Der chinesische Papagei

Earl Derr Biggers
Der chinesische Papagei

(Charlie-Chan-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The Chinese Parrot (New York : Grosset & Dunlap 1926)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Chinesen-Papagei“): 1928 Verlag Rijke & Stock/Internationale Abenteuerreihe)
Übersetzung: Reinhard Rijke
304 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Der Chinesenpapagei“): 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane 51)
Übersetzung: Reinhard Rijke
203 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 125)
Übersetzung: Reinhard Rijke
186 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1981 (Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1952)
Übersetzung: Dietlind Bindheim
174 S.
ISBN-13: 978-3-453-10555-3
Neuausgabe: Juli 2004 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Nr. 1135)
Übersetzung: Monika Schurr (mit einem Nachwort von Volker Neuhaus)
315 S.
ISBN-13: 978-3-8321-8332-5

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Das geschieht:

Nach vielen Jahren trifft Alexander Eden, gut situierter Diamantenhändler in San Francisco, seine heimliche Jugendliebe Alice Phillmore-Jordan wieder. Die einst märchenhaft reiche Witwe steht vor dem finanziellen Ruin, weshalb sie die legendären Phillmore-Perlen zum Verkauf anbieten muss, die Eden zum Höchstpreis loszuschlagen gedenkt. P. J. Madden, Börsenhai und Multimillionär, kauft sie für sein Töchterlein. Nun gilt es, den Schatz vom Phillmoreschen Familiensitz auf der Hawaii-Insel Honolulu in Maddens Besitz zu überführen. Da die Perlen einen Wert von über 200.000 Dollar repräsentieren, sind die Beteiligten verständlicherweise nervös, zumal die Unterwelt inzwischen Wind von dem Handel bekommen hat.

Eden schickt Bob, seinen Sohn, einen Lebemann mit Mumm in den Knochen, auf die weite Reise zu Maddens einsamer Farm in der kalifornischen Wüste. Alice Jordan stellt ihm einen Vertrauten zur Seite: den Chinesen Charlie Chan, einst Dienstbote im Hause Phillmore, aber dank seiner Intelligenz und seines Ehrgeizes schon lange Beamter der Kriminalpolizei von Honolulu, wo er für seinen Spürsinn, seine orientalische Gelassenheit und sein drolliges Kauderwelsch-Amerikanisch berühmt ist.

Madden verhält sich merkwürdig, wirkt gar nicht wie der souveräne Geschäftstycoon, der Wall Street und die Finanzwelt in Schrecken hält, und dringt eigentümlich heftig auf die Herausgabe der Perlen. Wenig Vertrauen wecken auch die zwielichtigen Gestalten, mit denen er sich umgibt. Chan rät daher zur Vorsicht. Unter falschem Namen lässt er sich als Koch anstellen und entdeckt rasch weitere Hinweise darauf, dass ein Verbrechen im Gange ist.

Unterstützt von Jungmann Bob, einem kauzigen Hinterwäldler-Reporter und einer jungen, hübschen Dame vom Film kommt Chan einem abenteuerlichen Komplott auf die Schliche. Dieses Spiel ist gefährlich, und der unglückliche, weil allzu geschwätzige Papagei Tony wird nicht der einzige sein, der dabei sein Leben lassen muss …

Krimi-Klassik ohne Klasse

„Der chinesische Papagei“ gehört zu den Klassikern, nach deren Lektüre sich der Leser verwundert fragt, wie er zu seinem Status gelangen konnte. Nüchtern betrachtet ist dieser Roman nämlich ein ziemlich mittelmäßiger, und selbst dieses Urteil wurde zugunsten des Angeklagten gefällt.

Einem starken Auftakt folgt ein langer Mittelteil, der sich mehr oder weniger im Kreise falscher Alibis, unschuldig Verdächtigter und verdächtiger Unschuldiger dreht. „Der chinesische Papagei“ unterhält am besten in jenen Kapiteln, die in San Francisco spielen. In der Wüste beginnt die Story zu kümmern. Sie erholt sich nicht einmal im Finale, das keine echten Überraschungen bieten kann. Dazwischen gelingen Biggers zwar immer wieder pittoreske Szenen, die indes zur Handlung kaum etwas beitragen. Von realistischer Detektiv- oder Polizeiarbeit kann übrigens auch keine Rede sein, und das angeblich so perfekt geplante Verbrechen, dem wir eher ungläubig beiwohnen, könnte nicht einmal Tony, den Papagei, täuschen.

Womöglich ist es auch die Enttäuschung, den literarischen Meisterdetektiv Charlie Chan im Vergleich mit seinen Hollywood-Inkarnationen verlieren zu sehen. Hier haben wir nämlich den seltenen Fall, dass der Film das Buch bei weitem übertrifft. Zwischen 1932 und 1947 entstanden mehr als vierzig Kinofilme mit Darstellern wie Warner Oland, Sidney Toler und Roland Winters, die sich noch heute trotz der billigen Machart (sowie diverser hässlicher Rassismen) mit großem Vergnügen anschauen lassen. Mit dem ‚echten‘ Charlie Chan haben diese Streifen freilich nur wenig zu tun.

Überhaupt gibt es nur sechs Original-Romane, die Earl Derr Biggers zwischen 1925 und 1932 verfasste; „Der chinesische Papagei“ ist der zweite auf dieser kurzen Liste. Zu Biggers Lebzeiten war den Charlie Chan-Romanen nur bescheidener Erfolg beschieden. Unglücklicherweise starb der Verfasser gerade dann, als Hollywood auf ihn aufmerksam geworden wurde.

Kluger Mann mit Hang zum Blumigen

Wie so oft ist das Leben des Verfassers interessanter als sein Werk. Geboren wurde Earl Derr Biggers 1884 in Warren, Ohio, mitten im noch wilden Westen, wie er später gern zu Besten gab. Einem Studium in Harvard folgte eine erfolgreiche Karriere als Humorist und Kritiker für den „Boston Traveler“. 1911 veröffentlichte Biggers seinen ersten Roman, heiratete Eleanor Ladd aus Medford, Massachusetts, zog nach New York City, verfasste eine erste Theaterkomödie („If You’re Only Human“), setzte seine Karriere als Humorist fort und begann eine neue als gefeierter, überaus produktiver Bühnenautor. 1919 brach er auf zu neuen Ufern, die paradoxerweise mitten in der Wüste lagen: Mr. Biggers ging nach Hollywood, wo man einen Mann mit seinen Talenten durchaus zu würdigen wusste.

Sein Repertoire erweiterte sich. Biggers wurde auf das Genre Kriminalroman aufmerksam und beschloss, auch hier sein Glück zu versuchen. 1919 hatte er während eines Urlaub in Honolulu über einen hier tätigen chinesischen Kriminalbeamten namens Chang Apana gelesen. Trotzdem dauerte es noch sechs Jahre, bis Biggers, durchaus direkt auf den Zeitgeist zielend, der exotische Helden schätzte, die Figur des Charlie Chan entwarf, eines trügerisch sanften, aber klugen bzw. mit der sprichwörtlichen Weisheit des Orients gesegneten Polizisten. Der Humorist Biggers scheint in den zahllosen Aphorismen durch, die dieser seinem Helden in den Mund legt; heute erscheinen sie freilich oft albern und abgeschmackt.

Selbstbewusst in schwierigen Zeiten

Was uns zur unschönen Frage trägt, ob denn die Charlie Chan-Romane aus politisch korrekter Sicht nicht als bodenloser Sumpf rassistischer Stereotypen zu verdammen sind. Hier muss man wiederum zwischen Film und Buch unterscheiden; den Schwarzen Peter behält Hollywood. Biggers hat sich im Rahmen des zeitgenössischen Weltbilds durchaus weit aus dem Fenster gelehnt. Auch im „chinesischen Papagei“ gibt es Szenen, die sehr deutlich machen, dass der Verfasser Charlie Chan ungeachtet aller skurrilen Züge nicht als Menschen zweiter Klasse oder Vorzeige-Exoten abgewertet wissen wollte.

Stattdessen streut Biggers immer wieder Momente ein, in denen er dünkelhafte Bleichgesichter gar nicht gut dastehen lässt. Chan ist bei aller Zurückhaltung sehr wohl ein selbstbewusster, von seinen Fähigkeiten eingenommener Charakter, der als solcher von seinen denkenden Mitmenschen auch wahrgenommen und respektiert wird.

Der chinesische Meisterdetektiv ist Objekt der Verehrung auf zahlreichen Websites. Zu den informationsreichsten und schönsten gehört zweifelsohne diese.

Die Charlie-Chan-Romane von Earl Derr Biggers:

(1925) Das Haus ohne Schlüssel (The House without a Key)
(1926) Der Chinesenpapagei/Charlie Chan und der chinesische Papagei/Der chinesische Papagei (The Chinese Parrot)
(1928) Hinter jenem Vorhang/Charlie Chan und die verschwundenen Damen (Behind That Curtain)
(1929) Charlie Chan und das schwarze Kamel (The Black Camel)
(1930) Charlie Chan macht weiter (Charlie Chan Carries on)
(1932) Der Hüter der Schlüssel/Charlie Chan vor verschlossenen Türen (Keeper of the Keys)

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok (md)

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Hinter jenem Vorhang

Der Mordfall Drachen

Chinesische Mandarinen

Das Kokainschiff

sfbentry

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