Der Tote gibt Indizien

Beverley Nichols
Der Tote gibt Indizien
(Horatio-Green-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: Murder by Request (London : Hutchinson 1960)
Übersetzung: N. N.
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 153)
192 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Juli 2017 (Fischer Verlag)
192 S.
ISBN-13: 978-3-596-31835-3
eBook: Juli 2017 (FISCHER Digital)
854 KB
ISBN-13: 978-3-10-561844-8

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Das geschieht:

Finanzmagnat Sir Owen Kent scheut den Gang zur Polizei, obwohl er anonym bedroht wird: Zwischen dem 21. und 29. Dezember dieses Jahres werde man ihn für seine (ungenannt bleibenden) Übeltaten mörderisch zur Rechenschaft ziehen, wird ihm telefonisch und brieflich mehrfach mitgeteilt. Da Sir Owen in wilder Ehe mit seiner schönen ‚Sekretärin‘ Louise Delamere lebt, schreckt ihn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Deshalb bittet er den Hobby-Detektiv Horatio Green um Hilfe.

Dieser gibt sich als Patient aus, der im Sanatorium Harmony Hall einige überflüssige Pfunde verlieren will. Sir Owen ist Eigentümer des Hauses, das aktuell – es sind die Tage vor Weihnachten – nur neun weitere Gäste beherbergt. Geleitet wird Harmony Hall von Harold Eastwood, Sir Owens Schwager. Der Gesundheitsfanatiker wird von Sir Owen ständig gepiesackt und gedemütigt, was erwartungsgemäß keine freundschaftlichen Gefühle aufkeimen lässt. Ebenfalls nur der Form halber geduldet wird Sir Owens Schwester Maisie, die vor sechs Monaten im Suff den Tod der einzigen Nichte verschuldet hat. Green ermittelt weitere interessante, sorgfältig vertuschte Geheimnisse und Animositäten. Dennoch wird auch er überrascht, als Sir Owen bereits am ersten Tag der gestellten Frist einem Mord zum Opfer fällt. Anwesend waren und damit automatisch verdächtig sind sämtliche Bewohner des Hauses.

Das ist die Situation, als ‚Kommissar‘ [im Original korrekter: Inspector] George Waller von Scotland Yard mit dem Fall betraut wird. Er und Green kennen sich, weshalb der Polizist den Detektiv umgehend in die Ermittlungen einspannt. Während Waller die Verdächtigen offiziell befragt, horcht Green sie in seiner Rolle als Patient aus – eine gefährliche Rolle, denn der Mörder bekommt Wind davon …

Bizarr-Mord im Gesundheits-Tempel

Mit diesen wenigen Worten lässt sich die Quintessenz eines Romans zusammenfassen, dessen Primär-Manko dem deutschen Verlag zur Last gelegt werden muss: Dort wählte man einen (zudem unsere Muttersprache beleidigenden) Titel, der viel zu deutlich auf die Auflösung des Verbrechens hinweist und deren Überraschung bedroht, die zu entwickeln sich Autor Beverley Nichols große Mühe gegeben hat.

Er gehörte zu den Autoren des ‚späten‘ britischen Rätselkrimis, den er in einer Reinheit hochhielt, die zu seiner Zeit schon selten geworden war. Nicht nur darin erinnert Nichols an Agatha Christie: Horatio Green ist ein Hercule-Poirot-Klon, dem der Verfasser gewisse Züge und Eigenheiten der Christie-Figur Miss Marple beimischte. Das Ergebnis ist ein Detektiv, der trotz dieser ‚geborgten‘ Persönlichkeit als literarisches Individuum funktioniert.

Der Schauplatz kündet von einem Humor, der vor allem zwischen den Zeilen lebt und die Andeutung dem brachialen Effekt vorzieht. Deshalb verschlägt es den Epikureer Green, der eine gute Mahlzeit überaus schätzt, in ein Sanatorium, dessen betuchte ‚Gäste‘ mit lauwarmen Zitronenwasser, pochierten Rüben u. a. Scheußlichkeiten malträtiert werden. Statt sich zu wehren, fügen sie sich ihren Qualen, denn nur das, was schmerzt, hilft bekanntlich wirklich! Nichols enthüllt die Wahrheit: Heiße Packungen und eiskalte Bäder führen zu körperlicher Schwäche und geistigem Abbau, statt wie angekündigt die Gesundheit zu fördern. Proletarische Gier sorgt deshalb dafür, dass die vorgeblich vornehme Gesellschaft an der kargen Küche vorbei ihre Lüste befriedigt. Sobald die aktuelle Kur endet, fallen sie ohnehin in alte Sünden zurück, weshalb sie sich schon seit Jahr und Tag in Harmony Hall wiedertreffen.

Ein (wie üblich) unmöglicher Todesfall

Die Herausforderung liegt für Horatio Green zunächst darin, seinen Auftraggeber vor dem angekündigten Mord zu bewahren. Dass dies misslingt, ist jedoch kein Misserfolg, sondern notwendig, um einen klassischen britischen Rätselkrimi in Gang zu setzen. Der bald begangene Mord ist deshalb konventionell, d. h. fern jeglicher kriminalistischer Alltäglichkeit: Er geschieht in einem vom Verfasser ausführlich beschriebenen Raum ohne Tapetentüren oder Geheimverstecke. Wer mit dem Opfer zusammensaß, konnte nicht heimlich kommen oder gehen. Daher war der Mörder – oder die Mörderin – definitiv mit im Zimmer.

Cover der dt. Erstauflage

Nichols ist fair und legt seine Karten offen. Dass er die Deutung des Blattes seinen Lesern überlässt, wird von diesen erwartet. Sie sind nicht böse, wenn sie im Finale überrascht werden, weil der Autor seinem Detektiv doch eine Nasenlänge Ermittlungsvorsprung verschaffte. Wichtiger = unterhaltsamer ist die plausible Erklärung der Tat und ihrer Hintergründe. Deshalb ist es Green gestattet, sich in geheimnisvolles Schweigen zu hüllen. Weniger Gefallen findet daran naturgemäß „Kommissar“ Waller, der zwar als Polizist nicht den Trottel spielen muss, aber dennoch vom Laien Green in den Schatten gestellt wird; auch dies ist genretypisch und trägt deshalb zum Vergnügen bei.

Somit liefert Nichols das Erwartete, auch wenn man als Leser förmlich sehen kann, wie er sich dabei durch jene enge, gewundene Röhre windet, die er sich bzw. die ihm die Logik gelassen hat, wenn es gilt, die zahlreichen, demonstrativ verwirrenden Indizien zum ‚Fall‘ zusammenzutragen. Bei nüchterner Betrachtung stehen Aufwand und Ergebnis dieses Verbrechens in keinem ökonomischen Verhältnis. Der Zufall muss schwer schuften, damit der hochkomplizierte Kriminalfall nicht bereits im Ansatz scheitert. Auch zwischenzeitlich könnte bzw. müsste vieles schiefgehen.

Mord ist Sport

Dies ist allerdings kein Argument, das im Whodunit-Krimi eine Rolle spielt. Solange Nichols bestimmte Genre-Regeln beachtet, darf ihm die ‚Realität‘ seiner Geschichte herzlich gleichgültig sein. Harmony Hall – schon der Name ist angesichts der Ereignisse ein Insider-Scherz – versammelt das typische Inventar von Figuren, die es so im wahren Leben nie gab. Sie repräsentieren amüsante Klischees: ‚der‘ (allzu) vornehme Adlige, ‚der‘ übereifrige Wissenschaftler, ‚die‘ reizvoll verworfene Lebedame, ‚die‘ (trügerisch) graue Maus, ‚der‘ sittenlockere Schönling etc.

Dahinter lässt Nichols Details durchschimmern, die deutlich machen, dass er durchaus um die Realitäten des Jahres 1960 wusste. So gibt es keinen Zweifel am intimen Verhältnis zwischen Sir Owen und Louise Delamere. Orthopäde Garth hat sogar eine Frau „geschwängert“; es wird offen ausgesprochen. Auch sonst ist die Welt nicht mehr so erfolgreich verlogen wie in den Jahren vor dem Zweiten oder gar vor dem Ersten Weltkrieg. Profane Niedertracht kommt auch in den besten Familien vor, schmutzige Wäsche wird öffentlich gewaschen. Davon unberührt bleibt indes „das Spiel“ = der Fall: Wie seit jeher bleibt es dem empfindsamen Detektiv erspart, dem Henker vorzuarbeiten. Das Schicksal sorgt für einen ‚sauberen‘ Abgang des Übeltäters.

Nicht unerwähnt bleiben soll abschließend eine Theorie von J. F. Norris („Adonis in person“. Same-Sex Intimacy and Male Eroticism in the Detective Novels of Beverley Nichols, in: Curtis Evans (Hg.): Murder in the Closet: Essays on Queer Clues in Crime Fiction before Stonewall, Jefferson/North Carolina 2012, S. 243-248). In seinem Aufsatz begründet er, dass Nichols‘ Homosexualität in seinen Kriminalromanen eine wichtige Rolle spielte. Die zeitgenössische Gesetzgebung stempelte ihn zum Kriminellen, und auch gesellschaftlich musste Nichols sich vor einem Outing hüten. Deshalb ging er betont vorsichtig zu Werke. Auch in „Ein Toter gibt Indizien“ gibt es nach Norris deutliche Belege für eine mehr als platonische Männerliebe, die für diesem Fall von zentraler Bedeutung ist sowie Greens Zurückhaltung begründet, sämtliche Einzelheiten zu enthüllen. Er weiß Bescheid und ist auch deshalb froh über eine ‚Lösung‘, die eine entsprechende Bloßstellung verhindert: Auch ein ‚harmloser‘ Rätselkrimi kann Geheimnisse bergen, die über das beschriebene Verbrechen hinausgehen!

Autor

John Beverley Nichols wurde am 9. September 1898 in Bower Ashton bei Bristol in England geboren. Schon in jungen Jahren entwickelte er sich zu einem vielseitigen Publizisten. Bereits 1920 erschien „Prelude“, Nichols‘ Romandebüt und Start in eine Schriftsteller-Laufbahn, die mehr als sechs Jahrzehnte währte. Nichols schrieb mehr als 60 Romane und Sachbücher, Essays, Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, er arbeitete als Journalist, verfasste Reden und komponierte Musik. Er zeigte sich in vielen Genre-Sätteln sattelfest und hatte keine Probleme damit, als Ghostwriter zu schreiben, wie er überhaupt seine literarischen Ansprüche sehr gut mit einem Dasein als Lohnautor vereinbaren konnte.

Obwohl sein thematisches Spektrum beachtlich war, basiert Nichols‘ Ruhm in England vor allem auf seinen Reiseführern durch große Gärten in England. Sie werden seit Jahrzehnten immer wieder aufgelegt und mischen Fachwissen mit literarischen Hochqualitäten. Auf die aus seinen Gartenbüchern resultierende Reputation nahm Nichols keine Rücksicht. In „Father Figure” rechnete er 1972 mit seinem Vater ab, einem Alkoholiker, von dem er missbraucht worden war und den er versucht hatte umzubringen. Dieses Buch erregte großes Aufsehen und den Missfallen gesetzestreuer Bürger, die Nichols als gefährlichen Kriminellen anzuzeigen versuchten.

Mit seinem Lebenspartner Cyril Butcher lebte Nichols in London. Dort ist er am 15. September 1983 an den Folgen eines Sturzes gestorben.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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