Der Tote im Silo

Ronald A. Knox
Der Tote im Silo

Originaltitel: The Body in the Silo (London : Hodder & Stoughton 1933)
Übersetzung: Lorenz Häflinger
Deutsche Erstausgabe: 1963 (Herder Verlag/Herder-Bücherei 149)
176 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1979 (Heyne Verlag/Heyne Crime Classic 1831)
155 S.
ISBN-13: 978-3-453-10423-5

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Das geschieht:

Walter und Myrtle Halliford laden gern und oft Gäste auf ihr Landgut Lastbury Hall in der westenglischen Grafschaft Herefordshire ein. Auch Miles Bredon, Detektiv einer prominenten Versicherungsgesellschaft, steht dieses Mal auf ihrer Liste, obwohl er das Paar weder gut kennt noch schätzt. Doch Gattin Angela freut sich auf einige Ferientage außer Haus, sodass Bredon sich in sein Schicksal fügt.

Die Gesellschaft auf Lastburg Hall ist so fad wie er befürchtet hatte. Walter Halliford schwärmt allzu ausgiebig von seinen Erfolgen als Landwirt, Gattin Myrtle ist neurotisch. Adrian Tollard, ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller mit skandalumwitterter Vergangenheit, mimt den Salon-Sozialisten, Phyllis Morel lebt nur für schnelle Autos, John Carberry, ein gescheiterter Minenbesitzer, ist ein grober Klotz, die Arnolds sind langweilig. Interessant ist nur Cecil Worsley, der in prominenter aber nicht näher definierter Stellung für den britischen Geheimdienst arbeitet. Ausgerechnet ihn finden Landarbeiter im Inneren des mächtigen Silos, der hoch über Lastbury Hall aufragt: Worsley ist an den von den gärenden Futterpflanzen aufsteigenden Gasen erstickt.

Wieso stieg er ausgerechnet in den Silo? Oder wurde nachgeholfen? Die Leiche weist keine Spuren von Gewaltanwendung auf. Wurde Worsley in eine Falle gelockt? Ist dies ein Anschlag regierungsfeindlicher Kräfte? Der beunruhigte Geheimdienst bittet Bredon, der bereits vor Ort ist, um Hilfe. Gattin Angela wird ihn wie üblich dabei unterstützen. Scotland Yard schickt Inspektor Leyland, einen alten Freund der Bredons, der im Hintergrund ebenfalls Nachforschungen anstellen soll.

Die drei Ermittler stehen vor einem Rätsel. Alibis sind falsch, Indizien verschwinden und tauchen subtil manipuliert wieder auf. Die Situation klärt sich erst, als Bredon erkennt, dass sich hinter dem einen ein gänzlich anderes Verbrechen verbirgt …

„Die Landarbeiter lungerten untätig herum und erzählten sich in lautem Gälisch gruslige Geschichten von ähnlichen Unglücksfällen“

Das von der Außenwelt isolierte Landhaus, dessen Bewohner gleichzeitig die Schar potenzieller Opfer und Täter ausmachen, war – um es gutmütig auszudrücken – schon 1933 kein außergewöhnlicher Schauplatz mehr. Ronald A. Knox verdeutlicht im dritten Miles-Bredon-Kriminalroman, dass es einerseits nur eines interessanten Details bedarf, um ein neues Element in die Handlung zu bringen, die andererseits ganz klassisch durch einen scheinbar unlösbaren Fall mit verwirrenden, einander widersprechenden Indizien die übliche Spannung erfährt.

Cover der Neuausgabe 1980

In diesem Fall ist der Tatort ausgerechnet ein Silo, also ein Behälter aus Stahl, in dem Grünfutter eingelagert wird, das sich durch langsame Eigengärung konserviert und einen Geschmack entwickelt, der dem Vieh, das im Winter damit versorgt wird, offenbar zusagt. Was prosaisch wirkt, ragt immerhin raketengleich und mehr als haushoch in die englische Landschaft, und sein Inneres ist – falls schlecht gelüftet – von tödlichem Gas erfüllt, was einen Futtertank zur ungewöhnlichen, schwer zu handhabenden aber zuverlässigen Mordwaffe aufwertet.

Da wir es hier mit einem Roman von Ronald Knox zu tun haben, sollte sich der Leser jedoch noch weniger auf den Schein der Dinge verlassen als sonst im Krimi-Genre. Zudem gibt sich der Verfasser keineswegs mit der Lösung des Rätsels zufrieden, wie ein ausgewachsener Mann in besagten Silo gelockt oder gehievt werden konnte. Auf dem Gelände des Gutes Lastbury Hall verteilt der Verfasser seltsame Indizien – einen Papierhut, einen Zigarrenstummel –, die wenig später nicht einfach verschwinden, sondern sich verwandeln. Ein Thermometer wird manipuliert, eine Mistgabel wechselt geisterhaft ihren Platz.

„Selbstmord ist ein schwieriger Fall. Man hat keine persönlichen Erfahrungen“

Der Tod ist im klassischen Kriminalroman keine Tragödie, sondern notwendiger Auslöser für ein Geschehen, das der Auflösung eines Rätsels gewidmet ist. Der arme Worsley bietet auf seinem Totenlager daher einen tragischen aber keinen schrecklichen Anblick. Wichtiger sind der geöffnete Kragenknopf seines Hemdes und die Pfeife des Gastgebers, die neben der Leiche entdeckt wird. Sie veranschaulichen die grundsätzlich limitierten Erklärungen für Worsleys Ende: Unfall – Selbstmord – Mord.

Der Leser geht natürlich von Mord aus, was Knox verpflichtet, die beiden Alternativen umso deutlicher als Möglichkeiten herauszustellen. Bevor der Verfasser sich im letzten Drittel entscheidet, hat er Klärungsgleichstand geschaffen. Der Leser ist wie geplant unsicher geworden und umso gespannter, wie Knox das Dunkel lichten wird.

Wer die beiden ersten Fälle von Miles Bredon kennt, wird nicht nur damit rechnen, sondern auch erwarten, mit einer gänzlich unerwarteten Auflösung konfrontiert zu werden. Wer hätte indes gedacht, dass sich Knox dieses Mal selbst übertreffen wird? Ein genialer Mord muss nicht perfekt sein: Was zum Treibriemen des Rätselkrimis geworden ist, wird hier völlig logisch auf die Spitze getrieben.

„Und es war klar, dass in einem Haus, wo man Cocktails trank und das Frühstück im Bett einnahm, schmutzige Intrigen gespielt wurden.“

Eine weitere Binsenweisheit, die den Erfolg eines „Whodunit“ ausmacht, ist die erfolgreiche Verschleierung des Täters. Er (oder sie) wird in der Regel in einer ganzen Gruppe Tatverdächtiger versteckt. Dies ist nicht nur effizient, sondern ergibt sich auch aus der Handlung.

Knox hält sich an das bewährte Schema. Allerdings charakterisiert er die Gesellschaft in Lastbury Hall ungleich schärfer als früher. Zwischen „Fußspuren an der Schleuse“ und „Der Tote im Silo“ liegen fünf reale Jahre, in denen ein rauer Wind durch Europa zu wehen begonnen hatte. In Deutschland standen die Nazis noch in den Startlöchern. Knox richtete seinen besorgten Blick deshalb weiter nach Osten. In der Sowjetunion hatte der stalinistische Terror begonnen, der den ohnehin konservativen Knox in seiner Meinung bestärkte, dass sozialistische Umtriebe, wie es sie auch in England gab, scharf beobachtet, verurteilt und beendet gehörten. Entsprechende Passagen bilden wenige aber schrille Misstöne in einem ansonsten vergnüglich realitätsfernen Kriminalroman.

Auffällig ist zweitens eine Dualität der Gesellschaft, die sich laut Knox in sachlich-konzentrierte, werteorientierte ‚vernünftige‘ Vertreter der älteren Generationen und eine schnell abgelenkte, richtungslose, auf simple Außenreize dressierte Jugend differenziert. Diese Wertung ging den ersten beiden Bredon-Krimis ab – und genau dies gewährleistet ihnen eine Zeitlosigkeit, die „Der Tote im Silo“ in dieser Ausschließlichkeit nicht für sich beanspruchen kann.

„Eine vernünftige Frau fährt ihren Mann in einem Sack verpackt durchs Land“

Glücklicherweise lässt Knox den Ernst nicht die Oberhand gewinnen. Schließlich ist sein Roman „Ironica gewidmet“, einer Muse, die zumindest in der antiken Mythologie nicht existiert. Besonders in der Beschreibung des einfachen Landvolks schwingt sich Knox in unerhörte Höhen knochentrockenen, nie verletzenden Humors auf (die der Übersetzer mit gebührender Sorgfalt und lobenswertem Geschick ins Deutsche rettet).

Erneut ordnet Knox – in diesem Punkt alles andere als konservativ – die weiblichen Figuren nicht einem ‚schwachen Geschlecht‘ zu. Wie üblich ermittelt Angela Bredon im Team mit ihrem Gatten und Inspektor Leyland. Phyllis Morel betreibt eine Werkstatt und ist eine versierte Rennfahrerin, die auf den väterlichen Rat eines Richters, es auf der Straße doch etwas langsamer angehen zu lassen, mit offener Verachtung reagiert.

Miles Bredon selbst ist in seinem dritten Abenteuer als Figur ausgereift. Er hadert mit einem Schicksal, das ihn zu einer Arbeit als „Spion“ verurteilt, ist penibel bis zum Exzess, wenn er einen Tatort untersucht, und seine Auflösung erfolgt zuverlässig, kurz nachdem er zur Klärung seines Hirns eine Patience gelegt hat. Knox zeigt Bredon primär bei der Detektivarbeit – eine kluge Entscheidung bzw. eine von vielen klugen Entscheidungen, die eine Jagd nach diesem hierzulande längst vergriffenen aber antiquarisch recht gut greifbaren, großartigen Werk zum lohnenden Projekt machen.

Anmerkung: Die Kapitelüberschriften wurden dem Buchtext entnommen.

Autor

Ronald Arbuthnott Knox wurde als vierter Sohn des späteren Bischofs von Manchester und seiner Gattin Ellen Penelope French 1888 in Knibworth, Leicestershire, geboren. Schon im Jahre 1900 sehen wir den jungen Ronald in Eton. Er wurde Mitherausgeber des College-Magazins „The Outsider“ und schrieb noch als Schüler sein erstes Buch: „Signa Severa“ (1906), eine Sammlung englischer, griechischer und lateinischer Verse. Mit dem akademischen Grad eines Baccalaureus Artium in klassischer Literatur und Philosophie verließ er 1910 Balliol College, Oxford, und wurde Lehrer am Trinity College. 1911 wurde Knox zum Diakon der Anglikanischen Kirche geweiht, ein Jahr später zum Priester. Während des I. Weltkriegs lehrte Knox an der Shrewsbury School und arbeitete für den militärischen Geheimdienst.

Zum Schrecken seines Vaters konvertierte Knox 1917 zum Katholizismus. Er wurde 1918 katholischer Priester und ging 1919 ans St. Edmund’s College, Hertfordshire. Von 1926 bis 1939 war er Kaplan an der Oxford University. Dann zog er nach Shropshire, um mit dem Werk seines Lebens zu beginnen: Knox übersetzte im Auftrag der Bischöfe von England und Wales die lateinische Bibel neu ins Englische. Diese gewaltige Aufgabe beschäftigte ihn bis 1955.

Der Krimi-Freund Ronald Knox tat sich erstmals 1912 durch einen quasi-seriösen, satirischen Artikel mit dem Titel „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ hervor, der von der Prämisse ausgeht, der Meisterdetektiv sei eine reale Figur der Zeitgeschichte. Knox‘ Artikel wurde positiv aufgenommen; einer der amüsierten Leser war Arthur Conan Doyle selbst. Später trat Knox dem „Detection Club“ bei.

Seit 1925 schrieb er selbst Romane. Sein Erstling war „The Viaduct Murder“ (1925, dt. „Der Tote am Viadukt“). 1927 gab Versicherungsermittler Miles Bredon in „The Three Taps“ (dt. „Die drei Gashähne“) sein Debüt .Nur sechs Romane umfasst Knox‘ kriminalistisches Werk. (Es heißt, Knox habe seine Krimis zwischen der Acht-Uhr-Messe und dem Lunch verfasst.) Angeblich habe sein Bischof ihm ans Herz gelegt, sich auf theologische Themen zu beschränken. Wahrscheinlicher ist, dass Knox spätestens seit den 1930er Jahren keine Zeit mehr für seine Kriminalschriftstellerei aufbringen konnte.

Neben der Ausübung seiner Ämter beschäftigte Knox sich mit grundsätzlichen theoretischen Fragen des Glaubens. Er galt als eine der wichtigsten katholischen Stimmen in England und verfasste viele theologische Bücher und Schriften zu diversen Themen, die von einer eher konservativen Haltung zeugen. Im Alter zog Knox nach Mells, Somerset, wo er am 24. August 1957 starb.

Website 1
Website 2

Miles-Bredon-Serie:

(1927) Die drei Gashähne (The Three Taps)
(1928) Fußspuren an der Schleuse (The Footsteps at the Lock)
(1933) Der Tote im Silo (The Body in the Silo/US Title: Settled Out of Court)
(1934) Still Dead (kein dt. Titel)
(1937) Double Cross Purposes (kein dt. Titel)

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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Der Mord am Viadukt

Fußspuren an der Schleuse

Die drei Gashähne

Die letzte Fahrt des Admirals

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