Der Mord am Viadukt

Ronald A. Knox
Der Mord am Viadukt

Originaltitel: The Viaduct Murder (London : Methuen & Co. 1925)
Deutsche Erstveröffentlichung: 1963 (Rowohlt Verlag/RoRoRo-Thriller 2022)
Übersetzung: Gerda Hieronymus
157 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1974 (Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1594)
Übersetzung: Gerda Hieronymus
160 S.
ISBN-13: 978-3-453-10184-5
Neuausgabe: Februar 2011 (Tally-Ho! Verlag Robert Schulze/Tally-Ho!-Golfkrimi 2)
Übersetzung: W. Rønne
242 S.
ISBN-13: 978-3-9423-1601-9

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Das geschieht:

Pfarrer Marryat, Alexander Gordon, Mordaunt Reeves, William Carmichael – vier alte Bekannte, nicht wirklich Freunde aber Golfpartner, was wesentlich mehr zählt in Paston Oatvile. Der winzige Flecken, eine Bahnstunde nördlich von London gelegen, ist eigentlich nur ein einziger großer Golfplatz, dessen müßiggängerischen Spieler die exklusive Abgelegenheit schätzen und ihre Exzentrik pflegen. Die Landschaft ist idyllisch, sogar der große Eisenbahn-Viadukt, der sich östlich des Golfplatzes erhebt und das Flüsschen Gudgeon quert, fügt sich harmonisch ein – bis zu dem Tag, als Mr. Reeves in seinem Schatten die Leiche eines Mannes findet, dessen zerschmetterter Schädel vom Sturz aus dem fahrenden Zug hinab in die Tiefe kündet.

Das Opfer ist Mr. Brotherhood, ein weiterer Golfspieler natürlich, der offenbar auf dem Weg zum Büro in London war. Auch eine Erklärung für sein abruptes Ende ist rasch gefunden: Auf der Arbeit gab es Ärger, von einem hässlichen Bankrott ist gar die Rede. In diesem Jahr des Herrn 1925 ist das für einen Gentleman durchaus ein Grund, sich in den Tod zu stürzen. Aber ist das wirklich die Erklärung? Unsere vier Gefährten, die momentan das Golfspiel ein wenig langweilt, beschließen auf den Spuren von Sherlock Holmes zu wandeln. Das Gesetz erkennt auf Selbstmord, so dass Ermittlungen im ‚Fall‘ Brotherhood niemand stören – oder?

Die Schwierigkeiten beginnen, als die Freude das Doppelleben des Mr. Brotherhood aufdecken. Er hatte sich eine zweite Identität als Mr. Davenant geschaffen, der sich seltsamerweise ebenfalls in Paston Oatvile niederließ, was eine Menge logistischer Detailarbeit erforderte, um sich nicht zu verraten. Welche Rolle spielt die schöne Miss Rendall-Smith in diesem Drama? Ihr Foto wurde in der Brusttasche der Leiche gefunden. Immer eifriger verstricken sich unsere Detektive in ihre, Fall, der schließlich für alle Beteiligten ein höchst überraschendes Ende nimmt …

Der Tod als Sportsmann

Der Mord wird in England seit jeher gern als edle Kunst betrachtet. Auch schwarzer Humor ist in seinem Umfeld oft anzutreffen. Der Könner kombiniert beides und erzeugt jenes unnachahmliche Schweben zwischen Gruseln und Lachen, das wir kontinentalen Opfer privatfernsehgeklonter Klamottenkomiker bewundernd und neidisch als „britischen Humor“ bezeichnen.

Cover der Neuausgabe 1974

Der ihm immanente Scherz zündet umso heller, wenn er mit möglichst unbewegter Miene dargeboten wird. Das gedruckte Pendant ist ein scheinbar sachlicher Stil, der durch den geschickten Umgang mit dem Wort etwas völlig anderes ausdrückt als eigentlich geschrieben steht. Wie gesagt: Man muss sein Handwerk verstehen, um diesen Effekt zu erzielen. Ronald A. Knox weiß wie’s gemacht wird. „Der Mord am Viadukt“ ist vertrackter Krimi und Komödie gleichzeitig.

Ganz klassisch kommt der Krimi daher. Kein Wunder, denn Knox schrieb in der großen Zeit des britischen „Whodunit“-Thrillers. Ohne die Strenge später geborener Kritiker fürchten zu müssen, konnte er in ländlicher Idylle, kauzigen Charakteren, Geheimgängen, chiffrierten Schriften, falschen Identitäten und dem ganzen Inventar des traditionellen Rätsel-Krimis schwelgen.

Der Autor als Mittelsmann

Dabei spielt Knox dabei ganz offen mit den Konventionen. Seine vier eifrigen aber unbeholfenen Amateurdetektive sind stets die Ersten, die einander an die großen Ermittler der zeitgenössischen Kriminalliteratur erinnern. Knox nutzt die Gelegenheit, milde über schreibende Kollegen zu lästern. Die gängige Praxis, einen Plot möglichst verwickelt anzulegen, um die finale Überraschung des Lesers zu schüren, führt er ad absurdum, indem er praktisch jeden Schritt auf dem Weg zur vermeintlichen Lösung als kapitalen Irrtum entlarvt.

Knox‘ Ziel ist nicht primär die Schaffung eines klassischen kriminalistischen Rätsels. Er will seine Leser geistvoll unterhalten. Seine Gedanken kreisen um das Thema „Indizien“. Sie sind nicht nur Sherlock Holmes Alpha und Omega. Um sie zu finden und zu deuten, unternehmen die Detektive aller Zeitalter gewaltige Anstrengungen. Knox macht sich den Scherz, die Zweideutigkeit von Indizien herauszuarbeiten. Vier gar nicht dumme aber wohl etwas zu sehr von sich eingenommene Männer verfolgen eifrig einen Mordfall. Sie merken gar nicht, dass sie sich ihre ‚Beweise‘ selbst fabrizieren und auf ihren Spuren immer weiter in die Irre laufen. Wie das Rätsel schließlich aufgelöst wird, soll hier verschwiegen werden; der in der Kriminalliteratur so gern gefeierte, weil geniale Meisterdetektiv gibt jedenfalls ein kläglich-komisches Bild ab.

Die Figuren: vier komische Musketiere

Solche Männer wie unser detektivisch dilettierendes Kleeblatt kann es nur im Niemandsland des nostalgischen Thrillers geben. Alltägliche Sorgen sind ihnen völlig fremd; sie leben ohne Familien- oder Geldsorgen aber auch ohne Sinn oder Ziel, das über die Verbesserung des Golfspiels hinausginge (was sich schließlich peinlich rächt). Ein Mord ist ihnen eine angenehme Abwechslung, ein intellektuelles Spiel, dem sie sich mit Feuer- und Übereifer hingeben.

„Sie“ sind vier Chargen, wenn man es unfreundlich ausdrücken möchte. Ihr geistiger Vater hat sie möglichst unverwechselbar gestaltet und ihre Züge mit mildem Spott übertrieben. So bleiben sie in ihren Rollen und ergänzen sich hervorragend. Als Kunstfiguren wachsen sie uns sogar ans Herz und fallen uns als solche gar nicht auf, da exzentrisches Verhalten eigentlich alle Bewohner von Paston Oatvile auszeichnet: „Die Clubmitglieder, die ihm [= dem Begräbnis des dahingeschiedenen Mr. Brotherhood] beiwohnten, hatten entschieden, dass es einen schlechten Eindruck machen würde, wenn sie die Golfschläger mit auf den Friedhof mitbrächten; ihre Kleidung war aber eindeutig ein Kompromiss zwischen der Achtung für den Toten und der Entschlossenheit, unmittelbar nach der Beerdigung weiterzuspielen.“ Das ist angelsächsischer Humor in Reinkultur; wir können ihn hier und an vielen anderen Stellen genießen – und wir tun es!

Autor

Ronald Arbuthnott Knox wurde als vierter Sohn des späteren Bischofs von Manchester und seiner Gattin Ellen Penelope French 1888 in Knibworth, Leicestershire, geboren. Schon im Jahre 1900 sehen wir den jungen Ronald in Eton. Er wurde Mitherausgeber des College-Magazins „The Outsider“ und schrieb noch als Schüler sein erstes Buch: „Signa Severa“ (1906), eine Sammlung englischer, griechischer und lateinischer Verse. Mit dem akademischen Grad eines Baccalaureus Artium in klassischer Literatur und Philosophie verließ er 1910 Balliol College, Oxford, und wurde Lehrer am Trinity College. 1911 wurde Knox zum Diakon der Anglikanischen Kirche geweiht, ein Jahr später zum Priester. Während des I. Weltkriegs lehrte Knox an der Shrewsbury School und arbeitete für den militärischen Geheimdienst.

Zum Schrecken seines Vaters konvertierte Knox 1917 zum Katholizismus. Er wurde 1918 katholischer Priester und ging 1919 ans St. Edmund’s College, Hertfordshire. Von 1926 bis 1939 war er Kaplan an der Oxford University. Dann zog er nach Shropshire, um mit dem Werk seines Lebens zu beginnen: Knox übersetzte im Auftrag der Bischöfe von England und Wales die lateinische Bibel neu ins Englische. Diese gewaltige Aufgabe beschäftigte ihn bis 1955.

Der Krimi-Freund Ronald Knox tat sich erstmals 1912 durch einen quasi-seriösen, satirischen Artikel mit dem Titel „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ hervor, der von der Prämisse ausgeht, der Meisterdetektiv sei eine reale Figur der Zeitgeschichte. Knox‘ Artikel wurde positiv aufgenommen; einer der amüsierten Leser war Arthur Conan Doyle selbst. Später trat Knox dem „Detection Club“ bei.

Seit 1925 schrieb er selbst Romane. Sein Erstling war „The Viaduct Murder“ (1925, dt. „Der Tote am Viadukt“). 1927 gab Versicherungsermittler Miles Bredon in „The Three Taps“ (dt. „Die drei Gashähne“) sein Debüt .Nur sechs Romane umfasst Knox‘ kriminalistisches Werk. (Es heißt, Knox habe seine Krimis zwischen der Acht-Uhr-Messe und dem Lunch verfasst.) Angeblich habe sein Bischof ihm ans Herz gelegt, sich auf theologische Themen zu beschränken. Wahrscheinlicher ist, dass Knox spätestens seit den 1930er Jahren keine Zeit mehr für seine Kriminalschriftstellerei aufbringen konnte.

Neben der Ausübung seiner Ämter beschäftigte Knox sich mit grundsätzlichen theoretischen Fragen des Glaubens. Er galt als eine der wichtigsten katholischen Stimmen in England und verfasste viele theologische Bücher und Schriften zu diversen Themen, die von einer eher konservativen Haltung zeugen. Im Alter zog Knox nach Mells, Somerset, wo er am 24. August 1957 starb.

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Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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