Der Tote im Feuer

Carol Carnac
Der Tote im Feuer


Originaltitel: The Burning Question (London : Collins/The Crime Club 1957)
Übersetzung: Karl Hellwig
Deutsche Erstveröffentlichung: 1963 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 120)
175 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Ein behaglicher Feierabend ist Jim Boyle, Dorfpolizist in Oakenhead, in dieser nebligen Spätherbstnacht nicht vergönnt. Ein Anruf führt ihn noch einmal aus dem Haus und in das Bergland der englischen Grafschaft Derbyshire: Am Langland-Berg habe er einen Mann gefunden, der überfahren wurde, meldet ein Fernfahrer, der lieber anonym bleiben möchte. Boyle, der Bob Mayfield, seinen Schwiegervater, als Begleiter rekrutiert, findet an angegebener Stelle tatsächlich eine übel zugerichtete Leiche. Weil es spät geworden ist, legen die beiden Männer sie in der nahen Dorfkirche ab.

Noch in dieser Nacht brennt das Gotteshaus ab, vom Toten bleiben nur verkohlte Knochen, die eine Identifizierung unmöglich machen. Inspektor Forth, Boyles Vorgesetzter, ist nicht begeistert, als er in Oakenhead eintrifft. Begleitet wird er von seinem Sohn Robert, der gerade aus dem Militärdienst entlassen wurde und sich für die Polizeiarbeit interessiert. Um Forth zu unterstützen, stellt man ihm den jungen Kriminalbeamten Christopher „Kit“ Riddle zur Seite. Robert erkennt in ihm erfreut einen Soldatenkameraden, während Riddle die Vorteile nutzt, die ihm aus der Freundschaft mit einem Einheimischen erwachsen, den die wortkargen und misstrauischen Dörfler kennen und schätzen.

Denn alle Verdächtigen stammen aus Oakenhead: Hat der alte Mayfield bei der Bergung der Leiche mögliche Mordspuren verwischt? Ist sein nichtsnutziger Sohn Dick in die Sache verwickelt? War Tierarzt Ken Musgrave wirklich auf dem Weg zum Bauern Welby, als sein Wagen in einen Graben rutschte? Hatte Welby ihn tatsächlich gerufen? Wieso interessiert sich Colonel Bourne so brennend für den Fall? Handelt es sich bei dem Toten um den Sträfling Fredstone, der nach einem Ausbruch seit Monaten flüchtig ist? Viele Fragen und zunächst keine Antworten, bis Riddle und die beiden Forth-Männer einen gänzlich neuen Ansitz finden und durch viel Fußarbeit sowie trotz einiger seltsamer ‚Unfälle‘ ein kompliziertes und altes Geheimnis lüften können …

„Der Gegenwart entflieht, wer unter die Bauern geht.“

So sprach der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) scheinbar weise aber falsch. Weit verbreitet war und ist das Bild vom Landmann auf seiner Scholle, der dort sitzt, sät und erntet, sein Leben dem jährlichen Wechsel der Jahreszeiten unterwirft und die ‚große Welt‘ ignoriert, weil sie ihn in seinem bäuerlichen Mikrokosmos weder angeht noch interessiert.

Auch Carol Carnac scheint zunächst in diese Kerbe zu hauen. Oakenhead ist ein Dorf, das wie für einen englischen Rätsel-Krimi eigens gegründet wirkt. Die Welt dreht sich hier Ende der 1950er Jahre so geruhsam wie in der guten, alten Zeit vor dem II. oder gar I. Weltkrieg. Die Erinnerung der älteren Bürger reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, wichtige Kalendermarken sind Markttage und Dorffeste, die gleichzeitig der Anbahnung künftiger Ehen dienen. Gedacht wird langsam und gesprochen wenig, es sei denn, es gilt, über das Wetter oder zu niedrige Erzeugerpreise zu klagen.

Nach und nach mischen sich Misstöne in dieses trauliche Bild, denn Carnac schwelgt keineswegs in falscher Bauernstadl-Romantik. Hinter den dicken Mauern alter Höfe spielen sich Dramen ab. „Im Kuhstall erzählen einem die Leute Dinge, die man niemals für möglich gehalten hätte“ (S. 90), weiß der alte Edmund Musgrave, Tierarzt im Ruhestand. Zudem ist die Zeit auch in Derbyshire keineswegs stehengeblieben. Traditionelle Strukturen lösen sich auf. Die Jugend ist unruhig geworden. Dick Mayfield hat keine Lust, seine Tage als unbezahlter Knecht auf dem Hof des Vaters und in vager Erwartung seines Erbes zu fristen. Ihn zieht es in die Ferne, er will etwas erleben.

Geduld bis zur geeigneten Gelegenheit

Dieser nur oberflächlich geruhsame und stattdessen gärende Alltag bietet die Basis für einen Mord der ländlichen Art. Der Tote im Feuer war zu Lebzeiten die Erinnerung an ein sorgfältig verdrängtes aber unbewältigtes Unrecht der Vergangenheit. Kein exotisches Gift oder andere raffinierte Mordmethoden mussten am Langland-Berg zum Einsatz kommen, sondern das Wissen um die Besonderheiten des örtlichen Klimas, was – zu diesem Schluss kommen unsere Ermittler früh – auf einen einheimischen Täter hinweist, der nicht nur weiß, wie dicht tarnender Nebel aufsteigen kann, sondern auch die Schleich- und Wirtschaftswege der Gegend kennt.

Ortskenntnis ist der Schlüssel zur Lösung, weshalb Farth Vater und Sohn sowie Kriminalpolizist Riddle viel Zeit damit verbringen, die Felder und Berge um Oakenhead mit dem Wagen, dem Rad und zu Fuß zu erkunden. Schnell haben sie ermittelt, dass erstaunliche viele Personen in der Mordnacht unterwegs waren und den Tatort passiert haben: Die Bauern des Ortes sind Nebel gewohnt und kommen dort durch, wo der Städter kapituliert.

Auch die Planmäßigkeit der Tat straft die sprichwörtliche bäuerliche Einfalt Lügen. Der Mord wurde begangen und nicht nur als Unfall getarnt, sondern die Leiche kaltblütig verbrannt, um endgültig ihre Identität auszulöschen. Ins Kalkül ziehen müssen die Ermittler zudem, dass der Täter sich ganz offen mit ihnen trifft, sie auf mögliche Verdachtsmomente aushorcht und zu manipulieren versucht.

Ein Dreigespann ermittelt

In „Der Tote im Feuer“ gelingt der Autorin mit der Wahl der Ermittler geschickt die Verknüpfung von Gestern und Heute. Inspektor Farth, der offenbar nicht einmal einen Vornamen hat, repräsentiert die korrekte, nicht nur der Dienstvorschrift, sondern auch ihrem mit der Zeit obsolet gewordenen Ehrenkodex verpflichtete Vergangenheit. Der deutlich wenig förmliche Christopher Riddle ist ein Kriminalist der neuen Zeit. Er hat den Polizeijob nicht von der Pike auf erlernt, sondern ist als Seiteneinsteiger dazu gestoßen, denn der moderne Ermittler profiliert sich nicht mehr ausschließlich durch Menschenkenntnis und Übung, sondern auch durch Bildung. Männer wie Farth Senior und Jim Boyle werden allmählich aussterben. Bis es soweit ist, bleibt dem einen die Rolle des Ratgebers, der aus seinem Erfahrungsschatz schöpft, und dem anderen die des einfachen Dorfpolizisten, der für Ruhe und Ordnung sorgt.

Robert Forth bildet die Verbindung. Mehrfach betont Carnac seine ländliche Herkunft, an die er sich jedoch nicht mehr gebunden fühlt. Anders als Dick Mayfield hat Robert Oakenhead hinter sich gelassen. Wenn er zurückkehrt, dann wird dies freiwillig geschehen. Auch mit der Charakterisierung ihrer Figuren verdeutlicht die Autorin, dass sie die Oakenheads der Gegenwart nicht als Museumsdörfer mit lebendem Inventar betrachtet.

Idylle mit Wegmarken

Das gar nicht so friedliche Landleben und den Einbruch der Moderne in eine festgefügte Gesellschaftsstruktur thematisierte Carol Carnac auch in anderen Kriminalromanen, die geografisch und zeitlich vor ähnlichem Hintergrund wie „Der Tote im Feuer“ spielen. Die Autorin kannte Land und Leute der englischen Midlands; sie bezog sich gern auf reale Orte, die sie mehr oder weniger verfremdet in ihren Geschichten verwendete. Auch hier lassen die präzisen Angaben von Wegstrecken und Wanderzeiten realitätsnahe Recherchen vermuten: Auf der Basis des Textes ließe sich eine Landkarte von Oakenhead und Umgebung zeichnen.

Womöglich haben diejenigen Leser, die ihren „Whodunit“ wirklich ernst nahmen, genau dies getan. Carnac hält sich an die klassische Vorgabe des „fair play“, das den Leser eng an der Seite der drei Ermittler hält. Was sie in Erfahrung bringen, wird uns mitgeteilt, bis sie im Finale einen kleinen Endspurt einlegen, der uns ein Stück zurückfallen lässt: Zu guter Letzt wollen wir entweder bestätigt oder – noch besser – überrascht werden, weil uns die Autorin doch an der Nase herumgeführt hat.

Da Carol Carnac eine professionelle Krimi-Autorin ist, gelingt ihr dies im Rahmen der genreüblichen und hochdramatischen Zusammenkunft aller Verdächtigen, aus deren Runde dem unwahrscheinlichsten Kandidaten die Maske vom Gesicht gerissen wird. So soll ein Rätselkrimi enden, wobei das Muster höchstens variiert werden darf. Mit „Der Tote im Feuer“ macht es Carnac wieder einmal richtig. Dem Leser bleibt zum Schluss nur die ratlose Frage, wieso ausgerechnet ihre Werke vom (deutschen) Buchmarkt verschwunden sind.

Autorin

E. C. R. Lorac (1894-1958), geboren (bzw. verheiratet) als Edith Caroline Rivett-Carnac, muss man wohl zumindest hierzulande zu den vergessenen Autoren zählen. Dabei gehörte sie einst zwar nicht zu den immer wieder aufgelegten Königinnen (wie Agatha Christie oder Ngaio Marsh), aber doch zu den beliebten und gern gelesenen Prinzessinnen des Kriminalromans.

Spezialisiert hatte sich Lorac auf das damals wie heute beliebte Genre des (britischen) Landhaus-Thrillers, der Mord & Totschlag mit der traulichen Idylle einer versunkenen, scheinbar heilen Welt paart und daraus durchaus Funken schlägt, wenn Talent – nicht Ideen, denn beruhigende Eintönigkeit ist unabdingbar für einen gelungenen „Cozy“, wie diese Wattebausch-Krimis auch genannt werden – sich mit einem Sinn für verschrobene Charaktere paart.

Zwischen 1931 und 1958 veröffentlichte Rivet-Carnac unter ihrem Pseudonym „E. C. R. Lorac“ 49 Kriminalromane um Inspektor (später Chefinspektor) Robert Macdonald. Damit war ihr Schaffensdrang längst nicht erschöpft; um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, veröffentlichte Lorac unter einem zweiten Pseudonym – Carol Carnac – ähnlich fleißig weitere Krimis und als „Carol Rivett“ zwei ‚richtige‘ Romane.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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