Der Wahrsager und die Wahrheit

John Dickson Carr
Der Wahrsager und die Wahrheit

(Dr.-Gideon-Fell-Serie, Bd. 15)

Originaltitel: Till Death Do Us Part (London : Hamish Hamilton 1944/New York : Harper & Brothers 1944)
Übersetzung: Ilse Leisi-Gugler
Deutsche Erstausgabe: 1948 (Albert Müller Verlag/A. M.-Auswahl 74)
192 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1961 (Sigbert Mohn Verlag/SM Kriminalroman 51)
185 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Sommer in England, und Richard Markham ist verliebt: Im Dörflein Six Ashes freit er heftig um die schöne Lesley Grant. Zwar ist sie erst vor kurzer Zeit zugezogen und hält sich mit autobiografischen Auskünften zurück. Trotzdem hat der Autor erfolgreicher Theaterstücke seine alte Flamme Cynthia Drew zum wohligen Entsetzen der stark interessierten Bürgerschaft für Lesley verlassen.

Ebenfalls neu im Ort ist Sir Harvey Gilman, ein berühmter Gerichtsmediziner, der sich für den Sommer ein Landhaus gemietet hat. Als ein Wohltätigkeitsbasar geplant ist, lässt sich Sir Harvey nicht lumpen und tritt als Wahrsager auf. Zufällig gerät Lesley in sein Zelt. Was sie hört, verwirrt sie offenbar so stark, dass sie kurz darauf an der Schießbude ihr Gewehr versehendlich in die falsche Richtung abfeuert – und Sir Harvey trifft.

Der ist nur leicht verletzt und enthüllt dem schockierten Markham kurz darauf, dass dieser ‚Unfall‘ keiner war. Gilman hat in Lesley Grant eine Mörderin erkannt, die dem Gesetz bereits dreimal aus Mangel an Beweisen entwischen konnte. Sie pflegt mit Blausäure zu töten, und Richard soll jetzt ihr viertes Opfer werden.

Entsetzt winkt Markham ab, und am nächsten Morgen ist er es, der Sir Harvey in dessen von innen fest verriegelten Arbeitszimmer und auf die bekannte Weise vergiftet findet. Scotland Yard schickt Inspektor Hastings, aber Dorfarzt Middlesworth alarmiert den nicht weit entfernt sommerfrischenden Gideon Fell. Das unkonventionelle Ermittler-Genie sorgt umgehend für helle Aufregung: Der angebliche Sir Harvey Gideon ist ein Betrüger, seine Geschichte ein Märchen. Dennoch geht jetzt ein Mörder um, und Gideon Fell drohen die Verdächtigen nicht auszugehen …

Was du siehst, ist nicht, was wirklich gewesen ist

Mit dieser Überschrift lässt sich das Prinzip des „Whodunit“ gut definieren. Auch John Dickson Carr lässt sich scheinbar tief in die Karten schauen. Jedes Detail am Schauplatz eines Mordes, der im Grunde ein unmögliches locked room mystery ist, stellt er uns ausführlich vor. Gleichzeitig arbeitet Carr wie ein Bühnenmagier, der mit der einen Hand sein Publikum ablenkt, während er mit der anderen seine Wunder trickst.

Ohne der hier vorgestellten Geschichte ihre Spannung zu nehmen, möchte ich darauf hinweisen, dass dieses Mal die Chronologie zum entscheidenden Faktor wird. Ein kluger Kopf – hier der Buchautor in Vertretung des Mörders – kann die Reihenfolge sich schrittweise zum Gesamtgeschehen addierender Ereignisse so manipulieren, dass die Indizien sich in ihr Gegenteil verkehren.

Die logische Erklärung dieser Prozedur im klassischen grand finale wird zur Nagelprobe, ob der Verfasser das „Whodunit“-Handwerk besteht. Mysteriöse Vorfälle zu schildern ist einfach; sie in einen überzeugenden Tathergang zu integrieren, die eigentliche Herausforderung. Im Jahre 1944 hielt ein noch junger und gesunder John Dickson Carr die Fäden fest in der Schreiberhand. Geradezu vorsätzlich bürdet er sich immer neue Rätsel auf, bis eine den Gesetzen der Realität folgende Auflösung unmöglich zu werden scheint. Weit gefehlt: Carr weiß sehr gut, wie weit er gehen kann. Der Knoten wird im Finale keineswegs durchschlagen, sondern sorgfältig aufgedröselt. Schritt für Schritt erläutert Gideon Fell, auf welche Weise was wann geschehen ist.

Dass mancher Leser sich dabei enttäuscht oder gar gefoppt fühlt, liegt in der Natur des „Whodunit“: Das Rätsel ist interessanter als die Lösung. Dafür kann der redlich arbeitende Carr freilich nichts.

Krimi im zeitfreien Vakuum

„Der Wahrsager und die Wahrheit“ entstand 1944 als 15. Band der Gideon-Fell-Serie. Vom längst ausgebrochenen II. Weltkrieg lesen wir in dieser Geschichte jedoch kein Wort. Er wird ausgeblendet, denn die Realität ist kein Substrat, dass der „Whodunit“ ungefiltert verträgt. Kriegsgrauen und hochkomplizierte, primär der Unterhaltung verpflichtetes Verbrechen harmonisieren schlecht. Carr geht noch weiter: Er nennt gar keine Jahreszahl und ignoriert auch die Landkarte. Six Ashes mag ein Dorf im Südosten der britischen Hauptinsel sein, doch bleibt dies reine Annahme.

Ohnehin ist Six Ashes – schon der Name zeigt es – eine typische „Whodunit“-Schöpfung. Der Landhaus-Krimi liebt solche idyllischen, von verschrobenen Adeligen, dralldreisten Bauersfrauen, knorrigen Ex-Soldaten und anderen schrägen Gestalten bevölkerten Winkel. Für einen US-Amerikaner legt Carr ein bemerkenswertes Gespür für jene urbritische Szenerie an den Tag, der ‚einheimische‘ Autor/inn/en wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers oder Anthony Berkeley ihren Ruhm verdanken.

Carr fügt dem eine besondere Note hinzu. Seine Liebe zur Schauergeschichte schlägt sich beispielsweise in der Existenz eines „Galgenwegs“ nieder. Gern nutzt er Nacht und Wetter, um eine unheimliche Atmosphäre zu schaffen, in der Spuk förmlich in der Luft liegt, ohne dass es dazu kommt, denn Carr ist durchaus Purist: Wie Weltkriege haben auch Geister in einem Rätselkrimi nichts verloren!

Kontinuität in wichtigen Details

Gideon Fell ist nicht nur eine Figur, sondern auch eine Naturgewalt. Als solche muss er maßvoll eingesetzt werden. Die Hälfte dieser Geschichte ist bereits verstrichen, bevor er zum ersten Mal leibhaftig erscheint – eine Formulierung, die der barocken Fülle dieses feisten, keuchenden, schnaubenden aber höchst selten als sprichwörtlicher armchair detective auftretenden Unikums geschuldet ist. Zuvor wurde mehrfach ehrfurchtsvoll von Fell gesprochen und sein Kommen auf diese Weise subtil vorbereitet. Sein Auftritt ist spektakulär, sein Benehmen bizarr. Auch deshalb darf Fell nicht gar zu früh die Szene betreten. Er beherrscht sie, er reißt die Handlung an sich. Neben Fell kann sich keine Figur entfalten. Das Rätsel von Six Ashes wäre gar nicht entstanden, hätte er sich ihm eher widmen können.

Wie üblich hüllt sich Fell während seiner deduktiven Aktivitäten in geniales Schweigen, ohne dabei den Mund jemals wirklich zu halten. Er liebt sensationelle Ankündigungen, die er gern zur Hälfte in der Luft hängen lässt. Erklärungen beginnt Fell, um sofort einen Exkurs oder einen Rückblick einzuschieben. Erst im Finale bequemt er sich dazu, mit Details aufzuwarten. Dann ist er allerdings erst recht nicht mehr zu stoppen.

Die Selbstgefälligkeit ist keineswegs oberflächliches Element des Fellschen Charakters. Dieser Mann stellt sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen. Das Gesetz schließt Fell dabei ein. Nicht zum ersten Mal warnt er den Täter vor, macht ihm die Aussichtslosigkeit seiner Situation klar und gibt ihm die Möglichkeit zum Selbstmord: Fell ist Detektiv und Richter in einer Person. Mit der Unvereinbarkeit dieser Positionen hat er keine Schwierigkeiten. In dem weichen Mann steckt ein harter Kern.

Liebe mit Hindernissen

Fell ist eine Denkmaschine. Über sein Privatleben äußert er sich nicht, sein persönliches Gefühlsspektrum ist schmal. Das Herz seiner Leser kann er keinesfalls gewinnen: Einen Gideon Fell mag man bewundern und sich über ihn amüsieren, aber mögen wird man ihn nicht. Der Leser – und die Leserin – fordert jedoch (angeblich) Identifikationsfiguren. Carr führt deshalb Richard Markham und Lesley Grant ein. Als junges Liebespaar sind sie für diese Rolle prädestiniert.

Carr ist auf der Hut: Zwar wirkt die Liebe in seiner Schilderung reichlich schmalzig. Anders als (schrecklich) viele seiner schreibenden Nachfahren pfropft er die Love Story der Geschichte nicht auf, sondern integriert sie. Dabei geht er sehr geschickt vor: Diese Liebe steht plötzlich vor dem Hindernis, dass der Bräutigam damit rechnen muss, einen weiblichen Serienkiller zu ehelichen, was bei den Treffen des Paars für zusätzliche Spannungselemente sorgt. Als diese Unterstellung von Lesley genommen werden kann, macht sie sich umgehend anderweitig verdächtig.

Womit sie sich dem strengen aber nie unerbittlichen Diktat eines Verfassers unterwirft, der über den Krimi den Humor nie verliert. „Der Wahrsager und die Wahrheit“ mag in einem zeitlichen und örtlichen Vakuum spielen. Gerade das hat diesem Roman einen nostalgischen Goldschimmer beschert, der ihn weiterhin und erst recht lesenswert erhält – auch in Deutschland, wo sich der Leser mit einer hüftsteifen Übersetzung aus dem Jahre 1948 begnügen und zuvor auf die übliche Irrfahrt durch reale oder digitale Antiquariate begeben muss …

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbar ‚englische‘ Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Diese fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 ansässig blieb. Als Schriftsteller war er schnell erfolgreich. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm dank einer allzu ausgeprägten Liebe zu Alkohol und Tabak kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane. Seine Biografie des Sherlock Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen Detection Club zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die Mystery Writers of America Carr mit einem „Grand Master“ aus – die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese verwiesen, die diesem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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