Der Zauberer

John Dickson Carr
Der Zauberer

Originaltitel: Patrick Butler for the Defense (New York : Harper & Brothers 1956/London : Hamish Hamilton 1956)
Übersetzung: Hans M. Tilgen
Deutsche Erstausgabe: 1958 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 105)
192 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe [unter dem Titel „Der Tod eines Zauberers“]: 1976 (Xenos Verlag/Xenos- Kriminalroman 76A07)
159 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1977 (Scherz Verlag/Scherz-classic-Krimi 620)
143 Seiten
ISBN-13: 978-3-502-50620-1

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Das geschieht:

In der kleinen aber feinen Londoner Kanzlei „Prentiss, Prentiss & Vaughan“ führt Jung-Anwalt Hugh Prentiss unter der strengen Fuchtel seines stets unzufriedenen Onkels Charles ein ruhiges aber langweiliges Leben. Auch sein Privatleben scheint keine Überraschungen mehr zu bieten, seit sich Hugh mit der schönen und regelstrengen Helen Dean verlobt hat. Abwechslung bieten ihm nur seine geliebten Kriminalromane, sein Kollege und Jugendfreund James Vaughan und die Bekanntschaft mit Patrick Butler, der als Anwalt vor allem die eindeutig Schuldigen verteidigt, damit in der Regel erfolgreich ist und auch sonst keine Gelegenheit auslässt, Richter und Staatsanwälte vor die Köpfe zu stoßen.

Unverhofft wird Hugh in einen Mordfall verwickelt, als sich eines winterlichen Nachmittags ein exotischer Klient in seinem Büro vorstellt: Omar von Ispahan ist ein prominenter Zauberkünstler persischer Herkunft, der um juristischen Beistand bittet, da man ihn betrogen habe. Nur einen Moment lässt Hugh ihn allein, um James um Rat zu fragen. Als die beiden Anwälte nach dem Gast sehen, liegt dieser mit einem Dolch im Leib sterbend vor ihnen.

Nachdem James ihm klargemacht hat, dass er einen perfekten Hauptverdächtigen abgeben wird, beschließt Hugh, zunächst  Patrick Butler um Rat zu fragen. Doch auf dem Weg dorthin erregt er das Misstrauen der Polizei, die ihm von nun an auf den Fersen ist. Butler ist dies gerade recht, da er auch die Ordnungsmacht gern düpiert. Begleitet von der unkonventionellen Lady Pamela de Saxe und der besorgten Helen, beginnt für Butler und Prentiss eine an Missverständnissen und Zwischenfällen reiche Verfolgungsjagd, die dem armen Hugh das Abenteuer seines Lebens und die Erkenntnis beschert, dass die Imagination den Aufregungen der Realität nicht annähernd gewachsen ist …

Harte Zeiten für alte Meister

In den 1950er Jahren lief die Zeit der klassischen Rätselkrimis allmählich ab. Als Subgenre verschwand der „Whodunit“ bekanntlich nie, und Spitzen-Autor/innen wie Agatha Christie mussten um Prominenz und Verkaufszahlen nicht fürchten. Generell driftete der Rätselkrimi jedoch in eine Nische, wo sich der harte Kern jener sammelte, die es weiterhin vor allem liebten, quasi Seite an Seite mit dem Verfasser auf Verbrecherjagd zu gehen.

Wer sich nicht auf dieses Publikum konzentrieren wollte, versuchte den Anschluss an die Krimi-Gegenwart oder besser: an die Krimi-Mode zu finden. Damit war nicht unbedingt jener „Hardboiled“-Thriller gemeint, der in die Seelentiefen und Schattenseiten des menschlichen Wesens vordrang und dabei Hässliches zum Vorschein brachte sowie detailfreudig beschrieb. Solche Drastik war John Dickson Carrs Sache nicht, und er wäre ihrer wohl auch kaum fähig gewesen. Sein Metier war das Bizarre oder Geheimnisvolle, das Rätsel und seine möglichst überraschende Auflösung.

Leider sank nach dem Zweiten Weltkrieg und aufgrund seiner harten, bitteren Realitäten der Bedarf an scheinbar verfluchten Schlössern, die sich mit spinnwebgeschmückten Mordzimmern aus endlosen Nebelfeldern erhoben. Die Wirklichkeit rückte in den Vordergrund. Kriminalgeschichten spielten in modernen, nüchternen, sogar gut ausgeleuchteten Stadtkulissen. Zudem drängte die Frau, bisher entweder hübsches, hilfloses Opfer oder verschrobene Detektivin ohne ausgeprägte weibliche Züge, an die Seite des männlichen Helden. Aus heutiger Sicht wurden dabei Klischees vor allem modernisiert, ohne dabei veraltete Schablonen abzustreifen. Die ‚aktive Frau‘ hatte vorgeblich immer existiert. Nun gab sie sich aggressiver und eigenständiger, als sie tatsächlich war.

Krimi-Komödie der Irrungen und Wirrungen

Mit seinen weiblichen Figuren hatte Carr generell wenig Glück. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag er noch im Trend mit seinen nach außen hin unternehmungslustigen Frauen (bzw. „Mädchen“), die spätestens nach Klärung des Krimi-Rätsels vor der Vermählung standen. Ein Leben ohne Mr. Right war eine Grundsätzlichkeit, von der Carr nicht ablassen konnte oder wollte. Als er 1956 „Der Zauberer“ veröffentlichte, war solche Eindimensionalität keine Option mehr. Carr musste sich etwas einfallen lassen – keine leichte Aufgabe für einen Schriftsteller, der ohnehin auszubrennen und sich zu wiederholen begann.

In seinen späten Romanen begann Carr mit Form und Inhalt zu experimentieren. Meist entstanden dabei Werke, die heute erst recht veraltet und manchmal sogar peinlich wirken. Den Kern bildete weiterhin eine mysteriöse Straftat – gern das ‚unmögliche‘ Verbrechen im von innen verschlossenen Raum -, deren Auflösung der Autor bis zum Finale sowohl geschickt als auch (hoffentlich) spannend verschleppte. Doch der Weg dorthin beschrieb nicht mehr die reine Suche nach Motiv, Tathergang und Täter, sondern wurde zunehmend durch krimifremde Elemente begleitet bzw. verwässert.

Mit „Der Zauberer“ versuchte Carr sich an einer Kriminalkomödie, wobei ihm offensichtlich die „Screwball Comedy“ der 1930er Jahre vorschwebte: Trinkfeste Männer und Frauen liefern sich rasante Wortgefechte, während sie in absurde Situationen geraten. Humor mag keine Kunst sein, doch auf jeden Fall ist sie ein kompliziertes Handwerk. Carr hatte sich bisher darauf beschränkt, Detektive wie Dr. Gideon Fell, Sir Henry Merrivale und Henri Bencolin hart an der Grenze zur Karikatur agieren zu lassen: alternde und kugelbäuchige aber lebenslustige, kluge Exzentriker, die sich geschickt in ihrer Außenseiterposition eingerichtet hatten und aus dieser Position heraus das Establishment aushebeln konnten, ohne von ihm verstoßen zu werden.

Holterdiepolter & Hokuspokus

Mit Patrick Butler hatte Carr erstmals 1949 versucht,  seine Trias der unbeweglichen, in Stereotypen erstarrten, auf das Wort reduzierten „armchair detectives“ durch einen jüngeren, ungestümen und sogar kampfstarken Ermittler zu ergänzen. In „Das umgekehrte Kreuz“ musste dieser sich Auftritt und Ruhm noch mit Gideon Fell teilen. Der ist dieses Mal außer Landes, weshalb Butler den Fall des erstochenen Zauberers an sich reißt.

Bei der Ermittlung ist Carr die Bewegung wichtiger als die Handlungslogik und – ein Verstoß gegen eigene, vormals wunderbar beherrschte Konventionen – Krimi-Stimmung. Hektik und Chaos sollen Ersatz schaffen, sorgen jedoch eher für Verwirrung. Glücklicherweise blitzt zwischendurch immer wieder Carrs Meisterschaft – oder Routine – auf. So bereitet die Flucht der Helden aus einem dunklen, von der Polizei umstellten Theater echte Lesefreude.

Leider stellt Carr mit Hugh Prentiss einen überaus naiven ‚Helden‘ ins Zentrum, der vor allem damit beschäftigt ist, es seiner leicht beleidigten, stets in ‚kompromittierenden‘ Momenten auf der Bildfläche erscheinenden Verlobten recht zu machen oder die Zudringlichkeiten einer überspannten Adelstochter abzuwehren. Dies erinnert an jene unverwüstlichen Verwechslungs-Komödien, die (Boulevard-) Theater gern auf den Spielplan setzen, wenn sichere Einkünfte wichtiger als die Kunst sind. Folgerichtig ist Hugh ein Tropf mit gutem Herzen, der sich immer wieder von seinem Mephistopheles Patrick Butler aus der Patsche retten lassen muss. Der weiß, wie die Frauen ticken: „Wenn man haargenau errät, was im Kopfe einer Frau vor sich geht, wird sie noch zehnmal wilder, als sie zuvor war.“ (S. 50) Als Lebemann weiß Butler, wie man wilde Weiber zur Raison bringt; notfalls gibt er ihnen einen ordentlichen Klapps auf das Hinterteil. Ansonsten gilt: „Ich ziehe reife Frauen vor. Frauen werden erst nach fünfunddreißig klug, selbst wenn sie vorher akademische Würden errungen haben.“ (S. 105)

Fadenscheiniges & Übertünchtes

Ungeachtet des vordergründigen Getöses fallen dem Leser deutliche Plot-Schwächen auf. So ist es völlig unerheblich, dass ein persischer Bühnenmagier ermordet wird. Carr will nur Exotik für ein Verbrechen suggerieren, das sich letztlich als recht schnöde Übeltat entpuppt. Um Butler und seine Gefährten außer Gefecht zu setzen, denkt sich der Schurke einen lächerlich überkomplizierten Hinterhalt aus, in den sich die Opfer normalerweise höchstens zufällig verirrt hätten. Zeitweise gerät der Plot völlig außer Sicht. Carr treibt das Geschehen einfach mit episodischen Einschüben voran, die man problemlos überspringen kann.

Erst im Finale wird es wieder klassisch, obwohl die Auflösung enttäuschend banal wirken mag: Carr entscheidet dieses Mal, die faktisch einzige Möglichkeit zu wählen, ohne sich einen der wunderbar bizarren und komplexen Mordpläne auszudenken, für die er bekannt war.

Das alles macht aus „Der Zauberer“ keinen schlechten = nicht lesenswerten Roman. Es ist der Kontrast, der vor allem jene Leser enttäuscht, die Carr in seiner großen Zeit kennengelernt haben. Dem Versuch, sich ‚modern‘ zu geben, lag offenkundig kein echter Plan zu Grunde. Das Ergebnis vertreibt durchaus die Zeit. Im Gedächtnis wird sich „Der Zauberer“ mit seinen müden Tricks freilich nicht festsetzen können.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus; die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese verwiesen, die diesem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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Vitriol und Belladonna

Treffpunkt Tanger

Die Schädelburg

Die schottische Selbstmordserie

sfbentry

Comments

  1. Kurzkritik für Ungeduldige: Als ein Zauberkünstler in seinem Büro niedergestochen wird, gerät Anwalt Hugh Prentiss in Mordverdacht. In seiner Not bittet er den Strafverteidiger und selbsternannten Ermittler Patrick Butler um Hilfe, der im Wettlauf mit der Polizei eine abenteuerliche Intrige aufdecken muss … – Ungewöhnlich ‚actionreicher‘ Rätsel-Krimi, der unter einer aufgepfropften Lovestory sowie humorarmen Klamauk-Einlagen leidet, bevor der Verfasser im genreüblichen Finale sämtliche Rätsel eher routiniert als überraschend auflöst: zufriedenstellend.

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