Der 4. Grad

C. V. Rock
Der 4. Grad

Deutsche Erst- u. Originalausgabe (geb.): 1958 (Balowa Verlag)
254 Seiten
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1961 (Kranich-Verlag/Blaulicht-Kriminalroman 6)
134 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Chicago Ende der 1950er Jahre: Richard Allin ist als Kidnapper erfolgreich gewesen. Die Eltern des Kindes Bobby hat er um 600.000 Dollar erpresst. Der Junge ist tot, das Geld in seinem Besitz, was „Missgeburt“, „Saukerl“ und „Untermensch“ (Originalzitate) Allin leicht bekümmert bzw. sehr erfreut.

Aber das Gesetz schläft nicht. Taxifahrer Fred Seward, der sich nebenbei als Spitzel verdingt, informiert die Kriminalpolizisten Baker und Parker über Allins derzeitigen Aufenthaltsort. Die beiden Beamten überraschen den Entführer, nehmen ihn fest und stellen das Geld sicher. Dass sie damit dem unbeliebten FBI zuvorkommen, das eigentlich für diesen Fall zuständig ist, stellt einen zusätzlichen Bonus dar.

Natürlich sieht das FBI die Sache anders. Agent Eugen Havilland macht der Polizei die Hölle aber nicht nur wegen der Anmaßung heiß: Von dem sichergestellten Lösegeld ist die Hälfte verschwunden. Da Allin als Einzeltäter aktiv wurde, kann dies nur bedeuten, dass korrupte Polizeibeamte 300.000 Dollar verschwinden ließen!

Ein Skandal droht, dem Havilland einen Riegel vorschieben möchte. Er nimmt seine Ermittlungen auf, die ihn im verdächtigen Polizeirevier zu einem überaus unbeliebten Zeitgenossen werden lassen. Havilland ist dies gleichgültig, denn für ihn, den makellosen „Fed“, zählt nur das Gesetz. Ohne Rücksicht auf eventuelle Befindlichkeiten verfolgt er diverse Spuren, die ihn zu den Schuldigen führen. Dabei kommt eine neue Erfindung ins Spiel, die nicht nur von Verbrechern gefürchtet wird: der Lügendetektor, eine Maschine, die Aussagen auf ihre Richtigkeit überprüfen kann!

Von seiner Existenz wissen auch die Diebe, was sie anspornt, möglichst sämtliche Spuren – und Zeugen! – zu verwischen bzw. umzubringen. Eine wilde Hetzjagd beginnt, die selbst den gelassenen Havilland nachdrücklich aus der Ruhe bringt …

Lektüre-Spaß mit schlechtem Gewissen

Die deutschen 1950er Jahre erscheinen uns später Geborenen in der Regel als recht bleierne Zeit. Zucht & Ordnung herrschten in der Adenauer-Ära, in der die Menschen primär mit dem Wiederaufbau nach dem II. Weltkrieg beschäftigt waren, während nur Faulpelze und Schmarotzer Zeit, Geld und Lust für freizeitliche Perversionen aufbrachten.

Was selbstverständlich Blödsinn ist. Die so genannten „niederen Instinkte“ haben den Menschen zu keiner Zeit verlassen. Also hat es auch nach dem „III. Reich“ keine geistig-moralische Wende gegeben. Die (relative) Freiheit in der Bundesrepublik Deutschland bedeutete auch die Rückkehr von „Schmutz & Schund“, auf den die braven Bürger nur gewartet zu haben schienen.

Ein gutes Stück unterhalb der ‚niveauvollen‘ Literatur rangierte der vor allem unterhaltsame Kriminalroman. Doch auch hier gab es Qualitätsstufen. Während sich z. B. der renommierte Goldmann-Verlag rühmte, dem ‚harten‘ Krimi à la Chandler oder Hammett die kalte Bildungsbürger-Schulter zu zeigen, bedienten weniger elitäre aber am Verdienst interessierte Kleinverlage diejenigen Leser, die es ein wenig schmutziger liebten.

Im Sumpf der Billig-Unterhaltung

„Der 4. Grad“ erschien 1958 im Balowa-Verlag, der im westfälischen Nest Balwe seinen Sitz hatte, in einer Auflage von 5000 Exemplare als sogenanntes Leihbuch: ein möglichst billig hergestelltes, auf stark holzhaltiges Papier gedrucktes, fest gebundenes, durch eine robuste und abwischbare Efalin-Folie geschütztes Buch, das nicht in den Handel gelangte, sondern an private Büchereien verkauft wurden: Oft im Verbund mit einem Zigaretten- und Zeitschriftenhandel geführt, konnte man sich hier für kleine Geldsummen Bücher ausleihen, in denen es ein wenig handfester zur Sache ging als in den Werken, die in der Pfarrbücherei angeschafft wurden …

Das Leihbuch-Publikum war überschaubar, die zu seiner Versorgung erforderlichen Auflagen damit kalkulierbar. Bestseller waren nicht zu erwarten. Autoren, die wie C. V. Rock primär für den Leihbuchmarkt schrieben, wurden kümmerlich entlohnt. Verdienen konnten sie nur, wenn sie schnell arbeiteten. Dass unter dieser Prämisse keine Meisterwerke entstanden, war sowohl klar als auch Nebensache: Action & ein Hauch nicht allzu verwerflicher Anrüchigkeit waren definitiv wichtiger als Stil oder gar Anspruch.

Entlarvend ehrlich oder nur trashig?

„Der vierte Grad“ spiegelt sämtliche Vor- und Nachteile des Leihbuchs wider. Die Story ist spannend und fast schon komplex, denn es geht nicht nur um die Jagd auf einen Kidnapper, sondern auch um die Überführung betrügerischer Polizeibeamten – und das in einer Zeit, als die Vertreter von Recht & Gesetz quasi als sakrosankt galten! Aber es treten ja keine deutschen Beamten als Schurken auf, sondern lumpige Cops im weit entfernten Amerika …

Schon die Lektüre der ersten Zeilen macht dem Leser des 21. Jahrhunderts klar, dass er (oder sie) es hier nicht mit einem Krimi-Klassiker zu tun hat, „Der 4. Grad“ ist ein rohes (Mach-) Werk, für das ein Verfasser verantwortlich zeichnet, der seine Geschichte erzählt, ohne sie sprachlich in eine einigermaßen elegante Form zu fassen. Rock blieb gar keine Zeit dazu, denn Romane wie dieser entstanden unter Umständen in nur einer Woche und wurden nicht überarbeitet, sondern gedruckt und verkauft, gelesen und vergessen.

Unter den Leihbuch-Minenknechten nahm C. V. Rock eine gewisse Sonderstellung ein, da er zumindest theoretisch Besseres liefern konnte. Nach eigener Aussage hatte er sich durch ausgiebige Recherchen vertraut mit dem US-Justiz- und Polizeiwesen gemacht und ansonsten mit Kartenmaterial und sonstigen Hintergrundinfos eingedeckt, die den um 1960 in Sachen Auslandserfahrung eher unerfahrenen deutschen Lesern profunde Ortskenntnis suggerierten. Aus heutiger Sicht atmen Rocks Darstellungen allerdings höchstens den Geist zeitgenössischer B- und C-Movies.

Wahrheit und Recht – um wirklich jeden Preis!

Völlig unangekränkelt zeigt sich Rock vom Ungeist der Kriminalpsychologie. Verbrecher treten aus seiner Sicht als solche in die Welt. Eine Vorgeschichte, die sie kriminell werden ließ, lässt er nicht gelten. Gangster sind Tiere, was es rechtfertigt, sie als solche zu behandeln; da sie selbst kaum denken und trotzdem schurkisch handeln, rechnen auch damit und nehmen es deshalb nicht krumm, wenn sie bei der Festnahme geschlagen und während des Verhörs gefoltert werden, um ein Geständnis zu erpressen. (So erklärt sich übrigens auch der zunächst schwer verständliche Titel: Als „3. Grad“ bezeichnete man in Polizei- und Verbrecherkreisen eine ‚Verhörmethode‘, bei der mindestens ein abgeschnittener Gartenschlauch zum Einsatz kam, der kaum Spuren auf der Haut hinterließ. Der Lügendetektor als 4. Grad stellt eine beinahe unfaire Entwicklung dar, enthebt er die verhörenden Beamten doch ihrer Prügel-‚Pflicht‘, die oft als willkommene Gelegenheit gesehen wurde, einen Beitrag zur Bestrafung des Schurken zu leisten …)

Kein Mitleid darf Kidnapper und Mörder Allin auch vom FBI erwarten. Die spätestens in den 1970er Jahren zu Recht in die Kritik geratene Einrichtung gilt Rock als Elite der Verbrechensbekämpfung – und dieses Wort wird mit Bedacht gewählt! Agent Eugen Havilland nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er Allin seine Sicht vom Ziel der Ermittlungsarbeit darlegt: „‚Ich müsste … sogar besonderen Wert darauf legen, dass man sie [= die Verbrecher] schnellstens hinrichtet …, damit wir Steuerzahler nicht unnütz belastet werden! Was kostet denn so‘n Häftling täglich? Wohnung, Bewachung, Ernährung, Bekleidung, Betreuung durch Geistliche, Lehrer, Ärzte – Himmel, wenn man damit ein Waisenhaus beglücken dürfte!‘“ (S. 36/37) Hier ertönt Volkes Stimme – unverhohlen und laut, während entsprechende ‚Ratschläge‘ im ‚guten Buch‘ nur sorgfältig verschlüsselt zur Sprache kamen.

Wer sich nicht an die Regeln hält, ist Pack und gehört ausgerottet – so einfach ist das! Dass Allin in der Gaskammer enden wird, ist eine Tatsache, an der nicht einmal Allin selbst zweifelt. Recht bedeutet in Rocks Krimi-Welt nicht Gerechtigkeit, sondern Rache. Da Verbrecher generell dumm und gemein sind, ist es eine gute Tat, sie zu vertilgen. Eine Verantwortung der Gesellschaft für jene, die von ihr vernachlässigt oder im Stich gelassen und deshalb kriminell wurden, existiert nicht. Der ‚gute‘ Mensch wird auch im Elend das Gesetz achten. Ansonsten hat er sein Existenzrecht verwirkt.

Stammtisch-Lektüre

Die offenherzige Rohheit, mit der Rock solche Phrasen formuliert, muss heute einerseits erschrecken. Andererseits ist sie ein Produkt ihrer Entstehungszeit, in der die Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Mentalität noch sehr deutlich vorherrschte und sogar als politisch korrekt galt. Romane wie „Der 4. Grad“ lesen sich wie unverwässerte Botschaften einer Vergangenheit, die ihre Schattenseiten ansonsten sorgfältiger zu verbergen trachtete. Diese Tatsache verleiht dem Roman inzwischen eine zweite Ebene, die ihn jenseits seiner simplen Handlung und seiner grobschlächtigen Machart sehr interessant wirken lassen.

Dazu trägt der eigenwillige Stil bei: Verfasser Rock wendet sich immer wieder direkt an seine Leser, stellt ihnen Fragen, bezieht sie in die Handlung ein. Das macht er keinesfalls ungeschickt und gleicht auf diese Weise manche (dem Medium Leihbuch sowie der wirtschaftswunderlichen Entstehungszeit geschuldeten) derbe Entgleisung aus.

Ohnehin lässt sich Rock nicht in die Schublade des reaktionären Schundschreibers stecken. Gleich mehrfach bezieht er deutlich Stellung gegen die zeitgenössische Rassendiskriminierung; Farbige sind für ihn eindeutig keine Menschen zweiter Klasse. Das nimmt für ihn ein – und es führt zur Frage, ob die plumpe Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren womöglich dem Medium geschuldet ist. Hat der Verlag ‚seinen‘ Autoren Rock gezwungen, die „Verbrechen-lohnt-nicht“- und „Law-&-Order“-Schiene ohne Weichen und Nebenstrecken zu befahren? Leider wird die Leihbuch-Welt der 1950er bis 70er Jahre noch immer durch viele weiße Flecken gekennzeichnet. Hier herrschte nichts als das Gebot von Angebot und Nachfrage; an eine spätere sachliche Aufarbeitung die Leihbuch-Historie haben die Beteiligten nicht gedacht.

Autor

Am 18. Juni 1906 wurde Kurt Walter Roecken in Berlin geboren. Ursprünglich strebte er eine Laufbahn als Künstler und Kunsthistoriker an. Da er im Nazideutschland der 1930er Jahre mit einer „Halbjüdin“ verheiratet war und dies zu bleiben gedachte, musste er das Studium abbrechen. Roecken schlug sich als Grafiker und Übersetzer durch. Er bearbeitete viele angelsächsische Kriminalromane und versuchte sich bald selbst als Autor. Mit der ihm eigenen Gründlichkeit arbeitete sich Roecken in die Materie ein, recherchierte außerdem vor Ort in Polizeirevieren, Archiven sowie an Tatorten und eignete sich ein reiches kriminaltechnisches Wissen an.

Roecken arbeitete schnell und lieferte zuverlässig publikumswirksame Geschichten, wobei er sich nicht auf den Kriminalroman beschränkte. Die UFA verschaffte ihm die Möglichkeit einer Dramaturgenausbildung. Als „Kurt E. Walter“ arbeitete er anschließend als Autor – eine Tätigkeit, die er nach dem II. Weltkrieg fortsetzte und auf Dokumentar- und TV-Filme ausweitete –, und schrieb etwa 80 Drehbücher.

Auch sonst blieb Roecken, der nach dem Krieg sein bekanntestes und werbewirksamstes Pseudonym „C. V. Rock“ als rechtmäßigen Namen annahm, ein rasanter Autor. Allein seine zwischen 1935 und 1958 entstandene Serie um den Kriminalpolizisten Reg Chapell aus Chicago umfasst 50 Bände! In allen Genres war er aktiv, schrieb Bücher, Heftromane, für Illustrierten und Tageszeitungen, versuchte sich zweimal (erfolglos) als Herausgeber eines Magazins für Kriminalistik, verfasste Jugendromane, Sachbücher, Ratgeber. Den Krimi gab Rock Anfang der 1960er Jahre auf, blieb jedoch bis zu seinem Tod am 23. Februar 1985 schriftstellerisch tätig: ein anpassungsfähiger Handwerker für Gebrauchsliteratur, der den Aufstieg aus dem Trivial-Ghetto nie geschafft hat.

Copyright © 2007/2016 by Michael Drewniok (md)

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