Der Triumph des Todes

H. Russell Wakefield
Der Triumph des Todes
und andere Gespenstergeschichten

Originalausgabe
Übersetzung: Jörg Krichbaum
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): 1975 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
253 S.
ISBN-10: 3-458-05824-9
Als Taschenbuch: 1986 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 1291 = Phantastische Bibliothek 181)
286 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37791-8

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Inhalt:

13 Erzählungen erinnern an das Werk eines heute vergessenen Autors, dem wir einige großartige Gruselgeschichten verdanken;

Der Tod einer Hummel (Death of a Bumble-Bee, 1967), S. 7-44: Eine untreue Ehefrau träumt von einer scharfen Bombe unter ihrem Haus, was ihr der schafsdumme Gatte und sein bester Freund zu aller Nachteil nicht glauben mögen.

Das siebzehnte Loch in Duncaster (The Seventeenth Hole at Duncaster, 1928), S. 45-62: Gar keine gute Idee ist es, einen Golfplatz ausgerechnet dort einzurichten, wo recht urzeitliche und ungesellige Kreaturen sich zu Hause fühlen.

Er kommt und gehet vorüber (He Cometh and He Passeth by, 1928), S. 63-99: Mr. Clinton, ein verderbter Unhold, hat sich dank schwarzmagischer Künste seine Feinde stets vom Leib halten können, bis einige Gentlemen sich zusammentun, ihm das schmutzige Handwerk zu legen.

Und er wird singen … (And He Shall Sing …, 1928), S. 100-118: Mancher Zeitgenosse begeht sogar einen Mord, um endlich berühmt zu sein, aber was geschieht, wenn das Opfer sich auch tot nicht beiseite drängen lässt?

Das Grab von Jasper Sarasen (The Sepulchre of Jasper Sarasen, 1953), S. 119-137: Ein seltsamer innerer Zwang drängt Sir Reginald zum Besuch einer besonders düsteren Ecke des städtischen Friedhofs, wo seine Lebenskraft einem im Leben wie im Tode höchst unerfreulichen Zeitgenossen zu neuen Schandtaten erweckt.

Der Triumph des Todes (The Triumph of Death, 1949), S. 138-159: Miss Prunella ist der letzte Abkömmling einer wahren Teufelsbrut, bis sich eines Tages erweist, dass kein Geist es in Sachen Schrecken mit dem Menschen aufnehmen kann.

Die Rote Villa (The Red Lodge, 1928), S. 160-177: In der kleinen Villa am Fluss geht es um, was der Hausherr gern verschweigt und so seinen Mietern aufregende Nächte beschert.

Der Steinhaufen (The Cairn, 1929), S. 178-192: Man steigt nicht auf den Gespensterhügel, wird der wagemutige Wandersmann gewarnt, der selbstverständlich nichts auf das Geschwätz tumber Dörfler gibt.

Schau doch nach oben! (Look up There!, 1929), S. 193-206: Bei Neureichs mischt sich im käuflich erworbenen Spukschloss um Mitternacht ein ganz besonderer Gast unter das feiernde Volk und beschert der Party ein abruptes Ende.

Blindekuh (Blind Man’s Buff, 1929), S. 207-212: „Von uns geht niemand nach Manor House, wenn es dunkel ist“, erklärt später ein Anwohner, was dem armen Mr. Cort leider unbekannt war.

Unsterblicher Vogel (Immortal Bird, 1961), S. 213-248: Ein kleiner Schubs zur rechten Zeit ebnet dem ehrgeizigen Wissenschaftler den Weg zur ersehnten Planstelle, doch der so rüde ausgeschaltete Vorgänger kehrt beschwingt aus dem Jenseits zurück, um sich zu rächen.

Die Schleife in der Raum-Zeit (A Kink in Space-Time, 1948), S. 249-259: Ein nervenkranker Tourist wirft ahnungslos einen Blick in die Zukunft, wobei ihm entgeht, dass sich der Zuschauer allmählich in den Hauptdarsteller verwandelt.

Mr. Ashs Studio (Mr. Ash’s Studio, 1932), S. 260-279: Er war kein Gentleman, der verblichene Mr. Ash, aber er verstand eine Menge von schwarzer Magie, sodass der Tod seinen Übeltaten nur bedingt ein Ende setzen kann.

Nachwort: Der Geisterzwang (von Rein A. Zondergeld), S. 280-286

Entschuldigung, aber es wird spannend …

So etwas gibt es vermutlich nur in Deutschland: Da veröffentlicht ein Verlag eine Sammlung klassischer Gespenstergeschichten – und entschuldigt sich in einem langen Epilog wortreich für deren mäßige Qualität! Freilich wird diese Kuriosum erklärlich, wenn man weiß, wer hier so streng in eigener Sache urteilt: Das Haus Suhrkamp hat sich seit jeher als Hort der reinen, allein dem Diktat des Intellektes, nicht aber dem dem schnöden Mammon unterworfenen Literatur betrachtet. Insofern ist die Existenz einer dem Übernatürlichen gewidmeten Buchreihe überraschend. Doch die Suhrkamps billigten diesem Genre einst durchaus eine Berechtigung zu, auch wenn wahre Phantastik in ihren Augen nur als seelenspieglerisch verschlüsselte, lateinamerikanisch-osteuropäisch-flämische Gleichnis-Prosa daherkommen konnte.

Wenn doch ein dem klassischen, eher kaltblütigen angelsächsischen Sprachraum entsprungener Grusel-Autor eines Blickes gewürdigt wurde, dann sicher nur, weil dieser den entfesselten Hokuspokus ebenfalls als Ausfluss eines durch gesellschaftliche Konventionen geknechteten und von unterdrückten Trieben zerrütteten Menschenhirns deutete und dadurch auf eine höhere, den Brot-und-Fernsehen-Niederungen übergeordnete Ebene des literarischen Seins erhob. Dem Grübeln und Barmen abholde, d. h. in fieser Fröhlichkeit spukende Gespenster brauchten sich daher bei Suhrkamps eigentlich gar nicht erst zu bewerben.

Gespenster von altem Schrot & Korn

H. R. Wakefield und seine recht proletarische Geisterbrut schlüpften freilich irgendwie durch die Maschen. Der Grund ist ein recht einfacher: Jawohl, Wakefield ist zwar kein guter Schriftsteller, aber wir nehmen ihn gnädig auf in unsere Runde, weil er a) doch immerhin selbst an übernatürliche Phänomene geglaubt hat, und b) offenbar ein psychisch zerrissener, zerquälter Zeitgenosse war, dem seine Spukgeschichten auch Ventil für die damit einher gehenden Schwierigkeiten waren. Also spricht der große Phantastik-Kenner Rein A. Zondergeld in seinem weiter oben bereits erwähnten Nachwort, das – blenden wir die herablassend-gönnerhaften Passagen aus – trotzdem viel Informatives und Kluges (in dieser Reihenfolge) zu Autor und Werk zu vermelden hat.

Wobei in den hier vorliegenden Geschichten interessanterweise stets ein Alter Ego des Verfassers den Kopf hinzuhalten scheint. Der typische Wakefield-‚Held‘ ist ein Mann in mittleren Jahren, meist unverheiratet und ohne Anhang, leidlich gut situiert, aber eigentlich unwichtig, unbemerkt in der Welt und erfüllt von einer unausgesprochenen aber nagenden Unzufriedenheit: „Seine Schwäche, das wußte er, war seine Neigung, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. Je mehr er von der Welt und ihren Bewohnern sah und las, weniger gelang es ihm, diese mit dem nötigen Respekt zu betrachten.“ (Mr. Ashs Studio, S. 265) Diese Gefühle stauen sich an, und eines Tages brechen sie sich Bahn; sie nehmen sehr hässlich Gestalt an und fallen über ihren Verursacher her.

Daher sollte man eine Geschichte wie „Das Grab von Jasper Sarasen“ sehr genau lesen: Wenn sich der Leser ärgert über den eigentümlich unpassenden Finalauftritt des zombiehaften Familienmörders in einer ansonsten atmosphärisch dichten, spannend unheimlichen Geschichte, so geschieht dies nicht, weil der böse Jasper ein neues Opfer sucht. Stattdessen wurde er durch die unterdrückten Begierden seines Besuchers aus dem Todesschlaf geweckt. Ähnlich ist es in „Tod einer Hummel“, in der ungelöste sexuelle Spannungen eine verderbenbringende Bombe (die Form spricht für sich) förmlich materialisieren lassen. Ebenso intensiv ist die Beschwörung des gar nicht so übernatürlichen Bösen ist „Der Triumph des Todes“, die Titelgeschichte dieser Sammlung, die es wirklich in sich hat. (Aber halt: Nicht ereifern; wir wurden ja belehrt, dass Wakefield nur ein minderer Buhmann ist …)

Geister sind vielseitig

Mit „Das siebzehnte Loch in Duncaster“ wildert Wakefield im Revier des sonst gern gescholtenen M. R. James, und er tut das gar nicht schlecht. Ein wenig zu dicht am Original hat er dagegen „Er kommet und gehet vorüber“ angelegt, das nur höflich als ‚Variation‘ des genialen „Casting the Runes“ bezeichnet werden kann. Gut gelungen ist die Figur des Hexenmeisters Clinton, die Wakefield nach Aleister Crowley, dem berühmt-berüchtigten „Magicker“, gestaltet hat. Auch damit wandelt er auf James‘ Spuren, der freilich seinem nachtragenden Zauberer Carswell elegantere Züge verliehen hat.

Wesentlich eindrucksvoller ist Wakefield „Der Steinhaufen“ geraten – und sei es nur, weil eine zünftige Gespenstergeschichte ohne psychologischen Unterton eben doch stets ihr Publikum findet, wenn sie nur richtig erzählt wird. Lügen straft Wakefield den strengen Zondergeld auch in „Die rote Villa“, angeblich basierend auf einer wahren Begebenheit, die dem Verfasser selbst zugestoßen ist; sollte dem wirklich so sein, ist dies keine Erfahrung, um die man ihn beneiden möchte, auch wenn dadurch eine großartige Spuk-Story inspiriert wurde!

„Blindekuh“ ist einfach genial – kurz, schnell und böse, höchst wirksam. „Die Schleife in der Raum-Zeit“ fußt auf dem kaum originellen, aber logisch umgesetzten Motiv des geisterhaften Doppelgängers. „Unsterblicher Vogel“ ist ebenfalls eindrucksvoll; die Geschichte einer übernatürlichen Rache, die sachte einsetzt, sich zügig steigert und konsequent aufgelöst wird, auch wenn der strenge Kritikus vermutlich bemängelt, dass Wakefield sich wieder einmal mit einem alten Trick über die Zeit rettet: Bevor das Gespenst persönlich auftritt und damit womöglich seine Wirkung einbüßt, tritt der allwissende Erzähler in den Hintergrund und kommt erst wieder zum Vorschein, wenn der Spuk buchstäblich vorbei ist und sein Opfer reglos auf dem Rücken liegt. In „Schau doch nach oben“ hat Wakefield in dieser Hinsicht tatsächlich überzogen, obwohl die Geschichte noch immer ihre Momente hat.

So bleibt abschließend festzustellen, dass „Der Triumph des Todes“ in Abwesenheit literaturüberkritischer Kerkermeister durchweg vergnügliche Lesestunden bietet. Die Zeit hat Wakefields Werk eindeutig freundlicher mitgespielt als seinen Kritikern. Angenehm altmodischer, nostalgischer Grusel kann heute trotz fehlender soziologischer Relevanz endlich ohne schlechtes Gewissen genossen werden – wenn es denn gelingt, noch ein Exemplar der hier hoffentlich dem Vergessen entrissenen Sammlung zu entdecken!

Autor

Herbert Russell Wakefield wurde am 9. Mai 1888 in Kent als Sohn eines Bischofs von Birmingham in das Leben eines typischen britischen Gentleman geboren. Er studierte Geschichte in Oxford, war dort als begeisterter Sportsmann bekannt und arbeitete nach seinem Abschluss als Privatsekretär für den Viscount Northcliffe. Dieses behagliche Dasein wurde rüde durch I. Weltkrieg unterbrochen, in den Wakefield als Ehrenmann ohne Zaudern einrückte. Er überlebte, aber spurlos gingen diese Jahre nicht an ihm vorüber: „Wenn sie meinen, dass ich nicht einsehe, warum man alles Schöne einem sogenannten Gott zuschreiben sollte, dann haben sie recht. Denn wem wollen sie dann die Verantwortung für die weniger erfreulichen Schauspiele wie Stierkämpfe oder Schlachtfelder zuschreiben?“, fasste er seine Erfahrungen in der Geschichte „Schau doch nach oben!“ zusammen.

Äußerlich recht ereignislose Jahre schlossen sich nach 1918 an. Wakefield wurde erst Sekretär seines Vaters und später Redakteur für einen Buchverlag. In den 1930er Jahren verlegte er sich gänzlich auf die Schriftstellerei. Wakefield war ein überaus fleißiger Autor, der zahlreiche Kurzgeschichten sowie einige Kriminalromane verfasste. Die Kritik (die ansonsten nicht nur in Deutschland recht lieblos mit ihm umsprang) klassifiziert ihn als letzten Vertreter der klassischen englischen (d. h. viktorianischen) Gespenstergeschichte à la M. R. James oder Algernon Blackwood. Daher wird tüchtig gestraft und gesühnt für allerlei Verfehlungen, derer sich entweder das Gespenst (noch zu Lebzeiten, falls kein gebürtiger Naturgeist oder Höllendämon) oder sein Opfer schuldig gemacht haben.

Dass den ruhig und gesetzt wirkenden Wakefield durchaus Dämonen umtrieben, lässt sich nicht nur seinem schriftstellerischen Werk entnehmen: Kurz vor seinem Tod im August 1964 vernichtete er, krebskrank und verbittert, weil ihn seine Leser vergessen hatten, systematisch sämtliche Briefe, Manuskripte und Fotos, die ihn abbildeten.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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