Der Wahrsager

B. X. Sanborn
Der Wahrsager

Originaltitel: The Doom-Maker (New York : E. P. Dutton & Co. 1959)/The Blonde on Borrowed Time (New York : Zenith Books 1960)
Übersetzung: Paul Baudisch
Deutsche Erstveröffentlichung: 1962 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 113)
171 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Das Schicksal scheint es endlich gut mit John Perseus, einem aufstrebenden Maler, zu meinen. Gerade konnte er ein erstes Bild an ein bedeutendes Kunstmuseum verkaufen, was seinem Ruf ebenso zugutekommen wird wie seiner Geldbörse. Die Heirat mit der schönen Vivian MacDonald ist nur noch eine Frage der Zeit, der Umzug aus dem New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village in eine noblere Gegend absehbar.

Noch haust Perseus kostengünstig im behaglich verlotterten Haus von Miss Serana Soolie, die gern an Künstler vermietet. Allerdings war die Kellerwohnung gerade Schauplatz einer Tragödie: Tänzerin Fay Farrell hat sich mit Chloralhydrat vergiftet. Perseus hilft der aufgeregten Hauswirtin beim Sortieren des Nachlasses. Er stößt dabei auf die Adresse des mysteriösen Marcolf, den auch er kennengelernt hat.

Marcolf bezeichnet sich als Wahrsager, seine Prophezeiungen äußert er nach eigener Auskunft unentgeltlich sowie zum Wohle und zur Warnung betroffener Mitmenschen. Perseus hatte er im Vorjahr beruflichen Erfolg angekündigt. Vivian wurde von ihm gewarnt und konnte einen gefährlichen Autounfall vermeiden. Wie sich herausstellt, gehören noch andere Perseus-Bekannte zum Kreis der Marcolf-Jünger.

Als diese plötzlich diversen ‚Unfällen‘ zum Opfer zu fallen beginnen, wird Perseus misstrauisch. Wer ist dieser Marcolf, und was könnte er planen? Da polizeilich gegen den Wahrsager nichts vorliegt, beginnt der Künstler selbst zu ermitteln. Er stößt dabei auf die Spur einer raffiniert eingefädelten Intrige, stellt sich jedoch nicht sehr geschickt an. Auch ohne seherische Fähigkeiten werden einige unsympathische Zeitgenossen auf Perseus aufmerksam, die ihre einträglichen Machenschaften keinesfalls aufgedeckt sehen wollen …

Klasse kann & muss man suchen!

In der Regel sind es die klassischen Rätsel-Krimis, die im Strom der Zeit auch weit flussabwärts noch an der Oberfläche treiben. Sie bestechen durch die ‚mechanische‘ Struktur eines Plots, der auf ein Rätsel konzentriert ist. Darüber hinaus spielen sie in der „guten, alten“ Zeit und unterhalten durch zeitgenössische Drolligkeiten, die der Geschichte eine zusätzliche Patina verleihen.

Klassikerstatus dürfen daneben auch die „Hard-Boiled“-Krimis der 1930er und 1940er Jahre beanspruchen, die umgekehrt von den großen Filmen der „Schwarzen Serie“ profitierten: Krimi kann gesellschaftskritisch und trotzdem unterhaltsam sein, ohne dafür in seifenoperlichem Beiwerk ertränkt zu werden.

Natürlich behaupteten sich in beiden Genres primär die Autorinnen und Autoren mit den kräftigen Stimmen. In Deutschland traten eigene Vorlieben der Leserschaft hinzu. Sie verurteilte nicht wenige wunderbare Autoren zu einem Schattendasein, das sie objektiv nicht verdien(t)en. B. X. Sanborn alias William S. Ballinger gehört eindeutig in diese Kategorie.

Sagt der Wahrsager die ganze Wahrheit?

„Der Wahrsager“ wird nie die Bedingungen eines ‚richtigen‘ Klassikers erfüllen. Auch als „Pulp“-Perle kann dieser Roman nicht gelten, denn hier gibt es weder offene Gewalt noch wogende Busen oder spektakuläre Gefühlsaufwallungen. Sanborn erzählt stattdessen eine Kriminalgeschichte. Dies war sein selbst gewählter Job, und er produzierte rasch, was angesichts schmaler Gewinnmargen auch notwendig war: Der Zenith-Verlag verkaufte „Der Wahrsager“ als „The Blonde on Borrowed Time“ im März 1960 für 35 Cents, was auch inflationsbereinigt keine besonders hohe Summe ist.

Trotzdem gelang Sanborn ein Krimi, der sich viele Jahrzehnte später mit großem Vergnügen lesen lässt. Der Autor beschränkt sich auf das Wesentliche: einen Plot, der interessiert, für eine Geschichte, die linear aber wendungsreich und schnell auf ihren Höhepunkt zusteuert. Für jenen Ballast, der heutzutage Kriminalromane auf bis zu tausend Seiten anschwellen lässt, hatte Sanborn weder Sinn noch Zeit.

Siehe da: „Der Wahrsager“ funktioniert wunderbar ohne jede Zeilenschinderei. Langeweile stellt sich nicht ein, der Verfasser hat sein Publikum fest im Griff. Wie sich das Rätsel lösen wird, steht früh fest: Dass Marcolf kein echter Wahrsager ist, dürfte niemanden überraschen. Nichtsdestotrotz schürt Sanborn unsere Neugier. Was ist Marcolfs Trick? Wir wollen es wissen, und als auch unser Held endlich schlauer ist, wird es ebenso spannend zu verfolgen, wie er sich sehr diesseitigen Gangstermethoden ausgesetzt sieht.

Figuren mit Zügen

Der Detektiv ist dieses Mal ein Kunstmaler. Dies steht nicht im Widerspruch, denn John Perseus ist ein kreativer Geist, dessen Finger nicht nur einen Pinsel halten können: Bei Bedarf ballt er sie auch zur Faust, denn schließlich trägt er den Namen eines Helden der griechischen Mythologie. Perseus ist es zudem, den Sanborn die Handlung erzählen lässt. Seine Sprache ist nüchtern aber anschaulich, und gern verwendet er Vergleiche, die seinem künstlerischen Umfeld entspringen – einer jener kleinen aber feinen Tricks, mit denen Sanborn die Distanz zwischen Hauptfigur und Leser verkürzt.

Charakterlich bietet Perseus eine heute seltsam anmutende Mischung aus ‚modernem“ Laissez-Faire und zeitgenössischer Political Correctness. Zwar lebt er im und liebt das Viertel Greenwich Village, aber er hält Abstand zum locker-lebenslustigen Künstlervolk und widmet sich seiner Malerei. Perseus ist erfolgsorientiert – ein ‚typischer‘ Mann seiner Ära. Zwar ist er verlobt mit einer reichen Frau, will aber unbedingt den Durchbruch schaffen, um vor seiner Hochzeit finanziell auf eigenen Füßen zu stehen.

Mit einem Trick drückt sich Sanborn um das moralische ‚Problem‘, Perseus und Vivian als Paar in ‚wilder Ehe‘ zu präsentieren: Ihr bigotter Vater hat sie per Testamentsklausel zum braven Tochterleben verurteilt. Erst wenn Vivian ihren 25. Geburtstag feiert und bis dahin in keinen Skandal verwickelt war, kann sie ihr Erbe antreten. Also bleiben sie und John (zumindest auf dem Papier) keusch und ehrenhaft. Dies klingt inzwischen witzig, hat hier aber einen ernsthaften Hintergrund: Schon ein gestelltes ‚schmutziges‘ Foto und eine falsche Zeugenaussage reichen als Drohung aus, um Perseus und Vivian in die Schranken zu weisen, als sie zu neugierig werden und Gangstern auf die Füße treten.

Ende gut, Leser zufrieden

Vertrauensvoll bzw. voller Spannung erwartet der Leser, der sich vom Verfasser redlich behandelt weiß, die Auflösung. In der Tat gelingt es Sanborn, die zahlreichen losen Fäden nicht nur schlüssig, sondern auch rasch zum finalen Knoten zu schnüren. Ein wenig Lebensgefahr und Action gibt es auch, und selbstverständlich begeht Sanborn nicht den Fehler, Perseus plötzlich zur strafenden Kampfmaschine mutieren zu lassen.

Stattdessen fangen sich die Schurken in einem Netz schlampig verwischter oder übersehener, von John und Vivian sorgfältig gesammelter und aufgedröselter Indizien, die sich auch durch Waffengewalt nicht mehr aus der Welt schaffen lassen. Die Polizei muss nur noch kommen und aufräumen.

Am Ende ist vieles gut aber nicht alles happy – bis auf den Leser, der kaum glauben kann, dass es einst Kriminalautoren wie B. X. Sanborn gab, die ihre Geschichten so präzise und zügig auf den Punkt bringen konnten. Man muss deshalb kein Wahrsager sein, um voraussagen zu können, dass dieser Roman auch heute seine Leser begeistern wird – wenn sie ihn denn finden können!

Autor

B. X. Sanborn wurde als William Sanborn Ballinger 1912 in Oskaloosa im US-Staat Iowa geboren. Er studierte an der Universität von Wisconsin. Ab 1934 arbeitete er in der Werbung und schrieb dann für das Radio. In den 1950er Jahren zog Ballinger nach Südkalifornien, um Drehbücher für das Fernsehen zu verfassen. Bis in die 70er Jahre lieferte er die Vorlagen für ca. 150 TV-Shows, darunter bekannte Thriller-Serien wie „Cannon“, „Ironside“ („Der Chef“), „I Spy“ („Tennisschläger & Kanonen“), „Mickey Spillane’s Mike Hammer“ oder „M. Squad“ („Dezernat M“). 1960 zeichneten ihn die „Mystery Writers of America“ für seine Adaptation der Stanley Ellin-Story „The Day of the Bullet“ für „Alfred Hitchcock Presents“ mit einem „Edgar Allan Poe Award“ aus. Zwischen 1977 und 1979 unterrichtete Ballinger kreatives Schreiben an der California State University.

Bill S. Ballinger begann als Verfasser geradliniger Detektivgeschichten. Barr Breed, Held seines Debütromans „The Body in the Bed“ (1948) war der typische hartgesottene Schnüffler, die Geschichte eng an Dashiell Hammetts „Der Malteser Falke“ angelehnt. Aber Ballinger hatte Talent und entwickelte Ehrgeiz; seine Geschichten wurden innovativer und vielschichtiger, kratzten am Lack der scheinbar idealen US-Gesellschaft.

Schon 1950 gelang der Durchbruch mit „Portrait of a Smoke“, der sechs Jahre später als „Wicked as They Come“ (dt. „Keiner ging an ihr vorbei“) verfilmt wurde. Weitere Erfolge verzeichnete Ballinger mit „The Wife of the Red-Haired Man” (1957) oder „The Tooth and the Nail” (1955).

In den 1960er Jahren griff der Verfasser den aktuellen Trend zum Spionage-Thriller auf und schuf seinen eigenen James Bond: Joaquin Hawks vom CIA, den wir zuerst in „The Chinese Mask“ (1965) treffen. Lange Passagen dieses Romans spielen in China; Ballinger profitierte hier von seinen ausgedehnten Reisen durch den Fernen Osten. Das gilt auch für sein Drehbuch zum Actionfilm „Operation CIA“ (1965), in dem es einen noch sehr jugendlichen Burt Reynolds nach Saigon verschlägt.

In die Spätphase von Ballingers Karriere fallen der epische „The Corsican“ (1974), die mehrere Jahrzehnte umfassende Chronik einer Mafia-Familie, und die merkwürdige aber spannende Reinkarnationsfabel „49 Days of Death“ (1969), die auf dem tibetanischen „Buch der Toten“ basiert.

Bill S. Ballinger, der auch unter dem Namen Frederic Fryer schrieb, starb im Jahre 1980. Sein letztes Werk war eine Geschichte der kalifornischen „Federal Credit Union“, der er 1978/79 als Präsident vorstand.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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