Der Totenvogel

Nicholas Blake
Der Totenvogel

Originaltitel: The Deadly Joker (London : Collins 1963)
Deutsche Erstausgabe: 1966 (Scherz Verlag/Die Schwarzen Kriminalromane 259)
Übersetzung: Maria Meinert
184 S.
[keine ISBN]

blake-totenvogel-cover-1966Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de (Autorenname „Blake“ eingeben)


Das geschieht:

Netherplash Cantorum ist ein Dörfchen in der englischen Grafschaft Dorset. In dieser idyllischen Umgebung und unter redlichen Landleuten will das Ehepaar John und Jenny Waterson sich im Sommer 1959 niederlassen. Er ließ sich als Universitätsdozent frühpensionieren, sie ist nach einem Nervenzusammenbruch dauerhaft arbeitsunfähig.

Zwar werden die Watersons freundlich in Netherplash empfangen, doch die Stimmung im Dorf ist angespannt. Das in Jahrhunderten festgefügte Beziehungsnetz wurde zerstört, seit der reiche Fabrikant Ronald Paston als moderner Grundherr das Sagen im Dorf beansprucht. Als unübersehbares Zeichen seiner Macht hat er den Brüdern Alwyn und Egbert Card, letzte Überlebende des örtlichen Landadels, den hoch verschuldeten Familiensitz abgekauft. Dies hat ihm vor allem Alwyn nie verziehen, der hinter den Dorfkulissen gegen Paston und seine schöne aber exotische Gattin Vera stichelt.

Bald nach Ankunft der Watersons geht der Konflikt in eine neue, hässliche Phase. Paston wird durch ein gefälschtes Schreiben blamiert. Kurz darauf werden anonyme Schmähbriefe verschickt; auch Robert findet einen in der Post, der Jenny als Ehebrecherin bezichtigt. In Netherplash schlagen die Wogen hoch, der Dorffriede ist vergiftet. Oben auf allen Listen stehen der kauzige Alwyn und sein schürzenjagender Bruder sowie selbstverständlich Ronald und Vera Paston, die ‚Fremden‘.

Die Attacken des unsichtbaren Unruhestifters werden handfest und gefährlich. Eine (entschärfte) Handgranate fliegt durch ein Fenster der Dorfkneipe, Feuer wird gelegt, ein Hund erhängt, Die Polizei ist ratlos, sodass es eines Tages kommt, wie es kommen musste: Ein Mensch kommt auf grausame Weise um. Ausgerechnet John Waterson findet das einzige Indiz, das auf die Spur eines bizarren Komplotts führt …

Nichts ist giftiger als das Gerücht

Anonyme Nachreden stellen ein besonders heimtückisches Gift dar. Die Leidtragenden haben keine echte Chance sich zu wehren; die einzige Möglichkeit böte die Bloßstellung des Verursachers, doch dieser hält sich verständlicherweise bedeckt. So kreisen nicht nur die Gedanken der Beschuldigten, sondern auch die der (noch) nicht Betroffenen immer um das Gerücht. Ist nicht immer auch Feuer dort, wo es Rauch gibt? Wird es auch mich treffen?

Verständlicherweise gipfelt dieser Prozess, der sich ohne Nachlegen neuen Brennstoffes ausgezeichnet selbst nährt, in der Frage nach dem Täter oder der Täterin. Hier entwickelt das Gerücht seine besondere Macht: Schwelende Konflikte, Hörensagen und üble Nachreden werden zu einer Schlinge verwoben, die sich stets gleich mehreren Mitmenschen um die Hälse legt. Sie sind unschuldig und geraten doch in einen Strudel, an dessen Rand der Gerüchteschmied sitzt und sich am verursachten Trubel und Leid weidet.

Nicholas Blake spielt diese Mechanismen ebenso exemplarisch wie kompromisslos und dabei spannend in „Der Totenvogel“, einem seiner späten Romane, durch. Die Kunstfertigkeit liegt nicht nur in dem Geschick, mit dem Blake eine Atmosphäre des Misstrauens und des gegenseitigen Verdachtes aufbaut. Ebenso bewundernswert ist die Disziplin, die er dabei an den Tag legt. Stück für Stück setzt er seine fein geschliffenen Puzzlesteinchen nicht zusammen, sondern schichtet sie übereinander; behutsam, sorgsam austariert, immer weiter in die Höhe wachsend, bis sie einen Turm bilden, den der Verfasser im Finale wirkungsstark zum Einsturz bringt.

Das Böse wuchert im Schönen

Liebhaber des Kuschel-Krimis seien gewarnt: „Der Totenvogel“ ruft in einer Kulisse, die Blake mit im Nachhinein boshaftem Vorsatz trügerisch idyllisch gestaltet. Schon der Name des Dörfleins, in die es das Ehepaar Waterson verschlägt, treibt dies auf die Spitze: Netherplash Cantorum wird zur musterhaften Landgemeinde, wie wir sie aus jenen Kriminalromanen einschlägig bekannter Schriftsteller/innen kennen, die gern ‚klassisch‘ genannt werden.

Zwar verneinten auch die Agatha Christies des Genres nur selten die unerfreulichen Seiten des Landlebens. Selten gingen sie aber so weit wie Blake, der die Gemeinschaft von Netherplash geradezu seziert und dabei bloßlegt, dass von einer ‚Gemeinschaft‘ nur bedingt die Rede sein kann. Ausdrücklich datiert Blake seine Geschichte in das Jahr 1959. Mit quasi dokumentarischer Präzision – für die er klug die Hauptfigur, einen Oxford-Dozenten, verantwortlich zeichnen lässt – stellt er seinen Lesern außerdem den Schauplatz und jene Bewohner vor, die in der sich anschließenden Handlung von Relevanz sein werden. Die Schattenseiten von Netherplash wurzeln dabei in der Gegenwart, die im „Cozy“ gern ausgeklammert bzw. für den Niedergang bewährter Regeln und Verhaltensweisen verantwortlich gemacht wird.

Ein Dorf schmort im eigenen Saft

Schon bevor Ronald Paston begann, sich als Herr von Nethersplash aufzuspielen, hatte die Gemeinde genug mit ihren eigenen schwarzen Schafen zu tun. Keineswegs jenen geistigen Adel, den man ihrem Stand nachsagt, legen die Brüder Alwyn und „Bertie“ Card an den Tag. Auch ihr Vater war ein unerfreulicher Zeitgenosse, und mit ihnen ist das alte Geschlecht nicht nur an sein Ende, sondern auch auf den Hund gekommen. Statt sie als eindimensionale Bösewichte darstellen, entwirft Blake das durchaus tragische Bild zweier Brüder, die in der kleinen Welt von Netherplash gefangen sind, die nicht mehr die ihre ist. Auch Ronald Paston, der neureiche und ehrgeizige aber gesellschaftlich unsichere und dadurch angreifbare ‚Fremde‘, ist bei Blake ein Mensch – kein sympathischer Mann aber jemand, dessen Schwächen verständlich werden.

Diese klare und ambivalente Figurenzeichnung ist keineswegs Selbstzweck, sondern wird von Blake in den Dienst der Krimi-Handlung gestellt: Sowohl die Cards als auch Paston sind ideale Kandidaten für den oder die Täter. Ähnliche Nebelkerzen zündet Blake um andere Figuren. Beispielsweise ist es möglich, dass Jenny Waterson in einem neuerlichen Anfall geistiger Umnachtung die anonymen Briefe verschickt hat; sie hat so während ihres Nervenleidens gehandelt. Das Wissen um diese Vorgeschichte belastet auch John Waterson, der diese Episode vor seinen neuen Freunden in Netherplash gern geheim halten würde.

Ohnehin ist Waterson kein objektiver Chronist. Seine zweite Ehe ist problematisch. Jenny ist nicht nur labil, sondern auch 25 Jahre jünger als John, was diesen in ständiger Unsicherheit schweben lässt. Dabei ist er es, der schließlich ein Stückchen vom rechten Pfad abkommt und sich den Reizen der schönen Vera Paston gegenüber aufgeschlossen zeigt.

Eine spannende aber hässliche Angelegenheit

Was Nicholas Blake gelingt, ist nicht weniger als die Verschmelzung des „Whodunit“ mit dem Psycho-Thriller. Schon seine frühen Kriminalromane, entstanden noch in der „Goldenen Ära“ des englischen Rätsel-Krimis, zeigten ein Gespür für die seelischen Ursachen, aus denen ein Verbrechen erwachsen kann. Diesen Aspekt hat Blake in den mehr als drei Jahrzehnten, die er Krimis schrieb, immer eindringlicher zu betonen verstanden.

Dabei hat er den ‚Fall‘, d. h. das kriminelle Element der Geschichte, keineswegs vernachlässigt. „Der Totenvogel“ ist als Rätsel-Krimi eine echte Herausforderung. Blake spielt fair. Prüft nach in Kenntnis der Auflösung den Text, findet man entsprechende Andeutungen. Das Geschick, mit dem Blake sein Krimi-Komplott entwirft, verwandelt dieses allerdings in ein Labyrinth. Der Leser überlässt schließlich dem Verfasser bereitwillig die Führung und bewundert anschließend das Geschick, mit dem er an der Nase herumgeführt wurde. Dies gleicht ein etwas melodramatisches Finale, mit dem Blake in einem letzten Hieb gegen die Konventionen den auch im Krimi-Genre oft besungenen „Sieg der Gerechtigkeit“ ad absurdum führt.

Noch das kleinste Fädchen hält der Autor fest in der Schreibhand. Selbst der (Original-) Titel ist doppeldeutig: Der „Joker“ ist im Spiel der Ersatz für eine beliebige Karte. Schon hier wird er als „wilde Karte“ bezeichnet, die sich dem strengen Regelwerk entzieht. Dies erinnert an die wilden, anarchistischen, verrückten Späße des mittelalterlichen Hofnarren, der hinter der Maske des Spaßvogels starre Gesellschaftsregeln in Frage stellen und dabei sehr drastisch werden durfte. Von „verrückt“ zu „gefährlich“ kann der Schritt kurz sein, wie Blake mit einem wahrlich tödlichen Joker unter Beweis stellt.

Autor

Nicholas Blake wurde als Cecil Day-Lewis am 27. April 1904 in dem westirischen Dorf Ballintubber als Sohn eines protestantischen Geistlichen geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter zogen Vater und Sohn nach London. Day-Lewis besuchte bis 1927 Wadham College in Oxford. Hier lernte er u. a. den Poeten W. H. Auden (1907-1973) kennen, mit dem er diverse Gedichtsammlung herausgab. Selbst veröffentlichte Day-Lewis schon 1925 einen ersten Band mit Gedichten.

1928 heiratete er und leitete in den nächsten Jahren drei Schulen. Um sein Einkommen aufzubessern, beschloss sich Day-Lewis wie viele andere britische Gelehrte als Verfasser von Kriminalromanen zu versuchen. 1935 erschien „The Proof“ (dt. „Was zu beweisen war“), ein klassischer „Whodunit“, der im dem Verfasser gut bekannten Schulmilieu spielte und bereits den typisch unkonventionellen Detektiv in den Mittelpunkt stellte, den der Verfasser Nigel Strangeways nannte und charakterlich an seinen verehrten Freund Auden anlehnte.

Auf seinen Ruf als ernsthafter Dichter bedacht, schrieb Day-Lewis Krimis vorsichtshalber unter dem Pseudonym „Nicholas Blake“. Schon bald sorgte Nicholas Blake für den Unterhalt des Ehepaares Day-Lewis. Noch 15 Fälle löste Nigel Strangeways in den nächsten drei Jahrzehnten. Der II. Weltkrieg unterbrach das beschauliche Schriftstellerleben. Day-Lewis wurde für das „Ministry of Information“ tätig. Nach dem Krieg wechselte er ins Verlagshaus Chatto & Windus; das hier Erlebte floss in den Roman „End of Chapter“ (1957; dt. „Schluss des Kapitels“) ein.

In dieser Zeit zerbrach seine Ehe, und 1951 heiratete Day-Lewis die Schauspielerin Jill Balcon; dieser Verbindung entsprang u. a. der Schauspieler Daniel Day-Lewis. 1951 wurde er zum „Oxford Professor of Poetry“ gewählt, 1968 übertrug man ihm das Amt des „Poet Laureate“ und ernannte ihn damit zum Dichter des britischen Königshofes. Diese ehrenvolle Stellung (sowie viele andere hohe Ämter) hatte er bis zu seinem Tod aufgrund einer Krebserkrankung am 22. Mai 1972 inne.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de (Autorenname „Blake“ eingeben)

Ein glühend Messer

Ende des Kapitels

Mord made in England

Seltsame Parallelen

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.