Die Augen der Angst

Alec Covin
Die Augen der Angst

Originaltitel: Les Loups de Fenryder (Paris : Plon 2005)
Übersetzung: Barbara Schaden
Deutsche Erstausgabe: November 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 15776)
478 S.
ISBN-13: 978-3-404-15776-1

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Das geschieht:

Tusitala, ein kleines Städtchen im US-Staat Louisiana, soll für das gebeutelte Ehepaar Baldwin zur Stätte ihres beruflichen und privaten Neuanfangs werden. John hat gerade einen Schlussstrich unter seine gescheiterte Hollywood-Karriere gezogen und will das alte Fortier-Anwesen in ein Ferienhotel verwandeln. Deutlich weniger enthusiastisch ist ihm Gattin Laureen in die Provinz gefolgt. Ihr fehlt die Großstadt, und sie sorgt sich um Scotty, den fünfjährigen Sohn, den sie nach Ansicht des Vaters zu sehr verhätschelt.

Das Hotel der Baldwins wird zur Goldgrube. Scotty durchstreift die naturbelassene Wildnis der Umgebung. Dabei stößt er auf einen Spielkameraden, den er als Gespenst identifizieren könnte, hätten ihn seine Eltern über die unheimliche Vorgeschichte des Fortier-Hauses informiert: In den 1930er Jahren erhob sich hier die Villa der reichen und mächtigen Familie McNeice, bis es während eines glanzvolles Festes mit allen Gästen in Flammen aufging.

Seitdem geht es hier um, wobei der Geist des kleinen Virgil das geringste Problem darstellt: Eine böse Macht treibt ihr Unwesen und hat es auf Scotty abgesehen. Sie verfügt über menschliche Diener, die schreckliche Taten in ihrem Auftrag begehen und dafür mit übermenschlicher Kraft und Reichtum belohnt werden.

Stanley Holder, der sich einen Namen als Schriftsteller gemacht hat, reimt sich zusammen, dass „Fenreyders Wölfe“ erneut ihr Unwesen treiben. Sie haben vor kurzer Zeit seine Tochter ermordet, aber eigentlich jagen sie ihn, weil er in einem Interview über sie, die lieber anonym bleiben, geredet hat. Holder will Rache, aber sein Gegner weiß um seine Ankunft in Tusitala und schickt seine Schergen aus, die den lästigen Mitwisser ausschalten sollen …

Ein Franzose in den USA

Wenn böse Geister eine US-Durchschnittsfamilie plagen und den Hebel dabei am Kind des Hauses ansetzen, ist normalerweise – wenn wir Glück haben – Stephen King am Werk. Zumindest Kings Werke gelten in nicht geringer Stückzahl längst als Klassiker und haben aufmerksame Leser gefunden, die sich vom Meister inspiriert fühlten, als sie selbst zu schreiben begannen.

Wie weit solcher Einfluss reicht, demonstriert uns Alec Corvin, der in Frankreich, einem Land mit eigener Geschichte und eingenen Mythen, lebt und arbeitet und trotzdem seine Geschichte im US-Staat Lousiana ansiedelt. Zwar gehörte dieser einst zum französischen Kolonialreich, was „Augen der Angst“ aber keinerlei Rolle spielt.

Stattdessen lässt sich diese Geschichte problemlos den meisten Orten dieser Welt anpassen. Sie ist im Grunde simpel und lebt von der Variation bekannter und bewährter Elemente. Grusel wird mit Seifenoper gemischt, denn wer bangt schon um eine perfekte Familie, die sich dem Schrecken ent- und geschlossen entgegen werfen kann? Nein, es muss kriseln, denn das suggeriert Tiefe und gestattet die Verwendung einschlägiger Klischees (s. u.).

Spuk ohne Durchblick

Während Covin als Debütautor erstaunlich stilsicher erzählen kann, fällt ihm das Timing noch schwer. Er treibt die Handlung zunächst nur schleppend voran und übertreibt es mit der Einführung von Nebenfiguren, für die er komplexe Viten konstruiert. Stanley Holders Vorgeschichte nimmt zuviel Raum ein. Im Finale wird so hanebüchen gespukt, dass Grauen durch Grinsen ersetzt wird. Immerhin übernimmt Covin von King das Konzept des bitteren Happy-Ends: Das Grauen wird zurückgeschlagen aber nicht vernichtet, und die Sieger bleiben tot oder an Leib und Seele gezeichnet auf dem Schlachtfeld zurück.

Das Konzept der Fenryder-Wölfe ist interessanter, wirkt aber unausgegoren. Was sie sind, macht uns Covin nach und nach klar, doch was sie wollen, bliebe besser rätselhaft. Die Jagd auf die Baldwins oder den schwatzhaften Holder – sehen sich Gespenster eigentlich Talkshows an? –  ist Teil eines absurden Plans, den so nur ein in seinem Sarg eingeschlossener Spuk-General aushecken kann …

Das Böse kommt bei Covin sehr drastisch zum Einsatz. Bei nüchterner Betrachtung bedient es sich dabei jedoch ausschließlich gut abgehangener, reichlich theatralischer Effekte, die ohne des Autors Geschick im Umgang mit Worten altmodisch bis lächerlich wirken würden (und es manchmal sind). Irgendwie wirkt es nicht beängstigend, wenn der Teufel im perfekt restaurierten Volkswagen Karmann Ghia vorfährt …

Druck benötigt Widerstand

Was bei Stephen King oder Dan Simmons so leicht aussieht, ist offensichtlich eine beachtliche Herausforderung: Wie stellt man normales Familienleben so dar, dass es glaubhaft wirkt, unterhält und nicht langweilt? Die daraus resultierende Einstellung des Lesers ist überaus wichtig, denn sie prägt das Maß des Mitgefühls, das in ihm oder ihr aufsteigt, wenn besagte Familie in die Krise gerät.

Den schlimmsten Fehler kennen wir alle: Faule und unbegabte Autoren beschränken sich darauf, ein Kind oder Kinder in möglichst grässliche Gefahren zu bringen. Sie können sich darauf verlassen, dass im psychisch gesunden Leser ein Reflex anspringt, der die Angst um den wehrlosen Nachwuchs schürt und zum atemlosen Weiterlesen zwingt, bis dem Unhold in letzter Sekunde sein Opfer aus den Klauen gerissen wird.

Leider funktioniert das viel zu gut. Der Trick verfängt höchstens dann nicht, wenn der Verfasser eine altkluge Nervensäge auf sein Publikum loslässt, das insgeheim hofft, durch den bereits erwähnten Unhold von dieser befreit zu werden. Scotty Baldwin ist glücklicherweise eine Figur, um die es zu bangen lohnt. Zwar wirkt sie nicht gerade wie ein fünfjähriges Kind, doch mit der Figurenzeichnung hat Alex Covin generell noch gewisse Schwierigkeiten.

Figuren aus Holz

So ist aus Laureen ein wenig zu deutlich die Gluckenmutter geworden, in der neben der streitbar ihr Kind gegen Tod & Teufel verteidigenden Amazone gleichwertig die hysterische Zicke lauert. Vater John ist bezüglich der offensichtlichen Bedrohung aus dem Jenseits so dröhnend blind und taub – das seltsame Bild sei mir verziehen, aber es trifft des Pudels Kern -, dass man ihn einerseits bedauern muss, weil ihn sein geistiger Vater in diese Rolle zwingt, während man ihn andererseits permanent in den Hintern treten möchte.

Unterm Strich schildert Covin die Familie Baldwin exakt so dysfunktional, dass es nicht wundert, wenn sie im Kampf gegen die „Fenryder Wölfe“ zunächst recht unkonzentriert wirkt. Das Klischee verlangt, dass sie im Feuer ungelöster Probleme geröstet und anschließend geschmiedet wird, bevor sie dem Feind schließlich en bloc entgegentritt.

Stanley Holder ist die gelungene Kopie einer Figur, derer sich King, Straub oder Simmons gern und gut bedienten: Der Schriftsteller gruseliger Geschichten muss lernen, dass sich hinter Hirngespinsten die echte Hölle öffnen kann. Holder hat selbstverständlich seine eigene tragische Hintergrundgeschichte, die detailliert aufgerollt wird, damit seine Besessenheit verständlich wird.

Die vielen offenen Fragen werden auf die Fortsetzung verschoben, denn Covin plante die Geschichte der „Fenryder-Wölfe“ als Trilogie:

(2005) Die Augen der Angst (Les Loups de Fenryder)
(2006) Die Rückkehr der Wölfe (Etats primitifs)Bastei-TB Nr. 15933
(2011) Le Général enfer [keine dt. Übersetzung]

Autor

Alec Covin (geb. 1970) interessierte sich nach eigener Auskunft schon früh für Literatur, das Kino und die Bildhauerei. Er studierte an der Sorbonne, tummelte sich einige Jahre im Milieu der Künstler und Lebenskünstler und übte sich in dieser Zeit als Schriftsteller, wobei er sich auf Unterhaltungs-Genres wie Phantastik, Science Fiction oder Western spezialisierte. Sein Debüt-Roman – der erste Teil der „Fenryder“-Trilogie – erschien 2005.

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