Der Tote im Tower

John Dickson Carr
Der Tote im Tower
(Dr.-Gideon-Fell-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The Mad Hatter Mystery (New York : Harper & Brothers)
Übersetzung: Marianne Bechhaus Gerst u. Thomas Gerst
Deutsche Erstausgabe: 1988 (DuMont Buchverlag/DuMonts Kriminalbibliothek 1014)
285 S.
ISBN-13: 978-3-7701-2070 3
Neuauflage: Juni 2003 (DuMont Buchverlag/DuMonts Kriminalbibliothek 1014)
285 S.
ISBN-13: 978-3-8321-2070-2

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Das geschieht:

In den Märztagen der noch jungen 1930er Jahre treibt in London der „Verrückte Hutmacher“ sein Unwesen: ein seltsamer Dieb, der Polizeihelme, Zylinder und andere Kopfbedeckungen an sich nimmt, um sie an möglichst auffälliger Stelle auszustellen. Da primär Respektspersonen attackiert werden, ist das Interesse der Medien groß. Vor allem für den jungen Reporter Philip Driscoll wird die Jagd auf den Hutmacher zum persönlichen Anliegen. Er will Karriere machen in seinem Job, denn Ansehen und Verdienst sind ihm wichtig, um endlich vor seinem Onkel Sir William Bitton, dem reichen Ex-Politiker und Sammler seltener Bücher, bestehen zu können.

Der liebt seinen Neffen eigentlich wie einen Sohn, hat ihn das aber als echter Mann nie spüren lassen. Nun ist es zu spät, denn Philip ist tot: Man findet ihn unterhalb von Traitor’s Gate im Tower von London, der alten Festung an der Themse. Er trägt Golfkleidung, auf dem Kopf einen Zylinder Sir Williams, und ein Armbrustpfeil ragt aus seiner Brust.

Chief Inspector Hadley erkennt, dass die fantasiearme Polizei hier Unterstützung benötigt. Er ruft seinen alten Freund Dr. Gideon Fell zu Hilfe. Der Gelehrte und Amateurdetektiv ist interessiert, gibt sich aber ungewöhnlich abgelenkt, als im Tower die Ermittlungen beginnen. General Mason, der Festungskommandant, ist wenig erbaut von der unerfreulichen Publicity. Die Familie Bitton verbirgt etwas, so viel wird bald klar, und Discoll ist zu seinem Pech dahintergekommen. Nun bekommt es der Mörder mit dem ungleich gewitzteren Dr. Fell zu tun. Das lässt ihn nervös werden, und nervöse Mörder pflegen wieder zu töten …

Seltsame Morde an unheimlichen Orten

Der Tower von London bildet die wuchtige Kulisse dieses lupenrein klassischen Rätsel-Krimis. Die alte Festung, die sowohl Palast als auch Gefängnis für Hochverräter war und als Aufenthaltsort der Kronjuwelen im Mittelpunkt vieler Filmthriller stand, ist der ideale Ort für einen typischen John-Dickson-Carr-Krimi. Vergangenheit und Gegenwart gehen ineinander über, und das Unheimliche zeigt sich in perfekter Synthese mit dem Realistischen.

Mit ungebremstem Spieltrieb wirft sich der Verfasser auf seine Geschichte. Keinen Augenblick verschwendet er auf die Frage, wie realistisch das Geschehen sich darstellt. Der Mord an einem allzu neugierigen Journalisten wird ungemein altmodisch mit einem Armbrustpfeil verübt, der aber nicht abgeschossen, sondern wie ein Dolch eingesetzt wird – und sich dann als schnödes Reiseandenken entpuppt.

Falsche Fährten, der Verdacht übernatürlicher und auch sonst logisch nicht nachvollziehbare Ereignisse – welcher Verbrecher würde so verschroben agieren wie der „Hutmacher“? –, skurrile Verdächtige, die ins skizzierte Ambiente passen, als Dreh- und Angelpunkt des Dramas ein verschollenes Manuskript vom Großmeister des Grauens Edgar Allan Poe himself: Was partout nicht zusammenzugehören scheint, fügt sich zu einem wendungsreichen, mit Überraschungen (und schwarzem Humor) niemals geizenden Spektakel und mündet ohne Längen in einem Finale, das Gideon Fell wieder einmal als Hüter des Rationalen zeigt.

Dicker Mann mit scharfem Verstand

Wobei Dr. Fell hart an der Fähigkeit arbeitet, seine Mitmenschen durch seine Impertinenz zur Weißglut zu bringen. Während Inspector Hadley sich auf die Ermittlungen stürzt, scheint Fell durch geistige Abwesenheit zu glänzen. Statt sich einzumischen und kluge Fragen zu stellen, spielt er lieber mit dem Festungshund, treibt sich an völlig unwichtigen Orten des Towers herum und stellt Fragen, welche die Befragten mindestens irritiert zurücklassen.

Dies ist natürlich reine Täuschung. Tatsächlich sieht Fell dort Licht, wo weniger Begabte im Schatten verharren müssen. Sein seltsames Gebaren verdeckt nur, dass er Indiz für Indiz zusammenträgt und zur Lösung fügt. Dabei unterlaufen ihm manchmal durchaus Irrtümer, von denen andere (und wir Leser) jedoch nur manchmal erfahren: Gideon Fell liebt es, sich in Andeutungen zu ergehen. Ansonsten hüllt er sich in Schweigen und rüstet sich für die große Schlussabrechnung.

Sie ist ihm offenkundig wichtiger als er zugeben mag, Fells Jagdtrieb ist stark und unbarmherzig. Wir hören hier auch von einem anderen, jüngeren Gideon Fell, der sich während des (Ersten) Weltkriegs in der Spionageabwehr betätigte und manchen Agenten an des Henkers Strick brachte. Das verursacht ihm keine Gewissensbisse, daraus macht er gar keinen Hehl, zumal es endlich Fells Fähigkeit erklärt, sich über alle Vorschriften hinwegzusetzen und trotzdem stets die Unterstützung der Behörden zu erfahren: Er hat die richtigen Beziehungen und sich keineswegs in den Ruhestand zurückgezogen.

Die üblichen interessanten Verdächtigen

Die Kärrnerarbeit bleibt den Gefährten. Das ist auch besser so, weil Fell nicht gut zu Fuß ist. Hier haben wir den erprobten und viel geprüften Hadley, der die nüchterne Polizeiarbeit erledigt und sich dabei wacker schlägt. Tad Rampole, den jungen Helden, haben wir in „Tod im Hexenwinkel“ (DuMont Kriminal-Bibliothek Nr. 1002) bereits kennengelernt. Acht Monate, nachdem ihm ein Kriminalfall in Chatterham – einem pittoresken Flecken in der Grafschaft Lincolnshire – eine neue Heimat und eine Gattin bescherten, will der Amerikaner eigentlich nur London besuchen. Er kommt gerade richtig, denn die Jagd auf den „Hutmacher“ erfordert einen Zeugen und Chronisten, der Fells Ermittlungsarbeit im Detail festhält.

Begleitet wird unser Trio von der üblichen Galerie extravaganter britischer Urgewächse, die wir Leser so lieben, wenn sie uns ein wirklich guter Schriftsteller nahebringt. General Mason ist ein Bilderbuch-Offizier: knorrig, aber mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Carr schildert ihn mit jener milden Ironie, von der keine Figur – die knallharte Privatdetektivin, der entsagungsvolle Butler, die hirnsausige Lebedame, der weltfremde Bücherwurm usw. – verschont bleibt. Der Plot und der Spaß daran stehen wie gesagt im Vordergrund. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Carr jedes Mittel ein, und im literarischen Rahmen des klassischen „Whodunit“ trägt er zum Wohle der großartig unterhaltenen Leserschaft einen glänzenden Sieg davon.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so perfekte ‚englische‘ Kriminalromane schrieb, war ein Amerikaner, geboren in Pennsylvania. Europa hatte es ihm jedoch sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination galt alten Städten, verfallenen Schlössern und verwunschenen Plätzen. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Ländern wie Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Herausgeber Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur DuMont-Ausgabe des Carr-Romans „Die schottische Selbstmordserie“ darauf hin, dass die in den folgenden Jahren entstehenden Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat entdecken musste, wobei ihm Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr etwa 90 Romane. (Übrigens nicht nur Thriller: Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet.) Der erlesene „Detection Club“ in London nahm ihn gern auf, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus – die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei auf diese verwiesen, die Ihrem Rezensenten besonders gut gefallen hat.

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Die schottische Selbstmordserie

Vitriol und Belladonna

Der vergoldete Uhrzeiger

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