Die „Antares“ schweigt

Thomas Muir
Die „Antares“ schweigt

(Thomas-Crammond-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Death below Zero (London : Hutchinson & Co. 1950)
Übersetzung: Arnold Frederick Garthe
Deutsche Erstausgabe: 1952 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminalromane K 45)
231 S.
Neuausgabe: 1956 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 82)
216 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1979 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann-Krimi 4356)
159 S.
ISBN-13: 978-3-442-04356-9

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Das geschieht:

Durch die eisigen Wogen des Weddellmeeres kämpft sich im Schatten der Antarktis das britische Forschungsschiff „Antares“. Seit sechs Monaten sind die Männer auf See und freuen sich auf die Rückkehr, als sie ein Notruf erreicht. Im Packeis ist das argentinische Schiff „El Toro“ havariert und gesunken, die Überlebenden haben sich auf das Eis geflüchtet und warten auf Rettung. Die „Antares“ schafft die schwierige Fahrt zu den Eingeschlossenen. Es sind ebenfalls Wissenschaftler, die unter der Leitung von Professor Armstrong das Eismeer erforschen. Der Wissenschaftler wird von seiner jungen, schönen und egoistischen Tochter Juanita und der ebenfalls ansehnlichen Sekretärin Ann Lorimer begleitet.

Frauen an Bord! Die Emotionen unter den diesbezüglich ausgehungerten Männern der „Antares“ schlagen mindestens so hohe Wogen wie das Weddellmeer. Weniger Interesse erregt der Tod des „El Toro“-Passagiers Manuel Mendoza. In eine Eisspalte sei er gefallen und ertrunken, heißt es. Das kommt dem Biologen Roger Crammond seltsam vor. Er ist ein begeisterter Amateur-Kriminalist, der auf See schon so manches Verbrechen geklärt hat.

Ein Eisberg beschädigt die Schraube der „Antares“. Auf der öden Skua-Insel soll sie notdürftig gerichtet werden. Das Funkgerät ist ausgefallen, die „Antares“ auf sich gestellt. Während sich die Mannschaft an die Reparatur machen, sehen die Forscher sich auf der Insel um. Am Strand machen sie eine echte Entdeckung: die angespülte Leiche von Mendoza, die einen Dolch im Rücken trägt. Was hat sich auf der „El Toro“ tatsächlich abgespielt? Das herauszufinden wird lebenswichtig, denn die Gefahr, vom neugierigen Crammond aufgespürt zu werden, lässt den Mörder wieder aktiv werden …

Rätselkrimi an ungewöhnlichen Orten

„Die ‚Antares‘ schweigt“ ist ein klassischer Krimi um einen Mord im verschlossenen Raum, nur dass dieser erst eine schlüpfrige Packeisscholle, dann ein auf weiter See mutterseelenallein dampfendes Schiff und schließlich eine einsame Insel ist. Die Regeln werden dennoch beachtet, die beschriebene Untat ist ein scheinbar unmögliches Verbrechen. Wie ist es dem Mörder gelungen, und wie konnte er seine Spuren verwischen?

Das zu verfolgen ist immer spannend. Thomas Muir fügt dem Rätselraten eine exotische Dimension hinzu. „Die ‚Antares‘ schweigt“ ist auch ein Abenteuerroman, der (nur scheinbar) harte Männer im Kampf mit einer unfreundlichen Natur zeigt. Die Mischung ist außerordentlich reizvoll, zumal Muir offensichtlich weiß, worüber er schreibt.

Freilich lässt sich feststellen, dass er seine Kulissen nur bedingt nutzt. Gewisse Längen bleiben nicht aus, wenn Crammond auf den Spuren von Hercule Poirot oder Gideon Fell wandelt und seine Ermittlungen vor allem redend führt. Das funktioniert in einem abgelegenen englischen Landhaus, doch was nützt eine Reise ans Ende der Welt, wenn man dieses nicht konsequent für eine unverwechselbare Handlung einsetzt?

Seebären und Wissenschaftler

Roger Crammond ist ein Angelsachse mit Wikingerblut in den Adern, den nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann. Wissenschaftler und Kriminologe ist er; die Reihenfolge wechselt da rasch. Besondere Eigenschaften kann man an ihm ansonsten nicht feststellen.

Die Besatzungsmitglieder der „Antares“ bemühen sich redlich, alle oft aber immer noch gern gelesenen oder im Film gesehenen Klischees vom rauen Seebären mit goldenem Herzen mit Leben zu erfüllen. Sie führen derbe Reden, geben sich kauzig bis exzentrisch, haben in jedem Hafen mindestens ein Herz gebrochen, arbeiten hart, trinken noch härter und sind für jedes testosteronschwangere Unterfangen zu haben.

An Bord der „El Toro“ ging es weniger gesittet zu. Kein Wunder, denn dort hatten heißblütige Südamerikaner das Sagen. Hier rutscht Muir vom schmalen Grad einer Figurenzeichnung zwischen Realismus und ironischer Überzeichnung ab und stürzt zwischen billige Vorurteile: Argentinier sind leicht erregbar und beleidigt, das Messer sitzt ihnen locker, wenn es um Stolz und/oder Frauen geht. Ständig fühlen sie sich gezwungen, ihr Nationalbewusstsein unter Beweis zu stellen, indem sie alberne Reden über die Größe ihres Heimatlandes schwingen. Tatsächlich sind sie aber unsicher, taugen sie weder als Seeleute noch als Forscher viel und sind den tüchtigen Angelsachsen (die sie wegen der Weigerung, die Falklandinseln herauszugeben, ohnehin verabscheuen) weit unterlegen.

Vorurteile gegen Frauen und Ausländer

Den Zeitgeist spiegelt auch Muirs Frauenbild wider. Es muss mit Nachsicht beurteilt werden. Trotzdem irritiert nicht nur die Leserin die Figur der Juanita mit ihrer „Olivenhaut“, den „Samtaugen“ und dem notorisch labilen Charakter, der nur zwei Zustände – Zwangsflirt und Wutausbruch – kennt. Dagegen gibt sich Miss Lorimer mustergültig sittsam und wird prompt von ihren haltlosen latinischen Reisegefährten umso heftiger angebalzt; kein Wunder, dass sie erfreut ist, endlich wieder unter disziplinierten Landsleuten in Sicherheit zu sein.

Professor Armstrong, der britische Argentinier, kommt noch schlechter davon. Er ist ein arroganter Mistkerl. Kein Wunder: Wer sein Heimatland verlässt, um ausgerechnet nach Argentinien auszuwandern, kann laut Muir nur ein Verräter sein! Hier spielt nicht nur britischer Imperialismus eine Rolle, der in antarktischen Gewässern mit argentinischen Territorialansprüchen kollidierte, sondern sicherlich auch die Erinnerung an den II. Weltkrieg, der die Argentinier erst im März 1945 (!) an die Seite der Alliierten gegen Deutschland und Japan treten ließ, während die Briten an vorderster Front einen gewaltigen Blutzoll geleistet hatten. Einige Besatzungsmitglieder der „Antares“ haben den zum Zeitpunkt unserer Geschichte nicht lange beendeten Krieg erlebt und durchlitten; sie sprechen darüber und lassen wenig Nachsicht mit ‚Feinden‘ und ‚Drückebergern‘ erkennen.

Solche zeittypischen Zerrbilder sind auch großen Krimi-Klassikern nicht fremd. Sie müssen und können hingenommen bzw. als solche erkannt und ‚ausgefiltert‘ werden. Im Rahmen eines spannenden Krimis, der auf einer kundig geschilderten Antarktis-Seefahrt vor einem halben Jahrhundert spielt, gelingt das hier. „Die ‚Antares‘ schweigt“ macht neugierig auf weitere Abenteuer mit Roger Crammond – eine Neugier, die indes nur noch antiquarisch zu befriedigen ist.

Autor

Sogar das Internet schweigt sich über Thomas Muir aus. Nicht einmal sein Geburts- oder Todesjahr konnte ich (bisher) ermitteln. (Halbwegs) sicher ist nur, dass Muir ein schottischer Journalist war, der in der Royal Navy diente. Sein Werk blieb schmal; in der Hauptsache besteht es aus einer Serie von Krimis, deren Hauptfigur der Meeresbiologe Roger Crammond ist und deren Titel stets mit dem Wort „Death“ beginnen. Diese Romane künden von der Sachkenntnis des Verfassers in Sachen (zeitgenössischer) Schifffahrt. Crammond-Krimis sind klassische „Whodunits“, die von ihren ungewöhnlichen Kulissen profitieren. Als Biologe kommt  Crammond in der Welt herum, was Muir die Möglichkeit gibt, ihn an interessanten Orten – gern auf hoher See, – nach Mördern fahnden zu lassen.

Copyright © 20009/2017 by Michael Drewniok (md)

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