weit treiben kann, bewies Derleth 1945 mit „The Lurker at the Threshold“ (dt. „Das Grauen vor der Tür“/„Das Tor des Verderbens“), einem Roman, der unzweifelhaft eine Erweiterung aber keine Verbesserung von „Jenseits der Schwelle“ darstellt, weil sich böse Götter aus dem All quasi gegenseitig auf die Füße treten.

Herausgeber

Am 4. November 1958 in Karlruhe geboren, wurde Joachim Körber ab 1979 als Übersetzer tätig. Er spezialisierte sich auf Werke der Genres Science Fiction und Horror; u. a. war er in den 1980er und frühen 1990er Jahren DER Übersetzer für die Titel von Stephen King. Parallel dazu edierte er mehrere, oft themengebundene Bände mit klassischen und modernen phantastischen Geschichten.

Sein immenses Hintergrundwissen in Sachen Phantastik ließ ihn 1984 mit zwei weiteren Enthusiasten den Kleinverlag „Edition Phantasia“ gründen. Hier erscheinen seither neue und bereits erschienene Werke der SF, Fantasy und Horror ungekürzt, (neu) übersetzt und in exquisiter Ausstattung; hinzu kommen limitierte, nummerierte und signierte Sammlerausgaben.

Ebenfalls seit 1984 gibt Körber das „Bibliographische Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur“ heraus, eine kontinuierlich fortgesetzte und aktualisierte Lose-Blatt-Sammlung, die über Autoren, Werke und weitere Themen der Phantastik Auskunft gibt.

Als Autor hat Joachim Körber vor allem Sachbücher veröffentlicht. 1998 erschien als bisher einziger Roman „Wolf“, ein phantastischer Thriller. Für seine Kurzgeschichte „Der Untergang des Abendlandes“ wurde Körber 1999 mit einem „Deutschen Phantastik-Preis“ für die beste deutsche Kurzgeschichte des Jahres ausgezeichnet.

Über „Die Geschichte der unheimlichen Literatur in meisterhaften Erzählungen“

Zwischen 1990 und 1993 erschienen die vier „Bücher des Horrors“, die anhand beispielhaft ausgesuchter Kurzgeschichten die Geschichte der phantastischen Literatur zwischen 1870 und 1990 nachzeichneten. Dieses Projekt war durchaus ehrgeizig; es beschränkte sich keineswegs auf den neuerlichen Abdruck x-fach edierter Storys, sondern gab dort, wo es möglich und thematisch ratsam war, zum Zeitpunkt des Erscheinens möglichst unbekannten Texten den Vorzug.

Zu jeder der abgedruckten Geschichten gab Herausgeber Joachim Körber knappe aber erhellende Hintergrundinformationen über den Verfasser. Außerdem wurde die Story in das Umfeld der zeitgenössischen Phantastik eingeordnet. In einem Anhang wurden weitere Autoren und ihre Werke empfohlen sowie kommentiert, die aus Platzgründen nicht in das jeweilige „Buch des Horrors“ aufgenommen werden konnten. Wie es der Herausgeber geplant hatte, werden diese vier Bücher ihrem Thema gerecht. Sie gehören damit zumindest in die Sammlung des auch an der Horror-Historie interessierten Lesers.

Copyright © 2012/16 by Michael Drewniok (md)

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Das erste Buch des Horrors

Das dritte Buch des Horrors

Das vierte Buch des Horrors

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