Der schwarze Pfad

Dennis Wheatley
Der schwarze Pfad

Originaltitel: To the Devil – A Daughter (London : Hutchinson 1953)
Übersetzung: Rosemarie Hundertmarck
Deutsche Erstausgabe: 1979 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek 70009)
206 S.
ISBN-10: 3-404-01221-6
Neuausgabe*: April 1995 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 13633)
730 S.
ISBN-13: 978-3-404-13633-9

* im Sammelband „Horror Movies“ (zusammen mit H. A. Knight: „Carnisaur“, u. T. M. Wright: „A Manhattan Ghost Story“)

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Das geschieht:

In ihrer kleinen Villa an der südfranzösischen Riviera schreibt Molly Fountain an einem ihrer beliebten Spionage-Thriller. Die Arbeit geht gut voran, bis eine geheimnisvolle junge Frau in das Nachbarhaus einzieht. „Christina Mordant“ – so nennt sie sich – geht nie aus, was Mollys Neugier erregt. Unter einem Vorwand sucht sie die Bekanntschaft der Nachbarin, die dankbar auf die Gesellschaft der Älteren reagiert und zumindest offenbart, dass sie sich versteckt. Ihr Vater will „Christina“ – die tatsächlich Ellen Beddows heißt – aus unerfindlichen Gründen an ihrem bevorstehenden 21. Geburtstag keineswegs in England sehen!

Die Vorsichtsmaßnahmen scheitern. Der Marquis de Grasse und sein Sohn Jules, zwei adelige aber verarmte und kriminelle Glücksritter, sollen Ellen notfalls entführen und nach England schaffen. Mit ihnen macht der unheimliche und gar nicht fromme Kanonikus Copeley-Sykes gemeinsame Sache. Zwar können die Schurken zunächst abgewehrt werden, doch es manifestiert sich ein weiteres Problem: Ellen wird während der Nachtstunden vom Teufel besessen! In diesen Phasen ist sie bereit, ihren Häschern freiwillig zu folgen.

Molly und ihr inzwischen in Frankreich eingetroffener Sohn John suchen die Unterstützung eines alten Freundes. Lieutenant-Colonel William Verney ist für den Geheimdienst tätig und ein Spezialist für satanistische und schwarzmagische Umtriebe. Er entdeckt, dass Copely-Sykes in seinem alten Haus in Little Bentford, Grafschaft Essex, grausigen Experimenten nachgeht. Um sie erfolgreich abzuschließen, benötigt der abtrünnige Kanonikus unbedingt das Blut einer noch minderjährigen Jungfrau. Eine wilde Jagd beginnt, die Ellen zurück, während in England Abwehrmaßnahmen anlaufen. Leider hat Copely-Sykes Wind davon bekommen, sodass er übernatürliche Fallen stellen kann …

Redliche Männer gegen teuflische Tücken

Wer es mit dem Teufel aufnehmen will, muss nicht nur unerschrocken, sondern auch mobil sein. Die Figuren in unserer Geschichte sind jedenfalls zu Wasser, zu Lande und in der Luft unterwegs, um die besessene Ellen entweder zu entführen, zu verstecken oder zu retten. Auch kommunikationstechnisch wird aufgeboten, was das Jahr 1953 zu bieten hat. Dass sich hier historisch bedingte Einschränkungen einstellen, kommt der Handlung zugute: Mit Handys im Spiel hätten der Teufel und seine Anbeter kaum eine Chance, ihren Verfolgern immer wieder zu entwischen.

So geht es in einem Höllentempo – der Gag sei gestattet – durch Frankreich nach England und für das Finale wieder zurück. Zwischendurch belauern Jäger und Gejagte einander, und immer wieder fällt man dem Gegner in die Hände (oder Klauen). Soll es den ‚Guten‘ an die Kragen gehen, ist die Situation selbstverständlich hoffnungslos, bevor ein glücklicher Zufall trotzdem die Flucht ermöglicht. Da Autor Dennis Wheatley auf der Höhe seiner Fabulierkunst ist, findet er immer einen Dreh, um solche Zwischenfälle (halbwegs) glaubhaft zu begründen.

Wobei der Leser bald auf eine solche Erdung pfeift. „Der schwarze Pfad“ gehört zu jenen zwar inhaltlich und formal trivialen aber schwungvoll dargebotenen Garnen, die gerade durch ihre wüsten Einfälle buchstäblich zeitlos wirken. Irgendetwas geschieht immer, und selbst eingeschobene Erklärungen unterbrechen den – zumal aus heutiger Sicht – eher witzigen als erschreckenden Horror nicht, sondern unterstreichen, wie einfallsreich Wheatley sein kunterbuntes Gemisch aus Fakten und Fiktion zusammengebraut hat.

Holde Maid in höllischen Nöten

Sein Alter kann dieser Roman natürlich nicht verbergen. Heute müsste der böse Kanonikus drei Jahre früher zur Jagd auf sein Opfer blasen und trotzdem mehr als beide Daumen drücken, um dieses noch jungfräulich zu seinen Altar schleifen zu können. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg lag diese Wahrscheinlichkeit höher, obwohl Wheatley Realist genug ist, um ihre Verteidiger an einer Stelle vorsichtig bei Ellen nachfragen zu lassen.

Wieso Ellen des Nachts teuflisch besessen ist, wird ordnungsgemäß vor dem Finale aufgeklärt. Ansonsten ist es ein Mittel zum Zweck, denn verständlicherweise ist es schwierig, jemanden zu schützen, der zum Gegner überläuft, sobald die Sonne unter den Horizont sinkt. In dieser Hinsicht nutzt Wheatley die gesamte Bandbreite spannungsförderlicher Tricks. Da er sie in atemberaubendem Tempo aufeinander folgen lässt, verpuffen die weniger bis gar nicht tauglichen Effekte unauffällig: Da soll an einer Stelle eine Falltür (!) den zauberkräftigen Kanoniker fernhalten; falls er dort nicht hineintappt, wartet dahinter ein bissiger Affe (!!) an einer Kette.

Demgegenüber steht eine Mehrheit von Szenen, die ihre Wirkung auch heute nicht verloren haben. Wheatley achtet darauf, das Übernatürliche nicht durch Übertreibung ins Lächerliche umkippen zu lassen. Eine scheinbar normale Kröte, die plötzlich in gellendes Gelächter ausbricht, kann so, wie der Autor es darstellt, tatsächlich erschrecken. Ansonsten sorgt schon die zeitgenössische Zensur dafür, dass Wheatley die ‚Obszönitäten‘ einer Schwarzen Messe nur andeutungsweise ausmalen kann; der Verzicht auf einschlägige Scheußlichkeiten tut dem Lektürevergnügen keinerlei Abbruch.

Satanisten-Jagd als Abenteuer

„Der schwarze Pfad“ ist ein Roman ohne Wort-Fett. Alles ist Handlung, reflektierende Momente bleiben ebenso außen vor wie retardierende Liebeständeleien. Das Geschehen steht im Vordergrund, ihm haben sich die durchaus eingespielten Zwischenmenschlichkeiten unterzuordnen. Dies sorgt für ein Ergebnis, an dem sich viele, viele Unterhaltungsautoren der Gegenwart orientieren sollten!

Die Figuren sind einerseits Klischee und andererseits Archetypen: der junge, ungestüme Mann, der ältere, erfahrene Begleiter, der schlaue Bösewicht, der reumütige Schuft, die junge Frau in Not – und eine ältere Frau mit Köpfchen! Die hätte man nicht erwartet; Wheatleys Gesamtwerk ist keine Fundgrube für gleichberechtigte Frauenfiguren. Doch Molly Fountain gehört zum ‚Team‘ der Teufelsjäger. Sie hält sich keineswegs im Hintergrund, sondern besteht ausdrücklich auf Frontbegleitung. Molly ist selbstbewusst, mutig und umsichtig. Im Finale sorgt sie für Rettung und Vernichtung der Schurken und versöhnt mit der bräsigen, passiven Ellen Beddows.

Für Irritierung sorgt die ausdrückliche Gesetzestreue der Beteiligten. Üblicherweise setzen sich Helden im Dienst der guten Sache über juristische Vorschriften hinweg. Hier endet manche Aktion, wenn durch die Tat Verhaftung und Verurteilung drohen. Nie sind unsere Helden deshalb bewaffnet, weil Privatpersonen dies weder in Frankreich noch England gestattet und Regierungsmann Verney nicht im Dienst ist. Heimliches Eindringen = Einbruch ist auch dann nicht möglich, wenn in dem ins Visier genommenen Haus gefangene Gefährten vermutet werden. Selbst die Bösen heben den Schutz des Gesetzes mehrfach hämisch lobend hervor.

Nach 200 Seiten ist das Spektakel zu Ende. Das Finale führt nicht nur alle losen Fäden zusammen, sondern ist ein echter Höhepunkt, für den Wheatley die Tatsache nutzt, dass in der Region um Nizza zahlreiche unterirdische Höhlen existieren. Klappt der (deutsche) Leser dieses Buch zu, weiß er, wieso „Der schwarze Pfad“ in England Klassikerstatus genießt und immer wieder aufgelegt wird. Wheatley hat sich hier zu einem Leistungsniveau emporgeschwungen, das er selbst nur selten – und ganz sicher nicht in „The Satanist“, einem weiteren, 1960 veröffentlichten Verney-Abenteuer – erreichen konnte.

„Der schwarze Pfad“ im Kino

Wheatleys handlungsreiche Grusel-Garne waren durchaus filmkompatibel. Dennoch dauerte es, bis das Kino sie aufgriff. In den 1960er Jahren war es soweit. Generische UND anrüchige Vorlagen passten hervorragend vor allem dort in die „Swinging Sixties“, wo diese nicht von selbst schwangen, sondern von abgebrühten und modegleichgültigen Geschäftsleuten ausgebeutet wurden. Zu ihnen gehörte die britische Produktionsfirma „Hammer Film“, die in den späten 1950er Jahren Horror und Sex auf eine bisher nicht gewagte Weise kombiniert hatte und überaus erfolgreich damit gefahren war. Doch schon anderthalb Jahrzehnte später war die Ära „Hammer“ vorüber; ideenlos und antiquiert wirkten die Filme nunmehr.

Verzweifelt stemmte sich „Hammer“ dem entgegen, doch nackte Mädchen allein konnten das Firmenschiff nicht wieder auf Erfolgskurs bringen. 1968 entstanden „The Lost Continent“ (dt. „Bestien lauern vor Caracas“) und „The Devil Rides Out“ (dt. „Die Braut des Teufels“), nach Wheatley-Romanen von 1938 bzw. 1934. Auf dem Regiestuhl saß für letzteren immerhin Terence Fisher, das Drehbuch schrieb Richard Matheson, und mit Christopher Lee und Charles Gray traten zwei fähige Darsteller-Veteranen vor die Kamera, weshalb „Die Braut des Satans“ als einer der besseren unter den späten „Hammer“-Filmen gilt.

Nur acht Jahre später war „Hammer“ am Ende. Ein letzter Film entstand: „To the Devil – A Daughter“ (dt. „Die Braut des Satans“) ging zwar als solcher in die Kino-Historie ein, konnte aber ansonsten keine Begeisterung hervorrufen. Wieder spielte Lee die Hauptrolle (und hielt sogar sein blankes Gesäß in die Kamera), doch Regisseur Peter Sykes konnte weder das schwache Drehbuch noch die Budgetschwächen verbergen, was zu obskuren Trickeffekten und einem Abrupt-Ende aufgrund akuten Geldmangels führte. Die zweite Hauptrolle übernahm Hollywood-Star Richard Widmark, der ausgesprochen unfreundlich wurde, als er merkte, in welchen Film es ihn verschlagen hatte.

Aus heutiger Sicht befremden unangenehm die recht drastischen Nacktszenen der Darstellerin Nastassja Kinski, die zur Zeit der Dreharbeiten erst 15 Jahre alt war; dies dürfte wohl der Hauptgrund dafür sein, dass „Die Braut des Satans“ bisher keine (offizielle) DVD- oder Blu-ray-Wiedergeburt erfuhr. Dennis Wheatley war ungemein ungehalten über diesen Film, den er für „obszön“ hielt. An „Hammer“ wollte er deshalb keine Romane mehr verkaufen – musste er auch nicht: 1977 war „Hammer“ pleite und Wheatley tot.

Autor

Dennis Wheatley wurde am 8. Januar 1897 als Sohn eines Weinhändlers in London geboren. Seinem Vater (und Großvater) folgte er früh ins Familiengeschäft. In den 1920er Jahren entstanden erste Kurzgeschichten. Wheatley war weniger Literat als schnell schreibender Geschichtenerzähler, ein Talent, das sehr hilfreich war, als er 1932 im Zuge der Weltwirtschaftskrise Bankrott ging.

Ende des Jahrzehnts galt Wheatley als Bestsellerautor, der aus seiner profunden Kenntnis der älteren Genreklassiker Kapital schlagen konnte. In rascher Folge erschienen Thriller, „True-Crime“-Storys, Abenteuer- und Gruselgeschichten. Diese Karriere wurde ab 1941 durch den II. Weltkrieg unterbrochen; Wheatley war im Planungsstab aktiv. Ab 1945 kehrte er an den Schreibtisch zurück. In den 1960er Jahren verkaufte er jährlich etwa 1 Mio. Exemplare seiner zahlreichen Romane. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich seine Romane, die sich um Schwarze Magie und Satanismus rankten; „The Devil Rides Out“ und „To the Devil – A Daughter“ wurden 1968 bzw. 1976 verfilmt.

Bis zuletzt blieb Wheatley schriftstellerisch tätig. Im Alter von 80 Jahren erlag er am 10. November 1977 einem Leberleiden. Schnell verschwanden seine Bücher vom Markt. Die Zeit für überpatriotische, ungebrochene und ‚weiße‘ Helden, von denen der Autor nie lassen wollte, im Kampf gegen schwarze, braune und gelbe Unholde (oder emanzipierte Frauen) war vorüber. Nur einige Werke konnten sich behaupten, denn unbestritten ist Wheatleys Talent für Stimmungen und spannende Storys.

Über Leben und Werk von Dennis Wheatley informieren gleich mehrere Websites; stellvertretend sei diese genannt.

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