Der Mordfall Skarabäus

S. S. van Dine
Der Mordfall Skarabäus

(Philo-Vance-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: The Scarab Murder Case (New York : Charles Scribner’s Sons 1930)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Hände weg von Dr. Bliss!“): 1931 (Ullstein Verlag/Die gelben Ullstein-Bücher 124)
Übersetzung: Kurt Fiedler
312 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Mordakte Skarabäus“; gekürzt): 1973 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1564)
Übersetzung: Leni Sobez
127 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: 2002 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminal-Bibliothek 1108)
Übersetzung: Manfred Allié
314 S.
ISBN-13: 978-3-7701-5879-9

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Das geschieht:

An der 20. Straße von New York City liegt das private Bliss-Museum für ägyptische Altertümer. Dr. Mindrum Bliss, der Kurator, ist als Spezialist für die Epoche der Pharaonen berühmt und geachtet. Er gräbt selbst vor Ort und stellt seine Funde aus. Dies ermöglicht ihm der Mäzen Benjamin Kyle, dessen Neffe Robert Salveter ebenfalls für Bliss arbeitet. Für beide Männer bricht deshalb eine Welt zusammen, als Grabungsexperte Donald Scarlett eines heißen Julimorgens Bliss‘ Leiche im Museum findet – der alte Mann wurde mit einer Statuette aus dem Sammlungsbestand erschlagen.

Der aufgeregte Scarlett informiert nicht die Polizei, sondern einen Bekannten, den Privatgelehrten und Privatdetektiv Philo Vance. Mit seinem Freund, dem Bezirksstaatsanwalt Markham, besichtigt dieser den Tatort. Die Indizien und hier besonders ein blauer Skarabäus aus Lapislazuli aus Bliss‘ Krawattennadel weisen auf den Hausherrn als Täter hin; zudem stand für den Mord-Morgen ein wichtiges Gespräch an: Kyle wollte dem Museum den Geldhahn zudrehen. Da sein Vermögen einerseits an seinen Bliss ergebenen Neffen und andererseits an Bliss‘ deutlich jüngere Gattin Meryt-Amen fällt, die Kyle wie eine Tochter liebte, wäre der Fortbestand des Museums nunmehr wieder gesichert.

Während Sergeant Heath Bliss, der seine Unschuld beteuert, umgehend verhaften will, bleibt Vance misstrauisch. Die Spuren weisen allzu eindeutig auf den ‚Täter‘ hin, und die Befragung der Hausbewohner ergibt Überraschendes: Sowohl Scarlett als auch Salveter sind in Meryt-Amen verliebt, die dem heimlichen Werben durchaus aufgeschlossen ist. Der undurchsichtige Fellache Anûpu Hani, Meryt-Amens Ziehvater, hasst Bliss, der die Gräber seiner Vorfahren ausplündert. Ihrer aller Alibis sind ebenso stabil wie unsicher, sodass sogar der findige Vance einige Zeit benötigt, den teuflisch genialen Plan hinter dem Mord zu durchschauen …

Altertümer und alte Flüche

Als der Archäologe Howard Carter im November des Jahres 1922 das Grab des altägyptischen Pharaos Tutanchamun freilegte, glückte ihm nicht nur die einmalige Sicherung des in Jahrtausenden nie geplünderten Inventars. Carter stand auch im Zentrum eines medialen Sturms, der sich außerhalb von Gelehrtenkreisen noch nie erhoben hatte. Die Pracht des Grabes zog das weltweit das Interesse der Öffentlichkeit auf sich, und die zeitgenössische Presse machte sich dies zunutze.

Zur seriösen Berichterstattung kam die auflagensteigernde Effekthascherei. Vor allem die Boulevardpresse spann einen vom zeitgenössischen Glauben an das Übersinnliche zusätzlich genährten „Fluch des Pharaos“, dem jene angeblich verfielen, die in das durch allerlei Zauber geschützte Grab eingedrungen und Tutanchamuns Ruhe gestört hatten. Dass ausgerecht Carter, der ‚Hauptschuldige‘, kerngesund blieb, wurde ausgeblendet. Stattdessen konstruierte man um einige tatsächliche Todes- und Krankheitsfälle einen ‚Fluch‘, der noch in heutigen Sauregurkenzeiten gern wieder aufgewärmt wird.

Der Sensationsfund von 1922 setzte eine regelrechte ‚Ägyptomanie‘ in Gang. Das Interesse blieb oberflächlich und konzentrierte sich hauptsächlich auf die exotischen und aus moderner Sicht bizarr anmutenden Aspekte der altägyptischen Welt. Bald erreichte ihr trivialisiertes Bild die Unterhaltungskultur.

Mord unter modernen Grabräubern

Als S. S. van Dine den „Mordfall Skarabäus“ ersann, nutzte er nicht nur die Faszination des Themas, sondern griff auch vorsichtig aber sarkastisch ein Element auf, das die Archäologie jener Tage in die Nähe schnöden Diebstahls rückte. Seit dem 19. Jahrhunderts gruben vor allem französische und später auch englische Forscher im Tal der Könige. Was sie fanden, schafften sie wie selbstverständlich in die Sammlungen und Museen ihrer Heimatländer. Die Ägypter selbst mussten das Verschwinden ihrer Vergangenheit lange machtlos hinnehmen, denn die Briten kontrollierten die Regierung. Die zentrale Antikenverwaltung ging erst 1953 in ägyptische Hände über.

Insofern ist das „Bliss-Museum für ägyptische Altertümer“ in erster Linie eine Höhle für geraubte Schätze. Der ehrenwerte Dr. Bliss ist sich keineswegs zu schade, besonders hübsche Fundstücke in die eigene Tasche zu schieben. Die der Forschung entzogenen Objekte sind ihm Souvenir und werden u. a. als Krawattenschmuck und Brieföffner zweckentfremdet. Benjamin Kyle, der Philanthrop und Mäzen, will auch deshalb kein Geld mehr in Bliss‘ Grabungen investieren, weil neue Bestimmungen die Ausfuhr von Funden erschweren. Einfacher ausgedrückt: Kyle sieht das Verhältnis zwischen Aufwand und Beute zu seinen Ungunsten schwinden.

In dieser Atmosphäre juristisch sanktionierten aber moralisch durchaus schon damals fragwürdigen Grabraubes verwundert das gewaltsame Ende des Benjamin Kyle deshalb nicht, zumal ein ‚eingeborener‘ Ägypter zum Haushalt gehört, der die Praktiken der Archäologen ausdrücklich missbilligt. Doch dieser Anûpu Hani ist in den USA nur ein Fellache, der von Sergeant Heath immer wieder verächtlich als „Abdullah“ oder „Ali Baba“ angeredet wird: Zur Geringschätzung fremdnationaler Rechte gesellt sich der alltägliche Rassismus der 1920er Jahre.

Hinter dem Schleier: die profane Realität

Es geht sehr gesittet und wissenschaftlich korrekt hinter den Mauern des Bliss-Museums zu. Schon das ist verdächtig, weshalb sich Philo Vance auch nicht von den großzügig ausgelegten Indizien täuschen oder zur Eile drängen lässt, sondern den gesamten Haushalt unter die Lupe nimmt. Was er dabei entdeckt, erstaunt höchstens Markham und Heath, nicht aber den erfahrenen Krimi-Leser: Alle hatten sie sowohl Motive als auch Gelegenheiten, dem armen Dr. Bliss am Zeug zu flicken. Sehr profan geht es dabei zu. Eifersucht steht ganz oben und gleich mehrfach auf der Liste.

Dagegen ist die Rekonstruktion des Mordes eine komplizierte Angelegenheit. So soll es sein, denn dies ist ein „Whodunit“, der den Leser zum Miträtseln auffordert. Die Spuren werden ihm zeitgleich mit Vance präsentiert. Wie es sich für einen Rätselkrimi des Jahres 1930 gehört, gibt es mehrere Grundriss-Pläne. Sie zeigen das Haus an der 20. Straße mit allen Treppen und Türen, über die potenzielle Übeltäter kommen und gehen konnten.

Indes dürfte genannter Leser bald die Waffen strecken. Der Schlüssel zur Auflösung ist in einem Maße themenverbunden, wie es sich heute kein Autor mehr erlauben dürfte. Eigentlich können nur studierte Ägyptologen die Indizien erkennen und deuten, die Vance, das Universalgenie, so problemlos zu entschlüsseln weiß. Da werden Liebesbriefe in Hieroglyphen-Schrift verfasst oder müssen Steinkäfer datiert werden, damit sich ihre Fallbedeutung erschließt.

Ich weiß es – und ihr Dummköpfe nicht!

Hinzu kommt Vances übliche und enervierende Angewohnheit, Fakten nicht auszusprechen, sondern sie zu horten und – noch schlimmer – sich in dunklen Andeutungen zu ergehen. Erstaunlicherweise fügen sich seine ohnehin stets in Ehrfurcht ersterbenden Begleiter dem, statt ihn kräftig in den Hintern zu treten. („Philo Vance / Needs a kick in the pants“, lästerte der Poet und Van-Dine-Zeitgenosse Ogden Nash.) Vance ist das Wunsch-Alter-Ego seines Schöpfers – ein dem gewöhnlichen Alltag enthobener, weil finanziell unabhängiger, dazu gesellschaftlich angesehener, überlegen intelligenter und als Intellektueller wie Kriminalist gleichermaßen genialer Ästhet, der sich somit das Recht erworben hat, arrogant herablassend zum Pöbel zu sein, der ihm nicht das Wasser reichen kann. Darin ist der Leser eingeschlossen, sollte er sich über einen Kriminalroman wundern, der ihn in Fußnoten über diverse Aspekte der altägyptischen Kultur und den (1930) aktuellen Forschungsstand informiert.

Besonders ärgerlich ist, dass sich die meisten dem Leser gesteckten Leuchtfeuer eher als Nebelkerzen entpuppen. Schon die zeitgenössische Kritik hat moniert, dass Van Dine sich in Trick flüchtet, um einen an sich simplen Fall künstlich zu verkomplizieren. Hier kann man den Verfasser immerhin in Schutz nehmen: Obwohl der Plot ungemein komplex geraten ist, wird er völlig logisch aufgelöst.

Nachdem viele Jahrzehnte verstrichen sind, sieht der Leser Van Dines „Tricks“ im milden Licht der Nostalgie freundlicher. Sie passen gut zu einer beinahe abstrakten Handlung, die ihr sauber aber emotionslos durchgeplantes Gerüst gar nicht verbergen möchte. „Der Mordfall Skarabäus“ ist quasi die Essenz des „Whodunit“. Es geht ausschließlich um den Fall. Die Personen sind Schachfiguren, die der Autor dorthin schiebt, wo er sie sehen will. Wir müssen sie weder mögen noch verabscheuen, sie erfüllen lediglich verschiedene Zwecke. Diese der Seifenschaumschlägerei des modernen Kriminalromans absolut konträre Haltung ist freilich auch erfrischend: Krimis wie „Der Mordfall Skarabäus“ können gar nicht altmodisch werden – sie waren es schon, als sie erstmals erschienen. Sie gleichen – um im Bild zu bleiben – einer Mumie, die austrocknet, ohne dabei ihre Gestalt oder ihre Züge zu verlieren. Je nach Ansicht des Betrachters ist dieser Roman entweder faszinierend oder abschreckend.

„Der Mordfall Skarabäus“ als Film

Nicht in Hollywood, sondern in den englischen Pinewood-Studios wurde der Roman 1936 verfilmt. Unter der Regie des nur marginal in die Filmgeschichte eingegangenen Regisseurs Michael Hankinson und adaptiert vom Drehbuchautor Selwyn Jepson (1899-1989), der 1950 immerhin „Stage Fright“ (dt. „Die rote Lola“) für Alfred Hitchcock schrieb, spielte der noch junge aber schon bekannte Schauspieler Wilfrid Hyde-White (1903-1991) den Philo Vance.

Dieser nicht besonders aufwändig produzierte Film erfreut sich unter Fachleuten einer gewissen Berühmtheit, weil er irgendwann verlorenging. Bisher hat sich keine Kopie gefunden, weshalb ihn das „British Film Institut“ auf seiner Liste der „75 Most Wanted“ aller verschollenen Filme führt.

Autor

S. S. Van Dine wurde als Willard Huntington Wright am 15. Oktober 1888 in Charlottesville, Virginia, geboren. Er besuchte diverse Colleges und schließlich die renommierte Harvard University. Dort wurde er als bester Student in den Fächern Anthropologie und Ethnologie ausgezeichnet. 1907 wechselte Wright in die Literaturredaktion der „Los Angeles Times“ und schrieb Kritiken zu Büchern und Theaterstücken. Ab 1915 arbeitete Wright als Kunst- und Musikkritiker. Daneben verfasste Wright eine Reihe von Büchern über Kunst, Literatur und Musik, die in Fachkreisen als Standardwerke galten. 1916 entstand auch ein erster Roman.

1925 wurde Wright krank. Zwei Jahre ans Bett gefesselt, vertiefte er sich in das Studium sämtlicher bis dato erschienener Kriminalromane. Was er las, missfiel ihm meist, und er beschloss, dem Genre höchstpersönlich Logik und Klasse einzuhauchen. Diese Fassung der Wrightschen Biografie wird immer noch gern nacherzählt; die Wahrheit ist profaner: Der gelehrte Mann war seiner Leidenschaft für Alkohol und Drogen erlegen und darüber arbeitslos und pleite geworden.

„The Benson Murder Case“ (dt. „Der Mordfall Benson“) markiert den Auftritt des reichen, unabhängigen, hochintelligenten Privatgelehrten und Amateurdetektivs Philo Vance. Um seine wissenschaftliche Reputation zu schützen – so streng waren die Sitten einst – wählte Wright vorsichtshalber ein Pseudonym als Verfassernamen: Van Dyne war der Name seiner Großmutter mütterlicherseits.

Philo Vance schlug buchstäblich ein. Binnen kurzer Zeit war Wright finanziell saniert und konnte im Luxus leben wie sein Detektiv. Er hütete zunächst seine Identität, die schließlich doch gelüftet wurde, als Wright sich literaturwissenschaftlich auch dem Krimi widmete und u. a. Gebote für seine schreibenden Kollegen formulierte, die sämtlich einen nachvollziehbaren Plot einforderten.

Wright schrieb insgesamt zwölf Philo Vance-Romane, die sämtlich verfilmt wurden. Auch für das Radio wurden sie bearbeitet. Seinen Reichtum genoss Wright in vollen Zügen. Als er am 11. April 1939 in New York City an einem Herzanfall starb, belief sich sein Erbe auf gerade noch 13.000 Dollar.

Die Philo-Vance-Romane von S. S. Van Dine

Van Dines Romanwerk wurde niemals vollständig in Deutschland veröffentlicht. Die ersten sieben Bände liegen in ungekürzten und schön übersetzten Fassungen des DuMont Verlags und dort in der Reihe „DuMont’s Kriminal-Bibliothek“ – als „KB“ abgekürzt – vor.

(1926) The Benson Murder Case („Der Mordfall Benson“) – KB 1089
(1927) The Canary Murder Case (“Der Mordfall Canary“) – KB 1062
(1928) The Greene Murder Case („Der Mordfall Green”) – KB 1029
(1929) The Bishop Murder Case („Der Mordfall Bischof”) – KB 1006
(1930) The Scarab Murder Case („Der Mordfall Skarabäus”) – KB 1108
(1933) The Kennel Murder Case („Der Mordfall Terrier”) – KB 1117
(1933) The Dragon Murder Case („Der Mordfall Drache“) – KB 1122
(1934) The Casino Murder Case („Mordakte Kasino“)
(1935) The Garden Murder Case („Alles auf ein Pferd“/„Mordakte Swift”)
(1936) The Kidnap Murder Case
(1938) The Gracie Allen Murder Case
(1939) The Winter Murder Case

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok (md)

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