Der Untergang des Römischen Weltreichs

der-untergang-des-romischen-weltreichs1Peter Heather
Der Untergang des Römischen Weltreichs

The Fall of the Roman Empire, GB, 2005
Klett-Cotta, Stuttgart, 9/2007
HC mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Sachbuch, Geschichte
ISBN 9783608940824
Aus dem Englischen von Klaus Kochmann
Titelgestaltung von Klett-Cotta-Design unter Verwendung der Originalausgabe
16 Seiten mit farbigen Abbildungen aus verschiedenen Quellen
16 Karten von ML Design, London
Autorenfoto von Gail Sawyer

www.klett-cotta.de
www.kcl.ac.uk/schools/humanities/depts/history/about/staff/heather.html

Das Römische Reich (die legendäre Gründung Roms wird auf 753 v. Chr. datiert) bestand etwa vom 6. Jh. v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr. und wandelte sich im Laufe der Zeit von einem von Königen kontrollierten, expandierenden Reich zur Republik und schließlich zu einem Kaiserreich. Seine größte Ausdehnung hatte es unter Trajan im frühen 2. Jh. n. Chr. Warum dieses Großreich ab dem 4. Jh. zunehmend Probleme bekam und schließlich 476 mit der Absetzung des weströmischen Kaisers Romulus Augustulus durch den Germanen Odoaker sein Ende fand, beschäftigt die Historiker seit Generationen. Lange hielt sich die Meinung, dass die Römer degenerierten und einfach nicht mehr dem Ansturm der viel aggressiveren germanischen Volksstämme standhalten konnten. Politische und taktische Fehlentscheidungen, ein übergroßer, korrupter Beamtenapparat und zu hohe Steuern, eine mangelhafte Versorgung der Truppen und die Eingliederung von Fremdvölkern ins Heer wurden als Ursachen genannt.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde diese Theorie zunehmend infrage gestellt, da die Forschung neue Erkenntnisse gewinnen konnte, welche bislang in Fachkreisen, nicht jedoch unter Laien Verbreitung fanden. Wichtige Hinweise zur Neuinterpretation der Geschehnisse lieferten z. B. schriftliche Quellen, die nun unter völlig anderen Gesichtspunkten betrachtet wurden. Ging man zuvor von der Zuverlässigkeit der Angaben in zeitgenössischen Dokumenten – die zumeist von römischen Verfassern stammten – aus, so warf eine differenzierte, skeptischere Betrachtungsweise ein völlig neues Licht auf die Problematik: Natürlich waren die Schriftstücke aus römischer Sicht eingefärbt und betonten die Überlegenheit des eigenen Volkes, während andere Kulturen als primitiv und barbarisch abgewertet, Geschehnisse sogar verfälscht wiedergegeben wurden. Aus all dem entwickelte der aus Nordirland stammende Historiker Peter Heather, der sich nicht nur mit dem Römischen Reich sondern auch mit den Kulturen jener Völker befasste, die gegen das Imperium kämpften, von ihm unterworfen wurden oder sich ihm aus freien Stücken anschlossen, eine neue Deutung, die teilweise im Gegensatz zu den gängigen Erklärungen steht.

Zunächst beschreibt Peter Heather ausführlich die Gegebenheiten, als sich Rom auf dem Höhepunkt seiner Macht befand: Die Legionen waren bestens trainiert, optimal ausgerüstet und durch ein Elitedenken konditioniert, während es sich bei den so genannten Barbaren um untereinander zerstrittene Stämme handelte, die zwar manche Schlacht, nicht aber den Krieg für sich entscheiden konnten. Durch die Integration ins Römische Imperium wurde diesen Barbaren die Kultur der Eroberer vermittelt, so dass sich die Lebensbedingungen in jenen Regionen West- und Nordeuropas verbesserten, was zu einem Bevölkerungswachstum und der Entstehung einer einflussreichen Oberschicht nach römischem Vorbild führte. Neue Waffen und Strategien, die Kooperation mit anderen Stämmen und verschiedene Faktoren mehr ließen aus einem bislang unterschätzten Gegner eine Macht werden, mit der Rom nicht gerechnet hatte. Die von den Hunnen ausgelöste Völkerwanderung, die Gründung von autonomen germanischen Kolonien auf vormals römischem Gebiet (Spanien, Africa etc.) und weitere Probleme führten schließlich zu mehreren Konfliktherden auf eigenem Territorium und damit zu einer schweren Krise.

Nachweislich erlitt das Römische Reich keinen wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang – dieser Fakt wird auch durch die Blüte Ostroms gestützt, das unter den gleichen Voraussetzungen seine Souveränität erlangte und noch einige Jahrhunderte länger Bestand hatte -, doch kam es zu einer Verlagerung von einem zu mehreren Machtzentren, einer Umstrukturierung im Beamtenapparat sowie im Heerwesen, und die Fremdvölker schlossen in ihrer Entwicklung zu den Römern auf. Das Vordringen der Hunnen verzögerte die Übergriffe der Germanen, die in diesen Jahrzehnten erstarken konnten und nach dem Zerfall des Hunnenreichs die Römer überrannten. Peter Heather erläutert seine Theorien sehr sorgfältig, indem er Bezug auf die frühere Sichtweise nimmt und Vergleiche zulässt. Andere Historiker und zeitgenössische Quellen werden regelmäßig zitiert, um seine Sichtweise zu untermauern. Er beruft sich vor allem auf den aktuellen Stand der Kenntnisse und die neue Deutung von Zeitdokumenten.

Sein Buch ist verständlich und interessant geschrieben, was auch ein Verdienst von Übersetzer Klaus Kochmann (1943 – 2007: „Der Untergang des Römischen Weltreichs“ ist sein letztes Werk) ist. Er bemühte sich, den Originalton des Autors zu treffen, so dass sich die Schilderungen spannend lesen, für den Laien nachvollziehbar sind und dazu einladen, eine andere Sichtweise kennen zu lernen und eigene Spekulationen anzustellen. Trotzdem wendet sich der Titel hauptsächlich an Oberstufenschüler und Geschichtslehrer, an Studenten der Klassischen Altertumswissenschaften und an all jene, die sich aus beruflichen und privaten Gründen intensiver mit dem Thema befassen und seriöse Information wünschen, die über das Infotainment populärwissenschaftlicher Magazine und TV-Sendungen hinausgeht. Alles in allem ist „Der Untergang des Römischen Weltreichs“ ein sehr interessantes und gut lesbares Sachbuch, das viele Detailinformationen und schlüssige Theorien bietet. Abgerundet wird durch einen umfangreichen Anhang, der vor allem durch die Bibliographie besticht, die auf weiterführende Bücher hinweist. (IS)

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