Der Tod ist nicht fair

Cyril Hare
Der Tod ist nicht fair

(Inspektor-Mallett/Francis-Pettigrew-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: Death Is no Sportsman (London : Faber and Faber 1938)
Dt. Erstausgabe [gekürzt u. unter dem Titel: „Das Geheimnis des Anglers“]: 1977 (Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1732)
125 S.
ISBN-10: 3-453-10324-6
Neuausgabe: 1994 (Diogenes Verlag/Detebe 22757)
Übersetzung: Peter Naujack
338 S.
ISBN-13: 978-3-257-22757-4

Titel bei Amazon.de (Diogenes-Ausgabe)
Titel bei Booklooker.de (Diogenes-Ausgabe)


Das geschieht:

Ein wohlgezielter Schuss in den Schädel reißt der den allseits unbeliebten Geschäfts- und Lebemann Sir Peter Packer aus dem Leben. Er hatte bis dahin für viel Unfrieden gesorgt in seinem kleinen Heimatort, der völlig zu Unrecht den eindrucksvollen Namen Didford Magna trägt, d. h. seine Gattin betrogen und der flatterhaften Dorfschönheit ein Kind angehängt, die Mitbürger durch Hochmut, sein hochfahrendes Wesen und das dünkelhafte Beharren auf überkommene Adelsprivilegien verärgert sowie die Angeltouristen erzürnt, indem er ein Sägewerk direkt am fischreichen Fluss Didder bauen ließ.

Dabei lebt Didford Magna praktisch von seinen Sommergästen, unter denen jene vier Männer, die für besagten Wasserlauf die Fischereirechte gepachtet haben, eine Sonderstellung einnehmen. Es sind fanatische Angler, die schon seit vielen Jahren ihren Urlaub in Didford Magna verbringen und alles anfeinden, was die Fische verscheuchen könnte. In der letzten Zeit sind die Mitglieder der Gruppe mehrfach mit Sir Peter aneinandergeraten, der ihnen den Zugang zum Didder über sein Land untersagt hat. Das Sägewerk mindert die Urlaubsqualitäten des Ortes zusätzlich. Zu allem Überfluss hat sich Jimmy Rendel, das jüngste Mitglied des Angler-Quartetts, unglücklich in die schöne Marian, Sir Peters Gattin, verliebt.

Die Schar der Verdächtigen deshalb kopfstark, als Inspektor Mallett von Scotland Yard die Ermittlungen aufnimmt. Sie nimmt an Zahl sogar noch zu, als dieser nach und nach die Geheimnisse einiger Bürger von Didford Magna aufdeckt. Mallett kommt irgendwann zu dem entmutigenden Schluss, dass sich praktisch jeder Bewohner des Weilers zum Zeitpunkt des Mordes in der Nähe des Tatorts aufgehalten hat. Dennoch ist die Aufklärung der Untat eine echte Überraschung, denn mit diesem Mörder konnte wirklich niemand rechnen …

Das Spiel beginnt – und es bleibt fair

Warum immer zu Agatha Christie oder Dorothy Sayers greifen, wenn es gilt, einen angenehm verregneten Winterabend bei einem guten Schluck mit einem englischen Rätselkrimi von altem Schrot und Korn zu verbringen? Wie Cyril Hare mit dem vorliegenden Werk nachdrücklich unter Beweis stellt, haben auch andere Autoren richtig gute Thriller geschrieben. Dem historisch interessierten Leser sei vermerkt, dass „Der Tod ist nicht fair“ ein „Whodunit“ („Wer hat’s getan?“) aus der Spätphase des „Goldenen Zeitalters“ der klassischen angelsächsischen Kriminalliteratur ist.

Und klassisch geht es wahrlich zu: Ein Mord wird begangen, eine übersichtliche Gruppe verdächtiger Personen präsentiert. Die Indizien werden dem Leser sämtlich und jederzeit offengelegt, damit er dem Täter gemeinsam mit dem ermittelnden Privatdetektiv oder Polizeibeamten auf die Spur kommen kann. Womöglich ist genannter Leser sogar schneller als er, was Rückschlüsse auf das Talent des „Whodunit“-Schöpfer gestatten würde, dessen Bestreben es selbstverständlich sein muss, das Rätsel möglichst bis auf die letzte Seite zu retten, um es dann höchstpersönlich, überraschungsmächtig und einleuchtend aufzuklären.

Faule Tricks und falsche Spuren sind dabei verpönt bzw. werden den zynischen „Hard-Boiled“-Schnüfflern im Trenchcoat überlassen, die nach dem II. Weltkrieg die Oberhand gewinnen und für die Lug und Trug zur Selbstverständlichkeit geworden sind.

Nicht nur für Fische gefährliches Pflaster

Cyril Hare erweist sich als Vertreter der ‚reinen‘ Form. 1938 konnte er der Welt ein Jahr vor Ausbruch des II. Weltkriegs noch einen Hort der Ordnung und Beschaulichkeit wie Didford Magna abringen. Schon der Name ist eine Übertreibung, der das Dorf nicht gewachsen ist, obwohl man sich bemüht – dies allerdings eher schlecht als recht, was einem begabten Stilisten wie Hare breiten Raum für einschlägige Szenen bietet.

Mit jener ‚typisch‘ britischen, schwer nachzuahmenden Eleganz kreiert Hare die kleine, heile Welt des urenglischen Landidylls, bevölkert von treuherzigen Bauersleuten, rotgesichtigen Dorfpolizisten, jovialen Junkern, bodenständigen Pfarrern und ähnlich skurrilen Typen, deren größte Sorge es normalerweise ist, wenn die Fische nicht beißen wollen, ein Knopf im Klingelbeutel gefunden wird oder der beste Jagdhund Bauchweh hat.

Mord kommt hier nicht dramatisch und blutig, sondern dezent und primär als Denksportaufgabe daher. Immer bleibt die Form gewahrt, und wenn zuletzt der Mörder gen Galgen abtransportiert wird, akzeptiert er sein Schicksal – als Sportsmann eben, so wie wir die Briten kennen und schätzen.

Mehr als ein Hauch von Realität

Ganz so einfach ist es freilich nicht. Die aufmerksame Lektüre von „Der Tod ist nicht fair“ verrät, dass es zwischen einem ‚echten‘ “Whodunit” und den modernen Nachdichtungen, die heute so beliebt sind, gewisse Unterschiede gibt. Während die Epigonen das Gewicht gar zu eindimensional auf extravagantes Personal und gemütliches Zeitkolorit legen, ist Hares Didford Magna kein der Gegenwart enthobenes Brigadoon, das nur alle einhundert Jahre für eine Nacht aus dem Krimihimmel auftaucht und so seine behagliche Behäbigkeit fern jeder modernen Eile und Unsicherheit konservieren kann.

In Didford Magna leben auch keine Schachfiguren auf dem Brett eines allwissenden Autoren-Gottes, sondern Menschen mit recht realistischen Sorgen und Nöten. Sir Peter Packer repräsentiert eine neue Generation englischer Tatmenschen, denen der Profit über die Heimat geht. Sir Peter mag ein Adliger sein, doch er benimmt sich nicht wie ein Gentleman. Er schert sich nur um Traditionen, wenn sie ihm nützlich sind. Insofern missbraucht er seine Macht. Ließe man ihn gewähren, würde Didford Magna seinen altertümlichen Reiz rasch einbüßen. Mit dem Blick auf das Ende könnte man annehmen, das Schicksal selbst habe dem einen Riegel vorschieben wollen; zumindest in der Fiktion konnte Hare der altenglischen Gemütlichkeit einen Aufschub verschaffen.

Es verschafft einem Schriftsteller einen erheblichen Vorsprung, die Welt, die man beschreibt, aus eigenem Erleben zu kennen, statt sie künstlich völlig neu erschaffen zu müssen. Hare war mit dem Landleben vertraut; er jagte und fischte und kannte den Menschenschlag, auf den er als Vorlage für seine Figuren zurückgreifen konnte.

Dieses Lokalkolorit versöhnt den strengen Krimi-Leser mit einem Plot, der eher merkwürdig als überzeugend aufgelöst wird. Sir Peter Packer stirbt logisch aber ganz sicher nicht realistisch. Das Puzzle fügt sich glatt zusammen, aber das entstehende Bild sorgt für gelinde Verwirrung, die man möglichst humorvoll nehmen sollte: In seinem zweiten Werk ist Cyril Hare noch ein gutes Stück entfernt von seiner späteren Meisterschaft, die ihn dieses Problem in den Griff bekommen ließ. Den Unterhaltungswert kann dies freilich kaum beeinträchtigen, was die Vorfreude auf spätere Hare-Thriller deutlich steigert!

Autor

Cyril Hare wurde im Jahre 1900 in Mickleham, Grafschaft Surrey, als Alfred Alexander Gordon Clark geboren. Er lernte das Landleben kennen und schätzen, war ein passionierter Jäger und Angler. Clark studierte Jura am New College zu Oxford, und wurde 1924 Anwalt – eine Familientradition. 1933 heiratete Clark Mary Barbara Lawrence. Das Paar ließ sich in Cyril Mansions in Battersea nieder. Clark arbeitete als Jurist u. a. am Hare Court, Temple.

Daneben pflegte Clark seine schriftstellerischen Ambitionen. Nach einigen Sketchen für das „Punch“-Magazin verlegte er sich auf den Kriminalroman, in den er seine Erfahrungen als Jurist einfließen ließ. Als Pseudonym – schließlich war er ein angesehener Mann des Rechtes – wählte er Cyril Hare. Als erster Roman erschien 1937 „Tenant for Death“ (dt. „Ruhige Wohnung mit eigener Leiche“). Seine Helden waren Inspektor Mallett von Scotland Yard und Anwalt Francis Pettigrew. Sie treten in einigen Romanen sogar gemeinsam auf.

Der Kritik schätzt Hare als kompetenten Handwerker, der das Rad der Kriminalliteratur nicht neu erfunden aber zuverlässig mit in Schwung gehalten hat. Sein Werk blieb schmal. Hare war Zeit seines Lebens Jurist und schrieb nur in der Freizeit. Neun Kriminalromane, ein Kinderbuch („The Magic Bottle“, 1946) und ein Theaterstück („The House of Warbeck“, 1955) erschienen in zwanzig Jahren. Ein Band mit Kriminalgeschichten kam nach Hares frühen, durch die Folgen einer nie ausgeheilten Tuberkulose bedingten Tod im Jahre 1958 heraus.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de (Diogenes-Ausgabe)
Titel bei Booklooker.de (Diogenes-Ausgabe)

Mord made in England

Selbstmord ausgeschlossen

Ruhige Wohnung mit eigener Leiche

Der Tote von Exmoor

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.