Der Gott der Dunkelheit

Tom Bradby
Der Gott der Dunkelheit

Originaltitel: The God of Chaos (London : Bantam Books 2004)
Übersetzung: Wolfgang Müller
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2005 (Heyne Verlag)
431 S.
ISBN-10: 3-453-01331-X
Neuausgabe: März 2007 (Heyne Verlag/TB Nr. 43218)
431 S.
ISBN-13: 978-3-453-43218-5

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Das geschieht:

Im Juni des Jahres 1942 stürmen die Truppen Hitler-Deutschlands an allen Fronten scheinbar unaufhaltsam vor. Unter dem Kommando Generals Rommel treiben die Nazis in Nordafrika die britischen Verteidiger vor sich her. Nur noch Stunden steht das Afrikakorps vor Kairo, der letzten Bastion. Die Briten sind demoralisiert an der Front und gefährdet in der Etappe. Vor einigen Monaten haben sie König Faruk von Ägypten abgesetzt und regieren das Land seither ganz unverhohlen als Kolonie. Die Ägypter haben das nicht vergessen. Separatisten und Terroristen blieben bisher erfolglos, doch Rommels Nahen lässt sie Oberwasser gewinnen. In den Straßen Kairos macht sich eine gefährliche Stimmung gegen die Briten und für Hitler breit.

In diesem Chaos versucht Major Joe Quinn, Chefermittler des Special Investigation Branch in der Kriminalabteilung der Royal Military Police, einen brutalen Mord aufzuklären. Im Garten seiner Dienstwohnung fand man die Leiche von Captain Rupert Smith, die Kehle durchschnitten, der Körper an einem Baum aufgeknüpft, auf der Brust die Figur von Seth, Gott der Finsternis und des Chaos, eingeritzt, darunter das Wort „Befreiung“. Dies weist auf die Täterschaft der „Arabischen Bruderschaft“ hin, einer besonders aktiven ägyptischen Befreiungsorganisation. Alarmierend ist weiterhin die Tatsache, dass Smith als hoher Offizier der Einheit Movement Control Kenntnis über Position und Kampfstärke jeder britischen Fronteinheit hatte. Wurde dieses hochgeheime Wissen womöglich an die Nazis verraten?

Seit sein Sohn vor einem Jahr bei einem Autounfall starb, führt Quinn einen privaten Kreuzzug gegen den unbekannten Täter. Schon mehrfach mussten seine Vorgesetzten Quinns Übergriffe vertuschen. Seine Ehe ging in die Brüche. Quinn ist ein Mann, den nur sein kriminalistischer Eifer am Leben hält. Genau das macht ihn für die Drahtzieher hinter dem Smith-Mord unberechenbar und deshalb gefährlich. Quinn muss verschwinden, und bis das arrangiert werden kann, sterben zumindest alle, die ihm helfen könnten, auf die richtige Spur zu kommen.

Viel mehr als „Casablance Reloaded“

Eine nordafrikanische Stadt als Hexenkessel im Angesicht der Bedrohung durch die Nazis? Überforderte Beamte, undurchsichtige Machtverhältnisse, Spione, Schieber, verzweifelte Flüchtlinge aus allen europäischen Ländern, Kollaborateure, dazwischen ein ehrenwerten Mann, der zwischen allen Parteien steht und privat in eine komplizierte Liebesgeschichte verstrickt ist? Ist dies nicht die Geschichte, die uns vor mehr als sechs Jahrzehnten in einem Film namens „Casablanca“ erzählt wurde?

Damit täte man Tom Bradby und seinem famosen Werk Unrecht. Dennoch sind die Parallelen vorhanden. Vermutlich liegt die Erklärung darin, dass die Macher von „Casablanca“ die zeitgenössische Situation sehr gut erfasst und in einprägsame Bilder verwandelt haben. Eben dieses Kunststück gelingt auch Bradby – und es ist kein leichtes, wie die fleißige Lektüre von Historienromanen mit Krimihandlung belegt. „Der Gott der Dunkelheit“ ist als Buch wie „Casablanca“ als Film ein Meisterwerk. Was bei nüchterner Betrachtung als bloße Unterhaltung klassifiziert werden mag, verwandelt sich tatsächlich in ein vielschichtiges Drama, das sich als Thriller ebenso bewährt wie als Zeitpanorama oder melancholische Liebesgeschichte. Bradby reiht Klischee an Klischee, doch unter seiner Feder entsteht daraus eine mitreißende Geschichte, die über die gesamte Distanz trägt.

Da ist die schier stupende Kenntnis eines Ortes, der so längst nicht mehr existiert. Bradby ist in das Kairo des Jahres 1942 eingetaucht, so gut es die historischen Quellen gestatteten. Anders als viele schreibende Kollegen präsentiert er nicht stolz das, was er dabei zu Tage gefördert hat, und produziert leerlaufende, langweilige Historienbilder, sondern ordnet die Ergebnisse seiner Nachforschungen jederzeit strikt seiner Story unter. Das Kairo der Kriegsjahre entsteht vor unserem geistigen Auge, doch das geschieht quasi nebenbei, während mit atemberaubendem Tempo die Handlung ihren Lauf nimmt.

Geschichte statt Historien-Spektakel

Bradby hält sich jener aufdringlichen Fraternisierung mit den ‚Eingeborenen‘ fern, welche die Lektüre vieler Historienromane bitter werden lässt. Hier gibt es keine „Achmeds“ oder „Abdullahs“, die treuherzig und radebrechend, die dicke Gattin und fünfzehn Kinderlein im Hintergrund, den europäischen Helden durch die Gettos von Kairos führen und für humorvoll gemeinte Pausen im Geschehen sorgen. Bradby unterstreicht die Außenseiterrolle: In ‚seinem‘ Kairo sind und bleiben die Europäer Fremde. Sie verstehen den Lebensalltag nicht wirklich, der ihnen hart und grausam vorkommt, ohne dass sie freilich etwas dagegen unternehmen: Die Ägypter sind vor allem Mittel zum Zweck. Dies sind sie gewohnt, sie nehmen es in der Regel hin, dass man sie fremd regiert und ihre Bodenschätze in einem Krieg verheizt, den sie nicht angezettelt haben. Deshalb ist es ihnen letztlich egal, ob die Briten oder die Nazis herrschen: Es kann nur besser werden.

In diesem Zusammenhang gibt es einen weiteren Pluspunkt: Obwohl „Der Gott der Dunkelheit“ in Kairo spielt und im Titel auf eine altägyptische Gottheit anspielt, gefällt der Roman durch den Verzicht auf pharaonenhörige Munkel-Orden, Verfolgungsjagden durch mumiengespickte Grabmäler oder ähnliche Vordergründigkeiten. Solche Möchtegernrätsel aus uralter Zeit haben mit der Geschichte, die hier erzählt wird, nichts zu tun. Sie werden deshalb nicht einmal zitiert, um auf billige Weise Gruselspannung zu schinden.

„Der Gott der Dunkelheit“ ist Trotz Schauplatz und Zeit ein moderner Roman. Das eigentliche Kriegsgeschehen spielt keine Rolle bzw. beschränkt sich auf das nächtliche Durchfliegen einiger feindlicher Bomber. Die militärische Bedrohung durch Rommel ist nur insofern wichtig, als sie Kairo in einen Hexenkessel verwandelt, den Bradby für seine Geschichte benötigt. Schon wenige Tage später würde diese so nicht mehr funktionieren; das Scheitern Rommels ließ den Druck aus dem Kessel entweichen. Der Tanz auf dem Vulkan zwischen zwei Fronten und die daraus resultierende Unsicherheit, ob es so etwas wie eine Zukunft gibt, sorgt für eine atemlose Stimmung, die zusätzliche Ungewissheit aus dem allmählichen Zusammenbruch von Recht und Regeln ziehen kann.

Keine Zeit für Helden

Selten zittern Thriller-Leser um einen Helden, der sich als solcher Kotzbrocken erweist wie Joe Quinn. Seine Tätigkeit als Polizist ist ihm weniger Arbeit als Jagd; Quinn verfolgt Verbrechen mit erschreckend manischer Energie, die bereits zum Tod eines Verdächtigen führte. Auch in der Gegenwart des Romans muss sein Kollege und Freund Effat ihn hindern, einen wehrlosen Mann in blindem Zorn umzubringen. Einen Großteil seiner Arbeitszeit investiert Quinn ohnehin in die Verfolgung jenes Autofahrers, der seinen Sohn überfuhr. Welche Gesetze er dabei bricht, kümmert ihn nicht. Seiner Frau, die den Neuanfang versucht, wirft er vor, das tote Kind zu vergessen. Quinn rast in seinem Zorn und ist blind für das Unheil, das er bei seinem Wüten über sich heraufbeschwört.

Auch seine Freunde, die sich weiterhin schützend vor sich stellen, werden in den Strudel gerissen. Quinn merkt es nicht, oder es ist ihm gleichgültig. Aber Bradby hat noch genug vom ‚alten‘ Quinn, einem durchaus liebenswerten Zeitgenossen, in dem gequälten Mann überleben lassen. Er lässt es immer wieder durchscheinen und schafft etwas Bemerkenswertes: eine ambivalente Figur, die weder Held noch Bösewicht, sondern ein unglücklicher Mensch ist.

„Ambivalenz“ ist ohnehin ein passendes Wort, wenn man die Figuren dieses Romans charakterisieren möchte. Wem kann man trauen, wem muss man misstrauen? Klar konturiert Bradby seine Figuren, stellt sie uns vor, wobei es anscheinend keine dunklen Flecken im Lebenslauf gibt. Doch solche Menschen, das erfahren wir rasch, gibt es vor allem in Kriegszeiten nicht. So wie Quinn ein Gezeichneter und Getriebener ist, geben sich die Männer und Frauen in seiner Umgebung unter Druck als Verräter, Diebe oder Mörder zu erkennen. Aber Vorsicht: Auch der zweite Blick kann trügen und hinter dem Verräter, Dieb oder Mörder ein armer Teufel zum Vorschein kommen, der oder die von größeren, härteren Hintergrundmächten zum Verbrechen gezwungen wurde. Bradby schafft es, uns bis ins Finale im Unklaren zu halten, wer letztlich wirklich Täter und wer Opfer ist. Dabei leistet er sich sogar den Luxus und spielt fair: Die Indizien, welche die wahren Täter verraten, liegen uns vor. Sie gehen unter in einem Gewirr von Hinweisen – ein verfasserliches Vorgehen, das sowohl legitim als auch spannend ist.

Autor

Tom Bradby wurde 1967 auf der Mittelmeerinsel Malta geboren, wuchs jedoch in England auf, wo er die Sherborne School und später die Edinburgh University besuchte. 1990 absolvierte Bradby eine Fortbildung bei ITN, dem größten der unabhängigen Networks in Großbritannien, und wurde 1992 Produzent des Politik-Kommentators Michael Brunson. 1993 ging Bradby für drei Jahre als Korrespondent nach Irland. Die hier gewonnenen Erfahrungen verarbeitete er fünf Jahre später in seinem Romanerstling „Shadow Dancer“ (dt. „Schattentänzer“).

Bradby wechselte in das TV-Segment seines Networks. Für ITV ging er 1999 als Asien-Korrespondent nach Indonesien. Während eines journalistischen Einsatzes schwer verletzt, blieb er bis 2001 vor Ort, bevor er in London eine ganze Reihe von Positionen bei ITV bekleidete. 2003 wurde Bradby Hauptstadt-Korrespondent seines Senders.

Privat ist Tom Bradby verheiratet und hat drei Kinder. Als Schriftsteller ist er seit 1998 aktiv. Seine Thriller ziehen sichtlich Nutzen aus den einschlägigen Erlebnissen ihres Verfassers, den zudem ein sicheres Gespür für Zeitkolorit und lebensechte Figuren auszeichnet. Bradbys Romane erfreuen sich bei seinen Kritikern und seinen Lesern gleichermaßen großer Beliebtheit.

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