Der Mordfall Benson

S. S. Van Dine
Der Mordfall Benson
(Philo-Vance-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: The Benson Murder Case (New York : Charles Scribner’s Sons 1926)
Deutsche Erstausgabe (geb. u. unter dem Titel „Das Zimmer des Schweigens“): 1932 (Neufeld & Henius Verlag)
Übersetzung: D. Fickert
223 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (gekürzt u. unter dem Titel „Mordakte Benson“): 1971 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1564)
Übersetzung: Robby Lohmer u. Leni Sobez
143 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 2000 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminal-Bibliothek 1089)
Übersetzung: Manfred Allié
315 S.
ISBN-13: 978-3-7701-4978-0

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Das geschieht:

Im Arbeitszimmer seines vornehmen Stadthauses sitzt Alvin H. Benson in einem Korbsessel – gemütlich zurückgelehnt, leger gekleidet aber mit einem beachtlichen Loch dort im Schädel, wo ihn ein Geschoss des Kalibers .45 durchschlug. Der Tod hat den reichen Börsenmakler offensichtlich überraschend ereilt; Benson kannte seinen Mörder und hat ihn wohl selbst ins Haus gelassen. Da Benson in New Yorks Gesellschaft eine recht prominente Stellung einnahm, schlägt sein Tod hohe Wellen. Major Benson, Bruder und Geschäftspartner, drängt auf rasche Klärung und nutzt seine politischen Verbindungen, woraufhin Bezirksstaatsanwalt F. X. Markham angewiesen wird, sich des Falls anzunehmen.

Markham ermittelt in ungewöhnlicher Begleitung: Philo Vance ist ein steinreicher Privatier, Kunstsammler und Feingeist, der sich seit einiger Zeit für die Psychologie des Verbrechens interessiert und seinen Freund Markham gebeten hat, ihn die Aufklärung eines Mordfalls beobachten zu lassen. Allerdings lässt es der überaus intelligente Vance nicht dabei bewenden. Als die Polizei aus seiner Sicht eklatante Ermittlungsfehler begeht, schaltet Vance sich in den Fall ein, was Markham widerstrebend geschehen lässt, nachdem er feststellt, wie schlüssig Vance scheinbar eindeutige Indizien aushebelt.

So gilt zunächst die Sängerin Muriel St. Clair als Hauptverdächtige. Sie wurde von Benson, der hinter der Gentleman-Fassade ein aufdringlicher Weiberheld war, heftig bedrängt. Auch ihr Verlobter, ein hochrangiger Offizier, könnte ehrenrettend eingegriffen haben. Der Tatort gibt entsprechende Indizien her, die Vance jedoch nicht nur zerpflückt, sondern gänzlich neu interpretiert, dabei das Feld der Verdächtigen stetig ausweitet und trotzdem einen gänzlich unerwarteten Mörder entlarvt …

Der allzu mögliche Mord

1926 war ein bedeutendes Jahr für den Kriminalroman: Mit Philo Vance erschien ein Amateur-Ermittler auf der Bildfläche, der sofort überaus erfolgreich wurde und heute zu den großen Klassikern des „Whodunit“ zählt. Dabei schien S. S. Van Dine (der tatsächlich W. H. Wright hieß) alles daranzusetzen, einen möglichst unsympathischen Detektiv möglichst ereignisarme ‚Abenteuer‘ erleben zu lassen – so könnte man jedenfalls heute meinen.

Doch Philo Vance muss in seiner Entstehungszeit gewürdigt werden, als (nicht nur) in der Kriminalliteratur die Uhren langsamer liefen. Wright wurde bereits zehn Jahre später selbst zum Opfer einer Beschleunigung, die Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiell Hammett in das Genre brachten. Der Kriminalroman wurde ‚erwachsen‘, d. h. nicht nur schneller, sondern auch drastischer. Die Ära der feingeistigen Amateure war abgelaufen, obwohl sie ihre Nische fanden und bis heute überlebten.

In den 1920er Jahren war einem impertinenten Besserwisser wie Philo Vance jedoch der Durchbruch möglich, weil Verfasser Vance als S. S. Van Dine den traditionellen Rätsel-Krimi um einen neuen Aspekt bereichern konnte. Bisher triumphierten jene Ermittler, die am Tatort wenige Indizien als solche zu erkennen und genial zu deuten vermochten, wo die faktisch zuständige Polizei ins Leere starrte. Hier setzte Van Dine an und präsentierte einen an Spuren reichen Tatort, um diese anschließend ad absurdum zu führen.

Indizien plus der Faktor Mensch

Van Dine war keineswegs der erste Krimi-Autor, der sich mit der Ambivalenz von Indizien beschäftigte. Spuren können gefälscht werden, um Täter zu tarnen und Tatverläufe zu verschleiern. So hatte es Sherlock Holmes stets großes Vergnügen bereitet, wenn Dr. Watson oder Inspektor Lestrade Indizien fehlinterpretierten, die ihm klar den Weg wiesen. Doch Van Dine ließ es Vance auf die Spitze treiben. Dieser stützte sich als Detektiv zwar durchaus auf Fakten, berücksichtigte aber bei deren Deutung den Faktor Mensch in bisher ungeahntem Ausmaß.

Die Psychologie war 1926 noch eine junge Wissenschaft. Ihre Erkenntnisse wurden mit Erstaunen zur Kenntnis genommen oder bezweifelt und abgelehnt aber auch trivialkulturell ausgebeutet. Deshalb weckte die Intensität, mit der Philo Vance seine Ermittlung quasi psychoanalytisch betrieb, großes Interesse. Dass er hier einen neuen Weg einschlug, war Van Dine bewusst und seine Absicht. Er nahm sich deshalb viel Zeit, die daraus resultierenden Methoden zu beschreiben, wobei er Vance als Sprachrohr benutzte.

Schon daraus resultiert ein Handlungs-‚Tempo‘, das den Leser der Stakkato-Gegenwart ärgern kann: Wir haben längst verinnerlicht, was Van Dine seinem Publikum erläutern musste. (Wobei er es zugegeben schon damals übertrieb.) Deshalb irritiert weiterhin die Penetranz, mit der vor allem die Polizei, aber auch Staatsanwalt Markham – der einen ‚intellektuellen‘ Ermittler darstellt – Vances Sichtweise ablehnen und stattdessen jeder neuen Spur hinterherpreschen wie der sprichwörtliche Esel der ihm an einem Bindfaden vors Maul gehängten Mohrrübe.

Der Mahner: im Recht aber lästig

Darin liegt auch eine Kritik, die erneut in der Entstehungszeit des Romans begründet ist. Die zeitgenössische Kriminalistik steckte 1926 noch in den Kinderschuhen. Inselhaft hatten moderne naturwissenschaftliche und eben psychologische Ansätze zwar bereits Fuß gefasst. Es fehlte jedoch ein theoretischer Unterbau. Mehrheitlich arbeiteten Polizei und Justiz wie in der Vergangenheit. Man setzte auf eine Mischung aus Tradition und Erfahrung, die freilich auch ein Nährboden für Ignoranz und Fehlurteile war. Hier bestand ein Nachholbedarf, der nach und nach zur Einrichtung von Ermittlungseinrichtungen führte, in denen Spezialisten das Sagen hatten.

Dies reibt Vance im „Mordfall Benson“ sämtlichen Beteiligten genussvoll unter die Nasen. Zwar liegt er richtig damit, doch Philo Vance ist alles andere als ein idealer Vermittler. Gentleman- und Amateur-Ermittler wurden in der Kriminalliteratur gern als Exzentriker gezeichnet, die sich jenseits etablierter gesellschaftlicher Normen bewegten. Auch der bereits erwähnte Sherlock Holmes war eitel, ungeduldig und unfreundlich, wenn er auf Mitmenschen traf, die er als Dummköpfe definierte. Im Vergleich zu Vance war Holmes allerdings ein Charmeur.

Philo Vance ist intelligent, gebildet und reich und somit der Notwendigkeit enthoben, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Dafür sollte er eigentlich dankbar sein, sieht dies aber als Privileg an, das ihm zusteht, weil er, Philo Vance, schlicht klüger als die Mehrheit seiner Mitmenschen ist. Daraus macht er keinen Hehl, was sich u. a. darin äußert, dass Vance seine ohnehin in blasierter Überheblichkeit geäußerten Worte selbst – oder gerade – dann mit klassischen und fremdsprachigen Zitaten spickt, wenn ein weniger mit Geist & Glück gesegneter Zeitgenosse vor ihm steht, der sich anschließend erst recht dumm vorkommt. (Der Leser darf sich einreihen; ihn bedenkt der Autor mit nebensächlichem Spezialwissen in Fußnoten.) Hinzu kommt Vances Angewohnheit, das Gegenüber mit Andeutungen und Ablenkungen abzuspeisen, statt die Dinge beim Namen zu nennen. Er lässt den Gesprächspartner – und den Leser – zappeln, was zwar grundsätzlich gefällt. Doch Vance übertreibt und überreizt.

Ungeachtet dessen bietet der „Mordfall Benson“ eine bis heute interessante Lektüre. Man merkt, was Van Dine wichtig war, und akzeptiert seine Exkurse als längst noch nicht im Genre verankerte Grundsatzinformationen, statt sie als didaktische Planspiele zu verdammen. Dabei helfen gut gezeichnete Figuren, die gerade dank der zur Schau gestellten altmodischen Offensichtlichkeiten den nostalgischen Charme dieses Romans verstärken.

„Der Mordfall Benson“ im Film

Wie rasch Philo Vance nicht nur den Kriminalroman, sondern auch Hollywood eroberte, belegte der Film „The Benson Murder Case“ (dt. „Der Schuss aus dem Dunkel“), der 1930 in die Kinos kam. Routinier Frank Tuttle (1892-1963) – der immerhin für einige Klassiker wie „The Glass Key“ (1935; dt. „Der gläserne Schlüssel“) oder den Noir-Thriller „This Gun for Hire“ (1942; dt. „Die Narbenhand“) verantwortlich zeichnete – inszenierte ihn nach einem Drehbuch von Louise Long und Bartlett Cormack. Die Hauptrolle des Philo Vance übernahm mit William Powell (1882-1984) ein schon etablierter Schauspieler, der im noch jungen Tonfilm zum Star aufstieg.

Bereits im Vorjahr hatte Powell in „The Greene Murder Case“ (dt. „Das Haus des Schreckens“ und in „The Canary Murder Case“ (dt. „Die Stimme aus dem Jenseits“) Vance gespielt. 1933 übernahm er die Rolle noch einmal für „The Kennel Murder Case“, nachdem er sie 1930 in einem Sketch („Murder Will Out“) der Musik-Revue „Paramount on Parade“ dargestellt hatte. Einen wesentlich sympathischeren (sowie ständig angesäuselten) Detektiv – Nick Charles – mimte Powell zwischen 1934 und 1947 in der fünfteiligen Filmserie „The Thin Man“ (dt. „Mordsache ‚Dünner Mann‘“).

„The Benson Murder Case“ war ein klein budgetiertes aber handwerklich sorgfältig produziertes B-Movie, das nur 65 Minuten lief. Die Statik der Handlung war ein Vorteil, da die schwere, unhandliche und komplizierte Tonfilmtechnik innerhalb isolierter Studiohallen am besten funktionierte. Den Polizisten Heath als groben, lauten Bullen verkörperte der bullige Nebenrollen-Routinier Eugene Pallette (1889-1954), der über viele Jahre in praktisch jedem Hollywood-Film mitzuspielen schien. Aus Van Dines Roman wurde ansonsten nur noch F. X. Markham in ein Drehbuch übernommen, das stark von der Vorlage abwich und sehr viel deutlicher die nun aktuelle Weltwirtschaftskrise ins Geschehen einbezog.

Autor

S. S. Van Dine wurde als Willard Huntington Wright am 15. Oktober 1888 in Charlottesville, Virginia, geboren. Er besuchte diverse Colleges und schließlich die renommierte Harvard University. Dort wurde er als bester Student in den Fächern Anthropologie und Ethnologie ausgezeichnet. 1907 wechselte Wright in die Literaturredaktion der „Los Angeles Times“ und schrieb Kritiken zu Büchern und Theaterstücken. Ab 1915 arbeitete Wright als Kunst- und Musikkritiker. Daneben verfasste Wright eine Reihe von Büchern über Kunst, Literatur und Musik, die in Fachkreisen als Standardwerke galten. 1916 entstand auch ein erster Roman.

1925 wurde Wright krank. Zwei Jahre ans Bett gefesselt, vertiefte er sich in das Studium sämtlicher bis dato erschienener Kriminalromane. Was er las, missfiel ihm meist, und er beschloss, dem Genre höchstpersönlich Logik und Klasse einzuhauchen. Diese Fassung der Wrightschen Biografie wird immer noch gern nacherzählt; die Wahrheit ist profaner: Der gelehrte Mann war seiner Leidenschaft für Alkohol und Drogen erlegen und darüber arbeitslos und pleite geworden.

„The Benson Murder Case“ (dt. „Der Mordfall Benson“) markiert den Auftritt des reichen, unabhängigen, hochintelligenten Privatgelehrten und Amateurdetektivs Philo Vance. Um seine wissenschaftliche Reputation zu schützen – so streng waren die Sitten einst – wählte Wright vorsichtshalber ein Pseudonym als Verfassernamen: Van Dyne war der Name seiner Großmutter mütterlicherseits.

Philo Vance schlug buchstäblich ein. Binnen kurzer Zeit war Wright finanziell saniert und konnte im Luxus leben wie sein Detektiv. Er hütete zunächst seine Identität, die schließlich doch gelüftet wurde, als Wright sich literaturwissenschaftlich auch dem Krimi widmete und u. a. Gebote für seine schreibenden Kollegen formulierte, die sämtlich einen nachvollziehbaren Plot einforderten.

Wright schrieb insgesamt zwölf Philo Vance-Romane, von denen mehrere verfilmt wurden. Auch für das Radio wurden sie bearbeitet. Seinen Reichtum genoss Wright in vollen Zügen. Als er am 11. April 1939 in New York City an einem Herzanfall starb, belief sich sein Erbe auf gerade noch 13.000 Dollar.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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