Der rote Sarg

Sam Eastland
Der rote Sarg

(Pekkola, Bd. 2)

Originaltitel: The Red Coffin (London : Faber & Faber Ltd. 2011)/Shadow Pass (New York : Bantam Books 2011)
Übersetzung: Karl-Heinz Ebnet
Deutsche Erstausgabe: Juni 2013 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 51310)
367 S.
ISBN-13: 978-3-426-51310-1
Als eBook: Oktober 2012 (Knaur eBook)
495 KB
ISBN-13: 978-3-426-41017-8

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Das geschieht:

Der in Finnland geborene Pekkola diente einst dem Zaren Nikolaus II. als „Smaragdauge“: Nur dem russischen Herrscher unterstellt, ermittelte er gegen Staatsfeinde und Spione. Nach dem Sturz des Zaren entmachtet, verschwand Pekkola für neun Jahren in einem sibirischen Gulag. Ausgerechnet Josef Stalin, der systematisch Millionen Sowjetbürger verschleppen, einsperren und hinrichten lässt, holte ihn 1929 zurück, um einen brisanten Fall zu lösen. Pekkola sorgte für Aufklärung und wurde Stalins „Smaragdauge“. Gemeinsam mit seinem Assistenten Kirow jagt Pekkola seitdem wieder Landesverräter.

Im Winter des Jahres 1939 stehen die politischen Zeichen in Europa auf Sturm. Hitler kennt keine Skrupel in seinem Bemühen, die Grenzen Nazi-Deutschlands auszudehnen. Klar ist, dass er den Bogen überspannen wird. Auch in der Sowjetunion macht sich Stalin keine Illusionen; er kennt Hitlers Gier nach „Lebensraum im Osten“. Doch das Land ist noch nicht bereit für einen Krieg, das sowjetische Militär schlecht gerüstet, die meisten Offiziere hat Stalin beseitigen lassen. Er setzt seine Hoffnungen auf das streng geheime „Konstantin-Projekt“ und den modernen T-34-Panzer, der dem Feind Einhalt gebieten soll.

Doch kurz bevor der Panzer in Serie gehen kann, wird Oberst Nagorski, Leiter des Projekts, umgebracht. Stalin verdächtigt die „Weiße Garde“, eine konterrevolutionäre Gruppe, die er einst pikanterweise selbst ins Leben rief, um mögliche Regimegegner anzulocken. Offenbar hat die Garde sich selbstständig gemacht. Ein T-34-Panzer wird gestohlen und soll an der deutsch-polnischen Grenze für Aufruhr sorgen. Hitler dürfte die Provokation dankbar aufgreifen. Der daraufhin ausbrechende Krieg soll den Revolutionären ermöglichen, Stalin zu stürzen und die Macht zu übernehmen – ein irrwitziger Plan, den Pekkola unbedingt verhindern muss, obwohl der Panzer bereits unterwegs ist und keine Abwehrwaffe existiert, mit der er gestoppt und zerstört werden kann …

Redlicher Mann im Dienste Satans

Die Konstellation ist grundsätzlich unmöglich aber klassisch und wird nicht nur in der Literatur immer wieder gern bemüht: Zwei völlig gegensätzliche Menschen werden durch das Schicksal aneinandergebunden. Sie lernen einander schätzen, profitieren von den Fähigkeiten des anderen. Dennoch bleiben beide Seiten stets auf der Hut: Kann ich dir trauen, sollte ich auf deine Hilfe angewiesen sein? Oder wirst du mich opfern, um die eigene Haut zu retten?

Zunächst scheint es zwischen Josef Stalin und Pekkola keinerlei gemeinsame Basis zu geben. In der Tat muss Autor Eastland die historische Realität tüchtig biegen, die in diesem Fall dicker als die Außenhaut eines T-34-Panzers gewesen sein dürfte: Stalin hat den Menschen ausnahmslos Misstrauen entgegengebracht. Einem Pekkola dürfte im Umfeld dieses finsteren Charakters keine Nische geblieben sein.

Da Eastland als Schriftsteller nur bedingt an die Wirklichkeit gebunden ist, darf er mit ihr spielen. Stalin hat deshalb den einzigen Menschen, der sich ihm, seinen Zielen und seinen Launen nicht unterwerfen wird, genau deshalb zu seinem Vertrauten ernannt. Dies ist nicht nur ein Schachzug, der Stalins diabolische Schläue unterstreichen soll. Es sorgt weiterhin für ein psychologisches Tauziehen, das Eastland so wichtig ist, das er es der Handlung gleichstellt: Wird Stalin Pekkolas irgendwann überdrüssig? Treibt er Pekkola moralisch an einen Punkt, den dieser nicht überschreiten will?

Der Mann, der zu viel dachte

Eine elementare Frage klammert Eastland dagegen aus: Wie kommt ein Mann wie Pekkola, den der Verfasser als Verkörperung korruptionsfreier Objektivität einführt, überhaupt dazu, für einen Tyrann wie Stalin zu arbeiten? Pekkola weiß buchstäblich, wo dieser seine Leichen begraben hat; es sind ohnehin so viele, dass ihre Gebeine die Bahnlinien säumen, die zu den gefürchteten Lagern in Sibirien führen. Seinen früheren Herrn, den Zaren, konnte Pekkola als ehrenwerten aber schwachen Herrscher achten. Stalin ist ein Massenmörder, der den Terror bewusst einsetzt, um sich an der Macht zu halten.

Wenig überzeugend konstruiert Eastland Pekkola eine gänzlich unabhängiges, allein Mütterchen Russland und seinen Bürgern geweihtes und geschuldetes Rechtsverständnis. Pekkola macht sich demnach zum Diener Satans, um noch schlimmere Taten zu verhindern. Hier ist es die Provokation eines Krieges, der nicht nur Stalin hinwegfegen, sondern auch Leid und Tod über alle russischen Menschen bringen würde.

Faktisch hat er abschließend dem Diktator geholfen, noch fester im Sattel zu sitzen. Dies soll die Tragik Pekkolas unterstreichen, den der Autor ohnehin als wahren Leidensmann zeichnet. Dazu gehört selbstverständlich eine unglückliche Liebesgeschichte, die Eastman schwülstig ins Lächerliche treibt, indem er u. a. Pekkola der fern in Paris weilenden Geliebten – die längst wieder verheiratet und Mutter ist – heimlich den Löwenanteil seines Lohnes überweisen lässt. Auch sonst ist Pekkola ein einsamer Ritter, der folgerichtig nicht nur für seinen Dienst = seine Mission lebt und Schurken für einen Teufel verfolgt.

Die Angst wird Alltag

Eastmans große Stärke liegt in der erzählerischen Darstellung eines Alltags, den der Leser nur ansatzweise begreifen kann. Stalin will, dass die Menschen zittern. Er weiß genau, dass die Mehrheit derer, die er verhaften lässt, unschuldig ist. Wenn unter zehn Gefangenen ein echter Staatsfeind ist, ist für Stalin das Schicksal des ‚Beifangs‘ gerechtfertigt.

„Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“, lautet ein altes Sprichwort. Stalin war als Tyrann so erfolgreich, dass er diesem Schicksal entronnen ist. Die absolute Angst, die er dafür entfesselte, wurde zu einem kafkaesken Alltag, der entsprechend bizarre, bitterböse Züge annehmen konnte: Da will Stalin Pekkola beispielsweise eine Spezialeinheit zur Seite stellen, muss aber erfahren, dass diese auf seine Anordnung vollständig hingerichtet wurde; er hat es vergessen, weil er so viele Todesurteile unterzeichnet.

In Moskau trifft Pekkola auf Bürger, die einen Koffer neben die Haustür stellen, der griffbereit auf den Tag wartet, an dem der Besitzer verhaftet und nach Sibirien deportiert wird, was jederzeit der Fall sein kann, da Spitzel und Denunzianten überall sind. Eine alte Frau versucht auf Nummer Sicher zu gehen: Aus allen Zeitungen, die sie als Toilettenpapier verwendet, schneidet sie sorgfältig den Namen „Stalin“ aus, damit man sie nicht der Respektlosigkeit beschuldigen kann. Solche Anekdoten belegen die Atmosphäre einer permanenten Paranoia, mit der man sich zu arrangieren versucht. Bald überrascht den Leser auch die Konstruktion eines Panzers, der bei einem feindlichen Treffer den ‚Versagern‘ und ‚Verrätern‘ im Inneren eine Flucht gar nicht ermöglichen soll, nicht mehr.

Ein Panzer als Symbol

Während Eastman emotional punkten kann, wirft der Plot manche Fragen auf. Hier wird deutlich, dass der Autor vereinfacht, um das Tempo halten zu können, mit denen er seine Pekkola-Romane auf den Buchmarkt wirft. Will man ihm Glauben schenken, hängt Russlands militärische Zukunft ausschließlich vom T-34 ab. Ob gleichzeitig an der Entwicklung anderer Waffen gearbeitet wird, bleibt unerwähnt. Dabei wäre der Plan der „Weißen Garde“ wesentlich realistischer, würde diese ein Flugzeug stehlen, um beispielsweise Hitlers Reichskanzlei in Berlin unter Feuer zu nehmen. DAS wäre eine Provokation, die glaubhaft Folgen zeitigen müsste. Einen Panzer im polnisch-deutschen Grenzraum randalieren zu lassen, zeugt von eher geringer Eindruckskraft.

Auch sonst dehnt Eastman die kriminelle Logik ein wenig zu heftig. Die aktuelle Übeltat ist nicht nur ultra-geheim und welthistorisch hochrelevant, sie muss nach dem Willen des Autors auch in Pekkolas Vergangenheit wurzeln. Schon in „Der rote Zar“ war dies nur bedingt nachvollziehbar. Hier resultiert es in der Kreation eines Feindes, der nie wirklich gefährlich wirkt und es vor allem mit Stalins Terror nicht aufnehmen kann. Deshalb stellt sich rasch die Frage, wieso ausgerechnet diese „Weiße Garde“ Stalin so in die Bredouille bringen sollte. Die Antwort ist simpel: Kann sie nicht, weshalb die Verschwörer bis auf ihren Anführer durch Abwesenheit glänzen. Dieser taucht in einem nicht gerade überzeugenden Finale auf, um sich mit Pekkola ein ‚dramatisches‘ Duell Held gegen Schurke im Panzer zu liefern.

„Der rote Sarg“ ist wiederum keine Offenbarung, sondern Baustein einer primär unterhaltsamen Serie, die den Windschatten ‚literarischer‘ und aktuell erfolgreicher Historienthriller-Autoren wie Tom Rob Smith nutzt. Als solcher funktioniert sie besser als Teil 1, ohne grundsätzliche Schwächen überwinden zu können oder zu wollen: Die Pekkola-Serie findet auch ohne Qualitätsverbesserungen ihr Publikum. Dem Finale folgt ein Epilog, der bereits auf das dritte Pekkola-Abenteuer hinweist. Dieser kehrt in „Siberian Red“ nach Sibirien zurück, um mörderische Umtriebe in einem Gulag zu untersuchen, was paradox klingt, da der Tod dort an der Tagesordnung ist.

Autor

Am Neujahrstag des Jahres 1964 geboren, schlug Paul Watkins eine akademische Laufbahn ein, die ihn als Schüler nach England und dort in die Universitätsorte Oxford und Eton führte. Das Studium absolvierte Watkins in den heimischen USA an der renommierten Universität Yale.

Mit seiner Familie lebt Watkins in Hightstown im US-Staat New Jersey. Hauptberuflich lehrt er englische Literatur an einer studienvorbereitenden Schule.

Bereits 1980 und somit im Alter von 16 Jahren schrieb Watkins ein erstes Buch, das 1988 unter dem Titel „Night Over Day Over Night“ erschien. Bis 2005 folgten weitere Romane, die Watkins‘ Vorliebe für dramatische Ereignisse vor historischen Hintergründen offenbarten. Darüber hinaus schilderte er seine Erfahrungen als US-amerikanischer Schüler im englischen Schulsystem und veröffentlichte ein Buch über eine Solo-Expedition durch das nördliche Skandinavien.

2010 begann Watkins nach ausführlichen Vorbereitungsarbeiten und unter dem Pseudonym „Sam Eastland“ eine Serie von Historienkrimis, die in der Sowjetunion unter der Herrschaft Stalins spielen. Die Inspektor-Pekkola-Reihe wird mit einem Band pro Jahr kontinuierlich fortgesetzt.

Der Autor im Internet.

Kurzkritik für Ungeduldige: Der Chef-Konstrukteur des streng geheimen Sowjet-Panzers T-34 wird ermordet, und Verschwörer versuchen, einen Krieg mit Nazi-Deutschland vom Zaun zu brechen, um so den Diktator Stalin zu stürzen … – Der zweite Fall des Ermittler-Duos Pekkala und Kirow spielt 1939; er liest sich spannender als Teil 1, ist gut recherchiert und deprimierend stimmungsstark: grundsolide Serienkost.

[md]

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