Detektive in der Abtei

E. C. R. Lorac
Detektive in der Abtei

(Chefinspektor-Macdonald-Serie, Bd. 34)

Originaltitel: Policemen in the Precinct (London : Collins 1949)
Übersetzung: A. Coste
Deutsche Erstausgabe: 1955 (Humanitas Verlag; Blau/Gelb Kriminalromane 4)
203 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1963 (Signum Verlag/SM Kriminalroman 211)
185 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Paulborough ist eine Kleinstadt im Norden Mittelenglands. Nicht nur das Ortsbild, sondern auch Geschichte und Gesellschaft werden hier seit dem 12. Jahrhundert von der normannischen Abtei geprägt. Wer im Schatten der gewaltigen Mauern lebt, gehört zur Prominenz des Städtchens. Auch kurz nach dem II. Weltkrieg bilden sich diese ‚besseren‘ Leute viel auf ihren Status ein. Man besteht auf uralten, faktisch längst überholten Privilegien, Auswärtige werden geschnitten, und der Klatsch wuchert ebenso üppig wie die Scheinheiligkeit.

Eine Meisterin auf ihrem Gebiet war Lilian Mayden. Mit ‚anonymen‘ Briefen, deren Herkunft jede/r kannte, machte sie manchem Bürger das Leben sauer. Nun ist sie tot – gestorben an einem Herzschlag, obwohl der junge Dr. Lonsdale wohl keinen Totenschein ausgestellt hätte und dies auch nicht verschweigt. Dennoch freut auch er sich für Guy Mayden, der schrecklich unter seiner bösartigen Gattin gelitten und sie dennoch nie verlassen hat.

Mayden bittet eine alte Freundin, die Krankenschwester Gillian Arkholme, Lilians Nachlass zu ordnen. Als diese das Haus der Maydens betritt, findet sie dort die Leiche von Hausdame Emma Garstang, die sogar noch verhasster als ihre Herrin war. Da die alte Frau gerade die Polizei alarmiert und Lilians Tod als Mord hingestellt hatte, wird dieses Mal genau ermittelt. Die örtliche Polizei zieht Chefinspektor Macdonald vom „Criminal Investigation Department“ hinzu, der mit Sergeant Reeves anreist und schnell entdeckt, in welche Todesfallen die beiden Frauen getappt sind.

Die Schar der Verdächtigen ist groß. Angeführt wird sie von Guy Mayden, der nicht so treu war, wie er zu sein vorgab. Weitere Spuren führen in die Abtei, denn Lilian schreckte keineswegs davor zurück, auch dort nach Schmutz zu wühlen. Sie hatte ihn gefunden – und sich verspekuliert, denn dieser Täter hat so viel zu verbergen und zu verlieren, dass er (oder sie) vor weiteren Morden nicht zurückschreckt …

Leben unter der Käseglocke

Das dörfliche Alltagsleben gleicht einem Fliegenpilz, der hübsch anzusehen aber tödlich giftig ist, weshalb man ihn besser aus der Ferne bewundert. Wenn jede/r jede/n kennt, gipfelt dies keineswegs in ständiger Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Jeder Mensch heckt Träume und Vorlieben, die er lieber privat halten will, statt sie vor einer Gemeinschaft auszubreiten, die immer auch kommentiert und (ver-) urteilt. Darüber hinaus gibt es dunkle Seiten, die man erst recht unter Verschluss sehen möchte.

Genau diese angeblich weichen Stellen im Charakter ihre Mitmenschen interessiert jene Zeitgenossen, die nicht fromm, sondern scheinheilig sind und liebend gern durch die Fenster des Nachbarn schauen, statt vor (oder hinter) der eigenen Tür zu kehren. Sie nutzen angemaßte, weil ererbte oder auf andere Weise unverdient auf sie gekommene Privilegien aus, um ihrer Neugier zu frönen aber die eigene Privatsphäre abzuschotten. Dabei können sie auf die Unterstützung ähnlich gepolter Genossen zählen, mit denen sie diese Vorrechte teilen. Es entsteht eine fest in sich ruhende und einer Wagenburg gleichende Sub-Gesellschaft, wie E. C. R. Lorac sie exemplarisch im Abtei-Viertel von Paulborough ansiedelt.

Die Autorin unterstreicht ihre Kritik durch die Parteinahme des Dechanten und seiner Würdenträger. Eigentlich sollten gerade die Angehörigen der Kirche Milde und Verständnis walten lassen. Stattdessen ist Paulboroughs Elite in einer Zeitlosigkeit erstarrt, die nur noch in der eigenen Stadt funktioniert. Außerhalb hat sich die Welt längst weitergedreht und solche überkommenen Rituale untergepflügt.

Die Reihen fest geschlossen

Die Flucht aus dem starren Regelkodex wird schnell als Ausbruch verurteilt und verfolgt. Dennoch kann sie nicht ausbleiben. Zum Auslöser der aktuellen Krise wird Lilian Mayden, die sich aufgrund psychischer Probleme nicht mehr kontrollieren kann und deshalb sogar über ihre Standesgenossen herzieht. Das muss gefährliches Aufsehen erregen, denn der gute Ruf eines Menschen ist wichtig. Lilians üble Nachrede hat beispielsweise Gillian Arkholmes Karriere beschädigt, und nun avanciert sie für etwas, das sie nie getan hat, zusätzlich zu einer Mordverdächtigen.

Anonymer Dorfklatsch verbreitet sich wie eine Giftgaswolke: unsichtbar, tückisch, tödlich. Lorac seziert die Mechanismen und Auswirkungen dieser Hinterhältigkeit sehr präzise. Es gibt in Paulborough nur einen Mörder aber viele Opfer. Die feine Ironie liegt in der Tatsache, dass die bösartige Klatschtante ihren Tod eher versehentlich heraufbeschwor: Was den Mörder heranlockte, verbarg sich in einem ganzen Konvolut erfundener und aufgedeckter ‚Sünden‘. Lilian Mayden hatte nie eine Ahnung, was ihr Verderben wurde. Insofern wohnt ihrem Ende ungeachtet der juristischen Aspekte ein gewisses Element der Gerechtigkeit inne. Nicht einmal Chefinspektor Macdonald kann dies leugnen.

Er will es auch nicht, denn in Paulborough musste er sich nicht nur mit lückenhaften Indizien und gedächtnisschwachen Zeugen, sondern auch mit dem ungekrönten Herrscher des Ortes plagen: Der Dechant wendet sich über seinen Kopf an Macdonalds Vorgesetzten, weil er die ihm lästige Untersuchung abgebrochen sehen will. Dass mehrere Menschen ihr Leben lassen mussten, ist dem Dechanten nicht so wichtig wie die Rückkehr von Ruhe & Ordnung nach seiner Vorstellung. Wir erleben deshalb einen in seinem 34ten Fall ungewöhnlich aufgebrachten und störrischen Macdonald. Der sonst so ruhige Beamte probt den Aufstand und kommt damit durch: Auch in Paulborough sind die Tage des Abtei-Adels vorüber. Funktion und Fähigkeiten stehen über Rang und Name.

Kleine Welt im Aufbruch

Weitere Zeichen stehen an der Wand. Lorac nutzt die Gelegenheit, das Frauenbild von einigem Staub zu befreien. Zwar steht weiterhin die Ehe als weibliches Lebensziel fest; sie stellt jedoch nicht mehr das Zentrum dar. Gillian Arkholme repräsentiert die Frau der ‚Gegenwart‘: Sie hat sich zur Krankenschwester ausbilden lassen und zusätzlich als Physiotherapeutin selbstständig gemacht.

Sein ehrwürdiges Alter kann dieser Krimi dennoch nicht verleugnen. So wird auf das berufliche Wirken einer verstorbenen „Dirne“ nur verschlüsselt eingegangen: Sie hatte „ein Zimmer in Pimlico“. Der zeitgenössische (englische) Leser verstand den Wink, denn Pimlico, ein Stadtteil von London, galt (wie Hamburgs Reeperbahn) lange als modernes Sündenbabel.

Für die deutschen Leser konserviert die Übersetzung dieses seit 1963 nicht mehr aufgelegten Romans dessen Alter. Die Eindeutschung ist steif und altmodisch im negativen Sinn. Wortstellung und Wortschatz weisen weit vor das Jahr 1955 zurück, in dem „Detektive in der Abtei“ hierzulande erstmals erschien. Das beeinträchtigt die Freude an einer Lektüre, die abermals unterstreicht, was die angelsächsischen Krimi-Experten längst wissen: E. C. R. Lorac alias Edith Caroline Rivett-Carnac genießt vielleicht nicht den Klassiker-Ruhm einer Agatha Christie oder Dorothy Sayers. Sie schrieb dennoch überdurchschnittliche Kriminalromane, die deshalb in England keineswegs in Vergessenheit geraten sind.

Autorin

E. C. R. Lorac (1894-1958), geboren (bzw. verheiratet) als Edith Caroline Rivett-Carnac, muss man wohl zumindest hierzulande zu den vergessenen Autoren zählen. Dabei gehörte sie einst zwar nicht zu den immer wieder aufgelegten Königinnen (wie Agatha Christie oder Ngaio Marsh), aber doch zu den beliebten und gern gelesenen Prinzessinnen des Kriminalromans.

Spezialisiert hatte sich Lorac auf das damals wie heute beliebte Genre des (britischen) Landhaus-Thrillers, der Mord & Totschlag mit der traulichen Idylle einer versunkenen, scheinbar heilen Welt paart und daraus durchaus Funken schlägt, wenn Talent – nicht Ideen, denn beruhigende Eintönigkeit ist unabdingbar für einen gelungenen „Cozy“, wie diese Wattebausch-Krimis auch genannt werden – sich mit einem Sinn für verschrobene Charaktere paart.

Zwischen 1931 und 1958 veröffentlichte Rivet-Carnac unter ihrem Pseudonym „E. C. R. Lorac“ 49 Kriminalromane um Inspektor (später Chefinspektor) Robert Macdonald. Damit war ihr Schaffensdrang längst nicht erschöpft; um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, veröffentlichte Lorac unter einem zweiten Pseudonym – Carol Carnac – ähnlich fleißig weitere Krimis und als „Carol Rivett“ zwei ‚richtige‘ Romane.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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