Der schwarze Brunnen

Arthur W. Upfield
Der schwarze Brunnen

(Bony-Serie, Bd. 19)

Originaltitel: Sinister Stones (New York : Doubleday & Co., Inc./The Crime Club 1954)/The Cake in the Hatbox (London : Heinemann 1955)
Übersetzung: Arno Dohm
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal Romane K 139)
190 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1960 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 224)
190 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: August 2006 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 00224)
191 S.
ISBN-13: 978-3-442-00224-5

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Das geschieht:

Ein defektes Flugzeug lässt Kriminalinspektor Napoleon Bonaparte, genannt „Bony“, in der Ödnis des nordwestlichen Australien stranden. Agar’s Lagune besteht aus zehn Wohnhäusern, einem baufälligen Hotel und einer Kneipe; die einzige Sehenswürdigkeit besteht aus einem Ring leerer Flaschen, den trinkfreudige Viehzüchter, Schafhirten und Goldsucher im Laufe vieler Jahre um das Örtchen aufgeschüttet haben.

Aus Bonapartes unfreiwilligem Zwischenaufenthalt wird ein Kriminalfall, als Fernfahrer Sam Laidlaw 170 km nördlich von Agar’s Lagune den Jeep des Polizeiwachtmeisters Martin Stenhouse findet; der Fahrer hockt mit durchschossenem Herzen am Steuer. Allem Anschein nach hat Jacky Musgrave, Stenhouses Fährtensucher – ein Aborigine -, seinen Chef umgebracht und ist anschließend in die Wüste und eventuell zu seinem Stamm geflüchtet.

Bony übernimmt die Ermittlungen. Er erkennt, dass die Mordszene gestellt wurde. Stenhouse starb an anderer Stelle. Sein Fahrtenbuch hat er gefälscht. Dort gab er an, eine Erkundungsfahrt in den Süden unternehmen zu wollen. Was hat er stattdessen im Norden gewollt? Stenhouse war ein Mann mit Geheimnissen. Er kam gut mit den Aborigines aus und war oft bei ihnen in der Wildnis, wo er möglicherweise etwas entdeckte und das Wissen darum mit dem Leben bezahlte.

Die weite Landschaft um Agar’s Lagune ist zwar dünn besiedelt, aber dank Funk und Flugzeug stehen die Bewohner in ständigem Kontakt. Bony muss vorsichtig sein, denn jede seiner Äußerungen wird umgehend verbreitet und warnt womöglich den Mörder. Bony weiß, dass die Aborigines mehr wissen als sie bereit sind auszusagen, denn sie gedenken die Angelegenheit auf archaische Stammesart zu klären. Doch er spielt einen Trumpf aus, mit dem der Mörder nicht rechnen konnte: Bony ist selbst halb Aborigine, und das öffnet ihm Türen, hinter denen diverse Überraschungen warten …

Das Land ist weit aber nie verlassen

Unter freiem Himmel sitzt ein Mann tot in seinem Auto, Reifen- und Fußspuren gibt es nicht; ein perfekter Mord, möchte man annehmen, und er ereignete sich scheinbar am Ende der Welt. Die Kimberley-Region im Nordwesten Australiens umfasst etwa 400.000 qkm und ist bis heute kaum erschlossene Wildnis geblieben. Die Bluttat ist nicht deshalb schwer aufzuklären, weil sie im berühmten „verschlossenen Raum“ geschah. Arthur W. Upfield stellt dieses Klischee auf den Kopf: Die Unendlichkeit des Raums behindert die Ermittlungsarbeit.

So denkt zumindest der nicht mit den Vor-Ort-Verhältnissen vertraute Leser. Auch die meisten ‚weißen‘ Australier der Handlung teilen diese Auffassung. Obwohl sie zum Teil seit Generationen in Australien leben, haben sie ihre Heimat nie wirklich kennengelernt. Die Neuzeit hat oberflächlich auch das australische Hinterland erreicht. Upfield lässt seine Figuren mehrfach über die Veränderungen sprechen: Es gibt mehr Straßen, die einst isolierten Farmen und Stationen hängen am Funknetz und sind per Flugzeug rasch zu erreichen. Doch das sind nur Nadelstiche an der Oberfläche des ‚echten‘ Australien.

Dessen Kenntnis bleibt den Aborigines vorbehalten. Sie leben seit Jahrtausenden in dieser angeblich lebensfeindlichen Welt, haben sich ihr perfekt angepasst und nutzen sie, wenn sie die neuen, selbst ernannten Herren zu sehr bedrängen, indem sie in der Weite verschwinden. Dennoch registrieren sie genau, was dort geschieht. Das macht sie zu wertvollen Zeugen, wenn man weiß, wie man mit ihnen kommuniziert, aber zu gefährlichen Feinden, wenn man allzu heftig gegen ihre Stammesrechte verstößt.

Der Mann zwischen den Welten

Als Mittler zwischen dem ‚alten‘ und dem ‚neuen‘ Australien dient Upfield Inspektor Napoleon Bonaparte, der sich wohl nicht grundlos lieber „Bony“ nennen lässt. Er ist ein ‚Mischling‘, schon sein pompöser Name zeugt von den Schwierigkeiten zwischen den Rassen: Den Aborigines, die durchaus eigene Namen tragen, wurden ‚christliche‘ Namen aufgeprägt, die nicht selten von der – manchmal stillen, oft alltäglichen – Verachtung künden, die ihrer Kultur von den eingewanderten Australiern entgegengebracht wird.

Die Bony-Romane thematisieren diese Problematik selten, verschweigen sie aber auch nicht. In der Regel schildert Upfield, wie er die Situation auf seinen vielen Reisen selbst erlebte: „Die armen Geschöpfe. Das wilde Australien hat nicht viel für sie getan. Aber: ‚Frisst du mich, dann fress ich dich‘, so ist es doch überall in der Welt.“ (S. 119)

Cover der Neuausgabe 1960

Offenes, d. h. politisch korrektes Wehklagen ist Upfields Sache nicht; es ist unnötig, denn der Leser begreift selbst, dass von einer echten Integration der Aborigines keine Rede sein kann. Sie werden geduldet im eigenen Land, wobei stets ein Hauch von Unbehagen und Furcht mitschwingt. In diesem Fall richtet sie sich gegen „Plutos Herde“, einen Aborigines-Stamm, der sich nicht ‚domestizieren‘ ließ, sondern nomadisch durch die Kimberley-Region zieht. Dort will er vor allem in Ruhe gelassen werden und lebt die alten Rechte und Riten, die er durchaus selbstbewusst einfordert.

Bony kennt die Welt der Aborigines, zu der er selbst gehört. Man sieht es ihm an; darüber unterhalten sich hinter seinem Rücken die Männer und Frauen, die er im Laufe seiner Ermittlung aufsucht. Nicht nur deshalb liegt eine Kluft zwischen Bony und seinen Mitmenschen. Er ist betont zurückhaltend und wirkt sehr diszipliniert. Man bringt ihm eher Hochachtung entgegen als ihn zu mögen. Über Vorschriften setzt er sich hinweg, wenn sie ihm sinnlos oder schädlich erscheinen. Schon mehrfach habe man ihn deshalb gefeuert, erwähnt Bony, aber seine Erfolgsquote als Kriminalist hat stets zur Wiedereinstellung geführt.

Detektivische Feinarbeit auf großer Leinwand

Die Position des Beobachters ist auch Ausdruck eines echten Verständnisses der australischen Welt. Bony erkennt in der angeblichen ‚leeren‘ Wüste Indizien und vermag sie zu deuten. Das entspricht – ins Gewaltige vergrößert – der Spurensicherung des klassischen Detektivs und wird von Upfield gut nachvollziehbar geschildert, wobei der Verfasser eine intime Kenntnis des Outbacks zum Tragen bringt.

Erneut spielt dabei Bonys Wissen um die Denkart der Aborigines eine zentrale Rolle. Wenn ein alter Mann äußert, der verschollene Jacky Musgrave habe sich in ein Pferd verwandelt, so lässt das die weißen Polizeibeamten ratlos zurück. Bony weiß um die zweite Bedeutungsebene, welche die Aborigines in ihre Kommunikation einziehen. Er übt sich in Geduld und kann das Rätsel schließlich lösen. Siehe da, der alte Aborigine traf eine Tatsache exakt auf den Punkt.

Zeitdruck ist ein probates Mittel zum Spannungsaufbau. Hier basiert sie nicht allein auf der Frage, ob der Mörder erneut zuschlagen wird. Im Hintergrund konzentriert sich „Plutos Horde“ darauf, das Recht notfalls mit Gewalt in die eigenen Hände zu nehmen. Dies schildert Upfield stets indirekt und durch die Augen Bonys, der allein auch diese Zeichen zu erfassen weiß.

Wie bereits erwähnt ist Bony ein schweigsamer Geselle. Nicht einmal im Rahmen einer monumentalen Sauforgie, in deren Verlauf er die meisten Bewohner von Agar’s Lagune, die sich inzwischen in Tatverdächtige verwandelt haben, planmäßig unter Alkohol setzt, um sie auszuhorchen – eine überaus ‚australische‘ Form des Verhörs -, lässt er sich in die Karten sehen. Wie seine Polizeikollegen muss sich auch der Leser gedulden. Es kommt der Zeitpunkt, an dem Bony bereit ist zu sprechen. Bis es soweit ist, beobachtet man ihn gern bei seinen eigenwilligen Ermittlungen in einem schönen aber seltsamen Land.

Autor

Arthur William Upfield wurde 1888 im südenglischen Gosport geboren. Als schwarzes Schaf seiner Familie wanderte er im Alter von zwanzig Jahren nach Australien aus. Dort streifte er als Gelegenheitsarbeiter durch die Weiten des Outback. Pelztierjäger war er, Schafzüchter, Goldsucher und Opalschürfer – ohne besonderen Erfolg, aber reich an Erfahrungen werdend, die Upfield ab 1929 in 28 Kriminalromanen um Inspektor Napoleon „Bony“ Bonaparte nutzen konnte.

Zu seinen Lebzeiten war Upfield erfolgreich, aber bei der Kritik nicht unbedingt gut angesehen. Das hat sich inzwischen grundlegend und zu Recht geändert. Heute zählen Upfields Bony-Romane mit ihren grandiosen Landschaftsschilderungen und dem sichtlichen Hintergrundwissen über die Kultur der australischen Ureinwohner zu den Klassikern des „ethnologischen“ Kriminalromans. Das mag zu der in Deutschland ansonsten eigentlich seltenen, für den Leser aber erfreulichen Tatsache beitragen, dass die „Bony“-Romane seit Jahrzehnten vom Goldmann-Verlag immer wieder aufgelegt werden.

Arthur W. Upfield starb 1964. Im Internet ist der Verfasser selbstverständlich trotzdem vertreten, so u. a. hier.

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