Der überflüssige Finger

Jacques Futrelle
Der überflüssige Finger
und andere große Fälle der Denkmaschine

Originaltitel: [Es gibt keine Originalsammlung, die ins Deutsche übersetzt wurde; die hier präsentierten Geschichten erschienen 1906 und 1907 im „Boston American“ bzw. in der Sonntagsbeilage „The Sunday Magazine“.]
Übersetzung: Nikolaus Stingl
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1987 (Verlag Affholderbach & Strohmann)
306 S.
ISBN-13: 978-3-922524-26-7

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Inhalt:

13 Kriminalfälle, zwischen 1906 und 1908 gelöst von Professor Van Dusen, der „Denkmaschine“:

Die silberne Box (The Leak/The Silver Box, 1907), S. 7-29: Ein Unsichtbarer spioniert die Geheimnisse eines Börsenhais aus. Van Dusen vermutet Köpfchen und Technik hinter diesem Rätsel.

Das Motorboot (The Motor Boat, 1906), S. 30-53: Ein toter Mann in Uniform braust am Steuer seines Boots in den Hafen von Boston. Nur van Dusen kann klären, was hinter diesem mysteriösen Auftritt steckt.

Der überflüssige Finger (The Superfluous Finger, 1906), S. 54-78: Warum lässt sich eine schöne Frau ihren völlig gesunden Finger amputieren? Dahinter verbirgt sich ein schlau eingefädeltes Verbrechen, ahnt van Dusen.

Der unterbrochene Funktelegraph (The Interrupted Wireless, 1907), S. 79-102: Auf hoher See stirbt der Funker mit einem Messer im Herzen. Van Dusen findet die Erklärung, ohne einen Schritt an Bord zu setzen.

Die drei Mäntel (The Three Overcoats, 1907), S. 103-118: Was sucht ein Einbrecher, der die übliche Beute verschmäht und stattdessen Mäntel aufschlitzt? Van Dusen fragt sich, was in diesen Mänteln steckte.

Das Rätsel des zerbrochenen Armreifs (The Problem of the Broken Bracelet, 1907), S. 119-144: Gleich mehrere Diebe raufen um ein scheinbar wertloses Schmuckstück; nur van Dusen entdeckt, das es buchstäblich etwas in sich hat.

Das Rätsel des Kreuzes (The Problem of the Cross Mark, 1907), S. 145-161: Van Dusen deckt eine groteske Schauspielerscharade als Bestandteil einer tückisch ausgetüftelten Erbschleicherei auf.

Das Rätsel der Ansichtskarten (The Problem of the Souvenir Cards, 1907, S. 162-178: Der Dieb stiehlt einen Diamanten und irritiert dessen Eigentümer durch unverständliche Kartenbotschaften, die für van Dusen nicht lange ein Geheimnis bleiben.

Das Rätsel des verschwindenden Mannes (The Problem of the Vanishing Man, 1907), S. 179-200: Ein Geschäftsmann betritt jeden Morgen sein Büro, um sich dort in Luft aufzulösen und feierabends wieder zu erscheinen; wie so etwas möglich ist, erklärt Professor van Dusen.

Das Rätsel des Taxis (The Problem of the Auto Cab, 1907), S. 200-216: Reporter Hatch wird in einen Juwelenraub verwickelt und ist froh, ein Vertrauter der „Denkmaschine“ zu sein.

Das Rätsel der versteckten Million (The Problem of the Hidden Million, 1907), S. 217-232: Auf dem Totenbett verkündet der boshafte Millionär, wie er seine Schätze vor den Erben versteckt hat, aber er hat die Rechnung ohne Professor van Dusen gemacht.

Das Roswell-Diadem (The Roswell Tiara, 1906), S. 232-253: Wohin ist das berühmte Schmuckstück verschwunden? Van Dusen löst den Fall buchstäblich im Schlaf.

Der verhexte Gong (The Haunted Bell, 1906), S. 254-306: Er dröhnt ohne geschlagen zu werden und kündigt den Tod seines Besitzers an; reiner Humbug, so Augustus van Dusen, der diesen Worten eine spektakuläre Beweisführung folgen lässt.

Der Detektiv als „Denkmaschine“

„In den Naturwissenschaften müssen wir exakt sein – und zwar nicht annähernd, sondern absolut. Wir müssen wissen …  Wissen ist Fortschritt, Wissen erlangen wir durch Beobachtung und Logik – unwiderlegliche Logik. Und die Logik sagt uns, dass zwei plus zwei vier ergibt, und zwar nicht nur manchmal, sondern immer.“ (S. 9)

Dies ist das Credo von Augustus S. F. X. van Dusen, der sich keinesfalls als Detektiv, sondern ausschließlich als Wissenschaftler versteht. Die oben zitierte Ansprache hält er kaum variiert jedem, den es mit einem „unmöglichen Fall“ oder einem „perfekten Verbrechen“ zu ihm treibt (was zwischen 1905 und 1912 immerhin 50mal geschah). Van Dusen ist der „armchair detective“ par excellence. Noch mehr als Sherlock Holmes beschränkt er sich auf die Ermittlung durch Nachdenken und wird zur kaum mehr körperlichen Geisteskraft, die sich furchteinflößend bemerkbar macht, wenn van Dusens gewaltige Stirn sich in unzählige Runzeln legt: Die „Denkmaschine“ läuft auf Hochtouren!

Für van Dusen gibt es keine Rätsel, sondern höchstens Fragen, auf die noch keine Antworten gefunden wurden. Er ist auch deshalb meist grämlich, weil er nicht versteht, wieso die Menschen um ihn herum dies einfach nicht begreifen. Immer wieder erläutert er sein Vorgehen, wenn er einen Kriminalfall gelöst hat. Es besteht darin, die vorhandenen Fakten zu sammeln, zu sichten und auszuwerten. Die Lösung ergibt sich dann automatisch.

Der beschränkte Rest der Welt

Freilich wird sich van Dusen wohl bis an sein Lebensende ärgern müssen. Die Welt, in der er lebt, ist nur zum Teil die seine. In seinem mit Riesenbibliothek und Labor ausgestattetem Domizil brödelt er eigen vor sich hin. Gäbe es nicht seinen Watson – hier in Gestalt des rasenden Reporters Hutchinson Hatch – würde er wohl gar nicht das Haus verlassen und Wissen allein um des Wissens willen anhäufen: „Ph. D., LL. D., F. R. S., M. D., M. D. S.“ lautet die Liste seiner akademischen Titel, die damit wohl sämtliche Bereiche der Naturwissenschaft abdecken. Hatch ist es, der ihn ins Freie lockt und sich praktisch betätigen lässt. Zwar lässt es sich van Dusen nie anmerken, aber geht man von der Bereitwilligkeit aus, mit der er sich stets von Hatch ‚verführen‘ lässt, hat die „Denkmaschine“ offensichtlich ihren Spaß an den sich daraus entwickelnden Abenteuern.

Frauen existieren für van Dusen selbstverständlich nur als wissenschaftlich definierte Wesen. Immerhin erkennt er: „Man kann nicht umhin, die Stärke von Frauen unter gewissen Umständen zu bewundern …“ (S. 65) In der Tat trifft die „Denkmaschine“ verblüffend oft auf Frauen, die kriminell, einfallsreich und skrupellos auftreten und sich zweifellos mit den männlichen Schurken messen können. Jacques Futrelle war in diesem Punkt – und nicht nur in diesem – wesentlich moderner als beispielsweise Arthur Conan Doyle, dessen Sherlock Holmes nur „die eine Frau“ (Irene Adler) als gleichwertige Gegnerin akzeptierte.

Wobei Sherlock Holmes hier mit Absicht genannt wird. Augustus van Dusen verdankt ihm viel; die „Denkmaschine“ ist in gewisser Hinsicht ein – durchaus ironisch – überhöhter Holmes. Wie Doyle spielt Futrelle mit offenen Karten. Auch der verzwickteste Fall wird im Finale aufgedröselt. Es gibt keine Tricks oder doppelte Böden und erst recht keine Zauberei. Van Dusen liegt richtig: Wer die Augen offen hält und seine Indizien korrekt deutet, wird obsiegen. Das ist für ihn so selbstverständlich, dass er den Applaus seiner verblüfften Zeitgenossen ablehnt: Er hat doch nur nach der eigenen Maxime gehandelt und konnte deshalb nicht irren! Aus diesem Grund kommt es durchaus vor, dass er einen Fall löst und der Täter unbekannt bleibt: Dessen Identität blieb für die Klärung nebensächlich und interessierte van Dusen deshalb nicht.

Hightech Anno 1900

Mit der Konstruktion seiner van-Dusen-Storys hat sich Jacques Futrelle große Mühe gegeben. Ihm fällt immer eine Ausgangssituation ein, die den Leser in den Bann zieht, wobei er oft auf eigene Spezialkenntnisse zurückgreift; er war u. a. Telegraphist und setzt diese zeitgenössische Technik gleich mehrfach in seinen Kriminalgeschichten ein. Mehr als einhundert Jahre später funktionieren manche Plots natürlich nicht mehr so gut wie einst. Der Nostalgiefaktor gleicht es aus, zumal Futrelle über einen feinen, trockenen Humor verfügt, der seinen Geschichten sehr gut bekommt. Damit einher geht ein Verzicht auf theatralische Gefühlsüberschwänge. Zwar fällt auch bei Futrelle manche feine Dame in Ohnmacht, wenn der Schreck sie überwältigt, doch nicht selten entpuppt sich das nachträglich als Trick einer gewieften Schurkin.

Während Jacques Futrelle im angelsächsischen Sprachraum längst für Augustus van Dusen als wichtiger und prägender Vertreter des frühen Kriminalromans gewürdigt wird, blieb er in Deutschland lange unbemerkt. Als der Durchbruch kam, erfolgte er erstaunlicherweise nicht im Buch, sondern im Radio. Zwischen 1978 und 1999 schrieb der Rundfunk-Journalist und Autor Michael Koser für den RIAS Berlin (ab 1993 DeutschlandRadio Berlin) insgesamt 79 Hörspiele um van Dusen und Hutchinson Hatch, die meist vom Verfasser neu erfunden wurden.

Im Druck ist hierzulande nur knapp die Hälfte der van Dusen-Storys erschienen. Das Fehlen einer ordentlichen Gesamtausgabe ist sowohl ein Manko für den Freund klassischer Krimi als auch ein Ärgernis, denn hier harrt ein Autor seiner endgültigen Entdeckung, der auch heute noch gut unterhalten könnte!

Autor

John Heath Futrell wurde 1875 in Pike County im US-Südstaat Georgia als Sohn eines Lehrers geboren. Er wuchs mit vielen Büchern auf, die seine Eltern ihn zu lesen ermunterten. Vielleicht wäre Futrell als Literat ins Berufsleben gestartet, doch seine finanzielle Situation zwang ihn zu einer ‚vernünftigen‘ Planung. Schon in seiner Schulzeit half er in einer Druckerei aus und absolvierte später eine Druckerlehre. Mit 18 Jahren ging Futrell zum „Atlanta Journal“, wo er u. a. die erste Sportseite aus der Taufe hob.

1895 heiratete Futrell Lillie May Peel; das Paar zog nach New York um, wo Jacques  als Telegraf für den „New York Herald“ tätig wurde. Ende des 19. Jahrhunderts verließ Futrell für einige Zeit die Zeitung und übernahm zwei Jahre in Virginia als Direktor ein Theater, dessen Stücke er nicht selten selbst schrieb, inszenierte und spielte.

Inzwischen gab er vor, französischer Herkunft zu sein und änderte seinen Namen in „Jacques Futrelle“. 1904 rief ihn William Randolph Hearst nach Cambridge, Massachusetts, wo er für dessen neue Zeitung, den „Boston American“, arbeitete. Hier erschienen auch die ersten Kurzgeschichten um Professor Augustus Van Dusen, die „Denkmaschine“. Sein Erfolg als Schriftsteller ermöglichte es Futrelle, sich ab 1906 als hauptberuflicher Schriftsteller zu etablieren; nunmehr blieb ihm auch die Zeit für das Verfassen von Romanen, deren erster noch in diesem Jahr veröffentlicht wurde.

Jacques Futrelle wurde auch auf der anderen Seite des Atlantiks populär. Im Frühjahr 1912 begab er sich mit seiner Gattin May auf eine Reise nach England, wo er Verleger traf, Geschichten verkaufte und mit Agenten Strategien besprach, auch auf dem europäischen Kontinent Fuß zu fassen. Die Verhandlungen waren ebenso hart wie erfolgreich, so dass die Futrelles beschlossen, sich für die Heimreise etwas zu gönnen: Sie buchten eine Passage auf dem größten und prächtigsten Passagierschiff ihrer Zeit, der brandneuen und unsinkbaren „Titanic“ …

Das Drama im Nordatlantik überlebte in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 nur May; ihr Ehemann hatte noch dafür gesorgt, dass sie einen Platz in einem der raren Rettungsboote bekam – sie überlebte ihn um 55 Jahre –, und war an Bord geblieben. Er versank mit der “Titanic” in den Fluten, seine Leiche wurde niemals gefunden. Am Grabstein von seiner Mutter wurde eine Gedenkplakette für Jacques Futrelle angebracht. Als Schöpfer der “Denkmaschine” ging er in die Geschichte des Kriminalromans ein. Hier gehört zu jenen frühen Vertretern, die das Genre formten und ihm entscheidende Impulse gaben.

(Über Jacques Futrelle informiert diese Website. Sehr informativ ist auch diese deutsche Site geraten, die sich außerdem mit der deutschen Hörspielserie um Van Dusen beschäftigt.)

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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