Der Rattenzauber

Kai Meyer
Der Rattenzauber

Heyne Verlag 01/10524
Erscheinungsdatum: Oktober 2002
349 Seiten
ISBN-10: 3453131088
(sfbentry)

Kai Meyer der Karl May der 90er Jahre? – Man verzeihe mir die Namensspielerei. Aber vielleicht ist ja etwas dran?! – Fakt ist, daß Kai Meyer ein äußerst produktiver Abenteuergeschichtenerzähler mit Gespür für den populären Stoff seiner Zeit ist. Und dazu ist er erfolgreich – was nicht gerade typisch ist für einen deutschsprachigen Genreautoren. Natürlich ist ein Vergleich zu Hohlbein gewiß passender und zeitgemäßer als zu Karl May.
Ich gebe zu, Skepsis beherrschte mich, als ich die Lektüre des „Rattenzaubers“ begann. Irgendwie sträubt es sich immer in mir, wenn ich sehe, daß da jemand schneller Bücher fabriziert, als andere zu lesen vermögen. Keine Sparte des weiten Feldes der Phantastik samt Randgebiete, die nicht von ihm „bearbeitet“ wurde: Grusel, Horror, Mystery, UFO-Problematik, Mythologie – halt alles, was gerade „in“ ist.
Ein Feld scheint er aber für sich ganz besonders entdeckt zu haben, wo er dann auch quasi eine Marktlücke auffüllt: die Verarbeitung deutscher Märchen, Sagen und Geschichte der Romantik zu handfester Phantastik/Horrorlektüre.
Vorliegender Roman ist nicht ganz neu, aber unlängst als TB neu aufgelegt, und gehört in die Sparte Mittelalterkrimi, den ja relativ wenige deutschsprachige Autoren bedienen.

Endgültig überzeugt hat mich „Der Rattenzauber“ auch nicht von dem Autor, auch wenn ich vorbehaltlos erkennen konnte, daß er das Genre des spannenden Abenteuers hervorragend beherrscht; lange animierte mich kein Buch mehr, es nicht aus den Händen zu legen, bis auch das letzte Geheimnis gelüftet und enträtselt ist. Kai Meyer könnte als Suchtmittel durchgehen.
Der Autor vermag bravourös und fulminant zu unterhalten. Vielleicht will er ja auch gar nicht mehr!

Vorgeknöpft hat er sich die Mär vom Rattenfänger zu Hameln. Die Story setzt nach den unglaublichen Ereignissen Ende des 13. Jahrhunderts ein, in deren Folge die Kinder aus der mittelalterlichen Stadt Hameln spurlos verschwanden. In diese Stadt – Stadt, pah! ein matschiges Dorf mit viel Bauplatz und einer ziemlich miesen Bevölkerung ist Hameln – kommt Ritter Robert v. Thalstein, der junge Held und Ich-Erzähler unserer Geschichte. Er hat einen Auftrag von seinem Herzog in der Tasche und soll das Verschwinden der Kinder aufklären.
Interessanterweise knüpft der Autor einleitend ein Band zur biblischen Geschichte der Kindertötung unter Herodes. Doch wird dieses Element eigentlich nicht wirklich weiter verwendet, sondern scheint eher ein Mittel von vielen zu sein, um den Leser zu verwirren. So manche falsche Fährte wird gelegt.
In der ersten Hälfte des Romans scheint die Handlung ziemlich geradlinig zu verlaufen; irgendwie glaubt man, daß es nicht lange dauern kann, bis Ritter Robert den Fall aufgelöst hat. Lediglich seiner Unbedarftheit, Unerfahrenheit und Schwäche verdankt er eine Schlappe nach der anderen. Ein Wunder, daß er überhaupt die letzte Seite des Romans erreicht. Noch leicht grün hinter den Ohren stößt er auf Ablehnung und Schweigen bei den Hamelnern, wird gar bei Leib & Leben bedroht. Es ist fast fragwürdig, weshalb er nicht seine Mission abbricht und aufgibt.
Langsam wird aber deutlich, daß ihn mehr mit dieser „Stadt“ – ein unwirtlicher Ort, wo es immerzu regnet – verbindet, sie ist seine Heimat, doch verließ er sie in Kindertagen mit einem finsteren Geheimnis im Gepäck.
Sein Nichtvorankommen in den Kriminalermittlungen, die Konfrontation mit seiner eigenen dunklen Vergangenheit werden eskortiert von lokalen Machtkämpfen zwischen den Vertretern des Herzogs und des Bischofs, zwischen Christen und einer heidnischen Sekte, den Wodan-Jüngern, die auf einem Friedhof nahe der Stadt hausen.
Lange Zeit passiert eigentlich nichts, die Handlung dreht sich im Kreise, dient dazu, Konflikte aufzubauen und Figuren einzuführen.
Interessante Nebenfiguren werden vorgestellt, die dann noch überraschenderweise Hauptfunktionen in der Handlung übernehmen werden. Da gibt es z.B. den italienischen Dichter Dante (ja, der mit der Hölle), dann einen Einsiedler in den Bergen vor der Stadt, der genausoviele Alraunewurzeln aufzieht, wie Kinder verschwunden sind, angeblich, um den Eltern die verlorenen Kinder zurückzugeben.
Imgrunde geht der Autor klassisch und gediegen vor, was anfänglich ein wenig Langeweile erzeugte.
Doch dann!
In der zweiten Hälfte des Romans überschlagen sich die Ereignisse, wird die Handlung mehrmals umgekippt, wird alles an Rätseln aufgelöst, nachdem diese noch ein paarmal zunächst in Frage gestellt wurden, um sie neu zu formulieren. Die Lösungen erfolgen dann durchaus auf die harte Tour. Jetzt macht die Lektüre einfach Spaß! Man kann das Buch nicht mehr aus den Händen legen.
Ich brauche sicher nicht zu betonen, daß die Story mit dem Rattenfänger nur eine Finte ist, um ein viel schrecklicheres Ereignis zu vertuschen. Und natürlich löst sich auch der marternde Verdacht um das finstere Geheimnis des ritterlichen Strahlemannes auf. Allerdings kommen nicht alle mit dem Leben davon, denen man es gewünscht hätte.

Wenn es anfänglich noch recht phantastische Elemente gibt, die sich aus der heidnischen und christlichen Mythologie ergeben, so kommt die Lösung des Kriminalfalles gänzlich ohne diese aus; die Handlung wird auf eine rationalen Ebene zurückgeführt. Die wahren Gespenster existieren wie so oft nicht in alten Gemäuern, sondern nur in den Köpfen. (th)

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Der Rattenzauber.

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