Der Teufel sorgt für die Seinen

Hartley Howard
Der Teufel sorgt für die Seinen

(Glenn-Bowman-Serie, Bd. 20)

Originaltitel: Fall Guy (London : Collins 1960)
Übersetzung: Bernhard Willms
Deutsche Erstveröffentlichung: 1978 (Wilhelm Goldmann Verlag/Rote Krimi 4759)
187 S.
ISBN-13: 978-3-442-04759-8

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Das geschieht:

Sein aktueller Auftrag ist selbst für den hartgesottenen Privatdetektiv Glenn Bowman aus New York neu: Ein Klient, der sich partout nicht zu erkennen geben möchte, will ihn anheuern, ein wachsames Auge auf Theodore van Buren zu halten. Der überaus reiche, ob seiner Rücksichtslosigkeit arg verhasste Börsenmakler werde von einem der Pechvögel, die er um Geld und Ruf gebracht hat, mit dem Tod bedroht, dürfe jedoch von seinem ‚Schutzengel‘ nichts erfahren, so spricht der mysteriöse „Mr. Brown“.

Bowman steckt in Geldnöten und ist neugierig, so dass er einschlägt: eine fatale Entscheidung, denn auch der bekannte Gangster Rafe Gehring ist offenbar in diese Affäre verwickelt. Bowman gerät mit seinem Schläger Frank Ettore aneinander und beschließt, sich mit van Buren in Verbindung zu setzen. Der reagiert außerordentlich überrascht, war ihm doch gar nicht bekannt, dass sein Leben bedroht ist … Dennoch reagiert der alte Fuchs vorsichtig und stellt Bowman nunmehr selbst ein.

Der Detektiv übernimmt einen schweren Job. Nur die Gattin van Burens unterstützt ihn; ihre Töchter hassen den Schwiegervater Theodore aus gutem Grund. Weiterhin unklar bleibt auch die Rolle Gehrings, der auf Bowman Einmischung mit düsteren Drohungen reagiert. Ungeduldig wird auch Lieutenant Henderson, Bowmans knurriger ‚Freund‘ bei der Mordkommission, der eine eigene Rechnung mit Gehring offen hat und es gar nicht mag, dass man ihm in die Quere kommt.

Lange tappt Bowman im Dunkeln. Das ändert sich nicht, als die Ereignisse sich überschlagen: Van Buren verschwindet spurlos. Hat man ihn entführt oder ist er untergetaucht, um einige offene Rechnungen gewaltsam zu begleichen? Der verärgerte Bowman setzt sich auf van Burens Fährte – dies um so eifriger, als er erkennt, dass man ihn als Sündenbock missbrauchen will und sich das Netz beängstigend rasch um ihn zu schließen beginnt …

Krimis in Serie: vor allem rasant

38 Fälle löste Glenn Bowman zwischen 1951 und 1979; unter dem Zweit-Pseudonym „Harry Carmichael“ schrieb sein geistiger Vater mehr als drei Dutzend weiterer Kriminalromane: Die reine Quantität dieses Outputs verrät, dass Hartley Howard dem Genre nicht gerade Spitzenwerke lieferte. Stattdessen gehörte er zur großen Schar der eifrigen Handwerker, die nicht wirklich originelle, aber durchaus unterhaltsame, weil handwerklich geschickt und sauber produzierte Thriller verfassten.

„Der Teufel sorgt für die Seinen“ ist ein seltsamer Zwitter zwischen dem klassischen „Whodunit“ (samt finaler Konfrontation aller Verdächtigen mit den Eröffnungen des Detektivs) und dem „Private-Eye“-Thriller à la Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Er spiegelt den Spagat wider, den sein Autor versuchte, der waschechter Brite war und über einen uramerikanischen Privatdetektiv schrieb. Erwartungsgemäß wird er weder dem einen noch dem anderen Subgenre gerecht, ohne jedoch seine Leser vor den Kopf zu stoßen: Howard liefert einen verwickelten, wohl recht unrealistischen, doch gut entwickelten Plot, der flott und geradlinig erzählt wird und sich der reichlich vorhandenen Klischees des Kriminalromans erfrischend großzügig bedient: „Der Teufel …“ will nie mehr sein als solider Lesestoff und funktioniert unter dieser Prämisse völlig zufriedenstellend.

Skizzenarbeit statt Handlungstiefe

Der deshalb dem Verfasser wohlgesonnene Leser wird sicherlich auf einen allzu kritischen Blick auf Howards New York verzichten, das hier wie das Spiegelbild nicht einmal besonders intensiver Reiseführer-Lektüre wirkt. Von der Polizeiorganisation der Riesenstadt hat der Autor ebenfalls wenig Ahnung; die auftretenden Beamten bleiben auffällig vage in der Beschreibung ihrer Funktion im kriminalistischen Getriebe.

Dem anspruchsarmen aber unterhaltsamen Geschehen entspricht die Figurenzeichnung. Glenn Bowman ist das Derivat unzähliger Privatdetektive, die dank der großen Gründerväter den Kriminalroman prägen: Hart oder besser smart ist er; leidvolle Erfahrungen haben ihn nicht zynisch aber sarkastisch werden lassen. Das Geschäft läuft chronisch schlecht, Geld ist stets knapp, was allerdings keine Auswirkungen auf Bowmans Redlichkeit hat. Zwar macht er sich so seine Gedanken über sein Privatleben, das sich auf unverbindliche Flirts und Besuchen auf der Rennbahn erschöpft, doch solchen Anflügen von Selbstzweifeln folgen niemals Taten: Bowman ist und bleibt mit Leib und Seele Schnüffler.

B-Movie-Atmosphäre mit altmodischem Schwung

Der aktuelle Klient residiert in einem feudalen Wolkenkratzer-Penthouse und zeigt auch sonst wenig Bodenhaftung. Schon der Name verrät, dass „Theodore van Buren“ keine dem Realismus verpflichtete Gestalt ist. Howard besetzt sie wiederum mit Klischees, die dieses Mal einen US-Selfmade-Millionär weniger charakterisieren als karikieren. Auf welche Weise van Buren zum Schrecken der Börse wird, darüber hüllt sich der Verfasser in Schweigen; er hat keine Ahnung von diesem Geschäft. Das ist freilich auch unnötig, denn es hat für diese Geschichte keine Bedeutung: Howard, der schreibfixe Profi, beschränkt sich in seinen Figurenzeichnungen auf grobe Umrisse, die der krimikundige Leser selbst mit Inhalt auszufüllen weiß.

Die eifrige Sichtung von B-Movies ist dabei eine große Hilfe. Dies ist das Stichwort für den Auftritt der drei weiblichen Darsteller unseres Dramas. Das Howardsche Frauenbild ist strikt dem Zeitgeist verpflichtet. Auf der einen Seite haben wir Bowman, den Frauenheld, der auf der anderen Seite immer wieder von schönen und notorisch willigen aber verdächtigen Damen in Versuchung und in die Irre geführt wird bzw. werden soll. Aus heutiger Sicht wirkt es rührend altmodisch, wie Bowman immer wieder seine Schwäche für das weibliche Geschlecht betont, um dann doch ritterlich die Finger bei sich zu behalten, wenn sich ihm eine definitive Chance bietet, im Schlafzimmer zur Tat zu schreiten: 1960 waren dem Schriftsteller, der seine Werke oberhalb der Buchladentheke verkauft wissen wollte, in dieser Hinsicht Grenzen gesetzt. Über Sex durfte (vorsichtig) geredet werden; das war’s dann auch.

Nichtsdestotrotz hat es seinen Grund, dass die Bowman-Romane des Hartley Howard zu Lebzeiten ihres Verfassers sehr beliebt waren. Weil sie nur lose in der Alltagswelt ihrer Entstehungsjahre verankert sind, alterten sie in Würde und gewannen nostalgische Patina. Gleichzeitig bewährt sich der unkomplizierte Storybau, der auf zeitlose Spannungselemente zurückgreift, die auch heute noch funktionieren. Für den echten Klassikerstatus reicht es wohl nicht, doch ein Lesespaß sind Romane wie dieser noch heute allemal!

Autor

„Hartley Howard“ ist das Pseudonym des viel beschäftigten Kriminalschriftstellers Leopold Horace Ognall (1908-1979), der auch als „Harry Carmichael“ sehr aktiv war. Obwohl zahlreiche seiner Romane in den USA spielten, war Ognall Brite und erfolgreich als Autor vor allem in seiner Heimat, während relativ wenige Romane den Weg über den Atlantik in das Land fanden, in dem sie spielen. Auf dem europäischen Kontinent wurden Ognalls Bücher dagegen gern gelesen; in Deutschland wurde sogar fast das gesamte Werk übersetzt, was angesichts der Länge der Bibliografie bemerkenswert ist.

Die leichtgewichtige und serienfreundliche aber handwerklich durchaus achtbare Machart sowie die (möglicherweise unfreiwillige) Mischung aus traditionellem britischen Krimi und (nicht allzu hartem) US-Thriller sprach das hiesige Publikum offensichtlich an, solange der Verfasser neue Fälle liefern konnte. Als Ognall 1979 starb, ließ die Resonanz stark nach. Heute ist Ognall sowohl als Hartley Howard als auch als Harry Carmichael aus den deutschen Buchläden verschwunden.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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